Zweiter Advent

Story-Tipps

Eiszeit

Download-Tipps

Die Waldmühle

Archive
Folgt uns auch auf

Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten – Teil 6

Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten, vorzüglich neuester Zeit
Erzählt und erklärt von Gottfried Immanuel Wenzel
Prag und Leipzig 1793

Der Geist meines Sohnes

Bester Freund!

Einen Brief wie dieser, erwarten Sie wohl von mir nicht. Ich habe meinen Sohn gesehen und gesprochen. Wie dieses möglich war, wie dieses wirklich geschehen konnte, ohne Apparat, ohne Maschinenwerk, bloß mittelst einiger rauchenden Kräuter geschehen konnte. Dies Problem sei eine Aufgabe für Ihre Philosophie. Vernehmen Sie den Hergang der Sache. Sie wissen, dass ich gleich nach dem Tod meines geliebten, hoffnungsvollen Sohnes, des einzigen Überrestes einer glücklich durchgelebten Ehe, nach D… reiste. Der Freund, den ich besuchen wollte, und in dessen Umgang ich Trost im Leiden zu finden glaubte, war zu meinem größten Missmut den Tag vor meiner Ankunft in Dienstangelegenheiten abgefahren, und man erwartete seine Rückkunft erst in einigen Wochen.

Ich stieg also im Gasthof Zum Lamm ab und bekam eine Stube dicht am Zimmer eines reisenden Russen.

Da ich einmal schon in der Hauptstadt war und die Reise doch nicht umsonst getan haben wollte, so nahm ich die Besorgung einiger Geschäfte zur Hand, von denen ich vorhersah, dass sie mich ungefähr eine Woche aufhalten würden. Niedergebeugt vom empfindlichen Schlag, den ich erlitt, war ich für gesellschaftliche Unterhaltung nicht gestimmt. Ich entzog mich daher der gemeinschaftlichen Tafel und bat den Wirt, mir das Essen auf die Stube zu schicken. Ebenso lebte der Russe auch. Die Fenster unserer Zimmer gingen in einen Garten. Des Abends öffnete ich das meine und besah den Garten. Der Russe lag soeben in dem seinen und schmauchte eine Pfeife. Ich grüßte ihn, und er dankte mit vieler Freundlichkeit. Seine Miene war einnehmend, und ein geheimes Etwas zog mich gleich beim ersten Blick unwiderstehlich an den Mann. Ich konnte mich nicht enthalten, ein Gespräch anzubinden. Ein starker Wind nötigte uns abzubrechen und die Fenster zu schliesßen. Ich lud meinen Nachbarn auf mein Zimmer. Er kam. Wir sprachen mancherlei. Der Russe verriet ausgebreitete Kenntnisse, große Belesenheit, viele Erfahrung und ebenso viel Bescheidenheit. Ich war nur Ohr in der Gesellschaft des Mannes, der mir mit jedem Augenblick schätzbarer wurde. Während des Gesprächs bemerkte ich oft, dass mich mein fremder Freund sehr genau beobachtete.

Schon war es allmählich Zeit, zu Bett zu gehen.

Der Russe stand auf, drückte mir die Hand, sah mir starr ins die Augen und sagte mit einem bedeutenden Ton: »Innerer Gram nagt an Ihrem Herzen. Suchen Sie Zerstreuung.«

Ein tiefer Seufzer entfuhr unwillkürlich meiner Brust.

»Habe ich Wahrheit gesprochen?«, fuhr er fragend fort.

»Das haben Sie!«, antwortete ich.

»Suchen Sie Zerstreuung«, sagte er noch einmal, »Gram und Unmut töten die Seele.« »Die Wunde ist zu groß, Herr. Ich fürchte, ich verblute. Ich habe alles verloren.«

»Und der Verlust ist unersetzbar? Vergeben Sie meiner vielleicht zu dreisten Frage.«

»Unersetzbar für dieses Leben.«

»Vermutlich raubte Ihnen der Tod …«

»Meinen Sohn, Herr! Ihn, der mich nur allein an dieses Erdenleben noch knüpft, in dem ich die Stütze meines Alters, den Trost meiner letzten Tage sah.«

Diese Erinnerung an den Verstorbenen riss mich dahin. Mit lebhaften Farben malte ich das Bild des geliebten Jünglings und sprach vielleicht mehr zum Lob des Verblichenen, als der Vater sprechen sollte.

