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Die drei Templer

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Anne Boleyn Band 1 – Kapitel 13

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Erster Band

13.

Heinrichs Besuch. Erhebung der Familie Boleyn

Eines Tages, als die Familie beim Morgenimbiss saß, trat Henry Wyatt mit allen Zeichen der Bestürzung unangemeldet ins Gemach. Seine Blicke suchten Anne und verweilten mit einem unverkennbaren Ausdruck der Angst auf ihrem schönen Gesicht.

»Sir Thomas, es steht Euch ein hoher Besuch bevor!«, sagte er, nachdem er Atem geholt hatte.

»Wer denn?«, fragte Anne erschrocken, welche zuerst an Percy oder Sir Pierce dachte.

»König Heinrich mit einem kleinen Gefolge!«, antwortete Wyatt. »Sie hielten bei uns an, um sich beim Vater zu erkundigen, ob Sir Thomas sich in Never befinde, worauf sie nach dem Ehrentrunk sogleich wieder aufsaßen. Die Pferde sahen ermüdet aus. So machte ich mich unbemerkt auf dem Fußweg zu Euch her, um Euch vorzubereiten. In einer halben Stunde müssen sie hier sein.«

»Da müssen wir uns anschicken, Seine Majestät würdig zu empfangen!«, sagte Lady Boleyn, sich rasch erhebend.

Sir Thomas blickte seine Tochter fragend an.

»Ihr werdet mir wohl gestatten, liebwertester Vater, dass ich mich beim Empfang des hohen Gastes nicht beteilige. Ich habe noch nicht vergessen, dass Seine Majestät dem Günstling erlaubte, in eigenmächtigem Übermut mein Lebensglück zu zertrümmern.«

Sir Thomas edles, biederes Antlitz erheiterte sich bei diesen Worten. Auch Wyatt warf auf die Freundin einen dankbaren Blick.

Nur Lady Boleyn erwiderte erschrocken: »Meine liebe Anne, das hieße Öl ins Feuer gießen und den König Zeitlebens beleidigen.«

»Das wünsche ich zu tun!«, entgegnete Anne.

»Aber Liebe …«

»Lass sie!«, fiel Sir Thomas hastig ein, »sie handelt völlig nach meinem Sinn. Gehe denn, meine Tochter, und bleibe auf deinem Zimmer, bis der hohe Gast fort ist. Ich werde dich als unwohl entschuldigen.«

Er küsste das Mädchen liebreich, worauf Anne sich schnell auf ihr Zimmer flüchtete.

Lady Boleyn wollte ihrem Gatten Vorstellungen machen.

Sir Thomas unterbrach sie, indem er schmerzlich bewegt sagte: »Es ist genug, dass der reine Name einer meiner Töchter durch die Aufmerksamkeiten Heinrichs gelitten hat, meine zweite soll unangetastet bleiben. Habt Dank, mein edler Freund«, fügte er, gegen Wyatt gewendet, hinzu und reichte ihm die Hand. »Für Eure Warnung. Stünde es in meiner Macht, ich würde Euch heute mit Freuden Seiner Majestät als der Verlobte meiner Anne vorstellen, denn ich fürchte, ein neues Unwetter oder eine neue königliche Laune führt Heinrich zu mir.«

Wyatt nickte zusagend mit dem Haupt und fuhr gedankenvoll mit der Hand über seine Stirn.

»Aber wir verlieren Zeit«, sagte Sir Thomas. »Geh, meine Liebe, dich anzukleiden und das schönste Gastzimmer zu ordnen, während ich zurr Küche will, um das Mittagsmahl zu bestellen.«

»Und ich«, entgegnete Wyatt lächelnd, »werde mich ebenso heimlich entfernen, wie ich gekommen bin, denn Seine Majestät hatten augenscheinlich den Wunsch, Euch zu überfallen, Sir.«

Kurze Zeit darauf ritt eine kleine Reitergesellschaft durch die Allee von hohen, ehrwürdigen Bäumen, die zum Herrenhaus führte, an ihrer Spitze König Heinrich in reichem Jagdkostüm. Er war dieses Mal nur von sechs Herren, seinen vertrautesten Höflingen, begleitet.

