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Oberhessisches Sagenbuch Teil 13

Oberhessisches Sagenbuch
Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald
Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873

III.

Umzüge der Götter
Der König Nimrod

Der König Nimrod war solch ein gewaltiger Jäger, dass er darüber alles vergaß. Als er nun auf dem Abschied lag, galt ihm seine Seligkeit auch nicht einen Pfifferling. Da ihm unser Herrgott die Wahl ließ, ob er in den Himmel zu ihm kommen oder wie sonst seiner Jägerei nachgehen wollte, bedachte er sich nicht lange, sondern griff nach seiner alten Passion. Seitdem ist er mit all seinen Spießgesellen verflucht und fährt um Weihnachten hin allemal mit dem wütenden Heer, unter grausamem Lärmen und Schreien, mit Rossen und Hunden über Wälder und Felder in der Luft um und kann nimmer zur Ruhe gelangen. Darum nennt man ihn auch den Wilden Jäger.  Wer es kann, der geht ihm am besten aus dem Weg. Sonst möchte es einem bekommen, wie dem Hund das Gras, man hat dafür Exempel!


Der Auszug des wilden Jägers

Zog der wilde Jäger vor Zeiten aus, so kam er immer vom Vogelsberg das Tal herab über die Wadenhäuser Mühle und fuhr mit seinem ganzen Heer in den Laubberg hinein, der über Solms-Ilsdorf liegt. Dies geschah regelmäßig im Spätherbst bis gegen die Christtage hin, immer nach dem Abendgeläute. Ein langer feuriger Streifen am Himmel zeigte dann allemal seinen Weg an. Im selben Augenblicke gab es im Wald ein abscheuliches Wesen mit Räderknarren, Geiselplatzen, Trompetenblasen. Man hörte alle Tier-, Vögel- und Menschenstimmen durcheinander, und dabei wurde der ganze Wald so licht, dass man jedes Blättchen an den Bäumen hätte erkennen können.

Wenn die Ilsdörfer Weibsleute, die in den jungen Tagen dazumal noch dick in den Brechscheuern saßen, dies alles sahen und hörten, dann ließen sie die Arbeit liegen, hielten die Ohren zu und flohen, so schnell sie konnten, ins Haus. Draußen traute es niemand sich auszuhalten und den Herzhaftesten entfiel der Mut.

Auch erzählt man, dass bei solch einer Gelegenheit, als der wilde Jäger einmal sehr geschwind fuhr, ein Rad von seinem Wagen losgegangen und vom Himmel mit einem großen Rumpel wie bei einem rechten Donnerwetter auf die Erde gefallen sei.


Der Weg des wilden Jägers

Allemal, wenn der wilde Jäger sich spüren lässt, kommt er vom Oberwald über die Helgenäcker die Heide herab. Ein Mann aus Busenborn ging noch spät von Ilbeshausen zurück. Als er an die Breungeshainer Fichten kam, wo die Wege sich kreuzen, hörte er auf einmal halb vor, halb hinter sich ein Pferd hudern (wiehern). Er dachte anfangs, es seien wohl noch Leute auf dem Feld, weil er auch einen Wagen ganz deutlich näherkommen hörte. Allein er mochte sich in der mondhellen Nacht umsehen, so viel er wollte, er sah nichts. So fuhr der Zug mit erschrecklichem Windbrausen an ihm vorüber, dass er meinte, Pferde und Wagen gingen über ihn weg. Er tummelte sich also, soviel er konnte, dass er heimkam. Als er ins Dorf eintrat, hürnte der Wächter gerade Mitternacht.

Sein Ellerknänn (Großvater) aber, der noch wach war, sagte ihm, als er das Stücklein mit Schauder erzählte: »Das wundert mich gar nicht, dort ist immer etwas mit dem wilden Jäger der Märe gewesen.«


Der wilde Jäger zieht in die Wetterau

So ein Schäfer erlebt allerlei, was andere Leute sich gar nicht vorstellen können. Zum Exempel: Der alte Eschenröder Schäfer, Gott habe ihn selig, lag in seiner Schäferhütte im Feld. Es war der heilige Abend vor dem ersten Advent und noch gar nicht spät am Abend. Man konnte noch alles ganz deutlich sehen, aber ein sölcher (so schrecklicher) Sturm, der gedenkt einem.

Da rief mit einem Mal eine furchtbar laute Stimme vom Wald an der Maalsbach herüber: »Schäfer, Schäfer, weise mir den Weg!«

Mein Schäfer steht auf und guckt zu der Gegend, von wo die Stimme kam. Da sieht er einen einzigen Mann mit einem gewaltigen Hund am Waldrand auf und ab gehen.

Er ruft also: »Woher kommst du?«

»Von oben her!«

»Wo soll es hinausgehen?«

»In die Wetterau!«

Indem kroch der Schäferhund unter der Hütte hervor und seinem Herrn mit ängstlichem Gewinsel unter die Beine. Da ging dem erst ein Nachtlicht auf über die sonderbare Begebenheit – den grausamen Wind, den Jäger, die übermenschliche Stimme. Hurtig stieg er in seine Hütte und schloss das Türchen fest zu. Noch lange hörte er rufen: »Schäfer, Schäfer!« Immer schwächer wurde Sturm und Stimme, bis der unheimliche wilde Jäger auf seinem Auszug hinab in die Wetterau gelangt war.

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