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Anne Boleyn Band 1 – Kapitel 14

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Erster Band

14.

Kardinal Wolseys Fest. Heinrichs Liebeserklärung an Anne.

Im Palast des mächtigen Kardinals, Yorkhouse, jetzt Whitehall, gab der Besitzer dem König zu Ehren ein großartiges Fest. Die hohen Räume boten die Pracht und die Üppigkeit eines Sultans dar. Die seltensten Früchte und Leckerbissen schmückten die beladene Tafel des Bankettsaals. Englands vornehmste Kavaliere und Frauen waren willig der Einladung des Prälaten gefolgt, denn man fürchtete seinen Zorn.

Wolsey selbst, angetan mit den reichsten Gewändern, die von Gold und Edelsteinen strotzten, empfing seine Gäste mit der ihm angeborenen Güte und Freundlichkeit. Für jeden derselben hatte er ein geeignetes Wort, und für jede Dame eine Schmeichelei bereit. Seine Augen leuchteten aber in einer unheimlichen Schadenfreude, als er die Familie Boleyn erblickte und bewundernd auf Annes herrlicher Gestalt verweilte

Diese stolze Blume wird den wankelmütigen Heinrich gefangen nehmen, dachte er. Er soll mir ihren Besitz verdanken und freudig mir das Staatsruder um ihr Lächeln überlassen.

»Ich freue mich«, redete er Anne an, »Euch wieder in unserer Mitte zu begrüßen, edles Fräulein. Der Aufenthalt auf dem Land hat Eure Schönheit wunderbar erhöht. Wir schätzen uns glücklich, die holde Blume wieder zu besitzen.«

Anne erwiderte kein Wort und dankte nur durch eine tiefe Verbeugung. Der Tanz begann, und bald befand sie sich in den dichten Reihen der Tänzer.

Einige Stunden vor Mitternacht ertönte plötzlich ein Trompetenstoß im Saal, die Ankunft neuer, später Gäste anmeldend.

Über Wolseys Antlitz flog ein triumphierendes, schlaues Lächeln. Rasch erhob er sich vom Spieltisch, an dem er saß, und ging den Gästen entgegen.

»Seid mir willkommen!«, sprach er zu den sieben Masken, indem er sich vor einer derselben tief verbeugte.

»Wir fahrende Ritter bitten um die Gunst, an dem Tanz teilnehmen zu dürfen«, erwiderte die größte der Masken, an dessen volltönender Stimme man sogleich den König erkannte.

»Die schönsten Damen im Saal werden sich durch Eure Wahl geehrt fühlen«, sagte Wolsey.

Der Anführer der kleinen Schar durchschritt sofort die ganze Länge des Saales und blieb vor Anne stehen.

»Wollt mir die Ehre vergönnen, holde Dame«, sagte er zu dieser. »Euch als Gefährtin meiner Irrfahrt erwählen zu dürfen.«

Annes Herz pochte fast hörbar im Busen, doch sogleich ihre Fassung gewinnend reichte sie dem Ritter mit einem anmutigen Lächeln die Hand. Die anderen Ritter waren dem Beispiel gefolgt. Wolsey gab das Zeichen, die Musik ertönte wieder und der Tanz begann von Neuem.

Wolseys Blicke verfolgten mit der Miene eines spähenden Geiers die Gestalt des Königs, an dessen Hand Anne sich mit seltener Anmut im Menuett bewegte.

Noch nie war Anne so blendend schön erschienen wie jetzt. Noch nie war ihr gewinnendes Lächeln, der Schmelz ihrer dunklen Blicke so unwiderstehlich gewesen, wie in dem Augenblick, als sie hoch errötend den verstohlenen, aber zärtlichen Händedruck des Königs empfand und erwiderte. Anne wusste, dass es eine von Heinrichs schwachen Seiten war, in der wunderlichsten Verkleidung ungekannt neue Bekanntschaften zu machen. Obwohl sie keinen Zweifel über den Rang ihres Tänzers hegte, begünstigte sie Heinrichs Wunsch und redete ihn wie einen Fremden an. Doch versuchte sie ihn durch Geist und Scherz zu fesseln und erkühnte sich, einige schneidende Witzworte über den hohen Kardinal selbst sich zu erlauben. Heinrich, weit entfernt, ihr hierüber zu zürnen, munterte sie noch mehr dazu auf und stimmte in ihren Mutwillen von Herzen ein.

