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Sir Henry Morgan – Der Bukanier 13

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Dreizehntes Kapitel

Morgan lässt unzweideutige Merkmale seiner künftigen Laufbahn Blicken, trifft auf einen alten Freund unter einem neuen Gesicht, der ihn zugrunde richtet.

Als der Drache, denn so hieß die Piratenfregatte, dem Barbodier auf Kanonenschussweite nahe gekommen war, schien sich an Bord des Ersteren einige Unschlüssigkeit kund zu geben, denn er holte plötzlich tot an den Wind auf und kam so sternwärts von Morgan, ohne ihn zu belästigen. Der Barbadier setzte seinen Kurs unverändert fort und vergrößerte dadurch seine Distanz von der Fregatte bedeutend.

Der Meister des Barbadiers fühlte sich gehoben. »Sie wird uns nichts sagen wollen«, meinte er.

»Schmeichelt Euch nicht mit einer solchen törichten Vorstellung, sondern seht vielmehr, ob Ihr nicht ein bischen weiter Tuch auf das Schiff klappen könnt. Die Fregatte sieht sich nur nach ihrem Begleiter um und ist ein bisschen verdutzt über dessen Abschiedsschuss. Sie begreift jetzt alles. Seht, sie legt bei und ihre Marse sind voll von Offizieren. Ha, bei dem Genius meines bösen Geschicks, da ist auch sternwärts von ihr der Fockmast der Felucke, an welchem noch das Focksegel hängt! Sie kann jetzt nicht mehr im Unklaren sein. Ja, sie hat gefüllt und kommt wieder herunter!«

Der Drache hatte jetzt das Wetter Guage und nahm mit allen Segeln, welche er ausbreiten konnte, die Verfolgung wieder auf. Für den Barbadier war nur wenig zu hoffen, und seine Mannschaft durfte auf keine Schonung zählen, wenn das Schiff genommen wurde. Morgan säumte nicht, sie daran zu erinnern, und sie antworteten mit drei kräftige Hurrarufen. Alles war zum Gefecht bereit.

Der Meister, ein Mr. Timothy Townsend, machte Morgan den Vorschlag, zu Erleichterung des Schiffes einigen Zucker über Bord zu werfen, aber dieser weigerte sich entschieden, auch nur einen Schilling an Wert seines Eigentums zu opfern, und deutete dem Meister in aller Ruhe an, wenn er an ihm weitere Merkmale von Feigheit entdecke, werde er sich genötigt sehen, ihm sein Rapier durch den Leib zu rennen. Dies war eine wirksame Methode, alle unangenehmen Vorstellungen abzuschneiden.

Der Drache kam zuversichtlich auf den Barbadier herunter und rechnete augenscheinlich auf keinen Widerstand, da sich auf dem Kauffahrer alles merkwürdig ruhig verhielt. Nichts bekundete auf Letzterem auch nur die Geringste Verwirrung, denn es wurden weder Segel gesetzt noch gekürzt oder Veränderungen im Kurs vorgenommen. Die Windpfropfen steckten in den Kanonen, obwohl jede derselben geladen war und einen Mann mit brennende Lunte an ihrer Seite hatte.

Der Drache stand jetzt in Rufweite und der Wind trug einige unbestimmte Töne herunter. Aber nun brasste Morgan plötzlich seine Rahen, luvte an den Wind, fuhr unter den Stern des Piraten und gab ihm recht in seine Windvierung alle Kugeln, wie sie der Reihe nach treffen mochten. Dann holte der Barbadier dicht an den Wind auf, und der Drache fiel fast zwei Meilen leewärts, ehe er sich von seiner Überraschung erholen und seine Segel zu einer Windwärtsjagd setzen konnte. Nachdem er gleichfalls seinen Wind geholt hatte, machte er anfangs nur traurige Arbeit, denn seine Besanrah war in der Nähe der Stroppen entzweigeschossen worden, und es währte einige Stunden, ehe sie wieder hinreichend hergestellt war, um das Besansegel darauf setzen zu können. Aber trotz dieser Beschädigung ging der Drache doch schneller als der Kauffahrer und holte denselben zuletzt rasch wieder ein.

Nachdem die beiden Schiffe abermals in Schussweite standen, wurde das Gefecht scharf und ungleich. Die Fregatte luvte von Zeit zu Zeit in den Wind und gab dem Barbadier ihre ganze Breitseite. Die Segel des Letzteren waren zerrissen, seine Masten und Rahen beschädigt, und sowohl auf dem Deck als auch an den Kanonen litt die Mannschaft bedeutend Not. Morgan manövrierte bewunderungswürdig, luvte mit seinem Gegner auf und gab ihm Breitseite für Breitseite. Indessen hatte er nicht halb so viel Metallgewicht zu werfen als der Drache, und auch seine Kanoniere waren weniger geübt.

Diese ganze Zeit über hatte Morgan mit seinen Steuerbordkanonen gekämpft, aber jetzt waren sie heiß und zwei davon ganz und garunbrauchbar geworden.

