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Jim Buffalo – Band 6

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Diane Teil 2 – Kapitel 1

Alexander von Ungern-Sternberg
Diane
Ein Kriminalgemälde der modernen Gesellschaft
Berlin, 1842, Buchhandlung des Berliner Lesekabinetts
Zweiter Teil

Motto: Leicht ist’s, folgen dem Wagen, den Fortuna fährt.
Goethe, Harzreise im Winter

Erstes Kapitel

Der sechsjährige Amor und die Liebeserklärung Walter Scotts

In den Jahren, in welchen unsere Geschichte spielt, stieß dicht an die schöne Villa Albani bei Rom der Garten, der dem spanischen Gesandten gehörte, und der von den Diokletiansthermen einerseits und vom Castra praetoria andererseits eingeschlossen wurde. Ein Teil dieses Besitztums, und zwar derjenige, in dem die Bildsäulen, die springenden Wasser der Grotten und Bassins noch am besten erhalten waren, wurden abgesondert an reiche Fremde vermietet. Es war dieses eine Nebeneinnahme, die in den Säckel des Oberhofmeisters Seiner Exzellenza des Ambassadores fiel, denn der Gesandte, ein alter kränklicher Herr, zog es vor, in der entgegengesetzten Gegend der Stadt zu wohnen, wo er zwar nicht die Zypresse des Michel Angelo, dafür aber seinen Arzt in der Nähe hatte; denn Seine Exzellenza war ein abgesagter Feind aller geschichtlichen Erinnerungen sowie aller dunklen Laubgänge. Im Oktober dieses Jahres war das Zuströmen der Fremden nicht so stark, wie gewöhnlich dies der Fall zu sein pflegte. Die Völkerwanderung, die periodisch von England und Frankreich aufbricht und zu der ewigen Weltstadt pilgert, zählte dieses Mal nicht so viele Schwärmer. Daher kam es, dass der Garten länger leer blieb, als es, soweit der Oberhofmeister sich besinnen konnte, jemals geschehen war. Endlich nahm eine reiche Französin, eine Vicomtesse Blanche de Sanneterre, vom Garten der Villa Besitz. Sie hatte in ihrem Gefolge nur eine Pflegetochter und einen alten Verwandten, der eine stumme Rolle spielte und die Stelle eines Haushofmeisters vertrat. Diese Gäste nahmen die obere Etage mit den drei schönen Balkonen und der Galerie, die sich zum Klosterhof auf der Catosa öffnete, ein. Die Vicomtesse fand Gelegenheit, ihr Talent für die Anordnung eines geschmackvollen und eleganten Etablissements in Ausübung zu bringen. Da der vorherige Mietsmann, ein reicher Seidenfabrikant aus Wien, noch Überbleibsel seines schlechten Geschmacks in Menge hinterlassen hatte, so fing die Französin damit an, eine Masse schlechter Vergoldungen, schreiender Farben, übel angebrachter Draperien und schlechter Gipsabgüsse beiseitezuschaffen, indem sie sich bemühte, den Stil einzuführen, der in Paris als der Begünstigte erschien und den die herrschende Mode in der Künstlerwelt zum Gesetz gestempelt hatte. Die Vicomtesse de Sanneterre war eine junge Dame voll Geist und Leben. Es war nicht ihre Schuld, dass dieser Geist eine etwas falsche Richtung und dieses Leben öfters eine sehr erkünstelte Färbung annahm. Von frühester Jugend auf hatte man sie in den vornehmen Kreisen, in denen sie zu Hause war, als das Ideal aller weiblichen Liebenswürdigkeit und Grazie betrachtet. Sie spielte in Liebhabertheatern schon als sechsjähriges Kind den Amor mit so entzückender Wahrheit, dass Walter Scott, der damals Paris besuchte, sie in seine Arme zog und ihr eine Liebeserklärung in bester Form machte. Dieser Triumph, den der berühmte Verfasser der Waverley-Novellen dem Wunderkind bereitete, wurde in der Familie der Vicomtesse als Gedächtnismoment betrachtet, das auf die späteren Enkel vererben sollte, und auf das man sich berief, wenn von den Gaben eines so ausgezeichneten Wesens wie Blanche von St. Val die Rede war. Die schöne Blanche schritt rüstig weiter auf dem Weg der Siege. Als Lamartine seine berühmte Reise nach Syrien antrat und sich von der Lady Stanhope aus dem Libanon die berüchtigten Märchen von der Stute, die den Heiland tragen sollte, aufbinden ließ, begleitete Fräulein von St. Val, von drei alten Tanten geschützt, den liebenswürdigen Dichter und machte mit ihm Verse auf einem Tintenfass. Sie lauschte im Vorgemach, als die merkwürdige Unterredung zwischen einer Prophetin und einem sentimentalen Dichter stattfand, und zeichnete in ihr Album den dürren Hals und die unerfreulichen Schultern der neuen Sybille. Dieses Album wurde das Entzücken der legitimistischen Zirkel der Faubourg St. Germain. Man riss sich um die Ehre, die noch leeren Blätter mit Zeichnungen, Musiknoten und hingekritzelten Versen auszufüllen.

