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Sir Henry Morgan – Der Bukanier 22

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Morgan scheint endlich erwischt zu sein, entfaltet einen vollendeten Scharfsinn und entkommt siegreich mit aller seiner Beute.

Während alle diese schrecklichen Ereignisse in dem damaligen fernen Westen vorgingen, machte der spanische Hof, der stets mit Bedächtigkeit und Würde handelte, dem geldbedürftigen Karl Il. Von England eine Vorstellung um die andere, welche in den trefflichsten Worten gesetzt war. Aber dieser Monarch antwortete stets, dass er mit Morgan und seinen Gefährten durchaus nichts zu schaffen habe, obwohl er sich seinen Anteil an der Beute recht wohl gefallen ließ. Endlich folgten auf die Worte Handlungen. Der katholische König beschloss, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen, und stattete sechs Kriegsschiffe aus, welche er unter das Kommando des Admirals Don Augusto de Bustos stellte. Als diese Flotte zu Carthagena anlangte, wurden zwei der schönsten Schiffe als zu groß erfunden, um in diesen Meeren Dienste leisten zu können, und wieder nach Alt-Spanien zurückgeschickt. Von den vier zurückgebliebenen geriet eines auf den Strand und mit den anderen drei brach der Vizeadmiral Don Alonzo del Campo y Espinosa auf, um unsere marodierenden Freunde aufzugreifen, während sie in der See wie in einer Falle steckten. An der schmalen Ausmündung angelangt, hielt er eine sehr großartige Rede an seine Matrosen und Soldaten, verpflichtete sie, weder Pardon zu nehmen noch zu gebe, und versprach ihnen die ganze Beute der Seeräuber.

Die Spanier hatten die Artillerie des zugrunde gegangenen Schiffes gerettet und besetzten mit derselben die beiden Kastelle, welche dadurch in einen furchtbaren Wehrstand versetzt wurden. Um Morgans Entrinnen zu hindern, waren also drei große Schiffe, von denen eines dreißig und die beiden anderen vierzig Kanonen führten, und zwei starke Kastelle vorhanden, von denen jedes einzelne Schiff oder Schloss imstande gewesen wäre, dessen ganze kleine Streitkraft aus dem Wasser zu blasen.

Dies war die Kunde, welche Morgan auf der Rückkehr nach Maracaibo entgegenkam und auch alsbald durch zwei ausgeschickte Rekognoszierboote bestätigt wurde. Alles verzagte, nur Morgan nicht. Sogar Bradley gab die Hoffnung auf, obwohl sein kühnes Herz keine Furcht kannte. Ihr größtes Schiff zählte nur vierzehn kleine Kanonen, und die Mehrzahl ihrer Flotte bestand bloß aus halbgedeckten Booten.

Der spanische Don mit den vielen Namen war höchlich erstaunt, als ihm Morgan sagen ließ, er fordere so und so viel Brandschatzung für die Stadt Maracaibo. Dies hieß, die Operationen mit einem guten Gesicht anfangen. Da wir den Leser noch nicht viel mit amtlichen Wortgepränge belästigt haben, so erdreisten wir uns, des Vizeadmirals ganze Antwort hier abdrucken zu lassen.

Da wir von allen unseren Freunden und Nachbarn die unerwartete Kunde erhalten haben, was maßen Ihr Euch unterstanden, Feindseligkeiten zu versuchen und zu begehen in den Landen, Städten und Besitzungen, die Sr. katholischen Majestät, meinem hohen Herrn und Gebieter zugehören, so tue ich Euch durch diese Zeilen zu wissen, dass ich meiner Verpflichtung gemäß u diesem Platz und in die Nähe des Kastells gekommen bin, welches Ihr den Händen eines Haufens von Memmen abnahmt. Ich habe hier alles in sehr guten Verteidigungsstand gesetzt und die Artillerie wieder brauchbar gemacht, die Ihr vernagelt und demontiert habt. Meine Absicht ist, Euch die Ausfahrt aus dem See streitig zu machen und Euch überall hin zu folgen und zu verfolgen, damit Ihr sehen mögt, wie ich meine Pflicht erfülle. Dennoch will ich Euch, so fern Ihr in Demut all Euren Raub samt den Sklaven und alle anderen Gefangenen ausfolgt, freien und unbelästigten Durchgang gestatten unter der Bedingung, dass Ihr augenblicklich in Euer eigenes Lande zurückkehrt. Falls Ihr aber Widerstand leistet oder Euch der letztgenannten Bedingung nicht fügen wollt, mögt Ihr die Versicherung hinnehmen, dass ich Befehl erteilen werde, Boote von Caracas herbeizuschaffen, in die ich meine Truppen setzen will. Komme ich dann nach Maracaibo, so sollt Ihr mir zugrunde gehen bis auf den letzten Mann durch die Schärfe des Schwertes. Dies ist meine letzte und unbedingte Erklärung. Seid daher klug und missbraucht meine Güte nicht mit Undank. Ich habe sehr gute Soldaten bei mir, welche nichts glühender wünschen, als an Euch und Euren Leuten all die Grausamkeiten, die schändlichen und ehrlosen Handlungen zu rächen, so Ihr an der spanischen Nation in Amerika begangen habt.

