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Marshal Crown – Band 35

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Die drei Musketiere 18

Alexander Dumas d. Ä.
Die drei Musketiere
4. bis 6. Bändchen
Historischer Roman, aus dem Französischen von August Zoller, Stuttgart 1844, überarbeitet nach der neuen deutschen Rechtschreibung

II.

Der Liebhaber und der Gatte

»Aber, Madame Bonacieux«, sagte d’Artagnan, durch die Türe eintretend, welche ihm die junge Frau öffnete, »erlaubt mir, Euch zu bemerken. Ihr habt da einen traurigen Mann.«

»Hörtet Ihr denn unser Gespräch?«, fragte Madame Bonacieux lebhaft und schaute dabei d’Artagnan unruhig an.

»Vollkommen.«

»Aber, mein Gott, wie dies?«

»Durch ein mir bekanntes Verfahren, durch welches ich auch Euer etwas belebteres Gespräch mit der Polizei vernahm.«

»Und was habt Ihr von dem, was wir sagten, verstanden.«

»Tausenderlei Dinge. Vor allem, dass Euer Gatte ein armseliger Tropf ist; ferner, dass Ihr glücklicherweise in Verlegenheit seid, denn dies ist mir sehr angenehm, weil es mir Gelegenheit bietet, Euch zu Diensten zu sein, und Gott weiß, dass ich bereit bin, mich für Euch in die Flammen zu stürzen; endlich, dass die Königin eines braven, gescheiten und ergebenen Mannes zu einer Reise nach London bedarf. Ich besitze wenigstens zwei von diesen Eigenschaften, und hier bin ich.«

Madame Bonacieux antwortete nicht, aber ihr Herz schlug gewaltig vor Freude. Eine geheime Hoffnung erglänzte in ihren Augen.

»Und welche Bürgschaft könnt Ihr mir geben«, fragte sie, »wenn ich mich entschließe, Euch diese Sendung anzuvertrauen?«

»Meine Liebe für Euch. Sprecht, befehlt, was soll ich tun?«

»Mein Gott, mein Gott«, murmelte die junge Frau, »darf ich Euch ein solches Geheimnis anvertrauen, Monsieur? Ihr seid beinahe noch ein Kind.«

»Ich sehe schon, dass irgendjemand für mich gut stehen müsste.«

»Ich kann nicht leugnen, dass mich dies ungemein beruhigen würde.«

»Kennt Ihr Athos?«

»Nein!«

»Porthos?«

»Nein!«

»Aramis?«

»Nein. Wer sind diese Messieurs?«

»Musketiere des Königs. Kennt Ihr Monsieur de Tréville, ihren Capitaine?«

»O ja, diesen kenne ich; nicht persönlich, aber ich habe oft von ihm als einem braven und rechtschaffenen Edelmann sprechen hören.«

»Ihr fürchtet nicht, von ihm an den Kardinal verraten zu werden, nicht wahr?«

»O nein, gewiss nicht.«

»Nun, so enthüllt diesem Euer Geheimnis und fragt ihn, ob Ihr es mir, so wichtig, so kostbar, so furchtbar es auch sein mag, anvertrauen könnt?«

»Aber das Geheimnis gehört nicht mir und ich kann es nicht auf diese Art enthüllen.«

»Ihr wolltet es Monsieur Bonacieux anvertrauen«, sprach d’Artagnan etwas ärgerlich.

»Wie man einen Brief einem hohlen Baum, dem Flügel einer Taube, dem Halsband eines Hundes anvertraut.«

»Und doch seht Ihr wohl, dass ich Euch liebe.«

»Ihr sagt es.«

»Ich bin ein gefälliger Mann!«

»Ich glaube es.«

»Ich habe Mut.«

»Oh! Davon bin ich überzeugt.«

»Dann stellt mich auf die Probe.«

Madame Bonacieux schaute den jungen Mann mit einem letzten Zögern an. Aber es lag ein solcher Eifer in seinen Augen, eine solche Überzeugungskraft in seiner Stimme, dass sie sich hingezogen fühlte, d’Artagnan sich anzuvertrauen. Überdies befand sie sich in einem jener Verhältnisse, wo man alles für alles wagen muss. Die Königin war sowohl durch eine zu große Zurückhaltung als auch durch ein zu großes Vertrauen verloren. Dann müssen wir gestehen, dass das Gefühl, welches sich unwillkürlich für diesen jungen Beschützer in ihr regte, vollends zu sprechen bewog.

