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Sir Henry Morgan – Der Bukanier 21

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Einundwanzigstes Kapitel

Morgan spekuliert auf eine Fregatte, erreicht seinen Zweck, fliegt aber in die Luft. Er stattet eine Flotte aus und begibt sich zu seinen alten Schlupfwinkeln Maracaibo und Gibraltar. Sein arges Treiben an diesen Plätzen.

Man ließ der Flottenmannschaft hinreichend Zeit, sich zu Bettlern zu machen und so sich besser für ihren Beruf zu qualifizieren (es bedurfte dazu nur einer ungemein kurzen Frist). Dann bestimmte Morgan eine kleine Insel südlich von San Domingo, La Vaca genannt, zum Sammelplatz für diejenigen, welche gesonnen waren, seinem Glücksstern zu folgen.

Alle Arten von Abenteurern strömten ihm in großer Anzahl zu, denn unser Held hatte nun eine hohe Berühmtheit gewonnen. Sogar sein alter Freund, Obrist Modiford, der selbst auch gerne schnell reich geworden wäre und sich unbedingt auf die Geschicklichkeit und den Mut unseres Helden verließ, schickte ihm eine höchst wertvolle Zugabe in einer großen, gut ausgestatteten Fregatte mit sechsunddreißig Kanonen, die eben erst von Neu-England angekommen war.

Bisher waren Morgans Heldentaten nur durch erbärmlich kleine Schiffe ausgeführt worden, und dieser Kräftezuwachs ließ in seinem Inneren die ungeheuersten Entwürfe entstehen. Bei seiner gegenwärtigen Stärke sehnte er sich danach, noch kräftiger zu werden, indem er seinem Kommando ein anderes sechsunddreißig Kanonenschiff zufügte, das den Franzosen gehörte. Diese aber waren eifersüchtig auf seinen Ruf, fürchteten seine Parteilichkeit und wiesen alle seine schmeichelnden Bitten zurück, sich unter einen Befehl zu stellen.

Der Leser muss übrigens nicht glauben, dass Henry Morgan so leicht einen Entwurf aufgab. Da seine Überredungskunst fehlgeschlagen hatte und er es nicht wagte, offene Gewalt in Anwendung zu bringen, so beschloss er, zur List seine Zuflucht zu nehmen. Vor einiger Zeit hatte das französische Schiff, weil nach langer Seefahrt seine Mundvorräte aufgebraucht worden waren, aus einem englischen Kaufmannsschiff, welches ihm in den Wurf kam, einigen Proviant genommen und dafür nicht in Geld, sondern in Wechseln auf Jamaika und Tortuga Zahlung geleistet. Sobald dies zur Kunde unseres Helden kam, lud er den französischen Kapitän und dessen Offiziere an Bord seiner Fregatte zum Diner ein, nahm sie aber statt aller Bewirtung als Seeräuber gefangen und setzte sich ruhig in Besitz des französischen Kriegsschiffes.

Dies war ein großartiger politischer Handstreich von heroischem Guss. Aber auch die schlaueste Politik kann nicht immer alle Ereignisse berechnen. Das gegenwärtige Verfahren erwies sich sehr unheilvoll in seinen Resultaten, welche beinahe Morgans Laufbahn ein Ziel gesteckt hätten. Die ehrenwerten Abenteurer, welche die Seeräuber so sehr hassten und den Diebstahl so gewissenhaft zur Strafe zogen, waren in einem Kriegsrat unter sich einig geworden, die spanischen Gallionen abzufangen. Ihr bisheriger Erfolg und der Vorgenuss weiterer Siege setzte sie in eine so schwunghafte Stimmung, dass sie den Rückblick auf ihr gutes Glück durch eine großartige Zecherei zu feiern beschlossen, in welcher sich die ganze Mannschaft aufs Ritterlichste betrank. Als sie eben die Freude ihres Herzens durch Lösen des Geschützes befunden wollten, flog das Schiff plötzlich mit dreihundertundfünfzig Engländern und allen französischen Gefangenen, die sich im Raum befanden, in die Luft. Nur ungefähr dreißig Personen kamen mit dem Leben davon, darunter Morgan, Bradley und die meisten Offiziere, welche sich während des verhängnisvollen Augenblicks in der Hinterkajüte befanden und deshalb nur ins Wasser geschleudert wurden. Viele von den Matrosen hätten gerettet werden können, wenn sie nicht so jämmerlich betrunken gewesen wären. Natürlich wurde dieser Unstern den Franzosen zugeschrieben.

