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Diane Teil 1 – Kapitel 17

Alexander von Ungern-Sternberg
Diane
Ein Kriminalgemälde der modernen Gesellschaft
Berlin, 1842, Buchhandlung des Berliner Lesekabinetts

Siebzehntes Kapitel

Eine Schauspielerin

Am zweiten Tag nach den oben erzählten Ereignissen hielt ein Wagen vor der Tür des Hauses, in welchem Fräulein Annette Zobel wohnte. Eine korpulente Dame stieg aus, von zwei Herren begleitet, von denen der eine die Dame an Dickleibigkeit noch übertraf und dessen Rundung durch eine kostbare rote Samtweste noch mehr hervorgehoben wurde, der andere aber ein blasser magerer und noch junger Mann war. Dieses Kleeblatt bewegte sich die enge Treppe hinauf. Der dicke Herr zog sehr nachdrücklich an der Klingel. Es rührte sich jedoch drinnen weder Hand noch Fuß. Ein erneutes Klingeln, und wieder ein fruchtloses Harren. Der trockene Husten des jungen bleichen Mannes, das unwillige Murmeln der Dame und endlich das laute Schelten des dicken Herrn zog endlich die Aufmerksamkeit der alten tauben Magd auf sich. Sie kam herbei, öffnete die Tür von außen und bemerkte dabei, dass das gelehrte Fräulein am Schreibtisch säße und deshalb wohl nichts gehört habe.

Herr Pädus, denn der Leser wird erraten haben, dass er die ehrenwerte Gesellschaft des Gasthauses Zum Schwan in der Halleschen Vorstadt vor sich hat, schritt nun voran. An das verschlossene Kabinett gelangt, ließ er ein recht vernehmbares Pochen erschallen. Die Tür öffnete sich und die Dichterin erschien mit zerstreuten Locken, blassen Wangen und blitzenden Augen auf der Schwelle. Ehe sich ihre Gäste melden konnten, rief sie ihnen mit einer vor Zorn zitternden Stimme entgegen: »So haltet Ihr also Euer Wort, My Lady! Glaubt mir, ich werde nicht eher ruhen, als bis ich Euch und Eure Henkersknechte aufs Blutgerüst gebracht habe!«

Frau Sempel schwankte zurück. »Aufs Blutgerüst! Mich! Und weshalb …?«

»Ich kenne diese heuchlerischen Tränen!«, rief die somnambule Dichterin und warf einen stolzen Blick auf die Gastwirtin, »aber mich rühren sie nicht, My Lady. Ich sage Ihnen, nur durch Blut wird diese Tat gesühnt …!«

»So will ich denn machen, dass ich fortkomme«, stöhnte die geängstigte schwitzende Frau, indem sie in den Arm des Bierbrauers einhakte.

»Mich soll dieser und jener holen!«, schrie Herr Pädus, »wenn die Person nicht eine Verrückte, der Charité entsprungene ist. He, Frau! Wo habt ihr die Mamsell Sempel hin versteckt, die bei Euch in Kondition getreten ist?«

Der Name ihres Schützling brachte die unglückliche verwirrte Fantasie sogleich in die Gegenwart und zur Erkenntnis ihres Verstoßes gegen Leute, die sie durchaus nicht beleidigen wollte. Ihre Miene nahm sogleich einen anderen Ausdruck an. Indem sie die Falten ihres kleinen dürftigen Schals in der Eile drappierte, so gut es gehen wollte, und die Locken aus der Stirn strich, sagte sie: »Ich bitte um Entschuldigung, ich leide manches Mal an kleinen Zerstreuungen …«

»Wahrhaftig!«, schrie der Bierbrauer, »das nennt Sie kleine Zerstreuungen, wenn Sie uns unschuldige Leute braten, spießen und um einen Kopf kürzer machen lassen will!«

»Nochmals, es tut mir leid«, sagte die Dichterin mit einem kleinen gereizten Lächeln. »Was steht zu Befehl? Ich muss bitten, kurz zu sein, denn meine Zeit ist sehr in Anspruch genommen.«

Die Gastwirtin wiederholte die Frage ihres Begleiters, und das Fräulein erwiderte in einem höflichen Ton. »Allerdings hat sich eine junge Person dieses Namens bei mir wohl mehr als Gesellschafterin denn als Dienstmädchen aufgehalten, allein sie hat mich zu meinem Bedauern wieder verlassen.«

»Und wo ist sie hin?«, fragten Frau Sempel und Herr Pädus zugleich.

