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Der Spion – Kapitel 8

Balduin Möllhausen
Der Spion
Roman aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, Suttgart 1893

Kapitel 8

Das neue Heim

Wie Margaretha angekündigt hatte, so geschah es. Schon folgenden Tages wiederholte sie ihren Besuch im Schneckenhaus. Abermals erwartete Martin Findegern in Hemdsärmeln, blauer Schürze und hohem Hut sie vor der Tür seiner Werkstatt. Obwohl durch Hobel von dringender Arbeit abberufen, hätte man in seinem verkniffenen Gesicht doch vergeblich nach einem Anklang von Missmut über die Störung gesucht. Unbewusst war er dem Zauber des Bildes eben erwachter holder Jungfräulichkeit unterworfen, welches sich vollkommen unbefangen und doch so sittig auf ihn zu bewegte. Mehr und mehr aber glätteten sich seine Züge, als er endlich unterschied, dass zwei unvergessene liebe Augen alter Zeiten die seinen erwartungsvoll suchten, die bewegliche Glut der runden Wangen bis unter das schlicht gescheitelte blonde Haar hinaufschlich, zwei lieblich geformte rosige Lippen zum freundlichen Gruß sich öffneten und schließlich eine kleine schmale Hand warm und zutraulich seine schwielige Faust ergriff.

»Bless you, Grethe, das ist lobenswert von dir«, knüpfte Martin ungesäumt an die erste Begrüßung an. Wie beiläufig berührte er mit zwei Fingerspitzen die ihm zunächst befindliche blühende Wange. »Du beweist wenigstens, dass die Geheimratstochter sich des hart arbeitenden Tischleronkels nicht schämt. Das wird dir noch einmal gesegnet sein. Bedenke ich aber deine Brüder, die sich gebärden, als gehörten zu einem rechtschaffenen Onkel Samtweste und seine ziegenlederne Handschuhe, da meine ich, dass sie noch recht bitteren Erfahrungen begegnen werden, bevor sie ein selbst erworbenes Stück Brot zum Mund führen.«

»Einzelnes, was Ihnen an den beiden Brauseköpfen, und das sind sie, namentlich der Markolf, missfällt, dürfen Sie nicht zu hoch anrechnen«, entschuldigte Margaretha gleichsam mütterlich verständig. Offen und ehrlich sah sie in das mit eigentümlicher Schärfe auf sie blinzelnde Auge. »Denn im Grund sind sie herzensgute Jungen und von einer rührenden Besorgnis um mich. Offenbarten sie aber keine Vorliebe für ein achtbares Handwerk, so ist das wohl darauf zurückzuführen, dass sie bisher in verhältnismäßig glänzender Lage lebten, was eine gewisse Verwöhnung zur Folge haben musste.«

»Nun ja, weil du es behauptest, will ich es gelten lassen«, versetzte Martin nicht kalt und nicht warm, »und die Söhne meiner Schwester bleiben sie ja trotzdem. Aber immerhin: Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen. Von dir erwarte ich dagegen, dass du nie und zu keiner Zeit auf sie einredest, um sie anderen Sinnes zu machen. Bless you! Sie sind alt genug, um zu wissen, was ihnen dient. Ohne rechte Lust zur Sache würden sie nicht einmal lernen, den Leim kunstgerecht warm zu machen, ohne ihn zu verbrennen. Auch dir wird die Sargfabrikation wohl ein Gräuel sein?«

»Ein Gräuel gerade nicht«, antwortete Margaretha treuherzig, dem Examen Martins sich ahnungslos unterwerfend, »leugnen darf ich freilich nicht, dass der Anblick eines Sarges mich jedes Mal peinlich berührt.«

Martin lachte in sich hinein, wie es wohl geschieht, wenn man sich an den ersten Sprechversuchen eines Kindes ergötzt. Dann die Brauen zur Stirn hinaufschraubend, eine Bewegung, welche sich der ganzen Kopfhaut und damit dem schwankenden Zylinder mitteilte, hob er feierlich belehrend an: »Der Mensch gewöhnt sich an alles. Sogar die Gemahnung an die ewige Ruhe kann einem recht komfortabel werden. Doch da wir einmal davon reden, möchten wir lieber gleich eine Probe machen, ob du es in der Nachbarschaft von Särgen überhaupt aushalten könntest.«

Sie waren in die Werkstatt eingetreten, wo Krehle eben mit dem Lackieren eines Sarges fertig geworden war. Beim Anblick Margarethas legte er sein rundes Gesicht nach besten Kräften in würdevolle Falten. Dem entsprechend klang auch der Gruß, welchen er in Begleitung einer höflichen Verneigung ihr zurief.

