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Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten – Teil 2

Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten, vorzüglich neuester Zeit
Erzählt und erklärt von Gottfried Immanuel Wenzel
Prag und Leipzig 1793

»Sie sollen träumen, was nur beliebt.«

Dies waren die Worte eines Mannes, der da, wo er lebte, allgemein für ein höheres Wesen, denn gewöhnlich die Menschenkinder sind, gehalten und durchgängig der Philosoph zugenannt wurde. Worte, gesprochen mit Ernst und Würde in einer Gesellschaft, die sich soeben mit Erzählung auffallender und außerordentlicher Begebenheiten unterhalten hatte.

»Und das sind Sie zu bewirken imstande?«, fragte einer der Anwesenden mit sichtbarem Staunen.

»Vielleicht noch mehr als diese Kleinigkeit«, erwiderte der Mann. »Sie sollen, wenn Sie wollen, eine Probe meiner Kunst sehen.«

Nun baten ihn alle, ja Wort zu halten. Vorzüglich verdoppelte seine Bitte der kühne Frager und verlangte gleich die bevorstehende Nacht zum Experiment.

Der Träumeerwecker lächelte. »Ich werde Wort halten«, sprach er, »doch wann, dieses muss meiner Willkür allein überlassen bleiben.«

Die Gesellschaft war es zufrieden, leerte die Gläser und ging auseinander.

Es vergingen acht, vierzehn Tage, es verfloss ein Monat, und noch immer sollte der Versuch gemacht werden. Schon dachte keiner an die Worte des Philosophen. Schon hatte man seiner Zusage vergessen, wie man gewöhnlich leicht desjenigen vergisst, was man so ganz ohne Überlegung in fidelen Zusammenkünften geschwatzt hat.

Während dieser Zeit war der Philosoph öfter beim Frager gewesen, doch nie als besuchender Freund, immer nur in Geschäften. »Dies habe ich aus dem Munde des Letzteren selbst, denn ich erkundigte mich mit Vorsatz danach.«

Eben saß ich eines Morgens bei meinem Freund, – Freund im engsten Verstand des Wortes war er mir, – und bemühte mich, ihn zu unterhalten, als unser Philosoph in die Stube trat.

»Ich höre, Sie sind unpässlich. Was fehlt Ihnen?«, war seine Anrede.

»Ich arbeitete neulich bis tief in die Nacht, strengte mich sehr an und habe seit dem beinahe unerträgliche Kopfschmerzen.«

»Und Sie brauchen …?«, fragte der Philosoph weiter.

»Bis jetzt noch keine Arznei. Ich nehme nicht gerne Medikamente«, antwortete Clitus.

»Sie tun gut daran«, fuhr jener fort, »indessen sollten Sie doch … Wissen Sie was? Ich schicke Ihnen von meinem Essig, der in cephalischen Zufällen herrliche Dienste leistet. Davon ziehen Sie vor dem Schlafengehen etwas in die Nase, kauen einige Blätter Melisse, essen heute weniger als sonst und nehmen kein Abendbrot. Ehe Sie zu Bett gehen, bedienen Sie sich auf jeden Fall eines Fußbades mit lauem Wasser und trinken Limonade mit Salpeter. Ich wette, beim Erwachen sind die Schmerzen verschwunden.«

So sprach der Philosoph, der nun den Arzt machte.

Essig und Melissenkraut brachte bald sein Diener. Clitus, der ein Großes auf den Mann hielt, der auch schon wirklich manchem Leidenden aufhalf, entschloss sich, den erhaltenen Rat auf das Pünktlichste zu befolgen.

Des Nachmittags kam ich wieder. Ich saß nicht lange an der Seite meines kränkelnden Freundes, und der Philosoph war da, begleitet von einigen der gewöhnlichen Gesellschaft.

»Immer nur in Geschäften.« Es lagen Rechnungen und Tabellen auf dem Tisch. »Sie müssen sich zerstreuen! Weg damit! Hier sind unsere Freunde.«

Man setzte sich, sprach vom Krieg, vom Frieden, vom Wetter …

»Wir haben uns erschöpft«, sagte der Philosoph, da die Rede vom Wetter war, »und das geschieht immer, wenn Freund Clitander nicht zugegen ist. Des Mannes Suade bringt Leben unter die Toten. Wahrhaftig Clitander ist ganz zum Advokaten geschaffen. Ich stehe Ihnen gut dafür, Sie werden Ihren Prozess gewinnen, lieber Kranker. Er ist in guten Händen.«

»Der Himmel gebe es!«, fiel der Patient freudig ein, »aber ich zweifle, der Minister …«

»Ist auf Ihrer Seite, ganz für Sie eingenommen«, erwiderte der Philosoph. »Clitander schrieb es mir aus der Hauptstadt.«

Nun war wieder ein neuer Faden angesponnen, und es brauchte lange Zeit, bis er abriss.