»Ihr Verlust, mein Freund, ist groß«, begann der Russe wieder, als ich aufgehört hatte. »Es ist billig und löblich, dass Sie dem Toten eine Träne weihen. Trösten Sie sich mit dem Gedanken, er war zu gut für die Welt. Der Herr nahm ihn, um ihn einst wieder zu geben dem Vater im Glanz der Herrlichkeit.«

»Nur im Wiedersehen ist Trost!«

Diese Worte sprach ich ohne deutliches Bewusstsein. Die Wehmut hatte mich übermannt.

»Wenn das ist, so haben Sie Trost gefunden. Sie sollen Ihren Sohn sehen!«, fiel mir der Russe hastig in die Rede.

»Meinen Sohn sehen …«

»Sehen und sprechen …«

»Wie verstehen Sie das?«, fragte ich stotternd.

»Nach dem Buchstaben. Gute Nacht für heute.«

Ich wusste nicht, wie mir geschah. Der Russe ging auf sein Zimmer.

Die Gestalt des Verstorbenen schien vor mir zu stehen. Mein Herz klopfte. Ich fühlte Wallungen in jeder Ader. Angekleidet warf ich mich aufs Bett. Nur spät kam Schlaf in meine Augen. Ich träumte die Todesstunde des Sohnes. Als ich erwachte, saß schon der Russe neben mir. Wir sprachen Folgendes:

Der Russe: Sie haben eine üble Nacht gehabt. Ich hörte Ihre Bewegungen.

Ich: Ihre Worte wirken zu sehr auf mich.

Der Russe: Wollen Sie wirklich den Todten sehen?

Ich: Wie ist das möglich?

Der Russe: Ich frage, ob Sie den Verstorbenen sehen und sprechen wollen?

Ich: Wer kann seine Seele rufen, dass sie komme sichtbar dem Menschenauge?

Der Russe: Es gibt Dinge in der Natur, sagt der Brite, von denen sich unsere Philosophie nichts träumen lässt. Ich will Sie sehen lassen den Geliebten Ihres Herzens.

Ich: Herr! Beim ersten Anblick floh Ihnen mein Herz zu. Ich verehre Sie, aber ich begreife nicht, … doch … wenn Sie das können …

Der Russe: Wohlan, ich sehe, es ist Ihr Wille. Er soll befriedigt werden. Nur acht Tage Zeit heischet die Erscheinung. Sie sollen Ihren Sohn sehen, wenn Sie anders die Bedingungen eingehen, die ich Ihnen vorschreiben, und pünktlich alles das befolgen, was ich von Ihnen fordern werde. Außerdem stehe ich nicht für einen glücklichen Ausgang, nicht für Gefahr.

Ich: Ich überlasse mich ganz Ihrer Leitung.

Der Russe: Nun denn! Durch diese acht Vorbereitungstage zum wichtigen Werk hüten Sie sich vor jeder heftigen Leidenschaft. Vermeiden Sie allen Umgang mit Menschen, und gehen nicht außer Haus, enthalten sich vom Genuss allen Fleisches, denken täglich an den zu erscheinenden Toten, erwägen den gesellschaftlichen Umgang mit ihm und erinnern sich seiner im Gebet. Dies ist, was Sie vor der Hand zu beachten haben. Am neunten Tage sehen wir uns wieder.

Er küsste mich und verließ meine Stube. Ich tat, was mir der Mann befohlen hatte und erwartete voll Ungeduld den neunten Tag. Mit Sonnenaufgang trat der Magiker, so nenne ich ihn, in mein Zimmer. Heiter war seine Miene, sanft sein Blick. Im Ganzen herrschte milder Ernst. Ich eilte ihn zu küssen.

Der Russe: Sie wollen also Ihren Sohn sehen?

Ich: Ich wünschte es sehnlich.

Der Russe: Heute, zur Stunde der Mitternacht, wird er Sie Vater begrüßen. Sie haben doch genauestens meine Vorschriften befolgt?

Ich: Ja.

Der Russe: So vernehmen Sie noch welche: Aus dem Kreis, den ich Ihnen beim Werk anweise, wagen Sie nicht zu treten. Verlangen Sie nicht von mir, dass der Geist zum zweiten Mal erscheine, wenn er sich weigern sollte. Machen Sie keine Frage an ihn, von der Sie mich nicht zuvor unterrichtet haben. Was wollen Sie den Toten fragen? – Ich: Nach dem Zustande seiner Seligkeit; nach dem Leben jenseits des Grabes.

Der Russe: Das können Sie. Und nun bringen Sie den ganzen heutigen Tag in meiner Gesellschaft zu, speisen mit mir und verlassen mich erst nach der Erscheinung.

