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Interessante Abenteuer unter den Indianern 100

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Interessante Abenteuer unter den Indianern
Erzählungen der merkwürdigsten Begebenheiten in den ersten indianischen Kriegen sowie auch Ereignisse während der neueren indianischen Feindseligkeiten in Mexiko und Texas

Joe Logston

Joe Logston war der Sohn eines ganz außerordentlich körperstarken Elternpaares. Sein Vater war sechs Fuß 5 Zoll hoch, mit starken Schultern versehen und verhältnismäßig riesig in seinem ganzen Körperbau. Seine Mutter war zwar klein, aber außergewöhnlich starkknochig und muskulös. Der Sohn machte seinen Eltern Ehre. Er besaß außerordentliche Stärke und dabei zugleich große Gewandtheit. Er war vielleicht nicht ganz so stark wie Simson im Alten Testament, allein wenn man in seiner Gegend jemand als körperkräftig bezeichnen wollte, so pflegte man zu sagen: Er ist fast so stark wie der lange Joe Logston. Er wohnte mit seinem Vater im unwirtlichsten Teil der Allegheny Mountains, unfern der Quellen des nördlichsten Armes des Potomac, zwanzig bis dreißig Meilen von jeder Ansiedlung entfernt.

Unser Joe stieg von Zeit zu Zeit von seinen Heimatbergen in die Täler hinab, um die gesammelten Felle gegen Schießpulver, Blei und Luxusgegenstände zu tauschen. Bei solchen Gelegenheiten ließ er sich gern in die damals unter jungen Leuten so beliebten Leibesübungen wie Wettrennen, Springen, Ringen und Schießen ein. Im Gebrauch der Langbüchse war er besonders geschickt. Er war indes wie fast alle sehr starke und von Natur mutige Menschen durchaus nicht zanksüchtig, sondern vielmehr außerordentlich gemütlich. Mancher der damals schon vorhandenen Klopffechter und solcher Charaktere, für welche die deutsche Sprache keinen ganz passenden Ramen hat (wir meinen solche, die auf Englisch mit dem Namen bully bezeichnet werden, Kerle wie der lange Philister, den David endlich mit einem geschleuderten Bachkiesel erlegte) würden es sich zur Ehre gerechnet haben, den langen Joe Logston zu überwinden. Allein, wenn sie ihn gehörig in der Nähe betrachteten, so mochten sie wohl mit Falstaff denken, dass Vorsicht die größte Zierde der Tapferen, denn sie ließen ihn stets in seine Berge zurückgehen, ohne sich an ihm zu reiben.

Als Joe ins Mannesalter trat, starben seine beiden Eltern. Da er keine Geschwister besaß, so musste er nun ganz allein, so gut er konnte, haushalten, sich gegen die wahrhaft grönländischen Winter in seinen Bergen zu schützen suchen und außerdem noch gegen Bären, Pumas, Wölfe, Klapperschlangen und den ganzen Schwarm gefährlicher Säugetiere, Amphibien und Insekten verwahren, von denen die Berggegenden noch jetzt nicht frei geworden sind. Joe hielt sich auf diese Weise mehrere Jahre in dem Teil, den er als sein väterliches Erbe ansah, auf, bis die Ansiedlungen ihm endlich gar zu stark in die Nähe rückten. Es wohnten nun schon zwei Familien seitwärts von ihm sechs Meilen entfernt. Als aber gar der Vater einer sehr zahlreichen Familie die Vermessenheit hatte, sich zwei Meilen entfernt von Joes Haus niederzulassen, da wurde ihm das Ding zu arg. Er packte seine Habseligkeiten zusammen und zog in eine Gegend, wo er keine andere Büchse knallen hören konnte, als seine eigene.

Er verließ die Allegheny Mountains um das Jahr 1787 und zog nach Kentucky südlich vom Green River, wahrscheinlich an den Little Barren River, bis wohin damals noch keine Ansiedler gedrungen waren. Hier lernte er eine neue Sorte von Leben kennen, denn die Vorposten der Zivilisation hatten auf diesem sogenannten blutigen Boden nicht bloß gegen wilde Tiere, sondern noch wildere Menschen häufige Kämpfe zu bestehen. Joe gewöhnte sich indessen auch bald an diese Art von Kämpfen und erwarb sich einen großen Namen unter Freunden und Feinden. Einst wurde er nebst vielen anderen gezwungen, Schutz in einem von Baumstämmen erbauten Fort zu suchen, da die Indianer in großer Überzahl eingedrungen waren und nur große vereinte Massen ihnen Widerstand zu leisten vermochten. Das eingepferchte Leben im Fort behagte ihm indessen durchaus nicht. So oft er nur konnte, machte er sich daraus fort, um entweder zu jagen oder entlaufenes Vieh wieder einzutreiben.