Das Gespräch und alter Rheinwein hatten uns fröhlich gemacht. Wir scherzten, wir lachten, wir sangen und hätten noch ferner gescherzt, gelacht und gesungen, wenn nicht die Magd zehn Uhr mürrisch angekündigt hätte.

»Wir werden Ihnen lästig«, sagte ich, »Sie wollen das Fußbad …«

»Ja, ja, wir sind Ihnen lästig!«, unterbrach mich der Philosoph.» Also gute Nacht, lieber Clitus, gute Nacht, träumen Sie nach Wunsch …«

»Nicht, was Ihnen beliebt?«, setzte einer der Übrigen hinzu.

»Auch das«, war des Philosophen Antwort. »Ich habe es versprochen und will nun Wort halten.«

Er ging zum Schreibpult, schrieb, versiegelte das Blatt und gab es dem kränkelnden Clitus mit dem Zusatz, solches unter sein Kopfkissen zu legen und des Morgens in unserer Gegenwart zu erbrechen.

Als dies geschehen war, schieden wir bis aufs Wiedersehen.

Der Patient schlief trefflich, schlief lange in den Tag. Beim Erwachen waren wir schon da. Er erzählte uns nachstehenden Traum:

» Bald, als ich mich niedergelegt hatte, kam ein ungewöhnlich sanfter Schlaf über mich. Ich träumte, dass ich mich in einer schönen ländlichen Gegend befand. Alles lachte um mich her. Eine liebenswürdige häusliche Gattin versüßte mir die Tage meines Lebens. Ich trug Sorge für die Feldwirtschaft, sie für den Garten. O – das war ein Garten, wie ich keinen bisher gesehen hatte! Natur und Kunst schienen hier einander zum Trvotz gearbeitet zu haben. Jeder Pflanze duftete Wohlgeruch. Flora saß auf er lichten Wolke über den Garten und freue sich ihres Werkes. Meine Gattin brach eine Viole und reichte sie mir mit Liebe im Auge. Ich zierte dafür ihren wallenden Busen mit einer Nelke. Ein Geräusche weckte mich aus der angenehmen Täuschung.«

»Das Papier erbrochen!«, rief triumphierend der Philosoph.

Wir taten es und lasen Folgendes:

»Dir, der du dein Gefieder im balsamischen Schlaf über den Menschen breitest und der eingehüllten Seele neue Welten zeigst, Morpheus! Dir sei heute zur Stunde der Mitternacht folgendes Werk bestimmt:

Sanft träume dieser Sterbliche den Wonnegenuss des ländlichen Wandels. Führe in Gärten seinen Geist, die schöner denn Semiramis Gärten sind. Lieblich dufte ihm die Blume. Ihr Inkarnat gewähre Ergötzung seinem Auge. An der Seite der Geliebten wandle er im Schatten friedlich säuselnder Bäume, und er wache gestärkt zum Genuss des Tages.

Alles staunte. Der Philosoph entfernte sich, ohne dass wir es bemerkten.

Auflösung

Der Philosoph sprach die Worte Sie sollen träumen, was nur beliebt mit Ernst und Würde. Er tat dieses aus Klugheit, um teils das Ansehen, in welchem er bei der Gesellschaft stand, für den gegenwärtigen Fall zu erneuern und teils das Zutrauen zu verstärken, das man in ihn setzte; denn es ist ein sicherer Grundsatz: Setze dich bei den Menschen in Ansehen und gewinne ihr Zutrauen, so kannst du sie leiten, wo du hin willst., Nun schwieg der Menschenkenner, weil er mathematisch gewiss vorhersah, dass ihm die Neugierde selbst auffordern würde.

Die Antwort, die er dem fragenden Clitus gibt.

Vielleicht mehr als diese Kleinigkeit ist ein feiner Kunstgriff, Glauben an sich zu erwecken. Der Mann wusste, wer Glauben hat, wirkte Wunder. Sie sollen eine Probe meiner Kunst sehen! Abermal ein treffliches Mittel, die Erwartung, die Begierde zu spannen. Die Zeit bestimme ich selbst. Ist sehr vorsichtig gehandelt; der Künstler gewinnt Frist zur Vorbereitung, und der Profane bewundert im Stillen nur noch mehr seine Allgewalt.

