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Der Detektiv – Der Fakir von Nagpur – 3. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der Fakir von Nagpur
3. Kapitel

Der Yogi und das Mädchen

Gegen vier Uhr nachmittags verließen wir das Städtchen auf der Draisine, die sehr bald eine überraschende Geschwindigkeit entwickelte. Ihr Wagenkasten war so hoch, dass wir, auf der Polsterbank sitzend, nichts von der über uns pfeifend hinwegstreichenden Zugluft merkten.

Als Bedienung des Eisenbahnwägelchens begleiteten uns zwei Ingenieure. Sie hatten sich freiwillig dazu angeboten. Ihnen war es sehr lieb, dass sie der Langeweile in Medik für einen Tag entgehen konnten. Sie ließen den Benzinmotor an Kraft hergeben, was nur aus ihm herauszuholen war. Sie waren Engländer und hatten mit dem Polizeimeister in Medik gewettet, die Strecke bis Nagpur in kürzerer Zeit zurückzulegen als der Eilzug. Zuweilen war die Geschwindigkeit denn auch geradezu beängstigend, besonders wenn es bergab ging.

Als wir gegen acht Uhr abends die Draisine von den Schienen heben mussten, da uns ein Zug entgegenkam, benutzte ich die Gelegenheit, Harst zu bitten, mir nun endlich darüber Aufklärung zu geben, wann und weshalb er gemerkt hätte, dass wir nicht in einem Auto des Nizam, sondern in einem von unserem alten Gegner gemieteten Kraftwagen gesessen hätten.

Auch die beiden Ingenieure, die in Harst den Detektiv von Weltruf fast über Gebühr bewunderten, schlossen sich meiner Bitte an.

Harst lächelte. »Die Sache ist eigentlich so verblüffend einfach«, wandte er sich mehr an unsere Begleiter, »dass ich mich beinahe schäme, nicht sofort Verdacht geschöpft zu haben. Wir waren bereits eine Stunde unterwegs, als mir die schlechte Beschaffenheit der Sitzpolster auffiel. Es gab in dem Leder sogar zwei geflickte Risse. Niemals, sagte ich mir, hätte der Nizam mir ein solches Auto geschickt, er, der doch wie alle indischen Fürsten etwas darin sucht, sich in jeder Beziehung nur des Allerbesten zu bedienen, das es irgend gibt. Dann, bei einem kleinen Aufenthalt, schaute ich mir das auf die Türen gemalte Schlangenwappen des Nizam genauer an und stellte so fest, dass es offenbar erst ganz kürzlich von wenig geübter Hand aufgebessert oder neu hergestellt worden war. Schließlich hatte der eine Hinterreifen drei geflickte Stellen. Und der Nizam von Haidarabad hat es nicht nötig, ausgebesserte Pneumatiks zu benutzen. Dies waren die Beobachtungen, die mir genügten, um die beiden angeblichen Leute des Fürsten schärfer zu beobachten. Bei der Ankunft in Medik merkte ich so, dass sie Wert darauf legten, unsere Büchsen im Wagen zu behalten. Sie wollten also doch höchstwahrscheinlich entweder die Patronen entfernen oder aber die Kugeln lockern und das Pulver ausschütten. Nachher fand ich ja auch diese Vermutung bestätigt.«

»Und der echte Wagen des Nizam, wo mag der geblieben sein?«, fragte einer der Ingenieure.

»Der Chauffeur wurde gestern Abend von dem Goanesen, also von Warbatty, wie er mir noch bei einer kurzen Unterredung unter vier Augen eingestanden hat, angeblich als mein Beauftragter zum Hausminister des Nizam geschickt, mit der Bitte, der Kraftwagen des Fürsten möchte mich erst zwei Stunden später, also um acht Uhr, von dem Fremdenheim von Tezra abholen. Ein sehr einfacher Trick Warbattys, einfach, aber doch schlau. Ich hatte mir sofort gedacht, dass Warbatty auf diese Weise das Auto des Nizam ausgeschaltet hatte. Deshalb fragte ich den Chauffeur auch, ob er wirklich den Goanesen gestern nur einmal gesprochen hätte. Er musste nun zugeben, dass er gelogen hatte.«