»Guten Tag, Herr Doktor«, erwiderte Margaretha. Zu ihm hinüber schreitend, reichte sie ihm mit ihrem süßesten Kinderlächeln die Hand. »Wie die neuen Bretter und Hobelspäne kräftig duften«, fuhr sie lebhaft fort, und zu Martin gewendet: »Daran würde ich mich sicher sehr bald gewöhnen.«

Bis dahin hatte Martin Findegern seine junge Nichte und Krehle mit ängstlicher Spannung überwacht. Erst als er sie Hand in Hand stehen sah, wich die kleine Wolke der Beklemmung von seiner Stirn. Über Margarethas Haupt hinweg blinzelte er sogar dem alten Gefährten zu, was dieser in die Worte übersetzte: »Mit der wollen wir schon fertig werden.«

»Und dennoch lernte ich nie einen Menschen kennen, der vom Geruch allein hätte leben können«, knüpfte er zu Krehle gewendet an Margarethas Bemerkung an. »Sie haben daher wohl die Güte, Herr Doktor, für einige Erfrischungen, so gut unser bescheidener Haushalt sie aufzuweisen hat, Sorge zu tragen«, und nachdem Krehle, der leicht begriff, dass er mit seiner Nichte zum Zweck einer ernsten Prüfung allein zu sein wünschte, sich bereitwillig entfernt hatte, wieder zu Margaretha: »So, jetzt sind wir unter uns. Da wollen wir so recht frei von der Leber herunter reden. Der Doktor wäre dabei zwar nicht hinderlich gewesen; allein für manches, was ich mir mit großem Fleiß in meinem Kopf zurechtlegte, besitzt er doch nicht das richtige Verständnis, wie man ein solches bei einem studierten gelehrten Herrn und großartigen Künstler voraussetzen sollte.«

Aufmerksam, als wären die Lippen des wunderlichen alten Junggesellen der Urquell aller Weisheit gewesen, lauschte Margaretha seinen lebhaften Mitteilungen. Das auf ihrem holden Antlitz schwebende Lächeln des Ergötzens verschärfte sich zwar zuweilen in einer Weise, dass sie gezwungen war, die Lippen ein wenig fester aufeinander zu legen, um bald wieder in das einer aufrichtigen Achtung überzugehen.

Sie überschritten die Schwelle des Magazins. Weiter sprach Martin, indem er die Hand im Kreis schwang: »Betrachte die Särge einmal ordentlich. An die achtzig Stück müssen es sein. Wie sie sauber gefugt, ausgekehlt und lackiert dastehen. Sie sind dazu bestimmt, in der Erde zu verwesen, wo kein menschliches Auge sie mehr sieht. Trotzdem wäre es sündhaft, sie saumselig zusammenzuschlagen. Es erschien wie Betrug an denjenigen, die einst darin schlafen sollen. Eine gute Anzahl ging unter meinen eigenen Händen hervor, und keinem einzigen schraubte ich für den vorläufigen Zweck den Deckel auf, ohne einen freundlichen Wunsch für denjenigen hineinzusprechen, der über kurz oder lang darin schlafen soll. Auch bedachte ich, wer das wohl sein möchte, und dass er zu derselben Zeit vielleicht munter auf der Straße umherstolzierte, während ich hier sein letztes Haus anfertigte; und gerade um solcher Gedanken willen ist mir diese Art Arbeit eine Freude geworden, dass ich nicht mehr davon lassen könnte.«

