Download-Tipps

Die drei Templer

Archive
Folgt uns auch auf

Anne Boleyn Band 1 – Kapitel 17

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Erster Band

17.

Annes heimliche Verlobung mit dem König

Heinrich zitterte vor Zorn, als er die Nachricht vom Aufschub erfuhr, und gelobte in seinem Herzen, diese List dem Kardinal Wolsey nie zu verzeihen. Mit Eifer schürten des Letzteren Feinde des Königs Unzufriedenheit, denn der Kardinal hatte nicht nur durch seinen Übermut den Adel aufs Tiefste verletzt, sondern noch mehr durch seine Ausschweifung und sein Benehmen gegen die Königin sich den Hass des Volkes zugezogen. Aber Heinrich wusste zu gut, dass er der kräftigen Hilfe Wolseys in seiner Sache bedurfte, um diesen so rasch von sich zu stoßen. Er verbarg daher seine Empfindlichkeit und gab sich die Miene, in Ergebung die Verzögerung zu ertragen. Noch spät eines Abends ließ er jedoch den Grafen von Wiltshire, Annes Vater, zu sich entbieten. Als dieser, im hohen Grade verwundert, ins königliche Gemach trat, ging der König ihm mit den Worten entgegen: »Was für Nachrichten ans Never?«

»Majestät, die besten«, war die Antwort. »Aber Anne verharrt darauf, in Never zu verbleiben, trotz meiner inständigen Bitten, dass sie ihre frühere Stelle bei der Königin wieder einnehmen möge.«

»Majestät müssen es ihr zu gut halten«, sagte der Graf. »Es gilt dem reinen Namen meiner Tochter, der Ehre meines Hauses. Die Auszeichnungen Ihrer Majestät sind zu wohl bekannt, als dass sie nicht leicht Verleumdung erregen könnten.«

»Graf«, sagte der König hastig, aber mit finsterer Stimme, »meine Absichten mit dem Mädchen sind ehrlich. Ich bin noch nicht frei, meine Hände sind mir gebunden. Diejenigen Männer, von denen ich Rat und Hilfe erwartet hatte, verlassen mich. Aber so wahr ich König von England bin, sie sollen mich nicht von Anne trennen – weder Papst noch Kaiser. Es ist mein Wille, dass Ihr noch heute Nacht nach Never aufbrecht und Anne meinen Besuch meldet.«

»Majestät!«, bat der alte Edelmann.

»Nichts da!«, fiel ihm Heinrich heftig ins Wort. »Euer Zweifel an meiner Ehre soll schwinden und auch Anne mir vertrauen. Hier verpfände ich Euch feierlich mein königliches Wort, dass Eure Tochter Königin von England an dem Tag sein soll, wo meine Scheidung ausgesprochen wird. Versteht Ihr mich? Nun werdet Ihr mir wohl gestatten, meine Braut zu sehen, sei es auch vor der Hand nur insgeheim. Brecht also auf, Graf, und überbringt Eurer holden Tochter diesen Ring, den sie zum Andenken meiner königlichen Huld tragen möge. Übermorgen erwartet mich!«

Er winkte mit der Hand zum Abschied. Stumm, betroffen, verwirrt von dem unerhörten Glück verließ der Graf das Schloss. Noch ehe der Tag graute, befand er sich auf dem Wege nach Never.

»Der Würfel ist gefallen!«, sagte Heinrich zu sich selbst, unruhig auf und ab gehend. »Mein Wort verpfändet – ich kann nicht mehr zurück. Vorwärts denn, ohne Schrecken und Furcht! An der Seite dieses holden Engels, umgeben von einer herrlichen Familie, werde ich neues Lebensglück genießen. Wolsey wird zürnen, der Kaiser mich mit Waffen bedrohen, der Papst eine Exkommunikationsbulle gegen mich schleudern. Was tut es? Annes Besitz wird mich für alles entschädigen.«

Plötzlich aber verschwand der frohe Ausdruck aus Heinrichs Antlitz. Inmitten dieses Jubels stieg ein Phantom herauf, bei dessen Anblick er erblasste. Es war das Bild seiner einst so geliebten, ja vergötterten Gemahlin, der nun so tief gekränkten, leidenden Katharina. Der König seufzte mehrmals schwer auf, in seiner kräftigen Brust wogte es stürmisch, denn die Erinnerung an seine Jugendliebe, an ihre unerschütterliche Treue drohte ihn zu überwältigen. Fast hatte er Anne in diesem Augenblick vergessen. Aber nicht lange dauerte der Kampf. Der gute Engel Heinrichs floh von dieser Stunde an aus seiner Seele und machte den Dämonen der Lust, der Rachgier, der Habsucht Platz.