Die Schiffe standen nun nahezu nebeneinander, der Pirat ein wenig voraus und im Begriff, Morgan den Vorsprung abzugewinnen. Der Drache musste, obwohl noch immer in Lee bald quer vor die Klüse seines Gegners kommen, aber Morgan zweifelte, ob er wohl in seinem verstümmelten Zustand zu lavieren vermöge, um dadurch weiteren Schüssen zu entgehen. Auch hatte er kaum Raum genug zum Fieren, ohne an Bord seines Feindes zu fallen.

Jetzt kam ihm übrigens ein Unglück zu Hilfe. Sein Besanmast fiel über die Seite und riss die große Stenge nach. Er befahl daher, augenblicklich das Ruder hart aufzuziehen, und das Schiff flog nun vor dem Wind um. Zu gleicher Zeit sprangen die Matrosen zu den Steuerbordkanonen hinüber. Lange ehe der Drache fieren konnte, war er bereits wieder vollständig und mörderisch zerschossen.

Die Hoffnung des Entkommens steigerte sich nun an Bord des Barbadiers, aber nicht auf lange, denn der Pirat nahm bald die Jagd wieder auf. Der Kauffahrer konnte jetzt nur noch vor dem Windelaufen, und abermals begann der Kampf Seite an Seite.

Während die Schiffe so standen, musterte Morgan, der seine Person völlig bloßstellte, mit seinem Glas die Masten, Rahen und das Takelwerk des Drachen, ohne etwas entdecken zu können, was auf schwere Beschädigung hindeutete. Er gestand sich jetzt selber ein, dass keine Hoffnung mehr vorhanden war, und beschloss daher, die Flagge einzuziehen. Zuvor aber befahl er seinen Leuten, dem Feind noch eine volle Breitseite zu geben, dann aber ohne Weiteres in den Raum hinunterzugehen und sich zu verstecken. Diese letzte Lage wurde mit Nachdruck und guter Zielfertigkeit gegeben. Die Splitter flogen und das Geschrei der Sterbenden und Verwundeten schallte von Bord des Seeräubers hinüber.

»Darf ich jetzt in den Raum hinuntergehen, Sir?«, fragte der Meister.

Morgan gab ihm eine Minute lang keine Antwort und prüfte während dieser Zeit den Zustand an Bord des feindlichen Schiffes. Da er aber keine Masten oder Rahen fallen sah, so stieß er Mr. Townsend mit dem Fuß von der Hütte hinunter und brach in ein gekünsteltes Lachen aus, als er den Mann die Treppen hinabrollen sah. Sodann ging er hin, um kaltblütig die Farben herunterzuholen.

»Das ist kein Spaß«, sagte Bradley, der mit Morgan allein auf dem Deck blieb.

»Freilich«, versetzte Morgan – »ein Weltspaß ist es. Aber setz dich hier unter das Lee dieses Balkenkopfs; denn obwohl wir gestrichen haben, feuert der Schurke stärker fort, als je, weil er es in aller Sicherheit tun kann. Horch, Joe, wie das Musketenfeuer gegen die Seiten und auf die Decks rasselt. Erinnert es dich nicht an den Hagel, der sonst in dem guten, lieben, alten Penabock an die Glasscheiben des Farmgiebels zu schlagen pflegte? Doch die Eisenfresser werden diese Arbeit bald satt haben.«

»Ach, lieber Heinz, stelle dich nicht so an, denn ich kann mir nicht denken, dass es dir lustiger zumute sein sollte, als mir.

Wären wir diesem Spitzbuben entgangen, wie glücklich hätte ich nicht den armen alten Harfner machen können! Beim heiligen David, ich habe gute Lust, aufzustehen und eine dieser Muskatenkugeln mit meiner unglücklichen Kehle aufzufangen.«

Bradley wollte aufstehen, wurde aber von Morgan wieder auf das Deck niedergerissen, der also erwiderte: »Ich versichere dir, Bradley, dass sich mein Herz leicht fühlt, obwohl es voll ist von Galle und Bitterkeit. Ich bin zu Grunde gerichtet, zum Bettler geworden und habe zu gewärtigen, dass demnächst mir auch die Kehle durchgeschnitten wird. Aber dennoch fühlte ich mich nie mehr zum Scherz geneigt. Es ist mir, als könnte ich mich von meinem Ich trennen und über dasselbe lachen wie über den größten Esel und den erbärmlichsten Gecken, der nur jemals lebte.

»Ja, Heinz, du fühlst jetzt, dass du meinem Rat hättest Folge leisten und auf ein Kriegsschiff warten sollen.«

»Ich versichere dir, mein lieber Joseph, etwas der Art fällt mir nicht ein. Den Grund kann ich dir freilich jetzt nicht sagen und vielleicht wirst du ihn nie erfahren; aber ich werde künftighin ein weiserer Mann sein, und wenn ich nur aus diesem Ungemach das Leben davontrage, steht mir immerhin wieder Glück und Reichtum in Aussicht. Na, sie haben endlich mit ihren Begrüßungen aufgehört. So höre mich jetzt an, Joseph, und wenn du mich je geliebt hast, so tue, was ich dir sage. Erweise dich gegen diese Elenden so höflich, wie du nur kannst, und erbiete dich, mit mir in ihren Bund einzutreten.«

»Wie, mit diesen blutigen Piraten?«, rief Bradley mit tugendhaftem Entsetzen.

