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Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang 27

Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang
Ein Märchen von Gotthold Kurz
Nürnberg, bei Gottlieb Bäumler 1837

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Jacobs Kampf mit dem Riesen, Sieg und Untergang

Der Morgen graute. Ein offener Wagen mit zwei kleinen Schimmeln bespannt, von einem zweiten Wagen gefolgt, fuhr auf der Straße zum Gebirge, durch eine weite, schön bebaute Ebene dahin. Es war Jacob mit seinen Gefährten. Er zog dorthin, um den verhängnisvollen Kampf mit dem Riesen zu bestehen. Er hatte nichts als seine Schwalbe, eine Armbrust und einen Vorrat leicht entzündlicher Raketen bei sich, welche er selbst bereitet hatte. Der Bote ritt als Wegweiser nebenher. Immer steiler ging es hinauf, die kleinen mutigen Pferde schnaubten und dampften über der ungewohnten Anstrengung. Endlich erreichten sie eine beträchtliche Hochebene und hielten auf dem Platz, den ihnen der Führer als Ort bezeichnet hatte, wo der Riese einbrechen wollte. In einem nahen buschigen Geklüfte verbargen sich die Gefährten mit dem Fuhrwerk und luden die Munition des Frachtwagens aus. Jacob ließ sich auf einer Anhöhe über demselben nieder und erwartete ruhig, seine Schwalbe liebkosend, den fürchterlichen Gegner. Dort schritt der Unhold daher, schon aus der Ferne schrecklich anzusehen. Er schwang einen langen gediegenen Eisenblock als Keule in den Händen. Der Boden zitterte unter seinen Füßen. Seine Stimme ging über Berg und Tal.

»Nun ist dein Tag gekommen, du verhasstes Geschlecht, nun will ich dich ersäufen und verbrühen, und nicht von dannen gehen, bis alles elendiglich umgekommen ist.« Er zündete ein großes Feuer an, goss Wasser in seinen ungeheuren Helm und setzte ihn über das Feuer. Dann nahm er die mächtige Keule zur Hand und ließ sie auf das Gestein niederschmettern, dass es in seinen innersten Fugen barst und vom Krachen die Berge widerhallten.

Mit Schrecken hörten die Unglücklichen in der Tiefe das drohende Wetter über ihren Häuptern und fielen auf die Knie nieder, den Himmel um Rettung anzuflehen.

Jacob aber bestieg frohen Mutes seine Schwalbe und schwang sich mit ihr in die Lüfte. Er spannte seine Armbrust und schleuderte den ersten Feuerpfeil zum fürchterlichen Haupt, in dessen starrem Bart die Fledermäuse nisteten und die Krähen ein- und ausflogen. Der Schuss hatte seine Richtung nicht verfehlt, auch der Gegner bemerkte nichts davon. Er schwang abermals seine Keule und ließ sie auf die Steine niederdonnern. Schnell durch die Lüfte kreuzend ließ jetzt sein Gegner einen zweiten, dritten Brandpfeil folgen. Aus Bart und Brusthaar brach schon ein stinkender Rauch hervor. Noch merkte es der Riese nicht und schmetterte zum dritten Male auf den Felsen los, der sich bereits in große Risse zu spalten begann. Nur um so heftiger verfolgte ihn Jacob mit immer neuen Feuerpfeilen. Schon stiegt lichter Brand aus den struppigen Haupthaaren auf. Der Unhold fuhr erschrocken auf und ließ von seiner verderblichen Arbeit ab. Er fuhr mit beiden Händen an die empfindlichen Stellen, um das verborgene Feuer einzudämmen, und wird im nämlichen Augenblick den dreisten Gegner gewahr.

