Download-Tipp
Band 4

Heftroman der Woche

Archive
Folgt uns auch auf

Der Detektiv – Zwei Taschentücher – 5. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 7
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Zwei Taschentücher

5. Kapitel
Moderne Verbrecherjagd

Im Universum-Klub war der Vortrag des Kriminalkommissars von Perbram längst vorüber, aber der erregte Meinungsaustausch, den er unter den Klubmitgliedern hervorgerufen hatte, dauerte noch immer an, besonders bei einer Gruppe von Herren, die sich im Lesezimmer zusammengefunden hatten.

Soeben sagte Kommerzienrat Kammler zu dem heute als Gast anwesenden Kommissar Stolten: »Wir beide verstehen uns! Ganz richtig: Diese Detektivspielerei von Leuten, die nicht die vielseitige Ausbildung unserer Kriminalbeamten genossen haben, ist lächerlich, kann nie in schwierigen Fällen Erfolge zeitigen. Übrigens besinne ich mich jetzt: Ich habe heute Nachmittag den Assessor Harst getroffen, der ohne Frage doch ein sehr intelligenter Mensch ist. Aber auch er vertrat heute die Ansicht, auch ein Liebhaberdetektiv könnte, wenn er nur den nötigen Scharfsinn besäße, mehr ausrichten als der ganze große Apparat der Kriminalpolizei. Er scheint sogar Lust zu haben, eine Bemerkung von mir als Anlass zu einer Wette zu nehmen des Inhalts, dass, wenn überhaupt der Mord an seiner Braut aufgeklärt werden sollte, dies nur durch einen Liebhaberdetektiv geschehen würde.«

»Dies ist auch geschehen!«, sagte Harald Harst langsam und begrüßte die Herren mit einer gemessenen Verbeugung. Er war unbemerkt eingetreten, hatte Kammlers letzte Sätze mit angehört, zog sich nun, ohne sich um die überraschten, teilweise auch etwas verlegenen Gesichter zu kümmern, einen Klubsessel herbei und sagte dann zu Perbram: »Es tut mir leid, dass ich Ihren Vortrag versäumen musste, lieber Perbram. Der Detektiv hat mich aber bis jetzt in Anspruch genommen, der nun endlich das Rätsel des Mordes an meiner Braut gelöst und auch – was Sie interessieren dürfte, Herr Stolten – einen zweiten Mord gleichzeitig aufgeklärt hat, nämlich den an der unbekannten, unkenntlich gemachten weiblichen Person.«

Eine Weile tiefe Stille. Aller Augen waren auf Harst gerichtet. Diese Mitteilungen kamen zu unerwartet, wirkten tatsächlich wie eine Bombe.

Dann rief Kammler: »Ich glaube im Namen aller zu sprechen, mein lieber Harst, wenn ich erkläre, dass wir mit freudiger Genugtuung diese Nachricht aufnehmen. Es muss für Sie ein Trost sein, nunmehr zu wissen, dass das Verbrechen an Fräulein Milden gerächt werden wird. Wer ist denn nun der Täter, und wie heißt jener Detektiv, der hier einmal ausnahmsweise erfolgreicher gewesen ist als unsere tüchtigsten Beamten?«

Harst lehnte sich leicht in seinen Sessel zurück. »Ausnahmsweise, Herr Kommerzienrat?«, meinte er. »Sie sind ein hartnäckiger Gegner aller kriminalistischen Talente ohne Beamteneigenschaft. Doch davon später. Ich bin gern bereit, den Herren das Ergebnis und die Hauptmomente der Nachforschungen übersichtlich zu entwickeln, die der Liebhaberdetektiv, von einem Taschentuch ausgehend, angestellt hat. Er hat sich dabei zweier Helfer bedient, die ich hier der Kürze halber Max und Karl nennen will. Ich werde alles Nebensächliche weglassen, da die Herren selbst imstande sind, das Nötige zu ergänzen.