Das Gefühl war aufrichtig, denn durch selbige Piraten gingen ihm nahezu vierzehntausend Pfund verloren.

»Ja mit diesen blutigen Piraten – und da sind sie.«

Die Schiffe lagen nun nebeneinander, und die Seeräuber schwärmten, die Säbel in der Hand, wie Heuschrecken über die Buge, auf die Kuhl und auf das Halbdeck. Sie fanden keine Feinde. Morgan und Bradley standen hoch über ihnen; beide hatten die Hüte in der Hand, verbeugten sich und lächelten ihnen mit den angenehmsten Gesichtern von der Welt zu. Die Piraten hätten in der Tat vom wildesten Schlag sein müssen, wenn sie die zwei Männer, welche sich wie reiche Kaufleute trugen und von schöner gewinnender Außenseite waren, hart hätten behandeln wollen, denn es ließ sich kaum denken, dass die friedlich aussehenden Gentlemen Ursache des Widerstandes sein konnten, welcher für so viele ihrer Begleiter verhängnisvoll wurde.

Morgan hatte seine Grimassen noch nicht lange fortgesetzt, als der Kapitän der Fregatte, von seinen Hauptoffizieren begleitet, an Bord kam. Aber denke man sich sein und Bradleys Erstaunen, als sie in Sir Paul Plunket niemand anders als ihren alten Quälgeist, den seelenverkäuferischen Kapitän van Vagardo erkannten! Bradleys Gesicht verriet alle Kennzeichen von Entsetzen und Wut, während sich dagegen Morgan liebenswürdiger als je zuvor benahm. Er flog die Treppe hinunter zu der Stelle, wo Plunket stand, fasste mit Wärme dessen beide Hände und wünschte ihm mit viel anscheinender Herzlichkeit Glück zu der wertvollen Prise. Sir Paul war anfangs geneigt, den Wilden zu spielen, wurden aber bald durch Morgans geschmeidiges Wesen milder gestimmt. Unser Held lehnte die ganze Ehre des Widerstandes von sich ab und übertrug sie auf den tapferen Meister Timothy Townsend, dadurch das Leben des friedlichen Mannes in große Gefahr versetzend. Indessen wusste Morgan es durch Bitten soweit zu bringen, dass auch dieser geschont werden sollte, denn ein Tapferer sei dem andern eine solche Anerkennung schuldig.

Unser Held ging sodann auf Erklärungen ein, und Sir Paul war nicht wenig erstaunt, als er erfuhr, dass Henry und Bradley so schnell ein schönes Vermögen erworben hätten. Auch gewann es Morgan zuletzt mit vieler Mühe über Plunket, dass er Leib und Leben der Barbadiermannschaft zu schonen versprach. Nachdem er sein feierliches Wort gegeben hatte, wurden die Meister und die Matrosen aus ihren Verstecken heraufgerufen.

Plunket war nicht wenig erstaunt, als er den tapferen Townsend blass und zitternd, mit schlotternden Knien und kalten Schweiß auf seiner Stirn vor sich stehen sah. Er befahl ihm, sich in beträchtlicher Entfernung leewärts aufzustellen, hielt dann seine Nase zwischen Zeigefinger und Daumen und ließ sich herab, ihn zu befragen.

Morgan sah sich genötigt, die Mittelsperson zu machen. Er lobte das Benehmen und die Tapferkeit des Schiffsmeisters während des langen Gefechtes und erklärte seinen dermaligen Schrecken durch die Ehrfurcht, welche er in der Anwesenheit des berühmten kommandeurs Sir Paul fühle.

Während Morgan sprach, wurde Timothy zuversichtlicher, dann wacker und zuletzt entschieden mannhaft. Unser Held gestand mit aller Demut ein, dass er nicht viel von derartigen Dingen verstehe. Er sei mit Herz und Seele ein Pflanzer geworden, und sein ganzer Ehrgeiz beschränke sich auf das Ansammeln von Reichtümern.

Schließlich flehte er mit einem Gewinsel, das ihm in einem Konventikel alle Herzen gewonnen haben würde, Sir Paul möchte ihm und Bradley eine Kleinigkeit von ihrem Eigentum zurückgeben, damit sie ihr Leben wieder neu beginnen könnten. Es war allerdings bloß Künstelei, aber Plunket ließ sich dadurch täuschen.

Morgan brachte dann in Gegenwart aller derer, welche von der Mannschaft des Barbadiers übrig geblieben waren, den gefährlichsten Punkt zur Sprache, indem er den Korsarenkommandeur mitteilte, sie seien in der Dunkelheit des Morgens auf etwas gerannt und hätten erst wahrgenommen, dass irgendeine Zerstörung stattgefunden haben müsse, als sie sehr geheimnisvoll unter ihren Bugen ein schweres Ordonnanzstück krachen hörten. Als er jedoch sah, dass Plunkets Stirne sich über diesen Bericht verdunkelte, lenkte er sehr gewandt von dem Gegenstand ab, indem er ihm die Ladescheine übergab und ihn in diesem kritischen Augenblick vom großen Wert der Prise unterrichtete.