»Ha, verwünschte Schnacke« brüllte er ihm zu, »ich will dir das Stechen verleiden!« Seine Arme fuhren wie Windmühlenflügel aus, um den Widersacher zu sangen. Jacob entkam mit Not den heftigen Angriffen und zog sich einen Augenblick in die Kluft zurück, um seiner Schwalbe Atem zu vergönnen. Dann flog er aufs Neue herbei und schleuderte unerschrocken zahlreiche Feuerbrände auf den Feind, sodass bald überall Rauch und Feuer aufging. Der Riese wurde wütend, seine fürchterlichen Hände tobten wie losgelassene Wetter umher und trieben die Schwalbe furchtbar in die Enge. Der Held selbst verlort beim schrecklichen Kampfgeschrei des Riesen und beim schwindelnden Flug des Tieres fast die Besinnung. Und nun – da haben wir es! Sie sind erwischt! Schwalbe und Reiter zappelten in der unbarmherzigen Faust! Sie sind verloren! Aber nein! Zwischen den Lücken der ungeschlachten Finger hatten sie einen Ausweg gefunden.

Hui, da flog er hinweg, weit hinaus ins Blaue. Nach abermaliger kurzer Rast erneuerte er heftiger denn je den Kampf. Qualm und Flammen griffen immer mehr um sich auf dem kolossalen Leib, durch das eingeriebene Erdpech noch mehr befördert. Blind gemacht durch Rauch und Glut, die aus den Augenwimpern emporschlugen, verzweifelt, rasend, schlug der Unhold um sich. es war kein Entrinnen mehr möglich. Ein Schlag mit der geballten Faust traf Schwalbe und Reiter und schleuderte sie wie ein Blitzstrahl leblos in den Staub herab! Da lagen sie! Es bedurfte nur eines Fußtritts, jede Spur von ihnen zu vertilgen. Der Riese aber tobte noch lange fort, in blinder Wut den schon zugrunde gerichteten Gegner aufsuchend. Ermattet ließ er endlich ab, von fürchterlichem Schmerz unmittelbar ergriffen, denn die Brunst war überall ausgebrochen auf seinem Leib, er stand nun ganz in Flammen. Ein fürchterlicher Anblick! Fluchend, heulend, schreiend rannte er vorwärts, wälzte sich auf der Erde, sprang wieder auf, eilte fort zum Meer hinab, um da unterzutauchen. Wie ein Meteor am lichten Tag, wie eine kolossale Dampfsäule sah ihn so die Mannschaft des Schiffes umhertaumeln. Da ließ der Kapitän alsbald die Anker lichten, um der Küste näher zu kommen. Gottlieb mit einigen beherzten Gesellen bestieg ein Boot, um zu landen. Aus tausend Schlupflöchern schauten die kleinen Leute heraus und gewahrten mit Freude und Schrecken das Ende des Bedrängers. Der Unhold stand nun festgewurzelt auf einem Fleck, in Rauch und Feuer gehüllt, wie eine Eiche, die der Blitz entzündet hatte. Und siehe! Nun sank er immer mehr zusammen, bald war nur ein Haufen Asche noch auf der Stelle. Sie eilten herbei und umringten ihn mit gehobenen Händen voll Verwunderung und Jubel. Noch einmal flackerte die Lohe auf, wie eine Feuersäule; noch einmal hörte man ein tiefes Stöhnen, als ob die Seele des Gewaltigen nun Abschieb nähme. Und nun – o Wunder über Wunder! Nun kam mit einem Mal aus Schutt und Asche mit Zetergeschrei ein kleines Männlein hervorgelaufen. Die Umstehenden erkannten in ihm beim ersten Anblick einen übelberüchtigten Burschen, das einzige räudige Schaf der Herde, das sie als unverbesserlich einst ausgestoßen hatten. Er wollte sich flugs davonmachen, aber sie waren bei der Hand und hinter ihm her.

Nun begann eine lustige Jagd, alles was Knaben hieß, klein oder größer, machte sich auf, ihn zu fangen. Die Alten bildeten einen weiten festgeschlossenen Kreis umher. In diesem trieb sich nun das Männlein herum, mit seltsamen Kapriolen. Die Angst verlieh ihm das Ansehen der größten Munterkeit. Wo er hinaus wollte, wurde ihm der Weg verrannt; hatte er hier eine Koppel Jungen abgeschüttelt oder niedergerannt, so hing sich dort wieder ein anderer Schwarm an ihn an. Kaum war er den einen entlaufen, so kam er wieder neuen Verfolgern in die Hände! So dauerte die Jagd unter Jubel und Gelächter von Jung und Alt eine geraume Weile fort, bis er endlich überwältigt und im Triumph zum König geführt wurde. Er gestand hier freiwillig und trotzig, dass er selbst es gewesen sei, der noch vor Kurzem als Riese so viel Lärm und Schrecken verursacht und so viel Schaden gestiftet habe.