Eine kurze Pause ließ Martin eintreten, um einen argwöhnisch blinzelnden Seitenblick auf Margarethas Antlitz zu werfen. Da er aber in demselben nichts anderes entdeckte, als ungeheuchelte freundliche Andacht, nahm er mit erhöhter Zuversicht einen neuen Anlauf: »Jetzt betrachte dir die kleinen Särge da hinten, namentlich die ganz kleinen, und sage, ob die etwas Schreckhaftes an sich haben. Als ich die zusammenstellte, bot ich meine ganze Kunst auf. Sogar mit den Hammerschlägen meinte ich sorgsamer verfahren zu müssen, auf dass der Ton nicht in dem Holz drinnen bleibt, um hinterher den Schlaf solch verfrüht heimgegangener Mutterfreude zu stören. Ich suchte auch stets die weichsten Hobelspäne zur Unterlage für die kleinen Dinger aus, um sie recht sanft zu betten. Der Doktor hätte freilich dafür kein Verständnis, würde es auch nie gewinnen, obwohl er sonst ein getreuer Freund und vorzüglicher Maler …«

Hier unterbrach Martin seine Belehrungen durch halb unterdrücktes herzliches Lachen. Wie in das Anschauen eines ihm vorschwebenden freundlichen Bildes versunken, reckte er mit Daumen und Zeigefinger sein bescheidenes Kinnbärtchen ein wenig auf und fügte hinzu: »Sogar meinen eigenen Sarg habe ich mit rechter Liebe angefertigt, und zwar nach gutem deutschen Muster mit hohem Deckel, und nicht weniger als viermal, und habe jedes Mal ein Viertelstündchen zur Probe darin gelegen, das heißt, wenn der Doktor gerade nicht zur Hand war. Doch was half es? Bless you! Dreimal kamen betrübte Menschen, die sie mir mit Gewalt abkauften, bis endlich der Doktor – ich hätte es ihm kaum zugetraut – den letzten für mich sicherte. Da drüben in der Ecke steht er, sieh nur hin. Mit Rosengirlanden bemalte er ihn auf allen Seiten. Dazu brachte er auf dem Kopfende das Bildnis eines Hobels und zu Füßen das von Zirkel und Winkelmaß an. Er meinte, jetzt würden die Fremden die Hände wohl davon lassen, und damit hatte er vollkommen recht. Außerdem kann ich jetzt nicht in einem ungeschminkten Sarg beerdigt werden, denn da ich den Doktor unbedingt überlebe – er behauptet zwar das Gegenteil – so wäre keiner da gewesen, der mir auch nur einen Klettenbusch mit in die Erde hinab gegeben hätte.« Er sah scheu um sich, blinzelte Margaretha verschmitzt zu und bemerkte: »Du wirst jetzt ungefähr wissen, ob die Nachbarschaft der vielen Särge dir großen Gräuel bereitet, und danach überlegen, bevor du dich entschließt, es einmal mit uns hier zu versuchen.«

Da ergriff Margaretha Martins Hand, dass er schier betroffen dreinschaute. Indem sie den Rückweg durch die Werkstatt einschlugen, erklärte sie zutraulich mit großer Entschiedenheit: »Der Zeit zum Überlegen bedarf es bei mir nicht. Wollen Sie mir ernstlich eine Zufluchtsstätte unter Ihrem Dach gewähren, so nehme ich es mit dankbarem Herzen an. Die Särge haben den letzten Schrecken für mich verloren; und gleich viel, welchen Wirkungskreis Sie mir anweisen: Sie werden stets eine dienstwillige Nichte in mir finden.«

Da drückte Martin die kleine Hand ein wenig fester, ließ sie aber bald wieder sinken. Vor Margaretha hintretend blickte er neugierig in die guten fröhlichen Augen.