Die Dinge gingen etwa eine Stunde recht ordentlich vonstatten, aber dann schien eine sehr schlimme Wendung für Morgan und seinen Freund einzutreten. Während sich Plunket in der Kajüte des Barbadiers mit seinen Offizieren an den guten Dingen labte, mit welchen sich Morgan für ausschließliche Tröstung seines eigenen inneren Menschen vorgesehen hatte, lief die Nachricht ein, dass die Fregatte keine zwei Stunden länger flott bleiben könne. Die paar Leute an Bord derselben hatten sich im Pumpen erschöpft und sie sei augenscheinlich in schnellem Sinken begriffen.

Die Sache verhielt sich nämlich so, dass auf dem schwer geladenen Kauffahrer, welche die ganze Zeit über mit seinen Leekanonen kämpfte, die Richtung der Kugeln sehr niedrig war. Viele derselben hatten zwischen Wind und Wasser eingeschlagen und fast alle den Rumpf des Gegners durchbohrt. Die Folge davon war bedeutender Verlust an Menschenleben und eine Verstümmelung der Fregatte, welche den Untergang derselben nach sich zog.

Morgan wurde fast toll, als er von diesem Stand der Angelegenheiten hörte, und Bradley hatte ihn nie zuvor so aufgeregt gesehen.

Indessen war Plunket, Vagardo oder wie auch sein wahrer Name lauten mochte, keineswegs der Mann, um in einem solchen Unglück müßig zu bleiben. Zuerst wurden die Verwundeten und dann die wertvolleren Vorräte von der Fregatte zum Barbadier geschafft. Man versuchte auch einige der ehernen Kanonen zurr Prise herüberzuholen, aber mit einem Mal begann das Seeräuberschiff sich vorwärts zu neigen, und die Boote hatten kaum Zeit, hurtig hinweg zu rudern, als der Drache mit einem schweren Schlingern unterging.

Der Barbadier war zwar ein größeres Fahrzeug, aber keineswegs wie ein Kriegsschiff ausgestattet. Er segelte nicht besser wie die meisten Kauffahrer und war nicht für eine hinreichende Geschützzahl gebohrt, um in einem Kampf furchtbar zu erscheinen. Der Verlust des Drachen war daher nicht wieder gut zu machen.

Seit der Zeit, als wir Sir Paul das letzte Mal zu Barbados sahen, können wir nicht viel über ihn, noch weniger aber zu seinen Gunsten sagen. Er war ein verzweifelter Abenteurer, eine Ausgeburt der unglücklichen Zeiten, in welchen er lebte. Seinen Namen hatte er schon so oft verändert, dass manche glaubten, er kenne seinen rechten selbst nicht mehr. Durch irgendein anrüchiges Manöver, das der Autor dieser Memoiren nie genügend zu ergründen vermochte, war er in Besitz des Drachen gekommen, an dessen Bord er sich Paul Plunket nannte. Er wurde zu einem wilden Royalisten, ergaunerte sich von dem Herzog von Ormonde eine Bestallung und erhielt durch diesen Edelmann wirklich die Ritterwürde. Wäre er nicht allzu schlau gewesen und hätte er die Restauration erlebt, so würde er es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur zur Baronswürde, sondern auch zu großem Vermögen gebracht haben.

Den ganzen nächsten Tag waren Morgan und Bradley in eine der kleinsten Schiffskajüten eingesperrt und durften mit niemand Verkehr unterhalten. Die Seeräuber benutzten diese Zeit, um frische Stengen aufzusetzen und ihre Prise, jetzt ihre Heimat, in Ordnung zu bringen. Am zweiten Tag ihrer Haft um die Mittagsstunde wurden Morgan und Bradley vor ein sogenanntes Kriegsgericht geladen, in welchem Sir Paul und seine Offiziere als Richter fungierten, Morgan, Bradley und Mr. Timothy Townsend aber die Angeklagten darstellten. Auf dem Halbdeck stand ein Tisch, vor welchem mit Seilen eine Art Gerichtsschranke ausgespannt war. Die Angeklagten erhielten ihren besonderen Platz, und für den Präsidenten, welcher Ankläger Richter und Henker in einer Person war, stand ein Prunkstuhl da. Um die Szene noch imponierender zu machen, war über diesem Piratengerichtshof ein Baldachin von Flaggen ausgebreitet, während die Angeklagten barhäuptig in der Sonne stehen musten.