»Hört«, sprach sie, ich füge mich Euren Beteuerungen. Ich gebe Euren Versicherungen nach, aber ich schwöre Euch vor Gott, der uns hört, dass ich, wenn Ihr mich verratet und meine Feinde mich töten, Euch meines Todes anklage.«

»Und ich schwöre Euch vor Gott, Madame«, sagte d’Artagnan, »dass ich, wenn ich bei der Vollziehung Eurer Befehle ergriffen werde, sterbe, ehe ich irgendetwas tue oder sage, was einen Menschen gefährden könnte.«

Hierauf vertraute ihm die junge Frau das furchtbare Geheimnis an, das ihm der Zufall teilweise vor der Samaritaine geoffenbart hatte.

Das war ihre gegenseitige Liebeserklärung.

D’Artagnan strahlte vor Stolz und Freude. Das Geheimnis, welches er nun besaß, die Frau, die er liebte, das Vertrauen und die Liebe machten ihn zum Riesen.

»Ich reise«, sagte er, »ich reise auf der Stelle.«

»Wie! Ihr reist!«, rief Madame Bonacieux, »und Euer Capitaine, Euer Regiment?«

»Bei meiner Seele! Ihr habt mich das ganz und gar vergessen gemacht, liebe Constanze. Ja, Ihr habt recht, ich bedarf eines Urlaubs.«

»Abermals ein Hindernis!«, murmelte Madame Bonacieux schmerzlich.

»Oh! was dieses betrifft«, rief d’Artagnan nach kurzem Bedenken, »seid ruhig, ich werde es zu beseitigen wissen.«

»Wie dies?«

»Ich suche noch diesen Abend Monsieur de Tréville auf und veranlasse ihn, seinen Schwager, Monsieur des Essarts, um diese Gunst für mich zu bitten.«

»Nun, noch etwas anderes.«

»Was?«, fragte d’Artagnan, als er sah, dass Madame Bonacieux fortzufahren zögerte.

»Habt Ihr vielleicht kein Geld?«

»Vielleicht ist zu viel«, erwiderte d’Artagnan lächelnd.

»Gut«, versetzte Madame Bonacieux, öffnete einen Schrank und zog daraus den Sack, den ihr Gatte vor einer halben Stunde so verliebt gestreichelt hatte. »Gut, so nehmt diesen Sack.«

»Den Sack des Kardinals!«, rief d’Artagnan mit lautem Lachen, denn er hatte, wie man sich erinnert, durch Wegnahme seiner Fliesen keine Silbe von der Unterredung des Krämers und seiner Frau verloren.

»Ja freilich«, antwortete Madame Bonacieux, »Ihr seht, dass er sich unter einer sehr ehrwürdigen Gestalt präsentiert.«

»Bei Gott!«, rief d’Artagnan, »es wird doppelt belustigend sein, die Königin mit dem Geld Seiner Eminenz zu retten!«

»Ihr seid ein liebenswürdiger und artiger junger Mann«, sagte Madame Bonacieux. »Glaubt mir, Ihre Majestät wird nicht undankbar sein.«

»Oh! Ich bin bereits großartig belohnt«, rief d’Artagnan. »Ich liebe Euch. Ihr erlaubt mir, es Euch zu sagen, das ist bereits mehr Glück, als ich zu hoffen wagte.«

»Still«, sprach Madame Bonacieux zitternd.

»Was?«

»Man spricht auf der Straße.«

»Es ist die Stimme …«

»Meines Mannes, ja, ich erkenne sie.«

D’Artagnan lief an die Tür und stieß den Riegel vor.

»Er wird nicht eher eintreten, bis ich weggegangen bin«, sprach er, »und dann öffnet Ihr ihm.«

»Aber ich sollte ebenfalls weggegangen sein. Wie ließe sich das Verschwinden des Geldes rechtfertigen, wenn ich hier wäre?«

»Ihr habt recht, wir müssen fortgehen.«

»Wie dies? Er wird uns gehen sehen.«

»Dann müssen wir in meine Wohnung hinauf.«

»Ach!«, rief Madame Bonacieux, »Ihr sagt mir dies in einem Ton, der mich Bange macht.«

Madame Bonacieux sprach diese Worte mit einer Träne in den Augen. D’Artagnan gewahrte diese Träne und warf sich beunruhigt, gerührt vor ihr auf die Knie.