Die politischen Ereignisse der darauffolgenden bewegten Jahre ließen dieses Interesse sinken. Die Partei der schönen Talentvollen geriet in Verlegenheiten tausenderlei Art. Auf einige Zeit vergaß man Herrn Lamartine und das Album der Mademoiselle Blanche de St. Val. Aus Verzweiflung, sich vernachlässigt zu sehen, heiratete sie den Vicomte de Sanneterre, einen alten Herrn, der die Gefälligkeit hatte, bald zu sterben und seiner jungen Witwe einen schönen Namen und ein noch schöneres Vermögen zu hinterlassen. Frau von Sanneterre hielt nun einen Salon, in dem zur Aufgabe gestellt wurde, die alte Grazie und Feinheit der Jahre vor der großen Revolution wieder neu hervorzurufen und sie mit dem geläuterten Geschmack und der Genialität der Ideen des 19. Jahrhunderts zu verbinden. Dichter, Künstler, Komponisten waren hierin behilflich. Mehrere Jahre führte sie eine glänzende, aber dabei doch sehr unruhige Existenz. Die Ärzte rieten zu einer Reise, um die Nerven zu beruhigen. Die Vicomtesse begab sich, gefolgt von zwei berühmten Dichtern, nach Deutschland. Hier verweilte sie nur so lange, um ein Gedicht auf den Rhein zu machen, in Baden-Baden das Kostüm einer Schwarzwälder Bauersfrau in ihr Album zu zeichnen, in Wien den Fürsten Metternich zu sehen und ging dann über die Alpen nach Italien. In Mailand verließen sie ihre beiden Dichter. Sie kam allein in Rom an, um unter dem Schatten der Pinien zu träumen, und das lange Ach der Weltgeschichte schauerlich über Ruinen dahintönen zu hören. Aber die Welt lässt eine schöne junge Frau nicht lange allein träumen. Es fanden sich, sobald ihre Ankunft bekannt geworden war, eine Menge Müßiggänger der Pariser und Londoner Zirkel, die ihre Karten in die Villa Parini schickten. Künstler und Musiker drängten sich hinzu, um die Bekanntschaft von Paris in Rom zu erneuern. Mit der elegischen Ruhe war es vorbei. Drei Tage in der Woche wurden die Kerzen der Girandolen angezündet. Eine bunte Welt rauschte durch die Säle, und wieder tändelten Verse, tönten Melodien, flüsterten Epigramme um die schöne Witwe. Das Unglück war nun einmal nicht zu vermeiden. Ein Mittel, die Aufmerksamkeit ein wenig von sich abzulenken, ohne dass dabei die Eitelkeit etwas einbüßte, hatte die schöne Frau aber doch gefunden. Dieses zeigte sich in Gestalt ihrer Pflegetochter, die den Namen Poppäa führte, ein in der alten römischen Geschichte berühmter Name. Die Vicomtesse hatte das Mädchen als Waise zu sich genommen und in demselben ungewöhnliche Anlagen entdeckt, die sie sofort auszubilden beschloss. Musik, Malerei, Poesie, Tanz – alle Talente der Welt vereinigten sich in diesem zarten, ätherischen Wesen, das wie aus Morgenwolken und Blumenfasern gebildet zu sein schien. Die Vicomtesse war in einer fortwährenden Bewunderung für ihren Abgott, wie sie Poppäa nannte, und Poppäa ihrerseits, flocht Girlanden um ihre schöne Freundin, lag zu ihren Füßen auf dem Teppich und bildete, wo es sich nur irgend tun ließ, eine plastische oder malerische Gruppe mit ihrer Beschützerin. In all diesem lag unendlich viel Affektation und lächerliche Überspanntheit für ein deutsches Auge. Allein dem französischen Sinn behagte es, man fand das delicieux, admirable. Jules Janin schuf einen hinreißend interessanten Artikel über den römischen Salon der Vicomtesse, den er nicht gesehen hatte, in den Skizzen seiner italienischen Reise, dieser so angefochtenen und von Deutschland so arg bespöttelten Reise.