Dieses Missgeschick lähmte für eine Weile Morgans weitere Spekulationen. Indessen benutzte er die Zeit, um das Schiff, welches er genommen hatte, zu Jamaika gesetzlich verurteilen zu lassen. Die Gerichtshöfe billigten nicht nur die Wegnahme, sondern erließen auch den Spruch, dass sämtliche Gefangene, welche bei dem Auffliegen nicht umgekommen waren, gehängt werden sollten. Sie entgingen jedoch dem Galgen, indem sie einer langen Gefängnisstrafe unterworfen wurden.

Die verschiedenen Berichte aus dieser Zeit stimmen zwar vollkommen überein, aber dennoch können wir ihnen keinen unbedingten Glauben beimessen, da sie Morgan ein Betragen unterstellen, das seinem Charakter ganz fremd war. Es heißt, er habe die vierhundert Leichen der bei der Explosion Umgekommenen acht Tage um seine Schiffe herschwimmen lassen und erst am neunten befohlen, sie einzusammeln. Dies sei übrigens nicht in der Absicht geschehen, ihnen ein anständiges Begräbnis zu erteilen, sondern bloß, um ihnen alles Wertvolle abzunehmen. Nachdem dies bereinigt gewesen war, habe er sie den Ungeheuern der Tiefe überlassen. Ein so kluger Mann wie Morgan konnte nicht wohl die Vorurteile der Überlebenden so gröblich verletzen.

Endlich segelten sie nach Savannah, um mit einer Flotte von fünfzehn kleinen Fahrzeugen (das einzige große darunter war die Resistance, welche Morgan als Oberbefehlshaber und Bradley als Kapitän an Bord hatte) und nahezu tausend Mann die spanischen Silberschiffe abzufangen. Drei Wochen versuchten sie vergeblich, sich um das Kap Tiburon zu schlagen. Sie hätten ihr Vorhaben ganz aufgeben müssen, wenn sie nicht auf ein englisches Schiff getroffen wären, von welchem sie für Bargeld die nötigen Mundvorräte bezogen.

Im Hafen Okoa angelangt, stiegen sie an Land, nahmen das Vieh weg und kriegten Streit mit den Spaniern, in welchem sie einige Männer verloren, aber noch mehr selbst töteten. Morgan rächte den Widerstand an den harmlosen Bewohnern des Landes in furchtbarer Weise mit Feuer und Schwert.

Endlich erreichte die Resistance mit nur sieben weiteren Schiffen die Insel Savannah. Morgan musste hier so lange auf den Rest warten, dass er denselben bereits für verloren hielt. Um sich die Zeit zu vertreiben, versuchten sie einige Städte an der Küste von Hispaniola zu plündern. Aber sie waren zu schwach, und die ausgeschickte Mannschaft kehrte mit Schmach zur Flotte zurück. Die übrigen Schiffe langten nicht an, und weder Morgan, noch seine Leute konnten sich länger müßig verhalten.

Morgan gab nun seine ursprüngliche Absicht auf und beschloss, mit seinen acht Schiffen und ungefähr fünfhundert Mann einen der Schauplätze seines früheren Lebens, Marakaibo, zu besuchen. Nach aller menschlichen Berechnung war die ihm zur Verfügung stehende Streitkraft dem Unternehmen, welches er beabsichtigte, durchaus nicht gewachsen, doch wo wäre der Heldenmut der Welt, wenn nicht bisweilen selbst der Wahnsinn das Feld behauptete? Mit seinen Schiffen, von denen zwei bloße Boote waren, langte er nach kurzer Fahrt an diesem großen Salzwassersee an und befand sich bald an der Barre des Einganges.

Morgan entdeckte nun, dass seit dem letzten Angriff durch L’Olonois die Spanier ein weiteres Fort errichtet hatten, um den Eingang zu schützen. Es war nötig, die Forts zu entwaffnen, denn wenn sie einführen, konnte ihnen durch dieselbe der Rückweg abgeschnitten werden. Morgan brachte seine kleine Flotte in die beste Stellung und begann das Gefecht so bedächtig, als wären die Steinmauern, welche er beschoss, so leicht durchdringlich wie die schwachen Seiten seiner Schiffe.