»Das weiß ich tatsächlich nicht.«

»Hören Sie, ich will mich hängen lassen, wenn Sie es nicht wissen«, rief der Bierbrauer ungeduldig und fasste nach dem Zipfel des Schals der Dichterin. »Heraus damit!«

Fräulein Zobel sah mit dem ihr eigentümlichen schlauen und gutmütigen Lächeln zu der massenhaften Gestalt ihres Bedrängers hinauf und sagte dann halb für sich: »Das ist eine köstliche Figur, gerade eine solche habe ich nötig, um den Wirt der irischen Schenke zu schildern.«

»Werden Sie uns nun einmal sagen, wo meine unglückliche Nichte sich befindet«, fragte Frau Sempel, die auf dem kleinen Bänkchen an der Tür Platz genommen hatte und einen scheuen Blick auf die ihr noch immer unheimlich erscheinende Schriftstellerin tat.

»Es macht mir Schmerz, Ihnen nicht dienen zu können, liebe Frau. Ich weiß es nicht, wo sie sich jetzt befindet. O, wenn ich es wüsste, würde ich es doch nicht sagen, denn das gute Mädchen bat mich, auf keine Nachfrage in Betreff ihrer, sie möge kommen, von wo sie wollen, Bescheid zu tun.«

»O, das gottlose Kind!«, stöhnte die Gastwirtin. »Habe ich das um sie verdient? Zum zweiten Mal entlaufen! So soll mich nun der Kummer um diese undankbare Dirne verzehren!« Mit diesen Worten erhob sie sich. Nachdem von ihren Begleitern noch einige fruchtlose Versuche, das Schweigen der Dichterin zu brechen, gemacht worden waren, empfahlen sich alle drei.

Das Fräulein sah ihnen nach, entzückt rufend: »Ganz mein irischer Schankwirt! Auch die plumpe Art, wie er die Beine setzt, um in den Wagen zu steigen – auch die kann ich brauchen. Die dicke Frau könnte vielleicht eine Amme abgeben, Misstress Lown, die sich dem Vergiftungsversuch widersetzt. Hm, hm!«

Die Dichterin schloss sehr befriedigt das Fenster, ohne zu wissen, wie nah sie in ihrer poetischen Kombination dem wahren Stand der Dinge in der Wirklichkeit gekommen sei.