Schöner und glänzender war Anne nie erschienen, als an dem Tag, wo sie vom königlichen Bewerber in Gegenwart ihrer Eltern den Verlobungskuss empfing. Sie hatte einen äußerst geschmackvollen Anzug gewählt, in ihr dunkles Haar und um den stolzen Nacken die Perlen geschlungen, welche er ihr verehrt hatte. Ein reizendes Lächeln befriedigten Stolzes und erkünstelter Zärtlichkeit spielte um den seinen Mund, während ihre Gestalt an Würde einer Königin glich.

»O, wie freue ich mich, wenn ich die Krone Englands auf dieses schöne Haupt sehen darf«, sagte der entzückte Monarch, als sie ihm beim Abschied auf seine Bitte durch den schönen alten Park zu Never begleitete. »Wie lang wird mir die Zeit erscheinen, bis ich dich, mein Liebling, mein nennen, dich als meine Gattin begrüßen darf.« Er legte dann den Arm um ihre feine Taille und stieg die kleine Anhöhe mit ihr hinauf.

»Könnt Ihr Euch fest auf Wolseys Treue verlassen, Majestät?«, fragte Anne nach einer Pause. »Glaubt Ihr, dass es noch lange währen wird, bis Ihr frei werdet?«

»Ich baue auf ihn, wie auf meine eigene Seele, mein geliebtes Herz«, antwortete Heinrich. »Und doch habe ich schon gehört, dass er neuerdings die Partei der Königin zu nehmen scheint«, erwiderte Anne gleichgültig. »Er steht unter dem Einfluss Campeggios, der ein treuer Diener Roms und Kaiser Karls ist.«

»So liebst du ihn nicht?«, fragte Heinrich.

»Nicht sehr, Majestät, weil er einen unermesslichen Reichtum auf Kosten edler Opfer gesammelt und den Namen meines teuren Königs zu mancher ungerechten Handlung missbraucht hat. Doch verzeiht, hoher Herr«, fügte sie schmeichelnd hinzu, als sie die Wolke bemerkte, welche bei ihren Worten die Stirn Heinrichs überzog, »dass ich mich erkühnte, so von einem Mann zu reden, den Ihr achtet.«

»Auch ich habe Grund, ihm zu misstrauen, mein süßes Lieb«, entgegnete Heinrich, »und was du über seine Reichtümer sagst, ist wahr – allein er kann mir und dir noch nützlich sein. Daher hüte dich, ihm Abneigung zu zeigen. Versuche im Gegenteil ihn zu gewinnen, bis dieser leidige Prozess beendet sein wird.«

Anne küsste ihm demütig die Hand. Sie hatten die Anhöhe erreicht und standen unter der alten hohen Eiche, wo sie einst vor Jahren von Wyatt Abschied genommen hatte. Weiter zu gehen verbot der Anstand.

»Dies ist ein prächtiges Plätzchen zu einem Rendezvous«, sagte Heinrich. »Ich kann leicht hierher reiten und dich sehen, ohne im Schloss zu erscheinen. Versprich mir, dich hier einzufinden, wenn ich dich bitte.«

»Ich habe kein Recht mehr, es Euch abzuschlagen«, sagte Anne. »Ihr werdet mich in allem, was der Tugend nicht widerstrebt, Eure gehorsame Dienerin finden.«

»Und sobald ich eine passende Wohnung für dich habe, kommst du nach London?«

Anne nickte bejahend, worauf Heinrich sie nochmals umarmte und dann vollends bis ans Ende des Parks schritt, wo sein Diener mit den Pferden wartete. Anne stand noch eine Weile auf der Anhöhe und lauschte dem Schall der sich entfernenden Hufe, dann zuckte sie hastig zusammen und hob die Hand empor, an welcher der kostbare Reif mit dem funkelnden Diamanten glänzte.

Es war eine helle, klare Mondnacht. Die weichen Strahlen fielen kosend auf den glitzernden Stein und das Bild des Königs im Armband. Plötzlich wich die Farbe aus Annes Wangen. Die Pupillen ihrer großen dunklen Augen schienen sich zu erweitern und starrten wirr in die Entfernung, wie nach einem grässlichen Bild.

Da schlich leise aus dem Gebüsch ein brauner Zigeunerbursche und näherte sich ihr demütig kriechend.

»Mylady, lasst den Abendstern Euch Eure Zukunft sagen«, bat er nach einer Weile, als Anne, regungslos, ihn nicht zu beachten schien.

Beim Klang der Stimme fuhr sie zusammen und blickte erschrocken um sich.

