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Deutsche Märchen und Sagen 22

Johann Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

22. Dreizehn

Es war einmal ein Schmied und der hatte einen Knecht, der Dreizehn hieß und so stark war, dass der Amboss unter seinen Hammerschlägen barst oder brach. Er tat Arbeit für dreizehn, aber er aß auch für dreizehn und davon hatte er eigentlich seinen Namen bekommen.

Der Schmied konnte das aber nicht lange aushalten, rief ihn darum eines Tages allein in ein Kämmerchen und sprach: »Hör mal, Dreizehn, du bist ein braver Bursche und ich war auch immer mit dir zufrieden, aber ich habe nicht Arbeit genug für dich und du musst die meiste Zeit müßig gehen. Das wäre aber noch das Wenigste. Du kostest mich zu viel an Essen und statt für dreizehn zu kochen, brauchte ich nur für fünf zu kochen, denn ich habe nur für fünf Knechte Arbeit. Sieh, da ist dein Lohn und ein gutes Trinkgeld dabei. Da hast du genug, um abzuwarten, bis du anderswo Arbeit findest.« Das tat Dreizehn leid, aber es war nicht anders und er nahm betrübt Abschied vom Schmied und ging in die weite Welt.

Unterwegs kam ihm ein Reisender entgegen und der fragte ihn, ob er nicht einen recht starken Burschen kenne?

»Doch«, sprach Dreizehn, »ich selbst kann für dreizehn Mann arbeiten, aber ich kann auch für dreizehn Mann essen.«

»Das ist ganz gut«, sprach der Reisende. »Wenn du in meinen Dienst treten willst, dann sollst du es guthaben, aber du musst mir auch im Wald die wilden Tiere vom Leib halten.« »Anderes nicht?«, fragte Dreizehn. »Dann sollt Ihr mit mir zufrieden fein, denn ich schlage mit meinen Fäusten einen Bären tot, als wäre es eine Fliege.«

Da reiste Dreizehn mit dem Herrn und stand ihm getreu bei. Weil er aber so gewaltig viel aß, wurde des Reisenden Beutel bald leer. Als er aus dem Wald war, suchte er, wie er Dreizehn los würde. Er gab ihm also seinen Lohn und da war der arme Dreizehn aufs Neue ohne Dienst und wanderte abermals dahin in die weite Welt. Nachdem er schon lange, lange gegangen war, kam er endlich zu einem Bauer, der hatte just einen Knecht nötig. Des ersten Abends, wo er mit den anderen Knechten zu Tisch saß, aß er denen aber alles weg, sodass sie halb hungrig schlafen gehen mussten. Das war ihnen zwar nicht lieb, doch sie dachten, das käme vom vielen Gehen und würde sich schon ändern. Als er aber am folgenden Tag und alle Tage eben so viel aß und es immer dasselbe Liedchen blieb, da beratschlagten sie untereinander, wie sie seiner los werden könnten. Dem Bauer war Dreizehn um so mehr willkommen. Der dachte schon darauf, einige von den Knechten wegzuschicken, denn die standen doch zumeist die Hände übereinander. Als die Knechte den Braten rochen, da wurden sie noch viel böser auf Dreizehn.

Eines Tages sprachen sie zu ihm: »Dreizehn, du musst den Brunnen reinigen, wir haben auf dem Feld zu tun.«

»Gut«, sprach Dreizehn und stieg in den Brunnen hinab. Während er nun dort beschäftigt war, den Dreck und die Steine vom Boden zu holen, wälzten die Knechte einen großen Mühlstein herbei und warfen den in den Brunnen. Nun, meinten sie, müsse Dreizehn gewiss tot sein und sie hätten nichts mehr von ihm zu fürchten, aber darin hatten sie sonder den Wirt gerechnet. Der Mühlstein war mit dem Loch gerade über Dreizehns Kopf gefallen und lag auf seinen Schultern. Dreizehn arbeitete weiter, als hätte er von nichts gewusst, schaute gar nicht einmal auf. Als er fertig war, stieg er aus dem Brunnen wieder herauf, lachte die Knechte an und sprach: »Da seht einmal, Jungen, was ich für einen schönen Kragen habe!«

Da sahen die Knechte wohl ein, dass sie ihn auf die Weise nicht vom Hals kriegen würden, und sannen auf andere Mittel. Nicht weit vom Hof ab stand eine Mühle, die war verwünscht und es wohnten Teufel darin.