Sir Thomas empfing den Monarchen an der Schwelle seines Hauses kniend, dann trat er zu demselben und hielt ihm den Steigbügel. Heinrich, schon in Gefahr, durch seine Leibesfülle die herrlichen Kontouren seiner sonst so schlanken Gestalt einzubüßen, besaß noch eine große Gewandtheit und Leichtigkeit in allen ritterlichen Spielen und konnte mit Recht ein schöner Mann genannt werden, zumal, wenn er freundlich war. Sein Lächeln besaß bis in sein späteres Alter eine herzgewinnende Macht und einen unwiderstehlichen Zauber. Sein Haar war ganz blond, seine Hautfarbe von einer fast weiblichen Weiße und Durchsichtigkeit, die Züge gut geformt, die Hände außerordentlich klein und schön. Die stille Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Anne, deren Bild er treu und lebendig im Herzen bewahrt hatte. Die köstliche Morgenluft und die herrliche Umgebung hatten ihm eine frische, kräftige, verjüngende Farbe verliehen, während sein ganzes Wesen von einer seltenen Huld und Freundlichkeit angenehm belebt war. Er legte vertraulich seine Hand auf die Schulter Sir Thomas’ und schwang sich leicht zu Boden.

»Wir konnten nicht so nahe an Eurem Schloss vorbeireiten, ohne uns nach Eurem und der Gemahlin Ergehen zu erkundigen«, sagte er in der heitersten Laune und indem er seinem Wirt die Hand zum Kuss reichte. »Kommen wir Euch aber gelegen, Sir?«

»Meine Zeit und mein Haus stehen zu jeder Stunde meinem gnädigen König zu Gebote«, erwiderte der Edelmann. »Wollt nur mit der Bewirtung vorlieb nehmen, wie es bei einem einfachen Edelmann Sitte ist. Wenn ich vorher gewusst hätte …«

»Das wollten wir nicht«, erwiderte Heinrich lächelnd, »wir wünschten ohne Zeremonie bei Euch von der langwierigen Jagd auszuruhen. Wahrlich, Sir Thomas, der Ort ist ein Paradies. Welch köstliche Blumen! Wir Londoner müssen Euch darum beneiden. Versteht Ihr Euch selbst auf ihre Pflege?«

»Nein, Majestät, meine Tochter Anne wartet ihrer, der Garten steht unter ihrer Aufsicht. Wir sind froh, dass sie durch diese edle Kunst für die Freuden der Hauptstadt Entschädigung findet.«

»Ah! Freut uns, das zu vernehmen«, erwiderte Heinrich, indem er sich bückte und eine Blume abbrach. »Es ist ein Beweis, dass das Mädchen unsere väterliche Fürsorge anerkannt und die Laune Percys vergessen hat.«

Sir Thomas bückte sich ehrfurchtsvoll, ohne zu antworten. Sie traten ins Schloss und begaben sich in den großen Rittersaal, wo bereits Lady Boleyn den Monarchen erwartete. Heinrichs Stirn umwölkte sich leicht, als er die Dame allein sah, aber schnell gefasst, küsste er mit galanter Manier der Wirtin die Hand und bat sie um eine Nachtherberge für sich und sein Gefolge. Lady Boleyn drückte mit natürlicher Anmut ihre hohe Freude über die Ehre aus, welche ihrem Haus widerfahre.

Nach einigen Augenblicken erwiderte Heinrich: »Lady Anne ist nicht zu unserem Willkomm erschienen. Aber sagt ihr, edle Frau, dass wir ihr längst verziehen haben und uns freuen werden, unter dem Dach ihres Vaters ihr die versöhnende Hand zu reichen.«

Lady Boleyn wechselte rasch die Farbe und warf einen ängstlichen Blick auf ihren Gatten.