»Bei mir«, sagte er, »seid Ihr so sicher wie in der Kirche, darauf gebe ich Euch mein Edelmannswort.«

»So lasst uns gehen«, erwiderte sie; »ich traue Euch, mein Freund.«

D’Artagnan öffnete vorsichtig den Riegel wieder. Beide schlüpften leicht wie Schatten durch die innere Tür des Ganges, stiegen geräuschlos die Treppe hinauf und traten in das Zimmer d’Artagnans.

Sobald sich der junge Mann hier befand, verbarrikadierte er zu größerer Sicherheit die Tür. Dann näherten sich beide dem Fenster und sahen durch einen Spalt des Ladens Monsieur Bonacieux, der mit einem in einen Mantel gehüllten Mann sprach.

Beim Anblick dieses Mannes im Mantel sprang d’Artagnan auf und stürzte mit halb gezogenem Degen zur Tür. Es war der Mann von Meung.

»Was wollt Ihr tun?«, rief Madame Bonacieux, »Ihr richtet uns zugrunde.«

»Aber ich habe geschworen, diesen Menschen zu töten!«. sagte d’Artagnan.

»Euer Leben ist in diesem Augenblick anderen geweiht und gehört nicht Euch. Ich verbiete Euch im Namen der Königin, Euch in irgendeine Gefahr zu begeben, außer in die der Reise.«

»Und in Eurem Namen befehlt Ihr mir nichts?«

»In meinem Namen«, sagte Madame Bonacieux äußerst bewegt, »in meinem Namen bitte ich Euch. Aber horchen wir! Es scheint mir, sie sprechen von mir.«

D’Artagnan näherte sich dem Fenster und lauschte.

Monsieur Bonacieux hatte die Tür wieder geöffnet und kehrte, als er die Wohnung leer fand, zu dem Mann im Mantel zurück, den er einen Augenblick allein gelassen hatte.

»Sie ist fort«, sprach er, »sie wird in den Louvre zurückgekehrt sein.«

»Ihr wisst gewiss«, erwiderte der Fremde, »dass sie nicht vermutet, in welcher Absicht Ihr weggegangen seid?«

»Allerdings«, antwortete Bonacieux mit anmaßendem Ton. »Es ist eine zu gedankenlose Frau.«

»Ist der Gardekadett zu Hause?«

»Ich glaube nicht. Sein Laden ist, wie Ihr seht, geschlossen, und man sieht kein Licht durch die Spalten glänzen.«

»Gleich viel, man sollte sich vergewissern.«

»Wie dies?«

»Indem man an die Tür klopfen würde.«

»Ich werde nach seinem Bedienten fragen.«

»Geht!«

Bonacieux kehrte in sein Haus zurück, ging durch dieselbe Tür, durch welche die zwei Flüchtlinge geschlüpft waren, stieg bis zu dem Vorplatz d’Artagnan’s hinauf und klopfte.

Niemand antwortete. Um eine größere Figur zu spielen, hatte Porthos diesen Abend Planchet entlehnt. D’Artagnan hütete sich wohl, ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Im Augenblick, wo der Finger von Bonacieux an der Tür ertönte, schlugen die Herzen der jungen Leutchen gewaltig.

»Es ist niemand zu Hause«, sagte Bonacieux.

»Gut, doch gehen wir immerhin zu Euch hinein. Wir sind sicherer als auf einer Türschwelle.«

»Ach, mein Gott«, murmelte Madame Bonacieux, »wir werden nichts mehr hören.«

»Im Gegenteil«, sprach d’Artagnan, »wir hören nur besser.«

D’Artagnan hob die drei bis vier Fliesen auf, welche aus seinem Zimmer ein zweites Dionysiusrohr machten, breitete einen Teppich auf dem Boden aus, legte sich auf die Knie und gab Madame Bonacieux durch ein Zeichen zu verstehen, sie möge sich, wie er, gegen die Öffnung neigen.

»Ihr wisst gewiss, dass niemand zu Hause ist«, sprach der Unbekannte.

»Ich stehe dafür«, sagte Bonacieux.