Eines Abends, als eben wieder die Säle erleuchtet wurden, saß Madame de Sanneterre schon völlig angekleidet in ihrem Kabinett. Das Haupt auf den Arm stützend, blickte sie träumend vor sich hin und sagte seufzend: »So ist es denn doch wahr, was die Dichter versichern, dass trotz aller Reize des Lebens, eine unabwendbare Leere unseres Herzens sich bemeistern kann. Ich erlebe es an mir. Wohin führen diese Triumphe, diese ewigen Siegesfeste der Schönheit, des Glanzes und der Mode? Ach, nur ein Augenblick der Herzensbefriedigung, und ich werfe sie alle dahin!« Frau von Sanneterre stand auf und ging, die Arme gekreuzt, langsam durch die erleuchteten Säle. Sie blieb vor einem der offenen Balkonfenster stehen. Ihr Blick ruhte auf der Landschaft, die im Mondduft ihr großartiges Panorama vor ihren Blicken ausbreitete. Das Geplätscher der Kaskaden gab die Melodie für diese stille Nachtfeier. Die Paläste Roms zeigten sich kaum erkennbar in der Ferne, nur die Kuppel von Maria Magdiore ragte in ihren dunklen Formen hervor, wie ein im Schlaf zusammen gebeugter Riese. Die schöne üppige Gestalt Blanches, das weiße Atlasgewand, das in schweren Falten herabfloss, der warm und weich modellierte Arm, der sich auf die Marmoreinfassung des Balkons stützte, und vor allem das edle Profil der jungen Französin, das auf dem dunklen Hintergrund günstig beleuchtet hervortrat, machte ihre ganze Erscheinung zu einem reizenden Bild, das Bewunderung und zärtliche Rührung erregen konnte. Diese schien auch der eben eintretende Gast in hohem Grad zu empfinden, der sich von ihr unbemerkt, langsam näherte und in der Entfernung von einigen Schritten ehrfurchtsvoll stehen blieb. Die stolze und kräftige Gestalt des jungen Mannes machte ihrerseits einen vorteilhaften Eindruck. In seinem Anzug wie in seiner Haltung waren keine Grimassen der Mode sichtbar, sein Antlitz entstellten keine jener Bartfragmente, aus allen Zeitaltern zusammengefügt, welche die Gesichter der Modegecken entstellen, sein Haar lag weder à la Jesus Christ in Locken auf den Schultern noch war es nach Weise eines muselmanischen Schädels glatt geschoren. Aus dieser edlen Einfachheit der Erscheinung erkannte man, dass der junge Mann kein Franzose war. Frau von Sanneterre wandte sich um und erblickte ihren Gast.

»Ah, Herr Graf!«, rief sie. Die Geister der Anmut und Fröhlichkeit nahmen wieder Besitz von ihren geistreichen Zügen. »Gerade an Sie dachte ich in diesem Augenblick.« Sie führte ihn ans Fenster und zeigte auf die Landschaft. Mit großer Geläufigkeit erklärte sie die einzeln hervorstehenden Punkte der Landschaft und der Stadt. »Aber Sie hören mich nicht an!«, rief sie plötzlich, sich unterbrechend. »Was ist Ihnen?«

Der junge Mann lächelte und erwiderte, er mache es wie Lord Nelvil. Während Corinna ihm die erhabenen Schönheiten der Peterskirche zeigte, sah er nichts als die Reize Corinnas.

Blanche wandte sich ab. Ein leichtes Erröten verschönte ihre Wange. »Ich habe die Corinna nur einmal und das mit Widerstreben gelesen«, hob sie nach einer Pause an. »Es ist für mich ein unangenehmes Buch. Die Madame Staël hatte Unglück in der Schilderung interessanter männlicher Charaktere. Zu ihrer Zeit liebte man noch diese blonden, nichtssagenden schönen, englischen Physiognomien, die unsere Zeit, welche mehr Charakter hat, rücksichtslos verbannt.«

»Aber Madame Staël hatte Napoleon und Byron zu Vorbildern«, bemerkte der Graf.

»Wurde jedoch von beiden schlecht behandelt«, entgegnete Blanche rasch, »und sie war nicht die Frau, das Genie da zu vergöttern, wo es uns mit Füßen tritt. Sie liebte die schönen unbedeutenden Männer, weil sie diese unbedenklich beherrschen konnte. Ich fühle aber zu Deutsch, um eine Größe wie die der Frau von Staël zu bewundern. Dies gestehe ich offen.«