»Warte«, sprachen sie untereinander, »wir wollen Dreizehn mit einem Sack Korn in die Mühle senden, von da kommt er gewiss nicht wieder zurück, denn die Teufel werden ihn erwürgen.« Sie riefen Dreizehn also und sprachen: »Trag den Sack Korn zur Mühle, wir haben kein Mehl mehr.«

»Gut«, sprach Dreizehn und nahm den Sack Korn unter den Arm und ging auf die Mühle zu. Als er in die Nähe kam, sah er wohl hundert schwarze Teufelsköpfe mit Hörnern durch die Mühlenfenster schauen. Die lachten alle, als sie ihn erblickten, denn sie meinten, mit ihm zu Chor zu gehen wie mit allen anderen. Das ging ihnen aber daneben. Dreizehn machte große Augen, als er so viel Gesindel in der Mühle sah, dachte aber: Das ist nicht schlecht, die können meinen Sack herauftragen. Darum rief er ihnen auch zu: »Heda, Jungen! Holt meinen Sack herauf!«

Die Teufel gaben ihm aber keine Antwort und rührten sich nicht von der Stelle.

Da wurde Dreizehn böse und schrie: »Wollt ihr mir helfen oder nicht? Anders schmeiß ich euch, den einen vor, den anderen nach, aus der Mühle, ihr faulen Schurken!«

Die Teufel aber schauten ihn immer noch an und regten sich nicht. Da kochte es ihm im Leib. Er warf seinen Sack nieder und lief zur Mühle hinauf. Die Teufel standen da schon alle bereit, um ihn zu packen, schauten ihn mit glühenden Augen an und lachten in ihr Fäustchen. Aber Dreizehn war nicht links; der wusste nicht, was bang sein hieß, griff einen der Teufel beim Schwanz und schlug ihn mit dem Kopf wider einen Balken. Dann warf er ihn die Mühlentreppe herab, dass der arme Schwarze eine Pfote brach und heulend weglief. Da drehte sich das Blättchen. All die anderen Teufel, die ihn erst angegrinzt hatten, sprangen nun hopp, hopp hinter die Räder und Säcke, bis kein Einziger mehr zu sehen war. Dreizehn wusste sie schon hervorzuholen. Da hätte einer sehen sollen, wie flink die waren; der eine holte den Sack, der andere richtete die Mühle, wieder andere schauten zu, ob das Mehl hübsch fein war, kurz, Dreizehn hatte eins, zwei, drei sein Mehl und trollte sich nach Hause. Die Knechte, die machten einmal Augen! Nun blieb ihnen nichts anderes übrig, als so fleißig zu sein, dass der Bauer Dreizehns nicht mehr bedurfte; dann würde er ihn schon fortjagen, meinten sie.

Eines Tages mussten die Knechte Bäume aus dem Wald nach Hause fahren. Sie ritten morgens ganz früh schon still mit dem Wagen weg und ließen Dreizehn schlafen. Der wurde erst wach, als sie schon lange im Wald an der Arbeit waren.

Er merkte alsbald, wo der Hase im Pfeffer lag, und sprach: »Ah, die Schubjacken, die wollen mir einen Streich spielen und eher mit den Bäumen zu Hause sein als ich. Ich werde sie aber schon kriegen dafür, dass sie so falsch sind.« Damit stand er auf, nahm Pferd und Karre und fuhr weg. Als er kaum halbwegs war, sah er die Knechte schon aus dem Wald zurückkommen und nach Hause eilen. Da riss er schnell eine große Eiche aus der Erde und legte sie quer über den Weg.

»Nun mögen sie kommen«, sprach er und fuhr weiter. Als er zu den Knechten kam, da lachten die ihn aus, schrappten ihm Möhrchen und spotteten fein. Er aber sprach kein Wort, fuhr ruhig zum Wald, lud seinen Baum auf und hatte sie bald eingeholt. Von Weitem schon sah er, wie all die pfiffigen Kerle an der Eiche arbeiteten, dass sie keinen Faden trocken am Leibe hatten, und sie doch nicht aus dem Weg bringen konnten. Da lachte er auch einmal, dass ihm der Bauch schüttelte, nahm alsdann sein Pferd und seinen Karren mit dem Baum, hob alles zusammen über die Eiche hinüber und fuhr seines Weges weiter nach Hause, während die anderen dastanden und nicht weiterkonnten.

Nun erkannte der Bauer, dass Dreizehn allein wohl den Hof in Gang halten könnte. Er schickte all die anderen Knechte weg. Dreizehn pflügte auch an einem Tag so viel wie dreizehn Knechte in einer ganzen Woche, er mähte und drosch so viel wie dreizehn, aber er kostete dem Bauer auch so viel an Essen wie dreizehn, und sein Magen wurde mit jedem Tag noch weniger zu füllen.