Gegeben an Bord des Königlichen Schiffes genannt, die Magdalena, vor Anker liegend an den Eingängen des Sees von Maracaibo.
Den 24. April 1669.
Don Alonzo del Campo y Espinosa.

Nach Empfang dieses Schreibens ließ Morgan, die unter seinem Kommando stehenden Leute antreten, übersetzte ihnen den Inhalt der Aufforderung aus dem Spanischen ins Englische und Französische und fragte sie sodann einfach, ob sie ihre Beute herausgeben oder dafür kämpfen wollten. Die Antwort lautete einstimmig für den Krieg. Morgan versprach ihnen, sie sollten dessen in Fülle bekommen.

Er ließ sodann ein Feuerschiff bauen, bei dessen Ausstattung er und Bradley selbst Hand ans Werk legten. Das Fahrzeug sah ganz wie ein Kampfschiff aus. Man hatte Holzstücken Monkera-Kappen aufgesetzt und denselben Musketen an die Seite gebunden. Desgleichen waren Geschützpforten angebracht, zu denen nachgeahmte Kanonen hinaussahen. Die englischen Farben flatterten über dem Hackebord, und das Ganze hatte das Aussehen eines gut bemannten und vollständig ausgestatteten Kriegsschiffs.

Dennoch war die Wahrscheinlichkeit so unendlich gegen die Piraten, dass Morgan noch einen anderen Versuch zur Ausgleichung machte, indem er Espinosa vorschlagen ließ, er wolle Maracaibo ohne Brandschatzung räumen, ferner die Hälfte der Sklaven und sämtliche Gefangene ausfolgen und schließlich die vier Geiseln nach Gibraltar zurückschicken.

Diese Bedingung wurde entrüstet zurückgewiesen und den Piraten nur zwei Tage Frist gestattet, um sich zu entscheiden, ob sie auf den ersten Vorschlag des Don eingehen wollten oder nicht.

So blieb denn nichts mehr übrig, als die nicht genehmigte Durchfahrt zu erzwingen. Morgan beendete demgemäß mit allem Eifer die entsprechenden Vorbereitungen. Das Feuerschiff wurde noch mehr vervollständigt. Sämtliche Sklaven und männliche Gefangene setzte man gefesselt in ein großes Boot, während man die Frauen und die Schätze in einem anderen unterbrachte. Dann wurde Befehl erteilt, das Feuerschiff vorauszuführen und auf das größte Schiff loszulassen. Morgan ließ sich gleich den Spaniern von all seinen Leuten die eidliche Zusicherung geben, dass sie weder Pardon geben noch nehmen wollten. In dieser verzweifelten Gemütsstimmung segelten sie am letzten Tag des Aprils auf die Feinde zu.

Am Schluss des Tages fand Morgan, dass die drei spanischen Fregatten in der Durchfahrt geankert hatten. Er näherte sich ihnen auf Schussweite und ankerte gleichfalls. Mit dem Grauen des anderen Morgens begann eines der merkwürdigsten Seegefechte, das in der Geschichte bekannt ist. Mögen wir nun den Mut oder die Geschicklichkeit ins Auge fassen, welche von den Freibeutern entfaltet wurde – der unendlich überlegenen Streitkraft, mit welcher sie zu kämpfen hatten, gar nicht zu gedenken.

Morgan steuerte unmittelbar auf die Spanier zu und führte das Feuerschiff, welches alsbald auf die größte Fregatte, die Magdalena, zulief. Die Spanier lernten erst zu spät die Natur ihres Feindes kennen. Die beiden Schiffe standen unversehens in Flammen. Da der Stern der Magdalena schnell verzehrt war, so ging sie, der Schnabel voran, mit all ihrer Mannschaft unter.