Das Gefecht dauerte den ganzen Tag, und als sie nachts an Land stiegen, fanden sie das Fort verlassen, zugleich aber eine Lunte mit dem Pulvermagazin in Verbindung gebracht, welche rasch weiterbrannte. Morgans Geistesgegenwart rettete der Mehrzahl seiner Leute das Leben, indem er die Lunte im Augenblick vor der Explosion eigenhändig auslöschte. Diese tückische Art, Krieg zu führen, trug nicht dazu bei, die Liebe zu erhöhen, welche die Freibeuter bereits gegen die Spanier hegten.

Das Pulver, welches die Eindringlinge vertilgen sollte, wurde nun das Hauptmittel zu ihrem Siege, denn es war ein Material, dessen sie sehr bedurften, und wurde augenblicklich unter die Flotte verteilt. Auch andere militärische Vorräte waren in großem Überfluss vorhanden. Die Kanonen auf dem Fort wurden demontiert und vernagelt, auch die Verteidigungswerke so weit zerstört, wie es die Zeit gestattete. Am anderen frühen Morgen erhielten die Schiffe Befehl, gegen die See hinaufzufahren. Indessen konnten wegen Niederstandes des Wassers die größeren Fahrzeuge, so klein sie auch waren, nicht über die Barre wegkommen. Sie mussten daher zu ihren Booten greifen und langten, nur mit Kleingewehr bewaffnet, am folgenden Tag vor Marakaibo an. Die Stadt und das Fort La Bacca, welches dieselbe beschützen sollte, waren verlassen, denn bei der Annäherung der Piraten hatte alles, mit Ausnahme einiger armen Teufel, die nichts zu verlieren hatten, sich in die Wälder geflüchtet.

Nachdem sie die Stadt in Besitz genommen hatten, suchten sie sich die Quartiere aus, welche ihnen am besten zusagten, indem sie zugleich die Kirche zur Hauptwache umwandelten. Dann begannen die gewöhnlichen Szenen roher Gewalttat. Jeden Tag wurden hundert Mann ins Land hineingeschickt, um nach Menschen und Kaufmannsgütern zu fahnden, und täglich wurden viele Unglückliche und noch mehr Schätze eingebracht. Natürlich kam nun wieder die Folter in Anwendung. Dies währte drei Wochen. Nachdem Morgan eine beträchtliche Beute gesammelt und mehr als hundert der angesehensten Einwohner gefangen genommen hatte, beschloss dem von L’Olonois eingeschlagenen Plan zu folgen und nach Gibraltar zu ziehen.

Die Flotte, welche inzwischen die Barre passiert hatte und vor Marakaibo angekommen war, wurde nun neu equipiert, die Disziplin schärfer gehalten und die Mannschaft in allen kriegerischen Übungen vervollkommnet. Dann schiffte Morgan die Beute samt den Gefangenen ein, lichtete die Anker und langte bald vor Gibraltar an.

Als sie vor der Stadt Anker warfen, wurden sie mit einer lebhaften Kanonade begrüßt, welche jedoch nur dazu diente, die Piraten heiter zu machen. Mit dem Anbruch des anderen Tags setzte Morgan alle seine Leute an Land. Da er die Örtlichkeiten gut kannte, so vermied er die Straßen und rückte auf den Pfaden in den umgebenden Wäldern gegen die Stadt an.

Als der Feind vor den Toren und unter den Kanonen er schien, flüchteten die Spanier, welche der letzten Heimsuchung noch eingedenk waren, ohne Widerstand und führten alles Wertvolle nebst ihrer gesamten Munition mit sich fort. Zuvor hatten sie ihre Kanonen vernagelt.