»Und dennoch gibt es für dich mancherlei zu überlegen«, hob er an. »Du stammst, wenigstens väterlicherseits, aus einer vornehmen Familie, nebenbei aus glänzenden Verhältnissen. Hier dagegen findest du, außer dem allerdings mit etlichen Schrullen behafteten, sonst aber sehr umgänglichen Doktor, nur einen einfachen alten Handwerker mit hausbackenen Manieren, der keine großen Sprünge machen kann.« Hier wich er den unschuldigen blauen Augen aus, als hätte er nach der letzten Bemerkung den klaren, offenen Blick nicht zu ertragen vermocht. Halb über die Schulter sprach er weiter: »Not sollst du nicht leiden, und wäre ich gezwungen, eine kleine Hypothek auf mein leider bis über den Kopf verschuldetes Grundstück aufzunehmen. Und schließlich stände dir ja frei, wenn du nicht alles nach deinem Sinn finden solltest, dich nach einer anderen Gelegenheit umzutun, wobei ich dir von Herzen gern behilflich wäre.«

Seite an Seite hatten sie sich wieder in Bewegung gesetzt.

»So weit wird es wohl nicht kommen«, erwiderte Margaretha. Der Gesang einer zum Himmel steigenden Lerche hätte nicht glücklicher und sorgenfreier klingen können, als ihre Stimme. »Es handelt sich jetzt also nur noch um die Bestimmung des Tages, an welchem ich übersiedeln soll.«

Vor ihnen lag die Veranda, auf welcher Krehle mit der Haltung eines römischen Imperators die Hände der schwarzen Kleopatra überwachte, die auf dem Tisch das einfache Gedeck und die Speisen ordnete.

Martin war stehen geblieben, und das eine Auge schließend und mit dem anderen gen Himmel stierend, das Kinnbärtchen dagegen wie in Zweifel sanft ausreckend, sprach er nachdenklich: »Lass mich sehen. Deine Wohnung steht noch voller Särge, die müssen zuvor ausgeräumt werden, und das erfordert einen Tag. Dann gilt es zu säubern. Auch wird der Doktor es sich wohl nicht nehmen lassen, die Wände mit einigen schönen Gemälden zu versehen, da sparen wir zugleich das Tapezieren. Und was die Möbel anbetrifft – bless you – Du bist ja zu verständig, um hohe Ansprüche zu erheben. Da finden wir aus unserem alten Vorrat wohl noch so viele heraus, wie dazu gehören, deine beiden Zimmer für den Anfang notdürftig einzurichten. Was fehlt, schaffen wir allmählich an, da freut man sich um so mehr über jedes neue Stück. Sagen wir also … heute ist Sonnabend…, dass du am nächsten Donnerstag einziehst. Bist du erst da, so sehen wir weiter. Und noch eine Frage …« Hier funkelte Martins Beobachtungsauge förmlich gierig zwischen den zwinkernden Lidern hervor. »Hast du zu Hause Musik betrieben? Ist mir doch, als gab dein Vater einst deiner Mutter ein Piano zum Angebinde, denn die verstand sich darauf.«

»Seit meiner frühesten Kindheit wurde ich zum Klavierspiel angehalten, sodass ich mit dem fünfzehnten Jahr schon etwas Nachhilfeunterricht erteilen konnte«, antwortete Margaretha strahlenden Blickes.

»Um so besser. Da wird dann wohl ein Instrument beschafft werden müssen, wie es gerade zu der Ziehharmonika des Doktors passt; denn auf diesem Instrument ist er ein beinahe ebenso großer Meister wie in der Malerei. Das kostet freilich einen Haufen Geld, allein ich weiß eine Stelle, wo man dergleichen auf Abzahlung kauft. Doch das eilt nicht, bless you! Wir müssen hinauf zum Essen, oder der Doktor wird ungeduldig. Bei allen seinen Verdrehtheiten hält er auf Ordnung und Pünktlichkeit.«