»Majestät wollen meine Tochter entschuldigen«, antwortete dieser, »nur ihre Krankheit ist Schuld, dass sie sich nicht beeilt hat, ihrem König die gebührende Ehrfurcht zu erzeigen.«

»Krank!«, rief Heinrich mit unverhohlenem Schrecken und Verdruss aus. »Das bedauern wir in der Tat, denn einer unserer Beweggründe zu diesem Besuch war der Wunsch, die schöne Blume wieder mit uns auszusöhnen. Wir gedenken jedoch bis morgen zu bleiben. Vielleicht erlaubt es die Krankheit, dass wir sie vor der Abreise sehen.«

Der Tag verfloss unter den mannigfachsten Scherzen. Auch Wyatts Unterhaltung, der sich einstellte, belebte die Gesellschaft. Heinrich schien von der Güte seines Wirts entzückt und vollkommen zufriedengestellt, obwohl, als es gegen Abend kam und Anne noch immer nicht erschien, einige tiefe Falten sich auf seiner Stirn zeigten.

Sir Thomas trug die silbernen Leuchter dem Gast vor, als sich derselbe in sein Schlafgemach begab, während einer der Herren zum Dienst des Monarchen zurückblieb.

»Rochdale«, fragte Heinrich schnell und ungeduldig, als sich die Tür hinter Sir Thomas schloss, »was habt Ihr ausgekundschaftet? Ist die Boleyn wirklich krank?«

Rochdale lächelte pfiffig, indem er dem König das gepuffte weiche seidene Gewand abnahm. »Majestät dürfen um die Gesundheit der schönen Dame gänzlich unbesorgt sein. Sie hat sich noch nie besser befunden und schöner ausgesehen!«

»Beim Himmel!«, stieß Heinrich zornig aus, »sie soll noch heute Abend hergeholt werden. Sie soll wissen, dass wir uns nicht ungestraft anlügen und betrügen lassen.«

»Majestät wollen bedenken«, mahnte Rochdale erschrocken, »dass Ihr nicht Eurem edlen Gast solche Schmach zufügt. Auch hat Gewalt noch nie ein edles Frauenherz gewonnen. Anne hat die Kränkung nicht vergessen, welche sie durch Wolsey erlitten hat, nun rächt sie sich auf Weiberart.«

»Glaubt Ihr, Sir Thomas sei mit ihrem Benehmen einverstanden?«

»Ohne Zweifel, Majestät.«

»Herr, das ist eine Beleidigung«, sagte Heinrich.

»Nur eine väterliche Klugheit und eine feine Koketterie vonseiten der jungen Dame. Sie ist nicht umsonst in der Schule Margarethes gewesen. Auch sagt man, dass sie stolz sei und in ihrer Verbindung mit Lord Percy nur den Titel gewünscht habe, nicht den Gemahl.«

»Ah!«, rief Heinrich sichtlich vergnügt aus. »Also auch diese feste Tugendseele hat einen verwundbaren Fleck! Es ist gut, Rochdale, wir werden Eurer Bemerkung gedenken.«

Einige Tage nach der Abreise des Königs vom Schloss und dessen Rückkehr nach London erhielt Sir Thomas Boleyn »als Beweis der königlichen Huld« seine Erhebung zum Viscount von Rochefort und Schatzmeister des königlichen Haushaltes. Gleichzeitig wurde der Gemahl Marys, William Carey, zum Mitglied des geheimen Staatsrats ernannt.

Der Plan war fein entworfen und eines Wolsey würdig! Die Stellung Sir Thomas Boleyns zwang diesen künftighin, in der unmittelbaren Nähe des Hofes zu bleiben. Ein lichter Strahl belebte Annes dunkle Augen bei der Verkündigung dieser neuen Ehre. Das Schicksal bot ihr sichtbar die Hand und zeigte ihr den Pfad, der zur Rache führen sollte. Nur als das junge Mädchen dem ängstlich auf sie gerichteten Blick Henry Wyatts begegnete, mäßigte sie das lebhafte Gefühl, das plötzlich einer weicheren Stimmung Raum machte.