»Gottes Tod1, holde Dame!«, sagte er, »mir däucht, Ihr habt vom französischen Hof her mehr Zungenfreiheit, als der Cardinal gutheißen würde.«

»Bah!«, erwiderte Anne verächtlich, »der Metzgerhund darf die Schafe nur anbellen, nicht beißen ohne seines Herrn Erlaubnis.«

Bei dieser Anspielung auf Wolseys Herkunft2 brach Heinrich in ein lautes Lachen aus, dass die Nebentänzer erstaunt das Paar betrachteten.

»Nehmt Euch in Acht«, flüsterte er dem munteren Mädchen zu, »er hat Euch doch gebissen und aufs Land geschickt.«

»Nur zu meiner Erholung«, entgegnete Anne spöttisch. »Er selbst hat soeben zu bemerken geruht, dass die Landluft mir herrlich bekomme. Und jetzt«, fügte sie mit einem entzückenden Blick hinzu, »genieße ich die hohe Freude, in der Nähe unseres geistreichen, liebenswürdigen Monarchen weilen zu dürfen.«

Ein nochmaliger, warmer Druck der Hand bewies ihr, dass der König die Schmeichelei gebührend zu ehren wusste, welche ihm anscheinend so unbefangen gewidmet wurde.

»Wir unterbrechen den Tanz«, sagte Heinrich, »und berauben dieser glänzenden Gesellschaft den Anblick Eurer Grazie.«

»Ich gebe Euch Euer Kompliment zurück, mein galanter Ritter«, war die Antwort, »Ihr tanzt wie unser erhabener, schöner Monarch Heinrich selbst.«

Der Tanz ging zu Ende. Man räumte anderen Tänzern den Platz ein und begab sich in die Erfrischungszimmer. Der Ritter Annes aber führte seine Dame in ein Nebengemach, das mit Immergrün und Blumen köstlich geschmückt, eine ländliche Grotte darstellte.

Hier nahm der Ritter die Maske ab, Anne stieß einen gut erheuchelten leisen Schrei der Überraschung aus.

»Mein gnädiger Herr und König!«, stammelte sie und warf sich zu seinen Füßen nieder.

Aber Heinrich erhob sie und führte sie mit zärtlichen Blicken zu einer Moosbank hin.

»Endlich sehe ich Euch wieder, meine schöne Anne«, sagte er. »Es war mir eine herbe Täuschung, Nevercastle verlassen zu müssen, ohne Euch zu sehen. Galt doch der schönen Tochter vom Hause mein Besuch.«

»Majestät! Wie konnte ich die hohe Gnade erwarten«, sagte Anne mit niedergeschlagenen Blicken.

»Anne, Ihr müsst schon längst erraten haben, was nur die Blicke Euch sagen durften, dass ich Euch liebe und anbete! Nein, entzieht mir diese kleine reizende Hand nicht, Ihr bleibt meine Gefangene – ich gebe Euch nicht mehr los.«

»Majestät!«, antwortete Anne, trotz ihres festen Mutes unwillkürlich durch die leidenschaftlichen Blicke des Königs beunruhigt. »Ich darf Eure Liebe, die mich sonst beglücken würde, nicht annehmen. Ich stehe im Dienst Eurer erhabenen Gemahlin und bin ihr Treue schuldig.«

»Ihr brecht die Treue gegen sie nicht, indem Ihr mich liebt und mir angehört«, sagte Heinrich.