Während diese Szene sich ereignete, stand weit entfernt von hier in einem eleganten Salon die Heldin unserer Geschichte und erwartete den Eintritt der jungen Dame, von der sie in Dienst genommen worden war. Das Zimmer zeigte eine einfache Eleganz. An den Wänden prangten in zierlichen Gipsabgüssen die Statuetten der berühmtesten Dichter, zwischendrin hingen die Kopien schöner Gemälde in trefflichen Kupferstichen. Ein Piano nahm, fast in die Mitte des Gemachs gerückt, einen großen Teil desselben in Beschlag. Blauseidene Vorhänge verbreiteten eine frische Kühle, eine schöne Bronzevase ließ die Wolke eines aromatischen Duftes entsteigen. Die Tür öffnete sich nun und Fräulein Charlotte Herrmann, die beliebteste und gefeiertste junge Schauspielerin der Residenz trat herein. Es war eine hohe schlanke Gestalt mit sehr weichen und nun, da sie sich nicht beobachtet wusste, etwas nachlässigen Bewegungen. Ihr Kopf, nach der Antike geformt, war im Verhältnis zum Körper klein, ihre Züge regelmäßig, doch trugen sie den Charakter von Erschöpfung und Gleichgültigkeit. Ihre Füße und Hände waren regelmäßig und schön geformt. Auf der Bühne spielte die junge Schauspielerin kokette und verliebte Rollen zum Entzücken des Publikums mit einer unerschöpflichen Grazie und Laune. Die eigentliche Leidenschaft war nicht ihr Fach. Es schien, dass sie diese mehr für ihren Privatgebrauch, fürs Leben aufbewahrte, und nur der Bühne den schillernden, frivolen Schaum gab. Im Leben war sie ernst und meistens immer gelangweilt. Ihre glänzenden und schönen Talente vermochten nicht, sie in der Einsamkeit ihres Zimmers über die innere Leere einer freudlosen Existenz hinwegzuheben. Sie hatte im Umgang mit den Dichtern so viele poetische Situationen erlernt und sie auf den Brettern dargestellt, sie hatte das Zarteste und dann wieder das Mutwilligste versucht und bei dieser Seelenwanderung immer den Körper noch nicht gefunden, der für ihre eigene Seele so ganz und völlig gepasst hätte. Ermüdet und erschöpft hatte sie sich zuletzt entschlossen, alles, im Leben wie auf der Bühne, nur für Spiel und Maske zu halten. Diese traurige Philosophie vereinte sich mit einem Alter von fünfundzwanzig Jahren mit Schönheit, Gunst und Berühmtheit.

Die Künstlerin hatte sich auf ein Ruhebett hingeworfen und betrachtete das junge Mädchen, das vor ihr stand, mit einiger Aufmerksamkeit.

»Sie sind sehr hübsch, meine Liebe«, hob sie an, »und Sie sehen sehr anständig aus! Dies ist das Resultat meiner Prüfung. Sind Sie damit zufrieden?«

Diane verneigte sich errötend.

»Ganz ohne Scherz«, fuhr die Schauspielerin fort, »ich kann Sie nicht brauchen. Mein kleiner Haushalt verträgt eine so kostbare und vornehme junge Dame zu meiner Bedienung nicht.«

»Meine Forderungen sind die eines gewöhnlichen Kammermädchens.«

»Das wohl, aber ihre zarten feinen Hände, ihre Züge, ihr Blick, ihre Haltung … o werden Sie nicht rot. Sie haben dasselbe wohl schon von Lippen gehört, die diese Wahrnehmungen graziöser und ihnen angenehmer aussprachen …«

Diane wandte sich ab. »O, mir machen Sie nichts weiß, meine Liebe! Dies ist eine sehr gelungene Mimik, und sie würde auf dem Theater Glück machen. In einem Stück, wie heißt es doch, spiele ich ganz ihre Rolle. Man fragt mich, ob ich nie geliebt, ob mir noch niemand gesagt, dass ich schön sei? Und da wende ich den Kopf grade so weg, wie Sie es eben machten. Man sieht das ›Ja‹ durch das ›Nein‹ hindurch …«

Diane warf einen bittenden Blick auf die Spötterin, und diese rief: »Seien Sie nicht böse! Ich will Ihnen nicht weh tun. Aber glauben Sie mir, dieser flüchtige Moment hat mich Ihnen schon sehr nahe gebracht. Ganz anders hätte hier ein gewöhnliches Geschöpf gehandelt, und darum erkläre ich Ihnen nochmals – Sie können unmöglich mein Kammermädchen sein.«

»Unmöglich!«, stammelte Diane, »es ist sehr traurig für mich.«

»Warum traurig? Gefalle ich Ihnen denn etwa? Tut es Ihnen leid, von mir fortzugehen? Sprechen Sie.«