Wir blieben beieinander, lasen und sprachen von der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens, von der Leere der Vergnügungen, waren ruhig und ernst. Die Mahlzeit war mehr als mäßig. Nach derselben gab mir der Russe ein Glas süßen Weins, den er bei sich führte. Er selbst trank nicht. Gegen Abend wandelte mich die Lust zum Schlafen an. Der Magiker ließ mich nicht schlafen. Um zehn Uhr nachts gab er mir abermal ein Glas. Um 11 Uhr verließ er mich. Ich betete. Es war mir sonderbar zumute. Um halb zwölf kam er wieder, in einem langen weißen Habit gekleidet, barfuß. Die Haare flossen ungepudert und durchgekämmt die Schultern herab. In der rechten Hand trug er eine Glutpfanne, in der linken ein mäßig starkes Paket. Ein Kruzifix hielt er unter dem Arm. Beim Eintritt küsste er mich auf die Stirn, stellte Kruzifix und Glutpfanne auf den Tisch, zog ungefähr 7 bis 8 Schritte von demselben einen Kreis mit Kreide, schlug die Fensterläden zu und öffnete das Paket, worin Kräuter und Pulver waren.

»Streuen Sie mit eigener Hand diese Kräuter und dieses Pulver auf die Glut«, sprach er, »und begeben sich schnell in den Kreis.« Er stand seitwärts am Tisch.

Ich streute die Ingredienzen auf die Kohlen und trat, ich gestehe es, sehr beängstigt in den Kreis.

Der Magiker streute nun selbst aus voller Hand. Es knisterte in der Pfanne, und bald erhob sich eine dicke Rauchwolke, die sich nach und nach aufhellte und eine weißlichte Gestalt enthielt, die über der Kohlpfanne in Lebensgröße zu schweben schien. Ich sank beinahe ohnmächtig nieder, denn es war – mein Sohn. Die Sinne vergingen mir, ich sah den Magiker nicht. Nur den Geliebten meiner Seele sah ich sanft lächelnd vor mir. An die Lehne eines Stuhls mich festhaltend, wagte ich es mit gebrochener Stimme mit dem Geiste zu reden: »Sohn! Geliebter! Ist es dir erlaubt, dem Ohr der Sterblichen des Himmels Seligkeit zu offenbaren, so rede …«

Ich vernahm eine antwortende Stimme, aber des Inhalts erinnere ich mich nicht mehr.

Die Erscheinung verschwand, und mir war es, als erwachte ich aus einem schweren Traum. Kopf und Augen waren angegriffen; ich fühlte großen Schmerz. Im Unterleib empfand ich ein Zusammenziehen. Nun stand der Magiker wieder in gewöhnlicher Kleidung da, Kruzifix, Glutpfanne und Kräuter waren weggeräumt, die Fensterläden geöffnet und zwei Kerzen brannten am Tisch. Der Russe gab mir Wasser mit Essig zu trinken und befahl mir, den Letzteren zu schnupfen, entkleidete mich und brachte mich zu Bette. Ich schlief sogleich ein, schlief fest, ohne zu träumen. Des Morgens erwachte ich erst um zehn Uhr. Der Russe bat mich, die Geschichte nicht mehr zu erwähnen. Ich versprach es dem Mann.

Freund – sind Sie dies Faktum zu erklären imstande? Leben Sie wohl!

Antwort

Lieber Freund!

Hier haben Sie die Erklärung. Unter allen materiellen Dingen wirken Rauchwerke am meisten auf die Einbildungskraft. Ich begreife also gar wohl, wie der Russe ohne allen sonstigen Apparat und ohne Maschinenwerke die Erscheinung hervorbringen konnte. Das Rauchwerk bestand aus Pflanzen, die auf die Sinne und vorzüglich auf das Gehirn Einfluss haben, den Menschen betäuben und also unter die Klasse der narkotischen gehören, wie zum Beispiel Belladonna, Stramoneum, Opium, Solanum, u.a.m. Mit diesem oder ähnlichem Rauchwerk versehen, schritt er kühn zur Operation, des guten Erfolgs um so mehr versichert, je näher er es sich angelegen sein ließ, die Lebhaftigkeit Ihrer Einbildungskraft, und überhaupt den Zustand Ihrer Seele auszuspähen.

Doch, um Ihnen Genüge zu leisten, will ich jeden mir wichtig scheinenden Umstand Ihres Briefes besonders ausheben, die Handlungen des Magikers Schritt vor Schritt verfolgen und das Wunderbare von demselben abzustreifen versuchen.