Man fand nur einen einzigen armen Blödsinnigen am Plate. Die Seeräuber, welche seine Geistesschwäche für Verstellung hielten, brachten ihn ihrer Gewohnheit gemäß auf die Folter. Der arme Tor räumte bereitwillig ein, dass er im Besitz großer Schätze sei, und führte die Gierigen zu einem elenden Loch, wo er ihnen triumphierend einen Haufen von Lumpenkram zeigte. Es folgten nun weitere Qualen und weitere Bekenntnisse. Der Blödsinnige erklärte sich für einen Bruder des Gouverneurs. Sie folterten ihn mit so ausgesuchter Geschicklichkeit, dass er eine halbe Stunde darauf starb. Am anderen Tag wurden die gewohnten Spürpartien begonnen. Man brachte einen Bauern nebst zweien seiner Töchter ein, welche mit der Folter bedroht wurden. Der Mann führte sie an mehrere Plätze, wo seine Leute kurz zuvor sich selbst und ihr Eigentum verborgen hatten. Letztere waren jedoch inzwischen weiter ins Land hineingezogen, und die Seeräuber, welche sich in ihren Erwartungen getäuscht sahen, rächten, sich an ihrem Führer dadurch, dass sie ihn an einen Baum hingen.

Mit Erröten müssen wir bekennen, dass unser Held nun mehr ein Dämon als ein Mensch zu sein schien. Indessen zweifeln wir nicht, dass er, wenn man nur seine Verteidigung hören könnte, sein Benehmen zu bemänteln und den Beweis zu führen vermochte, wie er nicht schlimmer war, als die meisten anderen Helden.

Morgan teilte seine Streitkraft in verschiedene Partien, um das Land in allen Richtungen zu durchstreifen. Aber die früheren Verwüstungen hatten die Spanier vorsichtig gemacht, sodass sie zu den sichersten Verstecken griffen, in denen sie nur durch Verrat entdeckt werden konnten. Morgan fing endlich einen Negersklaven, dem er seine Freiheit und goldene Berge versprach, wenn er ihm entdecken wolle, wo sich die Spanier verborgen hätten. Der Sklave brachte die Seeräuber bald zu einem großen Haufen der Einwohner, und Morgan befahl ihm nun, um sich seiner noch mehr zu versichern, mit kaltem Blut, ein Dutzend derselben zu ermorden, was denn auch der Schwarze sehr bereitwillig und augenscheinlich mit großem Vergnügen tat. Der Neger wurde nun als Bluthund benutzt. Nach einem Ausflug von acht Tagen kehrte Morgan mit einer großen Anzahl von Gefangenen nebst mehreren Mauleseln, die mit Schätzen beladen waren, nach Gibraltar zurück.

Wir können uns nicht auf eine ausführliche Schilderung der Schändlichkeiten einlassen, die nun folgten, und geben bloß an, dass die Seeräuber in den verschiedenen Foltern, mit welchen sie die Gefangenen quälten, um sie zur Entdeckung ihrer Schätze und der Aufenthaltsorte ihrer Landsleute zu zwingen. Alles übte, was man sich nur Empörendes und Anstand Verhöhnendes denken kann, aus. Die Spanier entfalteten eine heldenmütiger Beharrlichkeit und wurden sowohl am Pfahl als auch am Kreuz Märtyrer ihres Ehrgefühls. Ja, Menschen, welche zu feige gewesen waren, sich Reichtum und Leben durch tapferen Kampf zu wahren, starben lieber heldenmütig unter der Tortur dahin, als dass sie nur eine einzige Person verrieten oder einen elenden Piaster ausfolgten.

Wir müssen hier bemerken, dass Joseph Bradley keinen Anteil an dieser Schreckensszene nahm, sondern bloß in seiner militärischen Eigenschaft diente. Widerstand leistete er freilich nicht, denn er wusste wohl, dass es nutzlos und vielleicht gar gefährlich war. Auch teilte er sich bereitwillig in die Beute, und wir können ihn daher mit nichts anderem entschuldigen, als dass er eben genötigt war, bei Dingen zuzuschauen, die er nicht verhindern konnte.

Da sich von den Herren so wenig herauspressen ließ, so wurden zunächst die Sklaven gefoltert, welche um ihrer Unwissenheit willen starben, während ihre Gebieter durch ihre Hartnäckigkeit den Tod gefunden hatten. Ein einziger Neger teilte jedoch Morgan mit, er könne ihn zu einer Stelle führen, wo ein reiches Schiff, das nach Marakaibo gehöre, in einem Fluss, welcher in den See fiel, verborgen sei. An Bord desselben befänden sich viele Schätze und viele angesehene Personen. Ferner enthüllte er, wo der Gouverneur von Gibraltar mit der Mehrzahl der Frauen sich versteckt hatte.

Morgan schickte sofort Bradley mit zweihundert Mann in zwei großen Booten stromaufwärts, um das Schiff zu suchen, während er selbst sich mit zweihundertfünfzig Leuten anschickte, den Gouverneur und die Damen zu überraschen.