»Ach, Madame, wie reizend macht sie dieses Bekenntnis in meinen Augen!«

»Ich stehe nicht als die Einzige da, welche dieses ausspricht«, setzte Blanche hinzu. »Wir Franzosen gestehen gern die intellektuelle Macht Ihres Landes ein. Wer möchte leugnen, dass ein Deutscher unserer Musik eine tiefere Bedeutung gegeben, dass von deutschen Dichtern unsere Muse den höheren Flug der mysteriösen Fantasie gelernt, dass endlich Delaroches Gemälde wieder an die grandiose Einfachheit der Komposition eines Holbein und Dürer erinnern. Aber dieses mahnt mich, dass ich Ihnen ein kleines, sehr zierliches Salzfass zeigen wollte, welches man mir heute gebracht hat, und das für eine Arbeit von einem Schüler Benvenuto Cellinis, wenn nicht gar von ihm selbst gilt. Kommen Sie, mein Freund, ehe die Zimmer sich füllen und uns der Weg versperrt wird.«

Von der Betrachtung des Kunstwerks gingen die beiden Vertrauten zu der eines Gemäldes über. Als auch dieses besprochen war, fanden sich immer neue Gegenstände, welche veranlassten, dass der Graf und die Vicomtesse sehr lange und sehr angelegentlich miteinander verkehrten, trotz dem, dass die Gemächer schon längst angefangen hatten, sich zu füllen. Endlich riss sich Frau von Sanneterre von der Bewunderung der Kunst los und trat in den Salon. Sie war so strahlend von Schönheit und zeigte ein so glückliches Lächeln, dass sie belebend auf ihre Umgebung wirkte. Der junge Graf blieb unausgesetzt in ihrer Nähe. Der gewöhnliche Lärm der Kunstgenüsse begann. Auf einem Diwan mit weißen Seidenpolstern lag die kranke blasse Gestalt Poppäas unter lauter Blumenketten und veränderte nach den Akkorden einer sanften Musik fortwährend ihre Stellungen, bald eine Flora, bald einen schlafenden Amor, bald eine lauschende Nymphe, bald einen entflatternden Engel, bald eine kranke und in ihre Schleier gewickelte Sylphide, und der Himmel weiß, was noch für ätherische Gebilde darstellend. Dann wurde die Abschiedsszene aus Romeo und Juliette dargestellt, bei welcher Gelegenheit Poppäa fast lebensgefährlich aus dem offenen Fenster hing und der wirkliche Mond, keine Theaterlaterne, die Küsse Romeos, eines schönen jungen Pianovirtuosen, beleuchtete. Diese Szene hatte allerdings etwas Verführerisches und wirkte magisch auf manchen Sinn, der den gewöhnlichen Kulisseneffekten schon völlig abgestorben war. Dann deklamierte wiederum Poppäa einige Strophen aus dem Don Juan von Byron, und zuletzt vollendete sie die Triumphe dieses Abends durch eine meisterhaft getanzte Cachucha, mit Stellungen, die der berühmten Taglioni abgeborgt waren. Die Vicomtesse schloss ihren Pflegling in die Arme, indem sie begeistert ausrief: »Arme kleine Sylphide, du bezahlst die Entzückungen, die du uns bereitest, zu teuer! Deine Wangen glühen, dein Herz klopft ungestüm, deine Blicke gehen irre. Ruhe, mein Engel, Ruhe wird dir jetzt am nötigsten sein. Hier ist ein Platz auf dem Sofa, ich werde die rosenrote Gaçe über dich breiten. Du sollst wie unter Rosenduft schlummern und träumen.« Frau von Sanneterre wickelte ihre hübsche Puppe sorgfältig ein, und lehnte sich von Zeit zu Zeit über sie, um ihre Atemzüge zu belauschen, und die Gesellschaft brach jedes Mal über diese Gruppe in laute Bewunderung aus.

Nichts war jedoch dem jungen Deutschen unangenehmer, als Frau von Sanneterre Spiel mit dem kranken, verbildeten und überreizten Kind. Er hatte die talentvolle Poppäa schon oft in die weiteste Ferne gewünscht, denn sie bereitete ihm seit einiger Zeit sehr peinvolle Momente. Er zweifelte durchaus nicht, dass Frau von Sanneterre, wenn sie dieses Pfleglings entbehre, um vieles einfacher natürlicher und liebenswürdiger sein würde; aber jedes Wort, das er über Poppäa sagte, erregte jedes Mal eine Revolution im Herzen der Französin.

»Ich kann ohne diesen Engel nicht leben«, sagte sie ihm einst mit großem Ernst. »Er erheitert meine Tage. Indem er mich an die ewig frische Quelle der Poesie erinnert, füllt er zugleich die Leere meines Herzens aus, das durchaus der Liebe und Anhänglichkeit eines menschlichen Wesens bedarf.«

Auf diese Erklärung hatte der junge Mann nicht den Mut, etwas zu erwidern. Er setzte seine Besuche bei der Vicomtesse fort. Allein er erschien nie an den Abenden, wo die sogenannten Szenen arrangiert wurden. Die Französin nannte ihn dafür ihren deutschen Sonderling und lachte über ihn.