Ein ganzer Monat vergeht, und das Experiment erfolgt nicht. Wieder kluge Vorsicht; man vergisst indessen der Sache. Der Wundermann lauert auf den schicklichsten Zeitpunkt, wo er dann, hat er ihn abgesehen, mit einem Mal hervortritt und überrascht; denn er weiß, dass alles Überraschende, alles Unvermutete wunderbar scheint.

Der Philosoph besucht den Clitus nur in Geschäften. Daran tut er recht gut; man denkt an nichts als an Geschäfte, man ist ernst, und mit unter weiß schon der Seelenkenner dem Gespräch doch so eine Wendung zu geben, dass der Auszuforschende unvermerkt manches verrät, was jener noch nicht wusste. Obwohl dies unser Philosoph, – er und Clitus waren Freunde, – hier nicht nötig hatte, so tat er es dennoch zur Sicherheit auf jeden Fall und hatte wenigstens Gelegenheit, die Lieblingswünsche im Herzen seines Freundes zu erneuern und aufzuwecken, die vielleicht schon lange schlummern konnten. Da Clitus erkrankt, kommt der Philosoph als Freund. Sehr natürlich; Kranke brauchen Zerstreuung. Überdies ist dieser Zeitpunkt für unseren Mann gerade der erwartete. Er tritt als Arzt auf. In dieser Eigenschaft auftreten zu können, darauf harrte er schon lange mit seinem Essig und seiner Melisse, von der ihm bekannt war, dass man nach dem Gebrauch derselben munter und angenehm zu träumen pflege. Eher die Pflanze anzuraten, hätte Verdacht erregen können, kam aber ganz unversucht. Er empfiehlt laues Fußbad und Salpeter in Limonade. Ein gutes Adjuvans, wie der Medikus spricht. Laues Fußbad leitet das Geblüt vom Kopf abwärts, und Salpeter in Limonade kühlt die aus dem Magen gen Kopf aufsteigende Hitze. Beides macht, dass keine Blutwallungen entstehen und schreckbare Träume erzeugen. Dessen versichert er sich noch mehr, indem er dem Patienten nur eine sparsame Mahlzeit erlaubt. Die Melisse kann also nun ungestört wirken und angenehme Träume veranlassen. Der philosophische Arzt lässt den Essig von derselben schnupfen und reizt dadurch die Geruchsnerven. Er befiehlt die Pflanze zu kauen, und hierdurch reizt er wieder die Geschmacksnerven. In beiden Fällen also Nerven, die sehr empfindlich sind und dem Gehirn nahe liegen, folglich auch umso sicherer und lebhafter den empfangenen Eindruck dahin bringen. Er wählt zum Experimente die Melisse nicht bloß darum, weil sie angenehme Träume erweckt, sondern auch aus dem Grund, weil die Idee, die von ihrem Geruch in der Seele entsteht, natürlicherweise die Ideen von Blumen, welche riechen, und diese wieder Bilder von Gärten aus dem Vorrat des Gedächtnisses und der Einbildungskraft hervorrufen können. Er weiß also schon als Physiker, wovon sein Subjekt überhaupt und was es wahrscheinlich insbesondere träumen werde. Nun übernimmt er, um das Werk zu krönen, die Rolle des Psychologen. Er weiß, dass Clitus mit Sehnsucht auf den Ausgang eines Prozesses warte, weiß, dass er sich bei einem glücklichen Ausgang desselben auf dem Land häuslich niederlassen und ein lang geliebtes Mädchen zur Gattin nehmen wolle. Alles dies weiß er und erneuerte erst kürzlich bei seinem mit der Maske der Geschäfte verkleideten Besuchen das süße Andenken bei seinem Freund daran. Nun führt er das Gespräch auf Clitander, den Advokaten, geht von diesem zum Prozess über und wahrsagt glücklichen Ausgang. Mehr brauchte es nicht, um die Imagination des Clitus in Tätigkeit zu versetzen. So ist weiter nichts übrig, als anzukündigen, heute würde Clitus nach des Philosophen Willkür träumen. Er tut dieses mit den Worten Träumen Sie nach Wunsch! Diese Worte erinnern an die Zusage, die er vor einem Monat getan hatte. Man bittet ihn um die Erfüllung derselben. Der Philosoph, da alles schon vorbereitet ist, lässt sich dazu willig finden, schreibt das prophetische Blatt und befiehlt dem Clitus, um der Sache den Anstrich des Wunderbaren zugeben, solches unter das Kopfkissen zu legen.

Physik und Psychologie haben also hier natürlicherweise einen Traum erzeugt, den ehemals der Unverstand über natürlichen Kräften zugeschrieben haben würde.

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