Der Mord an meiner Braut hängt ganz eng mit dem zweiten zusammen. Beide haben dieselbe Vorgeschichte. Margas Pensionsfreundin Claire Ruckser gerät auf Abwege, fällt einem gewissenlosen Schurken in die Hände, der ihr Vermögen durchbringt, dem sie aber doch mit blinder, unverständlicher Liebe ergeben bleibt. Dieser Paul Menkwitz, Monokel-Paul, wird wegen Taschendiebstahls und Einbruchs in eine Privatwohnung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er schwört dem, der ihn hat verhaften lassen, und der dann auch Vertreter der Anklage ist, und das war ich, noch im Gerichtssaal in sinnloser Wut Rache. Vor vier Wochen war seine Strafzeit vorüber. Er vereinigte sich wieder mit jener Claire, die inzwischen als Filmstatistin sich mehr schlecht als recht durchgeschlagen hat. Er weiß von ihrer früheren Freundschaft mit Marga und zwingt sie nun, wobei er einen doppelten Zweck verfolgt, sich meiner Braut zu nähern und sie anzubetteln. Marga hebt von ihrem Sparbuch 400 Mark ab und händigt sie der Pensionsschwester auf der Straße aus. Ihre Eltern verbieten ihr jeden weiteren Verkehr mit der so tief Gesunkenen aufs Strengste. Eine Weile lässt Claire meine Braut unbelästigt. Dann verschafft sie sich heimlich Zutritt zu deren Zimmer, als Mildens und die Köchin Marie abwesend sind. Nur das Stubenmädchen Helene weiß von diesem Besuch, verspricht Marga aber, zu schweigen. Claire fleht in wilder Verzweiflung über ihre trostlose Lage meine Braut abermals um Geld an und bittet diese, ihr die Summe in derselben Laube auszuhändigen, in der Marga dann am nächsten Tag von Paul Menkwitz ermordet wird, der sehr wohl wusste, dass der Verlust meiner Braut mich schwerer treffen würde als alles andere. Der Mord war also ein Racheakt von Menkwitz, dem Claire hierbei ahnungslos Helferdienst leistete, denn er hatte ihr geraten, Marga in jene Laube zu bestellen. Um nun Claire, die doch sofort geahnt hätte, wer allein der Mörder meiner Braut sein könnte, für immer stumm zu machen, beseitigt er sie in der Nacht vor Margas Tod, warf die verstümmelte Leiche ins Wasser, vergaß dabei aber eines: aus der Tasche des Kleiderrockes der armen Frau ein Taschentuch zu entfernen!

Er vergaß ein Taschentuch! Und genau das gleiche Tüchlein hatte Claire damals in Margas Zimmer vergessen. Der Detektiv findet es, findet auch das Sparbuch. Er fragt Helene über die Herkunft dieses billigen, patschuliduftenden Taschentuches aus. Sie schweigt verlegen, will nichts verraten, reist dann unter einem Vorwand zu ihren Eltern, wohin der Helfer Max ihr folgt. So kommt der Stein durch das Tüchlein ins Rollen. Der Detektiv erfährt vom anderen Mord, auch vom bei der Leiche gefundenen Taschentuch. Beide gleichen sich vollständig. Da ahnt er, dass diese Tote vielleicht die gewesen war, die das andere Tüchlein in Margas Zimmer zurückließ. Er forscht Frau Milden aus, hört den Namen Claire Ruckser, hört von einem Abenteurer, mit dem sie ihr Geld verjubelt hat. Vorher schon ist er auf Menkwitz aufmerksam geworden. Dieser verkauft bei einem Juwelier ein goldenes Handtäschchen, dessen Bügel er absichtlich zerbrochen und aus dem er das Stück mit dem eingravierten Namen der Besitzerin entfernt hat. Ich habe trotzdem dieses Täschchen an einigen Fehlern in den Goldmaschen wiedererkannt. So lenkte sich der Verdacht auf Menkwitz. Der Detektiv vermutet in ihm den, der jene Claire arm und ehrlos gemacht hat. Hierüber will er sich Gewissheit verschaffen. Er und sein Helfer Karl besuchen die Stätten, in denen das Laster und das Verbrechen, Leichtsinn und Genusssucht sich ein Stelldichein geben. Er wird dann von dem Bruder des Mörders, einem Kellner, in dieser Nacht in eine Falle gelockt, in ein Auto, das Paul Menkwitz unter dem Vorgeben, er wäre Detektiv und hinter einem Verbrecher her sei, vom Chauffeur zur Verfügung gestellt wird. Die Brüder suchen ihr Opfer durch Würgen bewusstlos zu machen. Der Detektiv täuscht eine Ohnmacht vor. Sie wollen ihn fesseln, nachher irgendwie beiseiteschaffen. Plötzlich springt er auf, stößt die Überraschten zurück, schwingt sich aus dem Wagen, wird fast von einem anderen daherrasenden Auto überfahren, das auf Veranlassung des Helfers Karl dem ersten gefolgt ist und in dem sich zwei Kriminalbeamte befinden, die die Brüder Menkwitz festnehmen und zur nächsten Polizeiwache bringen, wo der Detektiv den Doppelmörder zu einem Geständnis zwingt. Der Detektiv fährt nach Hause, findet hier den Helfer Max vor, der in Pasewalk das Stubenmädchen schnell dazu überredet hat, unterstützt von deren Eltern, die volle Wahrheit zu sagen. Der Detektiv zieht sich um und besucht den Universum-Klub. Der Detektiv bin ich selbst, meine Herren!«