»Ich heiße Fröschlein«, so gab er zu Protokoll, »bin aus dem Land Sulipore und meines Standes ein Schweinehirt. Weil ich in meiner Jugend nichts gelernt hatte und nachher nichts Rechtes arbeiten wollte, ging es mir nicht nach Wunsch. Darüber geriet ich in Streit mit all meinen Nachbarn. Ich stiftete manches Böse und wurde endlich durch Richterspruch auf ewige Zeiten aus dem Land verwiesen. Voll Rachegefühl rannte ich davon und verirrte mich in weit entlegene Länder. Dort lebte ich lange Zeit, litt oft viel Hunger und Durst, aber meine Bosheit war nicht abgekühlt. Ich wünschte alles umzubringen, was auf der Insel lebte. Da kam eines Tages in einem finsteren Wald zu meinem Schrecken ein großes Krokodil aus einem Sumpf hervor und auf mich zugerannt, mit rollendem Augen und stachligem Rücken. Das hub an zu sprechen und fragte mich: ›Fröschlein, was willst du, dass ich dir tun soll?‹

›Mach mich zum Riesen‹, antwortete ich, ›dass ich Rache nehme an meinen Feinden, ihre Pflanzungen verwüste, ihre Städte zertrümmere, und alles, was Leben hat, umbringe!‹

›Es soll geschehen‹, sagte das hässliche Untier und bespritzte mich mit Schlamm. Alsbald fühlte ich unter grässlichen Schmerzen, wie sich mein Leib allmählich in die Länge und Breite ausdehnte, bis ich als gräulicher Riese dastand. Entsetzt floh ich vor meinem eigenen Schatten davon, lief blind hinein in die Welt und erblickte nach vielem Umherschweifen endlich wieder die alten wohlbekannten Berge. Der alte Grimm hatte nun sein Ziel gefunden. Was weiter geschehen ist, habt Ihr zu Eurem Leidwesen erfahren. Die Schnacke hat mich endlich überwältigt und sein verdammtes Feuer zum kleinen Männlein eingeschrumpft, wie ich ehedem gewesen bin. Da habt Ihr mich nun, macht mit mir, was Ihr wollt!«

Es wurde nun öffentlich Rat gehalten, wie der kleine Bösewicht zu bestrafen sei.

Da trat einer von den Matrosen des Schiffes, die dabeistanden, vor den König hin, verbeugte sich und sprach: »Vergönne mir Majestät die Bitte, dass ich den Delinquenten mit mir nehmen und nach Europa überführen darf. Ihr seid hier doch zu mild gesinnt, wie ich glaube, als dass Ihr den Burschen an Leib und Leben strafen möchtet, wie er es verdient. Ihr werdet aber außerdem, so lange er lebt, in Sorge wegen ihm sein müssen, denn wer steht dafür, dass er nicht wieder entspringt und abermals als ein Riese zurückkommt, um Euch vollends zu Grunde zu richten? Ich hingegen gedenke noch mein Glück mit ihm zu machen, wenn ich nach Hause komme. Ich will ihn zu allerlei Künsten abrichten und dann auf Messen und Märkten den Kindern für Geld zeigen. Dabei sollen sie dann die wundersame Historie von den glücklichen Inseln und dem großem Riesen noch als Zugabe bekommen.«

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Es half nichts, dass das Männlein ihn mit Augen voll Wut ansah, die Zähne bleckte und sich gewaltig wehrte. Der Matrose packte ihn mir nichts dir nichts beim Kamisölchen, ließ ihn nach allen Seiten vor dem lachenden Publikum Reverenzen machen, steckte ihn dann ruhig in die Hosentasche und ging davon. Damit hatte die Geschichte des fürchterlichen Riesen ein Ende.