Es lag so viel Wohlwollen, so viel Anmut und schöne Lebendigkeit im Ton der jungen Schauspielerin, dass Dianens Herz sich unwillkürlich öffnete. Tränen entströmten ihren Augen und sie rief: »Wohin soll ich mich wenden; ich bin so unglücklich!«

»Mein Himmel, dann müssen Sie bei mir bleiben! Dann lass ich Sie nicht fort«, rief Fräulein Herrmann und sprang Diane nach, die schon die Tür erreicht hatte. »Ich habe genug für Sie und mich. Bleiben Sie. Welche Dienste Sie mir leisten wollen, steht bei Ihnen, nur ein Kammermädchen dürfen und können Sie nicht sein.«

»Und welchen Beruf könnte ich sonst erfüllen?«

»O, jeden möglichen! Sie hören mich zum Beispiel ab, wenn ich meine Rollen einstudiere. Sie folgen mir aufs Theater, Sie bereiten den Tee, wenn ich meine kleinen Abende habe, Sie empfangen Herren, die ich nicht empfangen will. Kurz, Sie erleichtern mir meine Existenz, die, dem Himmel sei es geklagt, gerade nicht die angenehmste ist!« Hier seufzte die Dame, und sah mit einem tragischen Blick auf den kostbaren Lüster an der Decke.

»Wenn ich zu dem allen genüge?«, fragte Diane schüchtern.

»Sie sind zu gut dazu, auch dazu zu gut; allein was soll ich machen? Ich will Sie nun einmal nicht fortlassen, da Sie, wie Sie sagen, ungern von mir gehn.«

Ein Besuch wurde gemeldet, und die Künstlerin rief eilig, indem sie das Zimmer verließ: »Hören Sie, keine Einwendungen mehr! Wir bleiben beisammen!« Und näher tretend, fügte sie schmeichelnd hinzu: »Sie haben mir das Herz gestohlen! Ja, ja, das haben Sie! Wenden Sie nur ihre hübschen, dunklen Augen weg …!«

Durch die Freigiebigkeit der jungen Künstlerin war unsere Heldin imstande, sich geschmackvoll und selbst kostbar zu kleiden. »Ich liebe von allen Seidenstoffen, die unsere erbärmliche Industrie mithilfe so vieler, das Leben verkümmernden und mich besonders langweilenden Maschinen zutage fördert, nur diesen Stoff vorzüglich«, sagte sie eines Tages, indem sie mit einem ansehnlichen Päckchen in Dianes Zimmer trat. »Sie müssen sich daher gefallen lassen, lieber Engel, von mir dieses Kleid anzunehmen, und was die Hauptsache ist, täglich zu tragen.«

»Ich, Seide!«, rief Diane erstaunt, die einen solchen Luxus nicht für möglich hielt.

»Keine Widerrede! Und heute spielen Sie zum ersten Mal ihre Rolle als Tee eingießende Nymphe. Sie werden sich allerliebst ausnehmen, und meine kleine Herrengesellschaft wird entzückt von Ihnen sein. Sie werden einen berühmten dramatischen Dichter kennenlernen, der aber leider immer übler Laune ist und Tabak schnupft, zwei böse Eigenschaften, die wir ihm nicht mehr abgewöhnen werden, da er schon ein alter Knabe ist und unseren Versuchungskünsten spottet. Dann kommt noch ein junger dramatischer Dichter, den müssen wir so platzieren, dass er dem alten immer aus der Schussweite hinausgerückt wird. Endlich kommen noch einige junge Herren, die da behaupten, in mich verliebt zu sein. Für unseren guten alten, abgedankten Souffleur, der taub, blind und lahm ist, und dessen Familie ich unterstütze, halten Sie ein Gläschen Punsch bereit, denn er trinkt keinen Tee.«