»Wir werden wohl Alle nach London ziehen müssen«, sagte die Stiefmutter. »Wie steht es da um deinen Entschluss, liebe Anne?«

»Ich werde Euch begleiten«, sagte diese fest, fast freudig, »aber jetzt nicht. Der König hat mich vom Hof verbannt. Nur auf sein ausdrückliches Wort kehre ich an den Hof zurück, Mama.«

»Wenn aber dieses Wort nicht erfolgte?«, fragte Sir Thomas. »Du kennst des Königs harten Sinn, und noch dazu jetzt, wo sein Gemüt durch die traurigen ehelichen Verhältnisse leidet und alle seine Gedanken in Anspruch genommen sind durch die Verhandlungen mit Rom.«

»Während Seine Majestät sich nach Rom um Absolution für seine Gewissensskrupel wendet, betreibt Wolsey in aller Stille die Bewerbung um die reizende Prinzessin von Frankreich«, sagte Wyatt entrüstet.

»Wie! Noch ehe der Papst die Ehe getrennt hat?«, rief Lady Boleyn entsetzt aus.

»So ist es, Mylady. Jedermann weiß darum, nur die unglückliche Katharina nicht, welche dem falschen Gatten felsenfest in dieser Sache vertraut.«

»Ach!«, sagte Lady Boleyn, »mit Katharina verlässt der gute Genius Englands Thron. Mein teurer Gemahl, erfüllt meine Bitte, erlaubt uns, einstweilen auf unserem stillen Landgut zu leben.«

»Wenn Anne auch so denkt«, sagte Sir Thomas, sich zu seiner Tochter wendend.

»Ja, mein Vater«, war die Antwort, »ich werde hier bleiben, bis der König mir Genugtuung leistet für die Schmach, die er mir angetan hat.«

»Liebes Kind, verbanne diese finsteren Rachegedanken«, sagte Sir Thomas, »sie sind der weiblichen Natur unwürdig, und wir Untertanen müssen uns dem König unterordnen. Heinrichs gnädige Huld gegen mich … gilt auch dir.«

»Befriedigt mich aber nicht, Vater«, sagte Anne mit stolzem Blick. »Ich will mich glänzend rächen. Die Stunde dazu wird nicht ausbleiben, glaube mir. Der Himmel wird mich zum Werkzeug auserlesen, um die Leiden der unglücklichen Königin mit den meinen zugleich am Kardinal zu rächen! Wenn der König mich selbst nach London beruft, dann werde ich gehorchen!«

Sir Thomas schüttelte bedenklich das Haupt.

Henry Wyatt aber blickte mit wehmütigem Antlitz von ihr weg.

Sie hat kein Herz, sie wird nie die wahre Liebe kennen, dachte er. Nur der Ehrgeiz und die Gefallsucht sind ihre Götzen.

Annes Vorhersagung, dass die Stunde nicht ausbleiben würde, welche sie sehnsuchtsvoll erwartete, bestätigte sich früher, als sie gehofft hatte.

Kaum vernahm Heinrich, dass die Familie Boleyn den Vater nicht nach London begleitet habe, als Anne zur Ehrendame der Königin ernannt wurde.

Jauchzend drückte sie die Schrift, welche den königlichen Befehl erhielt, an ihre glühenden Lippen.

»Jetzt, Kardinal, wehre dich!«, rief sie aus, »Deine Macht wankt! Der Kampf beginnt! Heinrichs wankelmütiges Herz will ich fesseln und dich in den Staub treten.«

Mit vor Aufregung geröteten Wangen, von Hoffnung stolz emporgerichtetem Haupt trat sie vor den Spiegel. Sie war königlich schön in diesem Augenblick!

»Es wird gehen!«, sagte sie wohlgefällig. »Die Reize sind noch unversehrt, die König Franz fesselten. Auch Heinrich wird mir huldigen, denn ich will es!«

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