Gleich nach dem Tode Ihres geliebten Sohnes reisten Sie nach D… Es war also das Bild dieses hoffnungsvollen Jünglings noch frisch und lebhaft im Bildervorrat Ihrer Imagination, mithin umso leichter auch bei der geringsten Veranlassung zu erwecken und in seiner vollen Klarheit hervorzurufen.

Dieses geschah auch wirklich, da der Russe vom Raub des Todes sprach. Meinen Sohn hat mir der Tod geraubt!, fielen Sie ihm leidenschaftlich ins Wort und verloren sich in der Schilderung und den Lob des Abgeschiedenen. Hieraus schloss der philosophische Mann, dass Sie diesen, sehr schmerzenden, so tief beugenden Verlust nur vor kurzer Zeit erlitten haben mussten, indem heftige Gemütsbewegungen nicht lange anhalten können, und jeden Schmerz, sei er noch so groß, die Länge der Zeit mildert und tilgt. Ferner schloss er, dass das Imaginationsbild Ihres Sohnes ohne viele Mühe zum Bild der Empfindung gemacht werden könne, und fasste den Entschluss, eine Probe an Ihnen zu machen; an Ihnen, der Sie ihm schon sowohl von der Seite Ihres Charakters als auch von der Seite Ihrer gegenwärtigen Gemütsstimmung bekannt worden sind; an Ihnen, von dem er wusste, dass er Eindruck, vorteilhaften Eindruck in Sie gemacht habe, Wissen konnte er das aus Ihrem Betragen und der Art, wie Sie ihn nahmen, Ueberdies hatte er Sie ja im vorangegangenen Gespräch hinlänglich ausgehorcht und, wie Sie selbst sagen, genau beobachtet. Hiedurch wusste er denn auch, dass Gram an Ihrem Herzen nage.

Im Wiedersehen ist nur Trost. Durch diese Ihnen entfallenen Worte gaben Sie dem Magiker von selbst Gelegenheit an die Hand, Ihnen den Antrag der Erscheinung zu machen, die er vielleicht sonst später hinaus verschoben haben würde.

In des Russen Reden und seinem ganzen Betragen herrschten von diesem Augenblick an Würde und ein gewisser Ernst. Beides nahm er an, um sich wichtig und bedeutend in Ihren Augen zu machen; beides ein notwendiges Mittel dem, der Gräber aufbricht und Schatten hervorruft, dem Geister gehorchen.

Der Magiker forderte acht Tage, sich vorzubereiten. Er hatte auch weniger gebraucht, denn Sie hatten schon die rechte Stimmung. Er verbot jede heftige Leidenschaft, weil heftige Leidenschaften Ihren Ton verändert und die Einbildungskraft vielleicht in eine andere hierher nicht passende Wirksamkeit versetzt haben würden.

Aus gleichem Grund durften Sie auch nicht unter Menschen und aus dem Haus. Zerstreuung, neue Eindrücke wären nicht zweckmäßig gewesen. Ihr Zuhausebleiben machte, dass Sie nur immer der fixen Idee von Ihrem Sohn nachhingen und sein Bild immer mehr und mehr zum Leben erhoben. Dieses beförderte der Magiker noch mehr dadurch, da er Ihnen stets Erinnerung an ihn, ja sogar Erinnerung im Gebet empfahl. Dass Sie nicht Fleisch essen durften und nur äußerst mäßig leben mussten, hat seinen guten Grund. Völlige Enthaltsamkeit vom Fleisch und sparsamer Genuss anderer Nahrungsmittel schwächt bald den, der ans Fleischessen gewohnt ist. Ein geschwächtes Subjekt ist um so leichter durch narkotische Nittel zu betäuben. Man weiß auch, dass die Visionen der Alten und die weissagenden Priester der Orakel ein Großes aufs Fasten und die Enthaltsamkeit vom Fleische gehalten haben.

Es war Ihnen verboten, aus dem vorgezeichneten Kreis zu treten. In anderen Fällen ähnlicher Art kluge Vorsicht, hier nur Stratagem.

Sie sollten nicht verlangen, dass der Geist zum zweiten Mal erscheine, wenn er sich weigern sollte. Vorbeugung, dass Sie ja nicht, falls die erste Erscheinung nicht gelungen wäre oder Ihnen nicht genug getan hätte, eine zweite verlangen, wo das Ganze leicht als Illusion anerkannt werden könnte.