»Majestät«, entgegnete Anne voll Würde, »wäret Ihr von meinem Rang, ich wüsste keinen Mann, den ich inniger lieben und verehren würde, als Euch. Aber Sire – Eure Gattin kann das arme Ehrenfräulein nicht werden, und zu Eurer Geliebten ist sie zu gut. Die Ehre ist die einzige Mitgift, welche ich einst meinem Gatten zubringen kann.«

»Anne, ich bin unglücklich, niedergebeugt von Sorgen – und Herzenspein! Gönnt mir den Anblick Eures schönen Auges und den Trost Eurer Liebe!«

»Mein Herz ist Euch ungeteilt ergeben, Sire. Ich habe es Euch gestanden – oh, habt nun mit mir, dem schwachen Mädchen, Mitleiden und fordert nichts weiter.«

Sie war bei diesen Worten auf die Knie neben ihn gesunken und schaute bittend zu ihm auf. Heinrich, beschämt und überwältigt, empfand jetzt nur die ritterliche Gesinnung, jene Achtung vor der Tugend, die er in früheren Jahren so aufrichtig hegte.

»Ich nehme Euch beim Wort, Anne. Ich will mich mit Eurer Freundschaft begnügen. Doch im Stillen werde ich der Hoffnung nie entsagen, dass Ihr einst ganz mir angehören wollt. Kehrt allein in den Saal zurück, ehe man unsere Abwesenheit bemerkt. Unser Bündnis muss ein tiefes Geheimnis bleiben – um Katharinas und Eurer Ehre willen.«

Anne entfernte sich mit flüchtigem Schritte.

»Sie muss und soll mein werden«, rief Heinrich, als er allein war. »Bei allen Sternen! Ich wäre töricht genug, das königliche Diadem auf dieses schöne Haupt zu setzen! Ich will frei werden – Katharina muss in eine Scheidung willigen – dann wird mir Anne auch nicht länger widerstehen. Ah! Kardinal!«, unterbrach er plötzlich seinen leidenschaftlichen Monolog, als dieser an der Schwelle erschien.

»Die Abwesenheit meines königlichen Gastes, die schnelle Entfernung der Boleynschen Familie aus dem Festsaal erfüllte mich mit Besorgnis. Majestät befinden sich doch wohl?«

»Ganz wohl, Kardinal, und was noch besser ist, unendlich entzückt über das Wiedersehen unserer holden Verbannten.«

»Ich dachte mir, Ihr würdet keine Fehlbitte tun«, sagte Wolsey mit schlauem Lächeln. »König Heinrich bleibt überall der Sieger auf dem Feld der Liebe!«

»Diesmal täuscht Ihr Euch sehr, würdiger Herr«, entgegnete Heinrich. »Der Sturm ist abgeschlagen worden. Die Festung wird sich so leicht nicht ergeben. Es wird Opfer kosten, Wolsey, vielleicht schwere, von meiner Seite, ehe ich Anne die meine heißen kann, aber ich werde diese für sie bringen; der Lohn ist jeden Preises würdig!«

»Erlaubt mir einen Rat, Sire; Ihr kennt mein Herz und meine Ergebung gegen Euch.«

»Redet!«, gebot Heinrich.

»Ihr müsst hier sehr behutsam zu Werke gehen, Sire. Sofern Ihr das Ehrgefühl des Sir Thomas oder die Eifersucht der Königin weckt …«

»Genug«, unterbrach ihn kurz der König. »Ich weiß, was ich in dieser Sache zu tun habe, Kardinal. Jetzt lasst uns in den Saal gehen und uns mit der Gesellschaft unterhalten.«

Wolsey ging seinem hohen Gast voraus. Dieser verweilte eine Stunde unter den Gästen, dann gab er durch seine Entfernung das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch.

Show 2 footnotes

  1. Heinrichs Lieblingsausdruck
  2. Er war der Sohn eines Metzgers.

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