Die Posse wurde durch einen Menschen eröffnet, welcher die Rolle des Sekretärs übernommen hatte und zuerst Sir Paul Plunkets Ritterdiplom, dessen Bestallung unter dem großen Siegel Carl II., Königs von Irland, Schottland, Frankreich usw. verlas. Nachdem dies geschehen war, nahm Sir Paul eine finstere Miene an und hielt folgende Rede an die Gefangenen: »Simon Simcox, alias Henry Morgan, Joseph Bradley, überwiesene Verbrecher, deren Urteil lautete, als Kolonialsklaven verkauft zu werden und in dieser Eigenschaft auch wirklich verkauft wurden, und Ihr, Timothy Townsend, Schiffsmeister, ihr seid vor diesem ehrenwerten Gerichtshof angeklagt unterschiedlicher vielfältiger, großer Verbrechen, hauptsächlich aber der Rebellion und des Hochverrats gegen unseren souveränen Herrn, den König. Ihr seid angeklagt der Rebellion und des Hochverrats, indem ihr Krieg erhoben gegen Seine Majestät in offener Handlung und verbrecherischer Weise, viele seiner loyalen Untertanen erschlagen, verstümmelt und verwundet habt – nämlich (und nun wurden etliche und vierzig Getötete und mehr als sechzig Verwundete von der Mannschaft des Drachen aufgezählt.) Was sagt ihr dazu, schuldig oder nicht schuldig?«

Die Angeklagten sagten natürlich »nicht schuldig.« Bradley dampfte, Townsend quäckte und Morgan nahm eine scherzhafte Miene an, als stünde er im vertraulichsten und freundlichsten Verhältnis zu seinem Verfolger. Aber nicht nur dieser, sondern alle seine Offiziere und Leute befanden sich in sehr bitterer Stimmung.

Der gewonnene Reichtum tröstete sie durchaus nicht für den Verlust ihres Schiffs. Während daher Henry Morgan eine seiner süßesten Erwiderungen hielt, bat einer von den Matrosen den ehrenwerten Gerichtshof um die Erlaubnis, den Sprecher ohne Weiteres mit einer Handspacke vor den Kopf schlagen zu dürfen. Es fehlte wenig, dass dieser bescheidene Gesuch genehmigt worden wäre. Dennoch ließ sich unser Held nicht zum Schweigen bringen.

»Was bedarf es da vieler Umstände?«, sagte der Präsident. »Die Tatsachen liegen zu sehr auf flacher Hand, um weiterer Zeugnisse zu bedürfen. Natürlich schuldig, Gentlemen?«

»Freilich schuldig, schuldig – die Schurken!«

Und jede Schimpfrede wurde nun vomunparteiischen Gericht auf die Angeschuldigten gehäuft.

»Und das ganz von Rechtswegen. Ich habe jetzt nur noch das Urteil zu sprechen, welches dahin lautet, dass ihr als falsche Taugenichtse und blutdürstige Verräter innerhalb einer Stunde an der Focknocke gehängt werden sollt. Wenn ihr also noch so eine Art von Gebet brummeln wollt, so lasst euch ohne Weiteres nieder auf eure Markknochen, obwohl ich erwarte, dass zwei von euch kühn dem Tod ins Auge sehen und keine derartige Possen spielen werden, um den Teufel zu betrügen. Es wird uns alle freuen, euch wohlgemut abfahren zu sehen. Was die Gemeinen betrifft, so soll allen das Leben geschenkt sein, welche Seiner Majestät dienen und sich unter uns anreihen lassen wollen. Die Übrigen aber, welche den Untertaneneid verweigern, deportieren wir nach Portobello, Veracruz oder irgendeinen anderen Hafen Seiner allerkatholischsten Majestät.«

Bradley sah Morgan mit einer wunderlichen Mischung von Possierlichkeit und Unruhe an.

Letzterer aber tat, als ob die Vorgänge keinen Bezug auf ihn hätten und schien nie mehr zum Scherz aufgelegt gewesen zu sein. Indem er einen noch höheren Grad von Heiterkeit aufbot, redete er den Richter folgendermaßen an: »Sir Paul, das war in der Tat recht gut, aber ich bitte, führt den Scherz nicht zu weit, denn er fängt bereits an, kitzlich zu werden. Seht, Ihr habt diesen Ehrenmann bereits schier getötet. Fasst Euch, Meister Timothy. Sir Paul will Euch nichts zuleide tun. Macht dem Ruf der Tapferkeit Ehre, den Ihr so wohl verdient habt.«

»Ich bin in meinem Leben nie ernster gewesen«, sagte der Pirat. »He, da vorne! Ist die Schlinge aufgezogen? Sagt dem Geschützmeister, er solle den beiden jungen Gentlemen die Ehre erweisen, ihren Aufschwung in die Ewigkeit mit Rauch zu begleiten. Was Poltron da betrifft, so soll er wie ein räudiger Hund aufgeknüpft werden. Hinweg mit ihm und zieht ihn, wie er da so heult, an der Nocke hinauf. So überlegt doch, mein teurer Sir Paul, ich und mein Freund sind ja Eure alten Bekannten. Ihr habt Euch durch uns einen hübschen Pfennig gemacht. Ich will nicht sprechen von dem, was Euch unsere wertlosen Leiber eingebracht haben. Aber in diesem Schiff und seinem Cargo gewinnt Ihr im niedrigsten Anschlag mehr als dreißigtausend Pfund.«

»Meine schöne Fregatte! Mein süßer teurer, edler Drache! Morgan, Morgan, ich bekenne zwar unverhohlen, dass Ihr ein wackerer junger Bursche seid, aber dennoch müsst Ihr baumeln. Ich habe seit gestern etwas gelernt. An Euch, an Euch, mein braver Bursche, muss ich den Tod so vieler meiner tapferen Matrosen und Gefährten rächen.«

»Hängt ihn, hängt ihn!«, erscholl es von allen Seiten des Decks.