Sie durften keine Frage an den Geist machen, von der Sie nicht eher den Magiker unterrichtet haben, denn Sie hätten wohl etwas fragen können, worauf der Künstler zu antworten nicht gewusst hätte. Wusste er aber um die Frage, so stand es in seiner Willkür, sie anzunehmen oder nicht.

Diese Bedingungen mussten Sie pünktlich erfüllen oder Sie sahen nichts und liefen Gefahr, zu verunglücken. Das Letztere war im gegenwärtigen Fall nur Drohung. Durch das Erstere aber sicherte sich der Magiker für den Fall ab, wenn das Experiment nicht gelang, wenn Ihre Einbildungskraft nicht so dienstgefällig sein sollte, Sie den Geist ansichtig werden zu lassen.

Gewiss würde es dann geheißen haben: Sie erfüllten die Bedingungen nicht gehörig und können dem Himmel danken, dass Sie noch mit heiler Haut davongekommen sind.

Am Tag der Erscheinung verließ Sie der Magiker nicht. Er wollte noch den höchsten Grad des erforderlichen Tons Ihrer Imagination geben.

Er ließ Sie ein Glas von seinem Wein trinken. Er selbst trank nicht. Sie wurden schläfrig. Der Wein war narkotisch. Dies beweist der Sie anwandelnde Schlaf.

Um 10 Uhr tranken Sie noch ein Glas. Diese Dosis fehlte noch, um die Nerven des Gehirns zur lebhaftesten Schwingung zu bringen.

Nun erschien der Magiker. Sie und er räucherten. Der betäubende, aufs Gehirn wirkende Rauch bildete eine Wolke. Sie erwarteten fest Ihren Sohn. Sie glaubten fest, dass er kommen würde. Sein Bild stand ausgemalt vor Ihrer Seele. Der Rauch reizte Ihre schwingenden Nerven. Sie zitterten, sie bebten, sie schwangen sich so, als ob der Verstorbene selbst in sie wirkte. Eine feierliche Stille herrschte um Sie her, kein fremder Eindruck störte Sie. Der Reiz war aufs Höchste gestiegen; die Rauchwolke war da. Die Einbildung wurde zur Empfindung. Der geliebte Sohn stand in der Wolke. Sie erschraken. Die prüfende Vernunft hatte keine Stimme, Sie redeten mit dem Geist. Der Künstler antwortete, den Sie in Ihrer Extase und auch des Rauches wegen nicht sahen.

Sie wähnten, der Geist tue es. Ihr betäubtes Gehirn fasste den Eindruck der Rede nicht. Sie wussten nicht, was geredet wurde. Der Rauch hatte sich verzogen. Niemand streute mehr auf die Glut. Die Erscheinung war vorüber.

Sie erwachten wie aus einem schweren Traum. Und Traum war wirklich auch Ihr Zustand. Kopfweh, Augenschmerzen, Zusammenziehungen des Unterleibes, alles das sind Folgen des narkotischen Rauches, des Schrecks, des Pathos, in dem Sie waren. Auch der Magiker musste leiden, nur litt er im minderen Grad.

Es war alles abgeräumt, als Sie erwachten. Dieser Umstand beweist, dass Sie eine gute Weile träumend und vom Schreck gleichsam gelähmt am Lehnstuhl gestanden haben mochten.

Hier haben Sie also, lieber Freund, den Aufschluss des ganzen Geheimnisses. Hätte der Russe nicht gewusst, dass Sie einen erst kürzlich Verstorbenen beweinen, hätte er Sie nicht in die größte Traurigkeit versetzt gesehen, nicht Ihren moralischen Charakter genau ausgeforscht und Sie überhaupt nicht so empfänglich für alles, was er sagte, nicht so geneigt, die Erscheinung zu sehen, gefunden, er würde Ihnen sicher noch andere Fragen, noch andere Bedingungen vorgelegt, dadurch Sie noch näher kennengelernt und immer mehr ausgespäht haben; zum Beispiel:

– Welche ist Ihre herrschende Leidenschaft?

– Womit pflegen Sie sich gewöhnlich zu vergnügen?

– Welche Speisen essen Sie am liebsten?

– Welchen Krankheiten sind Sie unterworfen?

– Sind Sie raschen oder sanften Charakters?

– Wie alt war der Verstorbene?

– Was für eines Temperaments? usw.

Ihre Antworten auf diese Fragen hätten ihm da Licht angezündet, wo er noch im Finstern tappte. Doch hier war der Fall, wo eine solche Genauigkeit nötig gewesen wäre, nicht. Darum ging auch der Russe einfacher zu Werke. Leben Sie recht wohl!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.