»Und Ihr glaubt, dass Eure Frau …«

»In den Louvre zurückgekehrt ist.«

»Ohne mit irgendjemand zu sprechen, außer mit Euch?«

»Ich bin dessen gewiss.«

»Das ist ein wichtiger Punkt, versteht Ihr.«

»Also hat die Nachricht, die ich Euch überbracht habe, einigen Wert …?«

»Einen sehr großen Wert, mein lieber Bonacieux, ich will es Euch nicht verbergen.«

»Dann wird der Kardinal mit mir zufrieden sein.«

»Ich zweifle nicht daran.«

»Der große Kardinal!«

»Ihr wisst gewiss, dass Eure Frau in Eurer Unterredung mit Euch keinen Eigennamen ausgesprochen hat.«

»Ich glaube nicht.«

»Sie hat weder Frau von Chevreuse noch Monsieur von Buckingham noch Frau von Vernet genannt?«

»Nein, sie hat mir nur gesagt, sie wolle mich nach London schicken, um den Interessen einer vornehmen Person zu dienen.«

»Der Verräter!«, murmelte Madame Bonacieux.

»Still«, sagte d’Artagnan und nahm sie bei der Hand, die sie ihm, ohne daran zu denken, überließ.

»Wie dem sein mag«, fuhr der Mann im Mantel fort, »Ihr seid ein Tor, dass Ihr Euch nicht gestellt habt, als wolltet Ihr den Auftrag übernehmen. Ihr hättet jetzt den Brief, der Staat, den man bedroht, wäre gerettet, und Ihr …«

»Und ich …?«

»Nun, der Kardinal würde Euch in den Adelstand erheben.«

»Hat er Euch dies gesagt?«

»Ja, er wollte Euch diese Überraschung bereiten.«

»Seid ruhig«, erwiderte Bonacieux, »meine Frau betet mich an, und es ist noch Zeit.«

»Der Dummkopf!«, murmelte Madame Bonacieux.

»Still!«, sagte d’Artagnan und drückte ihr die Hand noch stärker.

»Wie, ist es noch Zeit?«, versetzte der Mann in dem Mantel.

»Ich kehre in den Louvre zurück, ich frage nach Madame Bonacieux, ich sage, ich habe mir die Sache überdacht, ich knüpfe die Angelegenheit wieder an, ich erhalte den Brief und laufe zum Kardinal.«

»Nun! Geht geschwind. Ich werde bald zurückkehren, um den Erfolg Eures Ganges zu erfahren.«

Der Unbekannte entfernte sich.

»Der Schändliche!«, sagte Madame Bonacieux, sich mit diesem Beinamen abermals an ihren Gatten wendend.

»Still!«, wiederholte d’Artagnan und drückte ihr die Hand immer stärker.

Ein furchtbares Gekreische unterbrach jetzt die Betrachtungen d’Artagnans und der Frau Bonacieux. Ihr Gatte hatte das Verschwinden seines Sackes bemerkt und schrie um Hilfe gegen Diebe.

»O mein Gott!«, rief Madame Bonacieux, »er wird das ganze Quartier in Aufruhr bringen!«

Bonacieux schrie lange Zeit, aber da dergleichen Geschrei, weil es sehr häufig vorkam, niemand zur Rue des Fossoyeurs zog, und da überdies das Haus des Krämers seit einiger Zeit in ziemlich schlimmem Ruf stand, so ging er, als er niemand kommen sah, hinaus, ohne in seinem Gekreische nachzulassen. Man hörte seine Stimme in der Richtung der Rue du Bac verhallen.

»Und nun, da er fort ist, ist es an Euch, wegzugehen«, sagte Madame Bonacieux. »Mut und besonders Klugheit! Bedenkt, dass Ihr Euch der Königin weiht.«

»Ihr und Euch!«, rief d’Artagnan, »seid ruhig, schöne Constanze, ich werde Ihrer Dankbarkeit würdig wiederkehren. Aber werdet Ihr mich dann auch Eurer Liebe würdig halten?«

Die junge Frau antwortete nur durch eine lebhafte Röte, welche ihre Wangen färbte. Einige Augenblicke nachher entfernte sich auch d’Artagnan, ebenfalls in einen großen Mantel gehüllt, aus welchem kavaliermäßig die Scheide eines langen Degens vorstand.

Madame Bonacieux folgte ihm mit jenem langen Liebesblick, womit die Frau den Mann begleitet, von dem sie sich geliebt fühlt. Aber nachdem er an der Straßenecke verschwunden war, fiel sie auf ihre Knie, faltete die Hände und rief: »O! Mein Gott! Mein Gott! Beschütze die Königin, beschütze mich!«

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