»Na, selbst wenn ich in der Luft zappeln soll, so lasst uns wenigstens die Sache in Freundschaft beleuchten. Der Drache ist untergegangen; aber verlasst Euch darauf, nicht durch die Schüsse, sondern durch die Ratten, durch die Ratten. Es war ein Glück, dass Ihr entkamt, und Ihr habt in der Tat mir Euer Leben zu danken. Was den Verlust Eurer Matrosen betrifft, so sind sie wohl gestorben. Der Tod war in ihren Handel mit einbedungen, als sie bei Euch an Bord gingen, und es gibt nur um so mehr unter den Überlebenden zu teilen. Ich biete euch allen meine Freundschaft an. Was nützt es überhaupt, mich zu hängen? Aber als einer von euch, sei es nun als ein Royalist, der für Carl kämpft (Gott segne ihn!) oder als Küstenbruder, kann ich euch von einigem Nutzen werden. Wollt ihr mich und meinen Gefährten annehmen? Wir sind bereit, uns unter euch einzuschwören.«

Es schien eine mildere Stimmung um sich zu greifen, aber noch immer wurde die Versammlung durch das Gewinsel Townsends geärgert, der unablässig von seinem verlassenen Weib und seinen sieben vaterlosen Kindern heulte und schluchzte. Diese pathetischen Berufungen weckten nur den Zorn der Seeräuber. Er wurde unter dem Ruf, man solle doch dem elenden Kerl den Garaus machen, auf den Knien zum Hinrichtungsplatz fortgeschleppt. Der Ärmste hatte, das Gesicht gegen seine Mörder erhoben, die Hände wie im Gebet gerungen. Bradley war eben im Begriff, laute Fürsprache für ihn einzulegen, als ihm Morgan nachdrücklich zuflüsterte, er solle ihn seinem Schicksal überlassen.

»Er ist das Blutopfer«, sagte er. »Meinem Geist ist eine Erleuchtung zugegangen. Wenn er stirbt sind wir sicher.«

Der Mann wurde nun ohne Verhüllung seines Gesichtes oder Fesseln für seine Hände und Füße langsam zur Nocke hinaufgezogen. Seine Gebärden waren furchtbar. Er hielt sich an allem fest, was in seinen Bereich kam. Da er in der Todesnot seine Arme umherwarf, so blieb in jeder seiner Hände ein Bruchstück von den Hängemattengeländern zurück. Sein verzerrtes Gesicht wurde allmählich schwarz. Bald war alles still, während seine Augen aus den Höhlen hervordrangen und dem gräulichen Gesicht das Aussehen eines toten Lebens gaben.

Bradley hätte bei diesem Anblick vergehen mögen, während Morgan mit der ruhigsten Gelassenheit zusah. Bei den übrigen Zuschauern äußerten sich verschiedene Wirkungen. Einige schienen sich der schrecklichen Szene zu erfreuen. Sir Paul behandelte die Sache kavaliermäßig, aber seine Gleichgültigkeit war nur erkünstelt.

Das furchtbare Schauspiel hatte unter der Mannschaft des Barbadiers alle Bedenken beseitigt. Sie kam samt und sonders nach hinten, erbot sich zum Huldigungseid für Carl II. und trug die Bitte vor, unverweilt in den Dienst eintreten zu dürfen.

»Ich zwinge niemanden«, sagte der Kapitän stolz. »Mein Schreiber mag diese Freiwilligen als einen Teil meiner Mannschaft eintragen.«

»Und warum wollt Ihr mich des nämlichen Vorrechts berauben?«, fragte Morgan. »Könntet Ihr Euer Benehmen vor Seiner aller gnädigsten Majestät verantworten, wenn Höchstdieselben davon Kunde erhielten?«

»Oh, mein lieber Freund, macht Euch in Euren letzten Augenblicken nicht um meinetwillen Sorge. Es tut mir in der Tat unendlich leid um Euch – möchte gern alles Vernünftige tun, um Euch zu verbinden. Wir haben ein paar heitere Stunden zusammen verbracht. Ich will allen meinen Kräften aufbieten, um Eure letzte so angenehm und ehrenhaft wie nur möglich zu machen. Noch eine Kleinigkeit von Gebet, während die Bugkanonen geladen werden …«

»Nein, Kapitän, ich bin nicht der Mann, um in dieser Weise zu sterben. Während geladen wird, will ich ein Glas Wein genießen. Was meinst du, Joseph? Nicht dass ich falschen Mut in dem Getränk zu holen wünsche, sondern damit uns die Augenblicke so angenehm wie möglich verrinnen, denn in der Tat, trinken ist jetzt weit angenehmer, als sprechen, nachdem die Unterhaltung eine so ärgerliche Wendung genommen hat.«

»Heda, Aufwärter, zwei randvolle Gläser vom besten Wein! So Gentlemen, hinunter damit! Möge es euch gut bekommen und eure Herzen erfreuen.«

Morgan und Bradley standen jetzt Angesicht gegen Angesicht vor den Piraten und hatten ihre unberührten Gläser in den Händen. Einer kam zum Hinterschiff und berichtete, die Taue seien über die Nocken geschlungen und die Bugkanonen zum Abfeuern bereit. Sie hatten den Meister, dessen Blut in den Adern noch nicht erkaltet war, von der Steuerbordnocke abgeschnitten. Die Leiche befand sich bereits weit im Stern, unter welchem zwei Haifische ihre Rücken zeigten und mit ihren ungeheuren Köpfen gegeneinander anstießen.