Diane überhörte einen Teil dieser Befehle, denn sie dachte mit Herzklopfen daran, wie sie in einem schönen, hellen Zimmer, unter vornehmen Herren, eine Anstandsperson vorstellen werde. Der Abend kam, und ihre Befangenheit war aufs Höchste gestiegen, als der Bediente in Livree ihr meldete, Fräulein Herrmann erwarte sie am Teetisch. Zum Glück für sie, saß eben, als sie eintrat, ein junger Virtuose am Piano und bearbeitete dasselbe so gewaltsam, dass niemand ihr Erscheinen beachtete und sie schon ihren Platz erreicht hatte, als die Übrigen ihre Stühle suchten. Der verdrießliche alte Dramatiker erschien mit einer grünen Brille und hoch toupiertem Haar, indes der junge Dramatiker einen fast kahl geschorenen Kopf zeigte, dafür aber einen stattlichen Bart am Kinn hatte, der dem alten Dramatiker abging. Sie erhielten gezielt dergestalt ihre Plätze, dass sich die silberne Teevase zwischen beiden erhob und den einen dem anderen nicht sichtbar machte. Den einzigen Gast weiblichen Geschlechts bildete eine kleine, alte Dame mit einem konfusen, etwas saloppen Kostüm, die sich in der Ecke eines Sofas zusammenknäulte und von dort aus jedermann Impertinenzen sagte, die für Genialitäten gelten sollten. Ein junger schöner Elegant hatte neben ihr Platz genommen. Diesem warf sie gütigst oft ihren schmutzigen Schalzipfel auf die Schulter, als Zeichen eines gnädigen Wohlgefallens. Der litt es, allein er rückte unmerklich immer weiter von der Sofaecke ab. Zuletzt war er so weit entfernt, dass der schmutzige Schal ihn nicht mehr erreichte. Niemand schien die Gegenwart der kleinen Figur Freude zu machen. Sie war auch uneingeladen gekommen, lediglich weil sie wusste, dass der junge Mann dort sein würde, und weil sie sich gedrungen fühlte, diesem überall nachzugehen. Diane hatte hinter ihrer Teevase manchen argen Verstoß gegen die Mischung des Inhalts der Tassen begangen, aber zum Glück bei der geräuschvollen Unterhaltung der Gesellschaft unbemerkt. Sie hatte dem tauben Souffleur eben sein Glas Punsch hingestellt und war von diesem mit einem Handkuss beehrt worden, als sie zu ihrem Missgeschick die Aufmerksamkeit des jungen Elegants auf sich zog, der nun noch weiter von seiner alten, genialen Verfolgerin rückte und diese daher in nicht geringe Wut setzte. Zu gleicher Zeit hatte sich ein Disput über ein modernes Drama entwickelt. Bei dieser Gelegenheit warf der alte Dramatiker einen seiner grünen Blicke in die Gegend jenseits der Teevase. Dort hatte er kaum den Zipfel des mittelalterlichen Bartes des jungen Dramatikers, seines Gegners entdeckt, als seine Laune die dunkelste Färbung, die sie nur jemals zu erreichen imstande war, annahm. Er schnupfte eine langanhaltende, tiefe und drohende Prise, warf dann einen kalten, verachtenden Blick auf die junge Schauspielerin, nahm seinen Hut und war verschwunden, ehe man Anstalten treffen konnte, ihn zurückzuhalten. Der junge Dramatiker sah ihm mit einem triumphierenden Blick nach. Dieses Zerwürfnis war die Zweite. Das Dritte bildete sich, indem zwei Verehrer der Künstlerin über die Farbe der Schuhe in Streit gerieten, welche die Dame im schönen Kostüm der letzten Vorstellung getragen hatte. Die kleine, zudringliche Geniale nahm die Gelegenheit wahr, um zu berichten, wie sie sich einst in Beinkleidern ganz allerliebst ausgenommen, und einen zum Küssen schönen Jokei abgegeben habe. Als sie dies erzählte, warf sie zum letzten Mal ihren schmutzigen Schal nach dem schönen Ungetreuen, der sich ganz an Dianens Seite niedergelassen hatte, und durchaus nicht Miene machte, diesen Platz zu verlassen. Die Erzählung vom schönen Jokey erregte so allgemeines Missbehagen, dass die Gesellschaft wie auf ein gegebenes Zeichen sich plötzlich trennte. Das alte Kind rannte wütend von dannen, der junge Dramatiker verschwand, Arm in Arm mit dem jungen Virtuosen, und ganz zuletzt tappte der glückliche und etwas exaltierte Souffleur die Treppe hinab.