Eines schönen Tages war er ganz allein bis spät in den Nachmittag hineingeritten, um Vieh zu suchen, aber ohne dasselbe zu finden, denn die Indianer hatten es teils für ihren eigenen Gebrauch getötet, teils fortgetrieben. Da kam er während des Heimweges durch eine Stelle des Waldes, auf der herrliche wilde Weintrauben wuchsen. Er hielt an, füllte seinen Hut damit, den er vor sich auf den Sattelknopf setzte, und aß ganz gemächlich seine Trauben, als er plötzlich durch Schüsse auf beiden Seiten seines Pfades aufgeschreckt wurde. Eine Kugel streifte den fleischigen Teil seiner Brust, ohne den Brustknochen im Geringsten zu verletzen. Eine andere traf das Pferd ins Rückgrat dicht hinter dem Sattel. Es stürzte mit dem Reiter nieder. Er sprang indessen gar bald auf seine eigenen Füße, die Büchse in der Hand. Er würde sich ohne Zweifel durch die Flucht haben retten können, denn kein Indianer würde ihn eingeholt haben. Allein Laufen war seine Sache nicht, solange er irgendetwas anderes hatte, womit er sich seiner Haut wehren konnte. Er hatte noch kein Schlachtfeld verlassen, ohne deutliche Spuren zu hinterlassen, dass er am Kampf teilgenommen hatte. Er beschloss, dass er die alte Gewohnheit bei dieser Gelegenheit nicht ohne Not brechen wollte. Sobald die Schüsse gefallen waren, sprang ein riesiger Indianer mit geschwungener Streitaxt auf ihn los. Joe zielte auf ihn. Sobald der Indianer dies sah, sprang er hinter zwei junge Bäume, deren keiner indes stark genug war, seinen ganzen Körper zu decken. Der Indianer schlüpfte nun von einem Baum hinter den anderen, um Joe das Zielen zu erschweren. Joe wusste sehr wohl, dass er mit wenigstens zwei Feinden zu tun habe. Deshalb ließ er den anderen Indianer nie ganz aus dem Auge. Nun sah er ihn, wie er sich hinter einem Baum versteckt hatte und eben im Begriff war, seine Büchse wieder zu laden. Als er die Kugel niederstieß, kam seine eine Hüfte ein wenig hinter dem Baum hervor. Rasch wandte sich Joe, legte an und traf mit großer Genauigkeit den Hüftknochen. Nun aber kam der riesige Indianer mit einem höllischen Freudenausruf und geschwungenem Tomahawk auf Joe los. Dann gab es einen Kampf auf Leben und Tod zwischen zwei der riesigsten Vorkämpfer ihrer beiderseitigen Nationen, die man mit Recht beide mit Goliath vergleichen konnte. Der Indianer war vielleicht um etwas größer als Joe, aber dieser war dagegen etwas schwerer und muskelkräftiger. Als der Indianer bis auf 15 oder 29 Schritte herangekommen war, blieb er stehen und warf seine Streitaxt mit aller Kraft nach Joe. Dieser aber hatte alle Bewegungen seines Gegners genau beobachtet und bückte sich zeitig, sodass die Axt, statt ihn zu treffen, weit fortflog. Joe schwang nun seine Büchse wie eine Keule und stürzte damit auf den Indianer los, um ihn damit niederzuschlagen. Dieser sprang plötzlich in hohe Büsche, die Büchse flog durch die Gewalt, womit Joe ausgeholt hatte, aus seiner Hand. Nun waren beide Kämpfer in Ansehung der Waffen wieder ziemlich gleich. Gleichzeitig sprangen sie aufeinander los, um sich zu packen. Der Indianer, da er sah, dass Joe nicht unbedeutend aus seiner Brustwunde blutete, glaubte schon seiner Sache gewiss zu sein. Allein er irrte sich. Joe hatte noch Kraft in Überfluss, um mit dem Indianer zu ringen. Joe warf ihn sehr bald auf die Erde, aber es war ihm nicht möglich, ihn niederzuhalten. Der fast nackte Indianer entschlüpfte ihm wie ein Aal und stand wieder auf den Füßen, ehe Joe Zeit genug hatte, ihm ernstlich weh zu tun. Nachdem er ihn fünf bis sechs Mal niedergeworfen hatte, merkte Joe, dass die Anstrengung ihn bald außer Atem bringen werde. Er dachte deshalb auf andere Mittel, den Indianer über die Seite zu schaffen. Er warf ihn nochmals nieder, statt nun den Versuch zu machen, ihn auf dem Boden festzuhalten, sprang er nun seitwärts. Während der Indianer im Begriff war, sich von der Erde aufzuraffen, führte Joe einen kräftigen Faustschlag nach seinem Kopf. So oft er wieder aufzustehen versuchte, wiederholte er die Faustschläge auf den Kopf. Dem Indianer wurde es nun immer schwerer, wieder aufzustehen und Joe gelang es, ihm endlich einen derben Faustschlag dicht unter das Ohr zu verletzen, wodurch der Indianer äußerst betäubt wurde; allein er war dem Tod noch nicht so nahe, wie Joe glaubte. Dieser stürzte sich nun auf den Indianer. Indem er mit der Linken die Gurgel desselben ergriff, versuchte er ihn zu erdrosseln. Die Rechte behielt er frei für etwa vorkommende unvorhergesehene Fälle. Joe bemerkte auch sehr bald, dass der Indianer mit seiner Rechten etwas suche und entdeckte, dass derselbe sich bestrebte, sein Messer aus der Scheide zu ziehen, welches am Gürtel hing. Dieses steckte aber, wie alle Indianermesser, sehr tief in der Scheide. Joe ließ ihn ruhig an dem Herausziehen desselben fortarbeiten. Kaum aber war es aus der Scheide, so wand es ihm Joe sehr geschickt aus der Hand und stieß es dem Indianer ins Herz, welcher nun auch auf dem Fleck verschied.