Bradleys Zug war erfolgreich, denn er kehrte mit dem Schiff und vier Booten nebst einer beträchtlichen Menge von Kaufmannsgütern und einigen Gefangenen zurück. Nur das Gold, das Silber und die Juwelen waren ihm entgangen, da die Spanier schon vorher alle diese Schätze entfernt hatten.

Der Gouverneur hatte sich nach einer kleinen Insel in der Mitte eines Flusses, wo er ein Fort gebaut hatte, geflüchtet. Bei Morgans Annäherung wurde er jedoch zaghaft, denn er gab seine sehr gut zu verteidigende Stellung auf und verbarg sich und seine Leute auf den Gipfel eines Berges, der nur mit höchster Schwierigkeit erstiegen werden konnte.

Unser Held brauchte zwei Tage, um die verlassene Insel zu erreichen, und würde von dort aus den Gouverneur verfolgt haben, wenn ihn nicht nunmehr Missgeschicke betroffen hätten. Als er zum Gebirge hin über den Fluss setzte, ertranken viele Frauen, Kinder und einige mit Schätzen beladene Maulesel, welche die Seeräuber auf ihrem Marsch aufgegriffen hatten. Der Fluss war ausgetreten und überschwemmte das Land dermaßen, dass Morgan und seine Leute meilenweit bis an die Brust im Wasser waten mussten. Dazu kam noch ein ungestümer Regen, der alle ihre Mundvorräte verdarb und ihr Pulver unbrauchbar machte, sodass sie fast verhungert, gänzlich entwaffnet und völlig entmutigt den Fuß des Gebirges erreichten. In der Tat war ihre Lage nun so jammervoll, dass fünfzig nur mit Piken bewaffnete Spanier den ganzen Haufen hätten niedermachen können.

Über ihnen stand der Gouverneur mit der doppelten Anzahl gut gerüsteter und in jeder Hinsicht wohl versehener Truppen. Dennoch rührte er sich nicht, denn damals reichte sogar das Säuseln des Windes unter den Bäumen zu, um kräftige Männer in bloße Kinder zu verwandeln. So furchtbar hatten sich die Seeräuber gemacht.

Zwar unbelästigt, aber doch in einem höchst jämmerlichen Zustand kehrte Morgan um und erreichte endlich Gibraltar, verlor aber unterwegs alle seine Beute und einige von seiner Mannschaft. Fast sämtliche Frauen und Kinder, die er als Gefangene eingebracht hatte, starben schnell und kläglich dahin.

Nachdem sich die Bukanier drei Wochen in der Stadt aufgehalten hatten, begannen sie an den Abzug zu denken. Diese ganze Zeit über hatte Gibraltar wahrhaft zu einer menschlichen Schlachtbank und zu etwas unendlich Schlimmerem als zum gemeinsten Tummelplatz der Schlemmerei und Unzucht gedient.

Zum Abschiedsbeweis des Wohlwollens der Piraten schickten sie einige der unglücklichen Gefangenen an ihre Landsleute ab, um denselben tausendzweihundert fünfzig Pfund als Brandschatzung für die Stadt abzuverlangen. Die Boten kehrten zurück und machten Morgan die Meldung, die Leute seien so zerstreut, dass es vorderhand unmöglich sei, seinem Ansinnen zu entsprechen. Sie baten ihn jedoch, einige von ihnen als Geiseln nach Marakaibo zu nehmen. In der Zwischenzeit solle die geforderte Summe gesammelt werden.

Morgan willigte ein und entließ zu gleicher Zeit alle noch am Leben befindliche Gefangene, setzte aber für jede Person ein Lösegeld fest, für dessen Entrichtung er die Geiseln gleichfalls verantwortlich machte. Die Sklaven behielt er für sich. Auch wollte er keinen Augenblick die Spanier anhören, welche ihn zu Verabfolgung des Negers, dessen Verrat so viele Unglückliche auf die Folterbank geliefert hatte, bewegen wollten.

Nachdem alle Beute eingeschifft war, segelten die Seeräuber nach Marakaibo, welches sie in demselben Zustand fanden, in welchem sie es verlassen hatten. Nur waren noch einige sehr erstaunliche und unglückliche Neuigkeiten dazugekommen.

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