Als Diane eine halbe Stunde später in den Salon zurückkehrte, fand sie die junge Schauspielerin auf dem Sofa liegend und in Tränen schwimmend. Dieser Anblick machte sie so bestürzt, dass sie schnell wieder entweichen wollte. Allein ein freundlicher Wink gebot ihr, näher zu treten.

»Sie wundern sich, dass ich weine, mein Liebchen …«, sagte die junge Schöne, indem sie mit einem zärtlichen Lächeln zu ihrer Vertrauten aufsah. »Aber daran müssen Sie sich schon gewöhnen. Mein Leben ist nun einmal so, und meine Wohnung ist dicht am ›Quell der Tränen‹ gebaut.« Sie schlug ihre Arme heftig um Dianes Hals und rief schluchzend: »Er ist heute wieder nicht gekommen! O, warum – warum nicht?«

Wie die Saite der Harfe harmonisch erzittert, wenn die benachbarte heftig berührt wird, so erbebte das sanfte und schmiegsame Herz Dianes, als sie das Haupt der Klagenden an ihrem Busen barg und Tränen den Flor desselben benetzen fühlte. Das wahre Mitgefühl braucht keine Worte. Aus der Weise, wie Diane ruhig stehen blieb und die Weinende an sich gedrückt hielt, fühlte diese den Balsam der innigsten Tröstung. Sie erhob ihr Haupt, und nie hatte die vollendetste Kunst so viele Reize auf diesem Antlitz vereinigt, als in diesem Moment, wo zwei große schmerzensfeuchte Augen, und ein Mund, auf dessen halb geöffneten Lippen eine stumme Klage schwebte, empor sahen.

»Weißt du, junges Mädchen«, sagte jetzt die Künstlerin in einem sehr ernsten und feierlichen Ton, »weißt du, dass ich liebe?« Sie fasste die Perlenschnur an Dianes Hals, und jede einzelne Perle fest zwischen die Finger drückend, sagte sie langsam: »Aber er liebt mich nicht wieder! Er kam in mein Haus aus keinem anderen Grund, als um welchen so viele zu mir kommen, um mit einem Mädchen zu plaudern, welches freier lebt, als andere Frauen leben dürfen. Ein Jahr lang kam er fast täglich, jetzt sehe ich ihn nur wöchentlich einmal und, heute, heute sind es schon drei Wochen, dass ich ihn nirgends erblickte!« Sie warf ihr Haupt zurück in die seidenen Polster und barg ihr Antlitz in denselben.

Es wurde im Vorzimmer an der Klingel gezogen. Diane entfernte sich, um zu sehen, wer so spät noch Einlass verlange. Als sie die Tür geöffnet, stand ein Mann in einen Mantel gehüllt vor ihr. Ohne sie zu grüßen oder auch nur zu beachten, schritt er schnell ins Zimmer. Diane wagte nicht, an ihm vorbeizueilen, um ihn daran zu hindern, ihre junge Herrin so unvorbereitet zu überraschen. Als er sich dem Salon näherte, wurden seine Schritte immer leiser. Endlich, als er den bunten Teppich betrat, ging er unhörbar auf das Sofa zu. Die junge Schöne lag noch immer in der vorigen Stellung unbeweglich, das Haupt in die Kissen gedrückt. Er berührte mit seinem Handschuh leise ihre Schulter, sie wandte sich um, ein lauter Schrei entwand sich ihrer Brust. Aufspringen, an seinen Hals fliegen, war das Werk eines Augenblicks. Der Mantel entfiel ihm, und nun kam die Reihe zu erschrecken auch an Diane. Sie fühlte einen Stich ins Herz, denn sie erkannte Derburg. Scheu und zitternd zog sie sich zurück und erreichte das Vorzimmer, wo sie auf einen Stuhl sank und ihre Hände vors Gesicht presste. Nach einer kleinen Weile ertönte der Ruf ihrer Gebieterin. Sie erhob sich, wollte sich Gewalt antun und, wie sie hoffen durfte, unerkannt ins Zimmer treten. Aber auf dessen Schwelle erfasste sie ein Schwindel, sie kehrte um und sandte eine der Mägde, indem sie selbst in ihr einsames Zimmer floh.