Als die Mannschaft des zweitgrößten Schiffes Zeuge vom Schicksal des Admirals war, durchlöcherte sie den Boden ihres Fahrzeugs und versenkte es, während das Dritte von Morgan genommen wurde. So war in unglaublich kurzer Zeit diese große Streitmacht zerstört, ohne dass die Seeräuber auch nur den geringsten Verlust erlitten hätten.

Da dieser Teil des Sees sehr seicht war und die oberen Werke des Schiffes, welches die Spanier durchlöchert hatten, über Wasser blieben, so brannten sie dieselben bis an den Meeresspiegel nieder, um die Seeräuber zu hindern, dass sie irgendetwas von den an Bord befindlichen Schätzen gewännen. Sehr viele von denen, welche sich an Bord der Magdalena befanden, waren ins Wasser gesprungen. Die Freibeuter wollten sie mit ihren Booten retten, aber sie wiesen als Beistand und Pardon zurück, so als Opfer des Eides zugrunde gehend, den sie abgelegt hatten.

Durch diesen leichten Sieg mit neuem Mut beseelt, versuchten nun die Seeräuber einen vergeblichen Angriff auf das Hauptkastell. Dies geschah vom Land aus, aber die Bemühungen eines langen Tages blieben erfolglos. Nachts wurde der Angriff ohne besseres Glück wiederholt. Sie zogen sich endlich mit einem Verlust von dreißig Toten und noch mehr Verwundeten, die meistens bald darauf starben, vom uneinbringlichen Unternehmen zurück.

Morgan beschloss, sich nicht weiter mit steinernen Mauern zu befassen, welche zu hoch zum Ersteigen und zu stark für eine Bresche waren. Der nächste Tag wurde damit zugebracht, die armen Unglücklichen, welche noch umherschwammen und an den Planken oder anderen schwimmenden Gegenständen hingen, aufzulesen. Von einem derselben, einem Lotsen, erfuhr Morgan, dass die beiden kleineren Schiffe gegen zehntausend Pfund Sterling Silberwert erhielten. Er trug daher einem seiner stärksten Fahrzeuge auf, in der Nähe der Wracks zu bleiben, um die Spanier abzuhalten, und kehrte dann mit dem Rest seiner Flotte und seiner edlen Prise nach Maracaibo zurück.

Nachdem er seine Schiffe wieder in Ordnung gebracht und an Bord der Prise, welche er die Satisfaktion nannte, seine Flagge gehisst hatte, schickte er an den Admiral, welcher sich aus seinem brennenden Schiffe an Land und zum Kastell gerettet hatte, einen Boten wegen des Lösegeldes für die Stadt Maracaibo.

Don Espinosa war so streng und unzugänglich wie vor seiner Niederlage. Als jedoch die Einwohner kein anderes Mittel sahen, sich Morgans zu entledigen, entrichteten sie die verlangten siebentausendfünfhundert Pfund nebst fünfhundert Ochsen. Diese Brandschatzung wurde im Laufe von wenigen Tagen beigetrieben, aber dennoch wollte Morgan die Geiseln noch nicht verabfolgen, weil er durch sie eine sichere Ausfahrt aus dem See zu erringen hoffte.

Dann führte er seine Flotte zur Ausmündung des Sees, wo das zurückgelassene Schiff von den Wracks bereits fünfzehntausend Piaster in Silber, das in der Hitze des Feuers geschmolzen war, und noch allerlei sonstige Kostbarkeiten gerettet hatte.

Die wichtigste Aufgabe stand jedoch noch immer bevor – nämlich die Ausfahrt aus der Bai, denn sie mussten an zwei gut bewaffneten Kastellen vorbei und über eine sehr unsichere Barre wegkommen. Die Piraten, welche jetzt so reich waren, mochten sich nicht einer unnötigen Gefahr aussetzen und nahmen daher wieder ihre Zuflucht zum Unterhandeln.