»Schöne Lady nichts zu fürchten haben«, sagte der junge Zigeuner, »aber wollt Ihr mir Eure Hand reichen, damit ich Euch die Zukunft sage?«

»Die Zukunft?«, sagte Anne feurig, »ich glaube, ich kenne sie, ich habe einen bangen Traum gehabt. Doch da! Lasst mich hören, was Ihr wisst!«

»Legt Gold oder Silber in die Hand«, sagte lächelnd der verschmitzte Bursche.

Anne zog ein Silberstück aus der kleinen gestickten Geldtasche, die ihr vom Gürtel hing, und reichte es ihm.

Der Zigeuner fasste ihre Hand, sprach einige unverständliche Worte darüber und betrachtete sie aufmerksam.

»Nun«, drängte Anne ungeduldig, »beeilt Euch, ich muss ins Schloss.«

»Ihr habt einen König zum Lieb, Lady«, sagte der Bursche »und werdet eine Krone tragen.«

»Ah, so wird es wahr!«, rief Anne aus.

»So wahr jener Mond über die Erde scheint, schöne Lady, ein König und ein Königreich werden Euch zu Füßen liegen. Aber hütet Euch vor einem blonden Mädchen!«

»Als Braut oder als Gattin?«, fragte Anne mit einem Beben, als sie Heinrichs unsteten Charakters gedachte.

»Als Gattin«, war die Antwort, indem er sich abermals über die Hand bückte. »Ha! Bei allen Heiligen, Lady, fragt mich nicht weiter!«

»Doch, doch – weiter!«

»Es kann nicht sein!«

»Ich befehle es Euch!«

»Euer Vater hat mir Obdach und Speise gereicht, Lady, fragt mich nicht, um Eurer eigenen Ruhe willen!«

Anne riss heftig einen Brillantknopf von ihrem Gürtel und hielt ihn dem Zigeuner hin. »Das ist Euer, wenn Ihr mir mehr sagt.«

Der Zigeuner schien lebhaft mit sich zu kämpfen, denn seine dunklen Augen hafteten bald auf dem Diamanten, bald auf Annes bleichem Antlitz. Endlich siegte die Habsucht.

»Der Ring zerspringt … die Krone sitzt auf den blonden Haaren … und Euch droht … ein blutiger Tod.«

Entsetzt prallte Anne von ihm zurück. »Ihr seid rasend«, sprach sie, »geht!«

»Der braune Mann verlässt Never auf immer, Lady. Dieser Juwel bringt mich in ein warmes, schönes Land, wo braunes Weib meiner harrt. Aber hört meine Bitte an, Lady: Bleibt von London weg! Man meint es dort nicht gut mit Euch. Ihr werdet bittere Leiden kosten.«

»Und wenn dem auch so wäre«, murmelte Anne, »ich kann nicht mehr zurück. Mein Schicksal reißt mich im Strom mit sich fort! Halt! Sage mir nur dies eine. Ich habe einen Feind, der mich tief gekränkt hat. Er steht hoch in königlicher Gunst. Ich will mich an ihm rächen. Wird es mir gelingen?«

»Er wird fallen, Lady, aber sein Fall geht dem Euren voran. O, hütet Euch, bleibt von London fern!«

Anne bedeutete ihn mit der Hand, sie zu verlassen, und der Zigeuner verschwand im Gebüsch.

»Ah, Wolsey!«, sagte Anne leise, indem sie langsam den Weg zum Schloss einschlug, »deine Stunde wird kommen, in der du bitter für mein zerstörtes Liebesglück büßen sollst! Wie die Schlange unter den Rosen ihre Beute einschläfert, ehe sie dieselbe zermalmt, so will ich unbemerkt, aber sicher dich von deiner Höhe stürzen! Bettelarm sollst du im Staub liegen, und müsste ich den anderen Tag selbst aufs Schafott steigen! Ha! Wie er schäumen und bellen wird, des Fleischers Sohn, wenn er erfährt, dass er die arme Katharina verstoßen hat, um mich, die Ketzerin, an ihre Stelle zu sehen!«

»Wie du aussiehst, Anne«, rief erschrocken Lady Boleyn, als diese heftig erregt in den Saal trat, »fehlt dir etwas?«

»Nichts, liebe Mutter, ich bin etwas zu schnell gegangen, und dann mein unerwartet großes Glück! Ich will mich zurückziehen, dann wird es besser mit mir werden.«

Sie verließ bei diesen Worten das Gemach, um ihr eigenes aufzusuchen, wo sie ungestört über die Wichtigkeit des Tages nachdenken konnte. Als sie wieder bei den Eltern erschien, war jede Spur von Aufregung verschwunden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.