Damit war das Übereinkommen zwischen Onkel und Nichte besiegelt, und gleich darauf setzten sie sich gemeinschaftlich mit Krehle zu Tisch. Lange blieben sie dort beisammen, länger als im Grund mit der Lage jemandes vereinbar, der von der Hand in den Mund zu leben behauptete. Wenn aber Margaretha immer mehr den Eindruck gewann, mit den beiden alten Junggesellen, trotz deren endlosen Seltsamkeiten, einen recht freundlichen Verkehr aufrechterhalten zu können, so hätte selbst Krehle aus Martin Findegerns Zügen nichts herausgelesen, wie weit sein Wohlwollen für die bis zum Mutwillen fröhliche Nichte reichte. Sein wiederholtes Blinzeln, Lächeln und verschmitztes Grinsen konnte ebenso gut als ein Ausdruck der Befriedigung, wie des Spottes und versteckten boshaften Triumphs gelten. Abermals gab Martin seiner jungen Verwandten das Geleit bis in die offene Pforte. Dann schied sie von ihm mit dem beruhigenden Bewusstsein, eine Heimstätte gefunden zu haben, auf welcher sie kaum noch empfand, von dem Geschick vereinsamt in die Welt hinausgestoßen worden zu sein. Was auch immer wunderlich und schrullenhaft an den beiden alten Hausgenossen, unter deren Schutz sie hinfort leben sollte, für alles hatte sie die günstigste Deutung.

 

*

 

An dem bestimmten Tag stellte Margaretha sich mit ihrem Koffer zur festgesetzten Stunde im Schneckenhaus ein. Maurus und Markolf, die sich bis dahin nicht mehr bei dem rücksichtslosen Verwandten hatten blicken lassen, begleiteten sie, um sich über die Art ihres Unterkommens Gewissheit zu verschaffen. Zu ihrem Erstaunen hatte Martin sie zuversichtlich erwartet. Bereitwillig führte er sie in die für Margaretha bestimmten Zimmer, die allerdings nur notdürftig möbliert waren, trotzdem aber einen freundlichen Eindruck hervorriefen. Ein starker Terpentin- und Ölfarbenduft musste freilich mit in Kauf genommen werden, indem die Wände mit zahlreichen Bildern und Skizzen bedeckt worden waren, die noch der künstlerischen Ausführung bedurften. Da aber Krehle mit dem vornehmen Anstand eines gefeierten Künstlers beteuerte, dass ein derartiger Duft nichts weniger als gesundheitsschädlich sei, was Martin Findegern aus vollem Herzen bestätigte, so beeinträchtigte dieser Umstand nicht im Entferntesten die überaus heitere Stimmung, in welcher man jedes einzelne Bildnis betrachtete und die dasselbe schaffende Hand – zu der beiden alten Knaben heimlichem Entzücken – als hervorragend begabt pries. Die Brüder beruhigte besonders die herzliche Befriedigung, mit welcher Margaretha der kommenden Tage gedachte. Das Bewusstsein, bei ihren ferneren Bewegungen einer großen Sorge überhoben zu sein, erweckte sogar ein gewisses Dankbarkeitsgefühl in ihnen, sodass sie die wiederholten versteckten Angriffe Martins mit etwas mehr Gleichmut ertrugen. Die einzige Rache, welche sie sich heute erlaubten, bestand im Bekenntnis, auch ohne fremden Rat Stellungen gefunden zu haben, wie sie ihren Neigungen und Fähigkeiten mehr entsprachen als das Tischlergewerbe.

Bei dieser unerwarteten Nachricht ließ Martin die Arme schlaff an seinem Körper heruntersinken. Bittere Enttäuschung prägte sich in seinen Zügen aus, indem er Maurus durchdringend ansah. So stand er eine Weile, wie in seinem erfinderischen Kopf nach einer Angriffswaffe suchend. Plötzlich sprach er ingrimmig: »Ich darf wohl wissen, für welches Metier du dich entschieden hast, und obendrein ohne das Gutachten jemandes einzuholen, auf dessen Gewissenhaftigkeit ihr hättet Häuser bauen können?«

»Gewiss dürfen und sollen Sie das«, antwortete Maurus zuvor

kommend, »in der Nachbarschaft lagert ein gewisser Colonel Rutherfield mit seinem Regiment. Zu ihm ging ich und brauchte nur meine heimatlichen Militärpapiere vorzuzeigen, um sofort eine Leutnantsstelle zugesichert zu erhalten. Meine Uniformen sind bereits in Arbeit. Binnen wenigen Tagen marschiere ich mit meinem Regiment gegen den Feind.«