»Jedenfalls sind Sie einer großen Gefahr entgangen, Master Harst«, meinte der Engländer. »Ich möchte nicht gern einen Menschen zum Todfeind haben wie diesen Cecil Warbatty. Hoffen Sie denn nun, ihn in Nagpur festnehmen zu können?«

»Das hoffe ich stets!«, sagte Harst gutgelaunt. »Bisher habe ich mich leider jedoch ebenso stets getäuscht!«

Um Mitternacht waren wir in Nagpur. Dieses könnte man mit einem etwas kühnen Vergleich das indische Venedig nennen. Die Straßen der älteren Stadtteile sind nämlich zumeist von breiteren und engeren Kanälen durchzogen. Modern gebaut ist nur das Europäerviertel, das für eine Stadt von etwa 2000 Weißen und rund 130.000 Farbigen (Hindu und Mohammedaner) überraschend ausgedehnt ist und wie eine Weltstadt im Kleinen wirkt.

Wir stiegen im Hotel Viktoria ab. Harst suchte zwei Zimmer im zweiten Stock aus, in die von außen nicht einzudringen war, wovon er sich durch einen Blick durch das Fenster überzeugte. Wir hatten den Nachtportier herausklingeln müssen, der dafür ein anständiges Trinkgeld erhielt und der uns auch noch einen Imbiss besorgte. Wir schliefen bis gegen neun Uhr vormittags und begaben uns dann zu Fuß zum Postamt, wo wir auch postlagernd einen Brief für Harst vorfanden. Es war dies die Antwort auf Harsts Meldung auf das Detektivgesuch hin.

Als wir dann in dem öffentlichen Park, der wie alle diese Anlagen in Indien vortrefflich gepflegt war, auf einer Bank saßen, las Harst mir das Schreiben vor.

Es lautete in tadellosem Englisch:

Sehr ehrenwerter Master Harst!

Erst heute früh ließ ich auf der Post nach Briefen für Masty Mastra durch einen vertrauten Diener nachfragen. Ich hatte bereits wiederholt Angebote von Leuten erhalten, die sich als Detektiv mir empfahlen. Doch keiner kam mir vertrauenswürdig genug vor, ihm das mitzuteilen, was mich seit vielen Wochen als Geschäftsmann und Vater bedrückt. Wie glücklich war ich, als nun Ihr Schreiben mich erreichte. Umgehend habe ich diese Antwort verfasst. Ich bitte Sie höflich, mich alsbald zu besuchen. Ich wohne im Europäerviertel in der Prince of Wales-Straße. Mein Geschäft ist leicht zu finden. Ich bin der Goldwaren- und Edelsteinhändler Amar Mansur, bin Parse und vielleicht der reichste Mann der Stadt bis vor Kurzem gewesen. Die geheimnisvollen Diebstähle haben mich jedoch bereits die Hälfte meines Vermögens gekostet, da mir gerade die wertvollsten Edelsteine geraubt wurden. Ich bin in aufrichtiger Verehrung Ihr – Amar Mansur.

»Hm«, meinte Harst, »die Sache verspricht so allerlei, lieber Schraut. Gehen wir sofort zu diesem Mansur, der nicht lediglich durch die Diebstähle schwer bedrückt ist, sondern an dessen Herzen wohl noch ein anderer Kummer nagt. Sonst hätte er nicht geschrieben ›als Geschäftsmann und Vater‹. Die Parsen sind die tüchtigsten Kaufleute Indiens. Besinne dich nur auf Bombay. Dort gab es viele, die mehrfache Millionäre waren.«

Wir schritten den Hauptweg entlang. Dort, wo dieser in die Drakitta-Straße, die zum Europäerviertel führt, einmündet, hatte sich auf den Rasen ein wandernder Fakir niedergesetzt und zeigte einem andächtigen Kreis von Weißen und Farbigen seine Kunststücke.