»Ich habe dies sehr bald gewusst!«, rief Stolten. »Ich gratuliere von Herzen. Sie haben Ihre Sache vorzüglich gemacht!«

Harst wandte sich an Kammler. »Sind Sie nun bekehrt, Herr Kommerzienrat? Oder nehmen Sie in diesem Fall nur einen zufälligen Erfolg eines der von Ihnen so schlecht beurteilten Privatdetektive an?«

Kammler wiegte den Kopf hin und her. »Ehrlich gestanden, lieber Harst, mich würde nur eine Reihe von Erfolgen überzeugen«, meint er ausweichend.

Harst erhob sich. »Meine Herren«, begann er mit jener kühlen Selbstverständlichkeit, die jeder an ihm kannte und zu der jetzt noch eine müde Gleichgültigkeit hinzugetreten war. »Sie wissen, welch unersetzlichen Verlust ich erlitten habe. Ich werde nie darüber hinwegkommen. Ich war nahe daran, lebensüberdrüssig und trübsinnig zu werden. Da riss mich diese Detektivarbeit wieder hoch. Sie machte mich mein leeres Dasein vergessen. Jetzt, wo sie erledigt ist, fühle ich bereits wieder jene unsagbare Interesselosigkeit gegenüber all und jedem, die mich vielleicht zum Selbstmord treiben könnte. Mein Beruf als Jurist kann mir hier nicht die nötige Ablenkung bieten. Er ist zu sehr eingeengt, zu wenig abwechslungsreich. Ich werde ihn aufgeben. Aber ich will mir gleichzeitig einen anderen Pflichtenkreis schaffen. Dabei können Sie mir helfen. Kommerzienrat Kammler deutete eine Wette mir gegenüber an. Diesen Gedanken nehme ich jetzt wieder auf. Ich will mich verpflichten, eine größere Anzahl von Verbrechen oder sonstigen Vorgängen, die bisher der Kunst der Polizeiorgane gespottet haben, aufzuklären, sagen wir zwölf! Ich wette eine Million Mark, dass ich diese zwölf Fälle, die mir nacheinander von meinen Wettgegnern genannt werden und die an Zeit und Ort nicht gebunden sein sollen, erledigen werde. Die Wetteinsätze aber sollen dann an irgendeine wohltätige Anstalt fallen. Wie gesagt, ich will ein Ziel haben, mir einen neuen Lebenszweck schaffen. Ich will das Verbrechen bekämpfen, Wehrlose schützen, Gestrauchelte aufzurichten versuchen. All das kann nur der Liebhaberdetektiv, der frei von Dienstvorschriften und papiernen Pflichten seine Begabung ausnutzen darf.«

Kammler sprang auf. »Harst, von mir aus angenommen! Ich setze eine Million dagegen! Zwölf Fälle wollen Sie erledigen. Das zeugt von einem starken Selbstbewusstsein! Sie werden Ihre Million loswerden. Ich will aus der ganzen Welt die verworrensten Rätsel zusammensuchen! Passen Sie nur auf!«

Die Wette wurde dann erst am folgenden Abend schriftlich festgelegt. Auf der Gegenseite beteiligten sich insgesamt fünfzehn Herren mit einer Gesamtsumme von fünf Millionen.

Als Harald Harst nach diesem bedeutungsvollen Abend nach Hause kam, ging er noch zu Max Schraut hinüber. Der war noch wach, hatte auf ihn gewartet.

»Die Wette ist zustande gekommen«, sagte Harst gelassen. »Mein Abschiedsgesuch an meine Behörde ist auch bereits abgegangen. Ich stelle Ihnen frei, fortan unter angenommenem Namen meinen Privatsekretär und Gehilfen zu spielen oder ins Gefängnis zurückzukehren.«

»Die Entscheidung ist nicht schwer«, meinte Max Schraut und griff dankbar nach Harsts Hand. »Ich werde Ihnen ein treuer Helfer sein.«

»Gut denn. Morgen Abend reisen wir nach Pommern. Meine erste Aufgabe lautet: Das Geheimnis des Szentowosees. Und dieser See liegt in Pommern. Gute Nacht, Schraut. Übrigens: Falls nötig, lassen wir Karl nachkommen. Er hat sich ebenso gut bewährt wie Sie. Also morgen – auf nach Szentowo!«