»So?«, murmelte Martin gedehnt, indem er die Geschwister zur Veranda hinaufführte, wo sich alle niederließen, um dieses Mal den angebotenen Trunk nicht abzulehnen. »Als Leutnant? Bless you! Das mag freilich mehr nach deinem Geschmack sein.« Er verbiss seinen Zorn, so gut es gehen wollte, und fügte spöttisch hinzu: »Ich kalkuliere, das war ein unüberlegter Streich; denn wer es nicht nötig hat, lässt sich im Allgemeinen nicht mutwillig tot oder gar zum Krüppel schießen. Das soll mich nicht hindern, dir recht viel Vergnügen zu der neuen Ehre zu wünschen.« Beide Fäuste mit Heftigkeit hinter die Schürze schiebend, zu Markolf gewendet: »Du hast dich ebenfalls für den Krieg einfangen lassen?«

Leichtfertig antwortete dieser: »Ich lernte daheim genug vom Soldatenstand kennen, um meine ungebundene Freiheit höher zu stellen als das Beugen unter eine eiserne Disziplin. Ich zog daher vor, in den Dienst der St. Louis-Pelzkompanie zu treten. In der nächsten Woche geht es den Missouri hinauf nach Fort Pierre, einer Pelztauscherstation.«

»So?«, sprach Martin Findegern abermals höhnisch, »zu dem oberen Missouri, um dir von den Wilden die Haut samt den Ohren vom Kopf herunterschälen zu lassen. Bless you! Meinetwegen geht zum Teufel selber. Ihr könnt wenigstens behaupten, nicht ungewarnt in euer Unglück gerannt zu sein. Bei Gott! Ich hätte den Söhnen meiner Schwester Grethe Besseres gegönnt …«

»Ähnliches sagte ich ihnen bereits«, hob Margaretha klagend an, als Martin unwirsch einfiel.

»Lass sie. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Du aber tröste dich mit dem Gedanken, dass die beiden Landstreicher früher wieder da sind, als wir sie erwarten. Da wird die blaue Schürze ihnen vielleicht mehr zusagen. Was meinen Sie dazu, Herr Doktor?«

Krehle drehte seinen Schnurrbart mit der Miene eines auf seinen Lorbeeren gemächlich rastenden Welteroberers empor und erklärte orakelhaft: »Das beruht auf Ansichten. Trügen sich alle Menschen mit denselben Ansichten, so lebten wir wie im Paradies und es gäbe keine Kriege mehr. Die edle Kunst könnte ungehemmt gepflegt werden, und der warme Naturbewunderer dürfte sich ohne Gefahr mitten unter Menschenfressern niederlassen.« Die Bewegung des Mundwinkels galt diesmal der Art, auf welche er sich, ohne jemand zu nahe zu treten, seiner Aufgabe entledigt hatte.

»Da hört ihr es«, nahm Martin schnell wieder das Wort, »wenn ein Mann, wie der Herr Doktor, so spricht, muss es seinen guten Grund haben.«