Die Bezeichnung Fakir – darauf habe ich schon einmal hingewiesen – ist eigentlich falsch. Man sollte stets Yogi sagen. Diese Zauberer der Yogi-Kaste sind sämtlich Hindu; zumeist recht alt, ihre Kleidung schmutzig und zerlumpt, und sie selbst zu Ehren Brahmas seit Jahren ungewaschen. Oft arbeiten sie mit einem oder zwei Gehilfen. Und gewöhnlich sind sie gleichzeitig Schlangenbeschwörer.

Ich sah einen echten Yogi heute zum ersten Mal. Was er an Künsten zeigte, waren ja ganz geschickte Taschenspieler Sächelchen, aber nicht geradezu Verblüffendes. Interessanter war der Mann selbst. Er war abschreckend mager. Aus einem Skelettgesicht mit weißem Bart leuchteten ein Paar übernatürlich große Augen, schwarze Augen von einem Feuer hervor, als ob Fieberglut diese Blicke erhitzt hätte. Dabei hatten die Augen aber einen Ausdruck, als sähen sie nichts vom Kreis der Zuschauer ringsum, sondern stets nur Gestalten, die übernatürlicher Art waren. Niemals wieder habe ich jedenfalls derartige Augen gefunden.

Harst sprach leise mit einem Offizier der indischen Kolonialarmee, der neben ihm stand und der ein paar Damen bei sich hatte, die offenbar erst kürzlich von England herübergekommen waren.

Ich hörte, wie der Offizier erklärte, der Yogi tauche regelmäßig jeden dritten oder vierten Tag hier an derselben Stelle auf, sitze hier bis Mittag etwa und verschwinde wieder.

»Wir nennen ihn den Fakir von Nagpur«, fügte er hinzu. »Er ist in vielem ein wandelndes Geheimnis. Niemand weiß, wo er seine Hütte hat, wie er heißt, obwohl er bereits seit zwanzig Jahren in Nagpur sozusagen heimisch ist.«

Nach einer Weile stieß Harst mich an und flüsterte mir zu: »Dort, die junge, schöne Frau mit dem mattgelben Gesicht!«

Ich blickte suchend über die Zuschauer hin. Ich fand das Mädchen sofort. Sie war ganz europäisch gekleidet, in Weiß, hielt den mattroten Sonnenschirm aufgespannt und verfolgte die Vorführungen des Yogi mit einer solchen Aufmerksamkeit, dass sie sich um nichts anderes kümmerte.

Der Fakir nahm nun eine flache Tonschale zur Hand, schüttete eine Menge Reiskörner hinein, setzte die Schale weit vor sich auf den Boden und deutete dann auf die schöne junge Frau, die zusammen mit dem Schirmstock in der Linken auch ein feines Spitzentaschentuch hielt.

Sie warf ihm das Tüchlein zusammengeballt hin, welches er langsam glattstrich und dann über die Schale deckte. Als er es nach wenigen Sekunden mit einem Ruck wegnahm, waren die Reiskörner zu einem leicht dampfenden Häuflein zusammengeballt und sahen ganz wie gedünstet aus. Er legte nun die Hände dicht darüber, als wollte er den Reis herausheben, öffnete die Hände wieder, und darin lag nun eine der kleinen indischen Sumpfschildkröten, die kaum die Größe eines Fünfmarkstückes erreichen. Der Reis aber war bis auf das letzte Körnlein verschwunden.

Harst wechselte einige leise Worte mit dem Offizier. Ich verstand nur des Letzteren Antwort:

»… Tochter eines Parsen, bekannter Edelsteinhändler …«

Da zog Harst mich mit sich fort. »Komm, mein Alter«, sagte er gutgelaunt und schob seinen Arm in den meinen. »Wir haben Glück gehabt …«

»Weshalb denn?«

»Weil ich Amar Mansur nun bestimmt helfen kann. Frage aber nicht weiter. Du wirst alles früh genug erfahren.«

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