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Nach Amerika! – Erster Band – 04.1

Friedrich Gerstäcker
Nach Amerika!
Erster Band
Leipzig, Berlin, 1855

Franz Loßenwerder

In Heilingen, in der Glockenstraße, stand ein vortreffliches Weinhaus, in dem die wohlhabenderen Bürger abends gewöhnlich zusammenkamen und ihr Fläschchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal war ziemlich gemütlich und dem Zweck entsprechend in eine Menge kleiner Zimmerchen abgeteilt, die teils durch wirkliche Türen und Verschläge, teils durch Vorhänge voneinander getrennt lagen, einzelnen Gesellschaften zu gestatten, eben einzeln zu bleiben und ihr Glas ungestört vom Nachbarn zu trinken.

Das Haus hieß Der Pechkranz, nach einer alten Sage, die der Wirt sehr gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch im Dreißigjährigen Krieg spielte. Ein über der Eingangstür in neuerer Zeit erst aus Stein gehauener Bacchus, hielt auch in der einen Hand einen Thyrsusstab, und in der anderen einen Pechkranz, in höchst wunderlicher Weise Sage und Geschäft miteinander vereinigend. Die Allegorie war aber gar nicht so übel angebracht und hätte sich auch schon ohne Tilly recht leidlich und genügend erklären lassen, denn Bacchus hatte hier schon in der Tat in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, dass es lichterloh zum Dach hinaus brannte, ohne weiter eben größeren Schaden anzurichten, als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte.
Der Wirt war nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein Rheinländer, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen und durch gute Getränke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig teuer. »Aber«, sagten die Heilinger, »wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen Groschen dabei ankommen, wenn er nur echt und rein ist.« Wirt und Gäste befanden sich wohl dabei.

Es war am Abend des nämlichen Tages, an welchem ich meine Erzählung begann, als die Gäste, die den Tag über meist auf Spaziergängen im Freien gewesen waren, anfingen, einzutreffen, und die Kellner geschäftig herüber und hinüber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu bringen. Die kleinen Räumlichkeiten füllten sich nach und nach. Selbst im großen Mittelsaal, der ungefähr das Zentrum des Ganzen bildete, hatten sich schon hier und da einzelne Gruppen gebildet. Oder auch einzelne Gäste saßen in irgendeiner Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, und auf eigene Hand, in ungeselliger Gemütlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art. Zu einer schönen Landschaft und einer guten Flasche Wein gehören mindestens zwei Personen, um beides recht und ordentlich zu genießen, die eine sich darüber, die andere sich dabei auszusprechen.

Wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genuss von beiden verloren. Es gibt allerdings Menschen, die sich zufriedener fühlen, wenn sie alles allein genießen können, aber denen geh aus dem Weg. Es sind Hypochonder oder Schlimmere. Der einzige Dank, den du ihnen schuldig bist, ist dafür, dass sie sich eben auch von dir zurückziehen. Nur wer niemanden hat, an den er sich anschließen darf, wer allein und freundlos in der Welt dasteht und das Leid, das ihn drückt, allein tragen, die wenigen frohen Momente seines Lebens allein genießen muss, den bedauere und hilf ihm, wenn du kannst, denn er ist der Unglücklichste von allen.

Es mochte neun Uhr abends sein, als ein Bekannter von uns, der Kürschnermeister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich überall umschauend, ob er nicht irgendeinen Freund träfe, zu dem er sich setzen könnte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah erst ein paar Sekunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen traute, und sagte dann, auf jenen losgehend und neben dem Tisch stehen bleibend: »Hallo, Loßenwerder? Ihr hier im Pechkranz? Na da möchte man doch, wie die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter, Mann, und vor einer Flasche Rüdesheimer. Nun, das lass ich gelten und es freut mich wahrhaftig, dass Ihr endlich einmal auftaut und unter Menschen kommt. Aber was ist denn heute los bei Euch? Denn einen ganz besonderen Grund muss doch die Festlichkeit haben.«
»Ha – ha – ha – hat sie auch He – he – he – he – herr Ke – ke – ke – kellmann«, sagte der kleine Mann verlegen lächelnd und sich etwas schüchtern dabei umschauend, denn es schien ihm nicht angenehm, die Aufmerksamkeit der übrigen Gäste so direkt auf sich gelenkt zu sehen.

»Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen«, sagte Kellmann, seinen Hut und Stock an einen der nächsten Haken hängend und sich neben ihn setzend, »wenn sie behaupten, Ihr tränkt nur Wasser und sonntags höchstens einmal ein Glas Dünnbier. Ich kriege Leibschneiden, wenn ich nur an das Zeug denke. Und sonst lebt Ihr, als ob Ihr die Woche mit einem halben Taler auskommen müsstet. Alle Wetter, Mann, das ist recht, dass Ihr Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein gönnt. Das hält Leib und Seele zusammen und stärkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Würde mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterländischen Wein entbehren müsste«, setzte er mit einem halb unterdrückten Seufzer hinzu.

»Ha – ha – ha – haben Sie a – a – a – auch wohl ni – ni – nicht nö – nö – nö – nö – nö – nötig, be – be – be – bester He – he – he – he – he – he.«

»Nun, wer weiß, was einem noch alles bevorsteht«, unterbrach ihn Kellmann. »Hier Kellner – mir auch eine Flasche von dem Rüdesheimer. Der Duft hat mir Appetit gemacht.«

»Hallo, Loßenwerder, bei einer Flasche Rüdesheimer«, rief aber nun noch eine andere Stimme aus dem nächsten Stübchen, wo ein paar junge Kaufleute bei ihrem Glas zusammensaßen. »Da müssen wir auch dabei sein. Loßenwerder hat vielleicht heute seinen spendablen Tag und traktiert. Haben Sie was in der Lotterie gewonnen?«
Die jungen Leute, die Kellmann und Loßenwerder begrüßten, kamen mit ihrer Flasche heraus und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer verlegener werdenden kleinen Mann anstoßend und trinkend. Denen gesellten sich aber noch bald darauf andere zu. Loßenwerder war in der ganzen Stadt bekannt und oft auch, seiner körperlichen Mängel wegen, zum Besten gehalten worden. Verteidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlass und Stoff gegeben hätte. So wurde denn diese freilich gezwungene Zurückhaltung endlich für Gutmütigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig gefallen ließ, und was die schärfste Erwiderung nicht vermochte, erreichte er unfreiwillig dadurch, dass man es endlich müde wurde, den sich nicht Verteidigenden zum Besten zu haben und ihn eben zufriedenließ. Aber in des Verwachsenen Betragen änderte das nichts. Abgestoßen und verhöhnt – in nur sehr wenigen Ausnahmen – von allen, mit denen er in Berührung kam, zog er sich mehr und mehr in sich selbst zurück, ging, außer den nötigen Geschäftswegen und außer der Geschäftszeit, fast nirgends hin, und lebte so einfach, ja fast dürftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben nur Geld ausgibt, um zu existieren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch niemand gesehen, und die Gäste dort, die überdies keinen weiteren Zweck da hatten, als sich zu amüsieren, glaubten das einmal einen Abend mit dem kleinen »Stotterberg«, wie er spottweise seines Stotterns und Höckers wegen genannt wurde, am besten tun zu können.

Anfangs wollte sich Loßenwerder aber auf nichts einlassen, ja machte sogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Versuche, sich zu entfernen, denn von allen Seiten wurde er gehalten. Jeder wollte und musste mit ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzutauen. Der ungewohnte kräftige Wein mochte ihm das Blut leichter und rascher durch die Adern jagen. Nun sollte er erzählen, aber das ging nicht, sein Stottern wurde, mit der schwereren Zunge, kaum verständlich, bis einer, im Spott eben, auf den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Loßenwerder weigerte sich erst ganz verschämt. Das aber kam den anderen zu komisch vor. Mit Lachen und Toben, während ein paar schon Champagner bestellten, den Genuss würdig zu feiern, räusperte sich Loßenwerder plötzlich und stieg vom Wein erregt und unter dem lauten Jubel der ihn umdrängenden Gäste auf einen Stuhl.

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