Er sah vor sich nieder, nicht achtend der beiden jungen Männer, die spöttische Blicke wechselten, nicht achtend Margarethas, die sie mit Stirnrunzeln strafte. Sein hartes Gesicht glühte förmlich vor heftiger Erregung. Wie in Zweifel über irgendeine Frage, blinzelte er bald mit dem einem, bald mit dem anderen Auge von unten herauf, und jedes Mal traf ein Zornesblitz einen der Brüder. Plötzlich erhob er sich, um bald im Haus zu verschwinden, kehrte aber schon nach einigen Minuten zurück. Die Hände hatte er hinter dem Schürzenlatz hervorgezogen. Trotzdem erschien derselbe noch aufgebauscht. Sein Gesicht trug dagegen das altgewohnte Gepräge einer Mischung von Spott, Schadenfreude, Verschmitztheit, Harmlosigkeit und Bosheit. Auch seine Stimme hatte ihren früheren Klang zurückgewonnen indem er, sich niederlassend, anhob: »Als ich vor so und so viel Jahren mich zur Auswanderung entschloss, erhielt ich von eurem Vater, dem Herrn Geheimrat, vierhundert preußische Taler vorgeschossen.« Flüchtig verschärfte sich der Ausdruck von Bosheit. »Damit fing ich an und habe seitdem redlich Haus gehalten. Das angegriffene Kapitälchen ergänzte ich bald genug. Dann fügte ich allmählich die Zinsen bei, weil ich es nicht als mein Eigentum betrachtete. Ich rechnete nämlich darauf, es dereinst auf die eine oder die andere Art dem Herrn Geheimrat oder seinen Erben zurückerstatten zu können.« Hier gewann der Zug der Verschmitztheit den Vorrang. »Weshalb ich mich jetzt glücklich schätze, endlich meine Schuld in Ehren abzutragen.« Er schöpfte Atem, räumte Spott und Schadenfreude vorübergehend die erste Stelle ein, um demnächst mit an Einfalt grenzender Harmlosigkeit fortzufahren. »Die Abzahlung hätte ich zwar lieber bis zu einer Zeit verschoben, in welcher das Geld euch von größerem Nutzen gewesen wäre. Da ihr aber entschlossen seid, eure Haut um nichts auf den Markt zu tragen, ich hingegen nicht will, dass ihr aus diesem Leben scheidet, ohne mich als einen ehrlichen Mann kennengelernt zu haben, so ist es am besten, ich mache gleich klaren Tisch. Damit erlöschen zugleich alle Beziehungen zwischen euch und dem alten Tischlergesellen, wogegen ich meinem Schöpfer auf den Knien danke, die schwer drückende Last von meiner Seele heruntergewälzt zu haben. Außerdem kommt euch das Geld gerade jetzt wohl am gelegensten.«

Die Geschwister sahen sich gegenseitig erstaunt an. Keinem stand eine Erwiderung zu Gebot. Wie ihren Sinnen nicht trauend, überwachten sie den wunderlichen Verwandten, der eine Rolle Geld nach der anderen hinter der Schürze hervorzog und vor sich auf den Tisch legte.

»Sechshundert Dollar«, sprach er, nachdem der Vorrat erschöpft war, so gleichmütig, als hätte er über einen Korb voll Sägespäne verfügt, »sechshundert in runder Summe, die Zinsen mit eingerechnet. Teilt euch das Geld als euer euch rechtlich gebührendes Eigentum und macht den besten Gebrauch davon. Für die Grethe wird anderweitig gesorgt werden, und noch bin ich ja arbeitsfähig. Quittung brauche ich ebenso wenig wie einst der Geheimrat, und damit ist Gott sei Dank die leidige Angelegenheit zum endgültigen Abschluss gelangt.«

Noch immer sahen die Brüder verstört in das harmlos grinsende verkniffene Gesicht. Endlich aber erklärte Maurus ablehnend: »Unser Vater war ein durchaus vornehmer Charakter. Ihm darf nicht zugetraut werden, dass er dem bedürftigen Bruder seiner Frau die vierhundert Taler nur als Darlehen aushändigte, uns aber nicht, gewissermaßen in seinen Namen, einmal Geschenktes zurückzunehmen.«

»Bless you! Ein vornehmer Charakter?«, fuhr Martin heftig auf, mäßigte sich bald wieder und fügte spöttisch hinzu: »Nun ja, ich lernte die Vornehmheit an ihm kennen. Doch ob geschenkt oder geborgt: Weist ihr das Geld zurück, so wird es unehrlich, und unehrlich Gut dulde ich nicht in meinem Haus. Mit meiner Hände Arbeit schlage ich mich recht und schlecht durchs Leben. Trotzdem besitze ich so gut meinen Stolz, wie jeder Geheimratsjunge. Indem ihr meinen Rat verschmähtet, und wohlgemeint war er obendrein, sagtet ihr euch von mir los. Ich bin nicht der Mann dazu, einmal abgebrochene Verbindungen um jeden Preis wieder zusammenzuleimen. Gute Freunde können wir deshalb immer noch bleiben und einen anständigen Gruß miteinander wechseln, schon allein um der Grethe willen, die hier unter diesem Dach eine friedliche Heimstätte finden soll. Im Übrigen werden wir uns gegenseitig schwerlich viel hindern, und damit ist euch sicher am meisten gedient. Herr Doktor, Sie sind ein studierter Mann und Künstler, was sagen Sie dazu?«