Nur wenige Minuten dauerte der Besuch des Grafen. Er war nur gekommen, um sich zu entschuldigen, dass er mit den übrigen Gästen nicht hatte erscheinen können. Allein dieses geringe Zeichen seiner Aufmerksamkeit wirkte schon beruhigend auf das kummerschwere Herz der Liebenden. Sie war nun wieder für mehrere Tage heiter und fröhlich und lernte ihre Rolle mit doppeltem Fleiß. Jede Stellung und Miene wurde geprüft und Dianes Urteil sehr oft zurate gezogen. »Denn«, rief die Glückliche, »er wird bei der Darstellung gegenwärtig sein, wie er mir versprochen hatte. Um seinen Beifall zu erringen, muss ich so gut spielen, wie ich nur immer kann. Wie gefällt dir der Mann?«, fragte sie gleich darauf, indem sie sich rasch zu Diane umwandte. Diese war bleich und zitternd und verbarg ihre Aufregung, indem sie sich mit dem Hermelinmantel beschäftigte, der heute die schlanke Taille und die graziöse Gestalt der jungen Künstlerin schmücken sollte. Da die Antwort nicht erfolgte, fuhr die Sprechende unbekümmert fort. »Er hat so etwas Ritterliches, so etwas, wie soll ich sagen, wo jeder Gedanke an Kleinlichkeit, Gemeinheit und plumpen Stolz verscheucht wird. Es geht eine hübsche Anekdote von ihm um. Ob sie wahr ist, weiß ich nicht, denn er hat mir nie darauf Antwort geben wollen, wenn ich ihn fragte. Die Sache ist die: Er findet ein armes Bettelkind am Weg, schon vor langer Zeit, da er selbst beinahe noch ein Kind war. Das Mitleid bewegt ihn, dies arme Kind zu sich zu nehmen. Er belastet sich mit dessen Erziehung und wird, ein blutjunger Mensch, gleichsam der Pflegevater dieser Kleinen. Sie vergilt ihm diese ungewöhnliche, zarte Sorge schlecht, indem sie durch ihre Ausführung ihren Gönner und Beschützer in Duelle verwickelt! Ah! Ach! Was tun Sie, Kind, Sie stechen mit der Nadel geradezu in den Körper!«

»Ach, ich bitte um Vergebung …«

»Nun, es ist gut, aber der Hermelin muss mehr auf die linke Schulter, dass ich den rechten Arm freibehalte. So. Was sagen Sie zu meiner Geschichte?«

»Ich hoffe, dass sie nicht wahr ist.«

»Das hoffe ich auch. Ein so undankbares Geschöpf. Es wäre entsetzlich!«

»Und der Graf glaubt auch an diese Undankbarkeit?«, fragte Diane mit einer Stimme, der man anmerkte, dass sie nahe daran war, von Tränen erstickt zu werden.