»Gentlemen«, sagte Morgan, wir trinken euch zu als ihre Gäste.«

Er und Bradley leerten ihre Gläser zur Hälfte.

»Und nun«, fuhr Morgan fort, »wenn ihr es wagt, die heiligen Rechte der Gastfreundschaft zu verletzen, so sollen eure Leben verflucht sein und mögt ihr selbst den unerträglichsten Tod sterben. Wie wir diesen Wein auf das Deck gießen, so möge das Blut eurer Mütter und Schwestern die Erde befeuchten, damit es die Hunde eurer Feinde auflecken! Jetzt hängt uns, wenn ihr es wagt!«

Und sie wagten es nicht! Unter den wilden Menschen erhob sich allerlei Gemurmel. »Sie seien ein paar wackere Bursche – man könnte nie wieder Glück haben, wenn man ihnen etwas täte. Ein Opfer sei genug. Warum sie nicht als Kameraden einschreiben, da sie doch so mutige Männer seien, die man recht gut brauchen könne?«

Dann erhob sich der Kapitän von seinem Sitz und sagte: »Junge Gentlemen, eure Geistesgegenwart hat euch das Leben gerettet. Da ihr die Aufnahme unter uns nachsucht, so will ich mich darüber bedenken. Inzwischen aber habt ihr euch als Gefangene auf Ehrenwort zu betrachten. Wollt ihr mir euer Ehrenwort geben, gegen mich oder meine Offiziere kein Komplott anzuzetteln? Ihr sollt dann aller Freiheit genießen, welche der beschränkte Raum eines Schiffes bietet. Vor allem aber muss ich eure Zusage haben, dass ihr keine Ränke spinnen wollt mit denen, welche von der Mannschaft des Barbadiers an Bord sind.«

»Wir verpflichten uns feierlich dazu «, entgegnete Morgan.

»Dann gebt mir Eure Hand darauf.«

Morgan drückte Sir Pauls Hand mit allem Anschein von Aufrichtigkeit und Herzlichkeit. Bradley aber tat es nur mit dem größten Widerstreben, indem er zugleich flehentlich seinem Freund in das Gesicht sah.

Die Zeremonie der Händedrücke wurde gegen alle Offiziere wiederholt und die größte Herzlichkeit schien unter denen zu herrschen, von welcher noch vor einer Minute der eine Teil schonungslos wollte hängen lassen und der andere gehängt werden sollte. Die zwei Bugkanonen wurden als Freudenschüsse gelöst. Ihr Rauch kräuselte sich nicht über den Verzerrungen der Sterbenden.

Am selben Tag speisten Morgan und Bradley mit Sir Paul und seinen Offizieren. Während des Diners herrschte geräuschvollste Harmonie. Während dieser Schlemmerei wussten unsere beiden Freunde in ihren Libationen so sehr Maß zu halten, dass sie einen nach dem anderen von ihren Zechgenossen hors de combat sahen. Nur der Kapitän behielt seine Besinnung, obwohl er gegen Mitternacht sehr aufgereizt wurde. Morgan redete ihn nun also an.

»Ho, glorreicher Sir Paul, noch ein volles Glas – so das ist recht. Nun, mein Apostel des Seeraubs, ich will Euch jetzt aburteilen auf Tod und Leben.«

»Gut, mein scherzhaftes Zickelchen, verurteile mich … es ist gut … und so spa … spaßhaft … und gar lustig und heiter und obendrein angenehm; und was noch mehr ist, vernünftig und ernst und traurig … sehr traurig. Ach, Morgan, du bist ein armseliger Tropf. Ich habe wohl gemerkt, dass du deinen Wein wässertest und das ist gottvergessen und abscheulich. Dennoch sollst du mich aburteilen auf Tod und Leben. Nicht schuldig … lass das Urteil lieblich sein … eine Art angenehmen Scherzes.«

»Nun, schaut her, mein edler Spiegel der Ritterschaft. Ihr habt wacker und heldenhaft gehandelt, tut nichts halb, sondern seid ein vollkommener Held. Ihr seid glücklich. Euer Herz sollte sich allen guten Gefühlen öffnen. Wenn Ihr je edelmütig sein könnt, so muss es jetzt sein.«

»Ich bin edelmütig … habe Euch zwei diesen Morgen nicht hängen lassen. Er richtet mich sehr zierlich auf Leben und Tod … edelmüthig … fahre fort.«

»Ihr müsst gegen ein paar arme Engländern nicht bloß halb edelmütig sein. Bedenkt, was wir von Euren Händen schon gelitten haben. Wir bitten Euch nur um ein paar hundert Pfund von unserem eigenen Geld, damit wir in Barbados wieder einen Anfang machen können.«

Trotz seines trunkenen Zustandes blieb der Kapitän doch so habsüchtig wie der filzigste weinscheue Geizhals. Aber obwohl er die Schranken seiner Großmut kannte, wusste er doch seiner Zunge keine zu stecken! Morgan setzte ihm mit den beweglichsten Bitten zu, aber er zeigte keine Spur von Geneigtheit und verriet sogar in der Aufregung des Rausches und in der Hitze des Gesprächs, dass es ihm nicht nur nicht einfalle, ihnen irgendeine Gunst zu erweisen, sondern dass er im Gegenteil nur deshalb jetzt dem spanischen Festland zusteure, um sie mit der übrigen Mannschaft des Barbadiers an die Spanier zu verkaufen.