Joe gedachte nun auch des anderen Indianers. Da er nicht wusste, wie weit er ihn kampfunfähig gemacht hatte, so sah er sich nach ihm um. Er fand, dass dieser ungeachtet des Schusses in die Hüfte dennoch auf allen vieren in die Nähe des Kampfplatzes gekrochen war, seinen Rücken gegen einen Baumstamm gestemmt hatte und im Begriff stand, auf Joe zu zielen. Allein seine schmerzhafte Wunde verhinderte ihn, die Büchse gehörig zu handhaben. Joe, der der Meinung war, dass er sich genug angenehme Bewegung gemacht habe und sich seiner erworbenen Lorbeeren nicht gern durch den Schuss eines stark verwundeten Indianers entreißen lassen wollte, machte sich auf den Weg zum Fort. Hier traf er mit Einbruch der Nacht ein. Vom Kopf bis zu den Füßen mit Blut bedeckt, ohne Pferd, ohne Büchse und Hut gewährte er allerdings einen sonderbaren Anblick.

Die Erzählung seines Kampfes nahmen seine Gefährten mit jenem halb zweifelhaften Lächeln auf, mit dem man die Jagdgeschichten eines alten Jägers anzuhören pflegt. Er sagte ihnen, sie möchten am nächsten Morgen auf den Kampfplatz gehen und sich mit eigenen Augen überzeugen. Dieses geschah. Als man indes auf dem Kampfplatz ankam, fand man weiter nichts als Joes totes Pferd. Allein Joe wusste nur zu gut, dass er nicht geträumt hatte. Als er die Umgegend genau durchsuchte, fand er eine Spur, die deutlich zeigte, dass auf derselben etwas fortgeschleift worden war. Er und seine Gefährten folgten nun der Spur. Sie fanden in einiger Entfernung den riesigen Indianer, mit dem Joe gerungen hatte, neben einem Baumstamm liegen und ganz mit dürren Blättern sorgfältig bedeckt, einige hundert Schritte weiter den durch die Hüfte geschossenen Indianer, auf dem Rücken liegend, erstochen, mit seinem eigenen Messer in der Brust, als ob er jedem, der ihn finden würde, zeigen wolle, dass er durch seine eigene Hand und nicht durch Feindeshand gefallen sei. Nach langem Suchen fanden sie auch das Messer, mit dem Joe den anderen Indianer erstochen hatte. Es steckte tief im Boden und war augenfällig mit der Ferse eines Menschen hineingestampft. Der verwundete Indianer hatte es unzweifelhaft getan. Die große Mühe, die ihm diese Anstrengungen in diesem Zustand gekostet haben müssen, zeigen deutlich, wozu Indianer fähig sind, wenn es sich darum handelt, ihre Begriffe von Ehre zu verwirklichen.

Einige Jahre danach wurde Frieden mit den Indianern geschlossen. Nun aber stellte sich eine andere Plage ein, die eben so schlimm war, wie die Indianer. Verschiedene Banden von Pferdedieben, Räubern und Mördern durchzogen die Grenzansiedlungen. Zum Schutz gegen dieselben stifteten die Ansiedler Gesellschaften, die sich die Verfolgung und summarische Bestrafung der Übeltäter zur Pflicht machten. In einem Gefecht der Ansiedler gegen die Pferdediebe verlor Joe Logston sein Leben.

Ein Charakter wie der unseres Helden möchte zwar in den zivilisierten Ansiedlungen der Vereinigten Staaten keine gar vorteilhafte Rolle spielen; allein gerade solche Leute wie er, waren als Vorkämpfer der Zivilisation notwendig und es ist billig, dass ihr Andenken der Nachwelt aufbewahrt werde.

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