Eines Morgens sprach der Bauer: »Dreizehn, Junge, geh und hüte die Schweine.«

»Ja, Meister«, sprach Dreizehn und trieb die dreißig Schweine des Hofes auf die Weide. Da blieb er den ganzen Tag und litt gewaltigen Hunger, denn der Bauer hatte ihm kein Essen mitgegeben und vergaß auch, ihm welches zu senden. Als Dreizehn nun endlich seinen Magen nicht mehr bändigen konnte, machte er sich hinter die Schweine und aß sie alle dreißig auf. Nun war sein Magen wohl zufrieden, aber sein Gewissen fing an ihn zu nagen. Er wusste nicht, was er dem Bauer sagen sollte. Endlich fiel ihm etwas ein. Er pflanzte all die Schweineschwänzchen in die Erde, sodass sie nur noch mit einem Spitzchen hervorguckten, lief nach Hause und schrie: »Meister, Meister, es ist ein großes Unglück geschehen. Unsere Schweine sind alle in die Erde versunken und man sieht nur noch ihre Schwänzchen.«

Der Bauer lief schnell mit ihm auf die Weide und da standen all die Schweineschwänzchen. Er ging auf das Erste zu und zog mit aller Gewalt daran, aber das Schwänzchen blieb in seiner Hand und er fiel plums auf den Rücken nieder.

»Ja, das konnte ich auch«, sprach Dreizehn. »Ihr habt dem Schwein seinen Schwanz ausgerissen.«

Da ging der Bauer zu einem anderen Schwänzchen und zog und plums lag er wieder da. »Dreizehn«, sprach er, »wenn du kein Geld in der Hölle kriegen kannst, dann kann ich dir die Kost nicht mehr geben.«

»Ja Gottes Namen, ich will sehen«, sprach Dreizehn, spannte das Pferd an den Karren und fuhr zur Hölle. Unterwegs fand er eine arme Frau, die las Eicheln zusammen.

»Warum tut Ihr das?«, fragte Dreizehn.

»Ach«, sprach sie, »es ist für meinen Esel, ich habe kein anderes Futter für ihn und muss doch mit dem armen Tier mein Brot verdienen.«

»Wartet«, sprach Dreizehn; »ich will Euch was helfen.« Er nahm den Esel beim Schwanz und schmiss ihn in die Krone der Eiche, wo das Tier einige Augenblicke herumzappelte, dann fiel und ein Bein brach.

»Ach Gott, was habt Ihr da getan!«, rief die Frau, »nun muss ich vor Hunger sterden«.

Dreizehn sprach: »Seid nur still, ich gehe eben in die Hölle, da hole ich Geld genug.« Fuhr weiter, bis er ans Tor der Hölle kam. Da schellte er. Es glückte grad, dass der Teufel ihm öffnen sollte, dem er in der Mühle ein Bein gebrochen hatte. Als der Dreizehn durchs Schlüsselloch sah, fing er an zu heulen und zu schreien: »Dreizehn ist da! Dreizehn ist da!« Und lief weg.

»Wollt ihr aufmachen oder nicht«, sprach Dreizehn, »sonst trete ich das Tor in Stücke.«

»Ja, wir wollen dir aufmachen, wenn du uns versprichst, uns nichts zuleide zu tun«, sprachen die Teufel.

Das gelobte Dreizehn, sprach aber auch dabei, sie müssten ihm dann auch einen Wagen voll Geld geben.

»Weiter nichts, als das?«, sagten die Teufel, »das sollst du haben«, machten das Tor auf und trugen ihm so viele Säcke Geld auf seinen Karren, dass das Pferd sie nur mit Mühe ziehen konnte. Da war Dreizehn zufrieden und fuhr zurück. Als er zu der Frau kam, die ihn am Weg erwartete, gab er ihr einen ganzen Schoß voll Geld, sodass sie nicht mehr zu arbeiten brauchte, fuhr dann weiter dem Bauerhof zu. Da lebte er mit dem Pächter eine Zeit lang vom Geld, aber es ging doch auf und er aß endlich gar so viel, dass eine Hungersnot ins Land kam. Nun war guter Rat teuer. Der Bauer wusste nicht mehr was anfangen und dachte Tag und Nacht nur, wie er Dreizehn vom Halse kriegen könnte. Endlich sprach er: »Dreizehn, mach mir einmal einen Kessel, der so groß ist, dass, wenn hundert Mann daran arbeiten, einer den anderen nicht hören kann.«

»Gut, « sprach Dreizehn und er hatte den Kessel in wenigen Tagen fertig.

»Setze nun eine Stadt hinein«, sprach der Bauer, »und trage ihn da hinten auf den hohen Berg.«

Dreizehn nahm die Stadt und setzte sie hinein mit Häusern und Kirchen und Mann und Maus. Als er aber an den Fuß des Berges kam, stieß er sich mit dem Fuß an einen Maulwurfshügel, strauchelte und fiel. Die Stadt fiel auf ihn und der arme Dreizehn war tot.

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