Krehle strich seinen Knebelbart mit unnachahmlicher Würde und antwortete bereitwillig: »Stolz liebe ich den Spanier, stolz aber auch den Tischlergesellen.«

»Da habt ihr es, bless you«, hob Martin Findegern, durch Krehles Ausspruch sichtbar geschmeichelt und befriedigt, in scharfem Ton an, als Maurus, nunmehr ebenfalls erregt, ihn mit den Worten unterbrach: »Sie missverstanden mich …«

Martin ließ die flache Hand etwas schwerer auf den Tisch sinken. »Kein Missverständnis, junger Mann«, sprach er ungeduldig, doch gelangte jetzt auch bei ihm eine gewisse Würde zum Durchbruch, »was du sagst, ist nicht das, was du denkst, und ich bin alt genug, um zwei solch jungen Burschen mitten ins Herz hineinzusehen. Was ich da entdecke, ist meine Sache. Soll ich dereinst meine Augen in Frieden schließen, so muss ich das Geld eures Vaters zuvor auf die eine oder die andere Art losgeworden sein. Jetzt entscheidet euch, damit die Angelegenheit um eurer guten Schwester willen aus der Welt kommt.«

»Seid nicht einfältig«, raunte Margaretha Maurus dringlich zu, denn sie fürchtete für ihre kaum gewonnene Zufluchtsstätte, zumal ihr Vertrauen zu dem alten Sonderling sich immer mehr befestigte. »Nehmt es doch; er ist ja euer leiblicher Onkel.«

Bevor ein anderes Wort laut wurde, erhob Martin Findegern sich geräuschvoll. Die Fäuste hinter die Schürze gezwängt, betrachtete er die jungen Männer geringschätzig. Ein milderer Blick traf Margaretha. Dann bemerkte er eigentümlich boshaft grinsend, während er zugleich das dünne Kinnbärtchen aufreckte: »Ich gehe jetzt in die Werkstatt. Der Herr Doktor wird mich begleiten, damit ihr allein seid. In fünf Minuten bin ich zurück. Bis dahin könnt ihr euch geeinigt haben. Für mich verlange ich nur – und hier im Schneckenhaus, so benannt und gezeichnet von Herrn Doktor Krehle …«, er wies auf die Riesenschnecke oberhalb der Tür, »… bin ich Herr – von dem Geld nichts mehr zu sehen oder zu hören.«

Genau fünf Minuten blieben die beiden seltsamen alten Knaben fort. Als sie wieder auf der Veranda erschienen, überzeugten sie sich auf den ersten Blick, dass das Geld verschwunden war. Zu welchen energischen Vorstellungen und ungestümen kindlichen Drohungen Margaretha gegriffen hatte, um die störrischen Brüder zum Nachgeben zu bewegen, danach fragte niemand. Eine regere Unterhaltung wollte nicht mehr in Gang kommen. Die Brüder empfahlen sich daher frühzeitig, worauf Margaretha zu Werke ging, unter Kleopatras Beihilfe sich in ihrer Wohnung einzurichten. Nur einmal noch sprachen Maurus und Markolf im Schneckenhaus vor, um der Schwester Lebewohl zu sagen. Ersterer trug bereits Uniform, wogegen Markolf sich zur Fahrt in den Fernen Westen gerüstet hatte. Margaretha weinte bitterlich.

Als die jungen Männer ihm zum Abschied die Hand reichten, schaute Martin Findegern listig vergnügt drein. Dank für die ihrer Schwester zugewendete Sorgfalt lehnte er gleichmütig ab. Sein letztes Wort war, dass sie sich um deren Zukunft nicht zu beunruhigen brauchten, sie daher nichts hindere, um so aufmerksamer zu ihren eigenen Wegen zu sehen.