Eine Deputation der Geiseln und Gefangenen wurde abermals an Don Espinosa geschickt. Die Abgesandten baten ihn aufs Demütigste, er möchte Erbarmen mit ihnen haben und so viele seiner Landsleute vor Folter und Tod bewahren, indem er den Räubern ungehinderten Abzug gestatte. Der Admiral aber, der Mann, welcher selbst von seinem Schiff geflohen war, gab ihnen finster zur Antwort: »Wenn ihr in Verhinderung der Einfahrt dieser Piraten eurem König so treu gedient hättet, wie ich es tun werde, indem ich ihnen den Abzug wehre, so würdet ihr nicht all dies Elend auf euch und eure Nachbarn gebracht haben. Ihr habt euer Unglück nur eurem Kleinmut zu verdanken. Was mich betrifft, so werde ich meine Pflicht tun.«

Als Morgan diese Antwort gemeldet wurde, antwortete er bloß, er werde hinauskommen, möge man es ihm gestatten oder nicht. Indes schonte er die Gefangenen und die Geiseln.

Der Admiral warf nun die Dividenden der Beute aus und ließ das ungleich verteilte Eigentum an Bord seines Schiffes bringen. Jeder hatte eidlich die Erklärung abgegeben, dass er nichts verborgen habe. Es stellte sich nun heraus, dass sie in geprägtem und ungeprägtem edlen Metall fünfundsechzigtausend Pfund Sterling, eine unermessliche Menge der wertvollsten Kaufmannsgüter und mehrere hundert verkäufliche Sklaven besaßen. Nachdem die Teilung vor sich gegangen war und jedes Schiff oder Boot die betreffende Portion erhalten hatte, folglich die Mannschaft für die Erhaltung ihres Eigentums selbst Sorge tragen musste, machte sich alles zum Aufbruch bereit.

Morgan nahm nun zu folgender scharfsinnigen Kriegslist seine Zuflucht. Den Tag vor dem Versuch schickte er Angesichts der Spanier, welche ihn aufs Genaueste beobachteten, all seine Boote wohl bewaffnet und bemannt ans Land. Kaum waren jedoch die Seeräuber an der Küste, als sie um ein Gebüsch herumgingen, sich wieder in die Boote stahlen, auf dem Boden verborgen liegen blieben und dann von der Flotte ab- und zusegelten, auf der Hinfahrt stets sich offen zeigend, auf dem Rückweg aber sich versteckend.

Die Spanier meinten, es müssten sich nun fast alle Seeräuber ausgeschifft haben. Da sie deshalb in der Nacht oder am anderen Morgen einen Angriff erwarteten, so entfernten sie ihr sämtliches Geschütz, um das Kastell von der Landseite zu verteidigen, wodurch die Seeseite völlig wehrlos blieb.

Sobald es Nacht war, lichtete Morgan die Anker und fuhr, ohne Tuch zu zeigen, in aller Stille mit der Ebbe hinunter, bis seine Flotte dem Kastell gegenüberstand. Dann zog er plötzlich alle Segel auf. Die Spanier säumten nicht, ihre Artillerie wieder herum zu holen und begannen, aber erst, als es zu spät war, eine wütende Kanonade. Die Räuber waren inzwischen mit allen ihren Schätzen entronnen.

Wie Morgan außer Gefahr war, sandte er die Gefangenen zurück und behielt nur die Geiseln von Gibraltar zurück, welches seine Brandschatzung noch nicht eingesandt hatte. Zum Abschied feuerte er sieben scharf geladene Kanonen auf das Kastell ab, dessen Verteidiger so kleinlaut geworden waren, dass sie den Schimpf nur mit Schweigen entgegennahmen.

Nach einigen Zufällen, wie sie gewöhnlich oft genug denen begegnen, welche über das tiefe Gewässer fahren, erreichte die ganze Flotte wohlbehalten Cagaway auf Jamaika, welches man eben erst Port Royal zu nennen begann. Dort gaben sie sich den Ausschweifungen hin, durch welche sich diese Gentlemen auszuzeichnen pflegten. Der andere Teil von Morgans Flotte, welcher unseren Helden am Sammelplatz zu Savana nicht antrafen, hatte sich unter das Kommando eines gewissen Kapitän Hansel, der sich bei Puerto Velo sehr tapfer benommen hatte, gestellt und einen übereilten unglücklichen An griff auf Cumana in der Nähe von Caracas gemacht, bei welcher Gelegenheit der größte Teil der Mannschaft zugrunde ging.

Die Übrigen kehrten bald nach Morgans Ankunft arm und gedemütigt zurück. Sie sahen sich dem Gespött der Plünderer von Maracaibo und Gibraltar ausgesetzt, halfen denselben aber doch den gewonnenen Reichtum rascher zu verjubeln. Nach einigen Wochen waren beide Teile wieder gleich arm und bereit zu jedem verzweifelten Unternehmen.

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