»Ich liebe euch zärtlich, meine zwei walischen Bergjungen«, schluchzte er, »aber ich habe Verlust erlitten und muss mir einen ehrlichen Penny verdienen. Außerdem, mein gewaltiger Morgan, habe ich schlimme Träume, und nie sucht der Alp mit seiner widerlichen Last meine Brust heim, ohne zuletzt Eure Gestalt anzunehmen. Ihr seid mein beharrlicher Inkubus, und das will mir nicht gefallen. So ein ordentlicher Bursche Ihr auch seid, mag ich doch nicht in meinem Schlafmit Euch ringen. Ich bin nicht abergläubisch, muss Euch aber beim Don in Sicherheit bringen, mein Schätzchen, doch wie kommen wir darauf? Wir wollten uns einen kleinen Spaß machen und Ihr solltet Gericht über mich halten – eine lustige Posse.«

»Es war keine Posse«, sagte Morgan feierlich.

»Ei, und warum fahrt Ihr nicht fort?«

»Das Gericht ist vorüber.«

»Possierlich possierlich, mein kleiner Schalk. Und wie lautet das Urteil meines Herrn Richters?«

»Schuldig, bei meiner Ehre!«

»Wie, was, wessen schuldig?«, stotterte jetzt Sir Paul.

»Eines todeswürdigen Verbrechens«, entgegnete Morgan.

Plunket machte eine sehr ernste Miene, dann schielte er, blickte zornig auf, rieb gedankenvoll seine Stirn, ergriff sein Glas, leerte es, lachte blödsinnig vor sich hin und sagte: »Richter, sehr schnurrig das … und das Urteil, mein welscher Daniel, wie lautet das Urteil, das Urteil?«

»Der Tod eines Schelms.«

»Amen«, pflichtete Bradley mit Andacht bei.

»Was soll das?«, murmelte der Kapitän. Bin ich betrunken? Wer wagt es, den Sir Paul zu beleidigen?«

Er zog dann eine Pistole aus seinem Gürtel, machte einen unwirksamen Versuch, sie zu spannen, begann zu lachen und rief: »Spaßhafte possierliche Hunde!« Dann fragte er, wie der Schiffsschnabel stehe, beantwortete seine eigene Frage, befahl jemanden an, um einen Strich abzuhalten, ließ den Kopf auf den Tisch sinken und lag im nächsten Augenblick hilflos wie ein Kind im tiefen Schlaf der Trunkenheit.

Die beiden jungen Männer sahen ihn eine Weile mit stummem Abscheu an. Die Lampe, welche über dem Tisch hing, ging auf die Neige und verbreitete nur noch ein mattes, rotes, flackerndes Licht. Die Gäste lagen auf den Stühlen oder auf dem Boden, in den verschiedenen Stellungen sinnloser Betrunkenheit. Nur oben ließ sich der unablässige Schritt des Wachhabenden Offiziers vernehmen.

Bradley nahm die Pistole aus der kraftlosen Hand des Seeräubers, spannte sie und setzte sie bedächtig an dessen Ohr. Morgan sah düster zu. Joseph richtete den Blick fragend auf seinen Freund.

Dieser lächelte matt, schüttelte den Kopf und sagte dann mit gedämpfter, aber doch deutlicher Stimme: »Komm fort, das wäre nicht der Tod eines Schelms.«

»Hast recht, Heinz, und würde höchstens mir den Tod eines solchen bringen.«

»Possen! Lass uns zu unseren Hängematten gehen. Ich will morgen Nacht in der Mittelwache weiter mit dir darüber sprechen.«

»Gott behüte dich, Henry!«

»Schweig mir davon. Sei ein Mann und behüte dich selbst. Gute Nacht.«

Bradley ging zu seiner Kajüte und Morgan aufs Deck, wo er dem Offizier der Wache den Zustand derer, die er in der Kajüte gelassen hatte, meldete.

Man traf die nötigen Maßregeln, um den Stall zu säubern, brachte die menschlichen Schweine zu ihren Lagern. Danach unterhielt sich Morgan wohlgemut und freundschaftlich mit dem Offizier, bis dieser abgelöst wurde.

»Es ist doch gut, dass wir diesen lustigen jungen Burschen nicht gehängt haben«, sagte der Offizier zu dem, welcher ihn ablöste.

»Er ist ein fideler Kerl, in dem kein Arg steckt. Hat sich mit dem betrunkenen Haufen drunten so viel Mühe gegeben, als wären es seine leibhaftigen Brüder. Nein, es steckt keine Bosheit in dem Jungen.«