»Wahrscheinlich. Ich habe ihnen aber schon gesagt, dass ich über diese Dinge nie von ihm eine bestimmte Antwort erhalten habe. Aber was fehlt ihnen? Ihre Hand zittert, und Sie stecken keine einzige Nadel mehr an die Stelle, wo sie hingehört. Geben Sie her, ich muss es selbst tun. Die Uhr schlägt schon halb sechs. Es ist die höchste Zeit. Ist mein Wagen schon vor der Tür?«

Diane benutzte den willkommenen Vorwand, um sich eiligst zu entfernen. Ihre Gebieterin fuhr ins Theater, und sie blieb den Abend ungestört allein, um ihr kummerschweres Herz in Tränen zu baden. Wie viel war in diesen wenigen Tagen auf sie eingestürmt. Der Besuch des Grafen bei der Schauspielerin, die Entdeckung, dass man von ihrem Verhältnis zu ihm wusste, und endlich die ängstigende Befürchtung, er könne sie für treulos, für leichtsinnig, für undankbar halten. Sie setzte sich hin, um ihm zu schreiben, aber sie vernichtete den Brief, als er kaum bis in die Mitte gediehen war. Bald waren ihr die Ausdrücke, deren sie sich bedient hatte, nicht wahr, bald erschien ihr der ganze Plan, dem Grafen ein Vertrauen aufzudrängen, nach dem er nicht verlangt hatte, dreist und ungebührlich. Unfähig, einen Entschluss zu fassen, warf sie sich auf ihr einsames Lager, angekleidet, um die Klingel der Gebieterin nicht zu versäumen, die vom Theater erst spät zurückkommen musste. Es war elf Uhr, als der Ruf ertönte, Diane sich schnell aufraffte, um ihm Folge zu leisten. Sie fand die junge Künstlerin traurig und abgespannt in ihrem Purpurmantel dasitzen. Sie sah sehr reizend aus, gekränkte Liebe und bittere Melancholie hatten über ihre jugendliche Gestalt so viele Reize ausgegossen. Der fremdartige, stolze Putz kleidete sie so gut, dass Diane, unwillkürlich ihren eigenen Schmerz vergessend, stehen blieb und das schöne Bild bewundernd betrachtete.

»Ich bin eine recht jammervolle Königin«, hob die Liebende an, »von meinem Thron gestoßen und um alle meine Hoffnungen betrogen! Nehmen Sie mir den Purpurmantel ab. Ich werde ihn nie, nie wieder umlegen.«

»Was ist geschehen?«, fragte Diane.

»Er ist nicht gekommen, mich spielen zu sehen«, erwiderte das gekränkte Mädchen. »Und doch hatte er es mir versprochen. Die Worte, als ich von einer still verborgenen Jugendliebe spreche, Worte, die sehr schön sind, hatte ich die Absicht, an ihn zu richten. Da sah ich im Schreiten den Platz in der Loge, den er einzunehmen pflegt, leer. Von diesem Augenblick an fühlte ich, dass ich recht schlecht spielte, aber es war nicht zu ändern.«

Diane löste den Purpurmantel ab. Die traurige Schöne sank wie eine gebrochene Blume in ihrem Stuhl zusammen. Sie ließ sich das Diadem, den kostbaren Schmuck an Hals und Armen sowie den schönen Gürtel abnehmen, ohne ein Wort zu sprechen. Endlich sagte sie: »Wenn ich nur wüsste, wen er mir vorzieht? Seine Braut soll er vernachlässigen. Wer könnte denn sonst noch Anspruch auf seine Liebe machen? Hm! Vielleicht das arme Mädchen, das er aus Schmach und Elend rettete? Man sagt, sie sei hübsch. Ich möchte sie gern einmal sehen. Doch nein, wozu das? Dies Gelüste ist eine reine Albernheit. Wozu nützt es mir, zu wissen, wen er liebt, wenn er nun einmal mich nicht liebt.«

Die Worte wurden wie im Selbstgespräch ausgesprochen. Allein keines derselben entging dem aufmerksamen Ohr unserer Heldin. Sie schöpfte Mut und Trost aus ihnen. Und die Einsamkeit ihres Zimmers war ihr jetzt weniger schrecklich.

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