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Oberhessisches Sagenbuch Teil 5

Oberhessisches Sagenbuch
Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald
Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873

Der Ritter im hohen Michelstein bei Eisenbach

Auf dem hohen Michelstein, einem felsigen Waldabhang zwischen Stockhausen und Eisenbach, stand ehemals ein stolzes Schloss. Ein unterirdischer Gang führte von da nach Eisenbach, durch welchen die Ritter miteinander verkehrten. An verschiedenen Plätzen im Wald merkt man denselben noch, wenn man hart auf den Erdboden tritt, denn dann dröhnt es ganz dumpf von unten herauf. Viele Kostbarkeiten und große Schätze Geldes sind darin vergraben. Bisweilen sieht man hier einen hohen geharnischten Ritter auf weißem Ross, doch ohne Kopf, durch den Wald sprengen und im Michelstein verschwinden, in welchen außer ihm auch eine gar holdselige Schlossjungfer gebannt ist.

Der Reiter im Dünzenröder Grund

Zwischen Ehringshausen und Heimertshausen ist fast nichts als Wald. Einen Wiesengrund daselbst heißt man den „Kessel”, und links davon soll das Örtlein Dünzenrode gestanden haben, von dem aber nichts übrig ist als der Name. Ein kleines Brückchen in jener Gegend dient gewöhnlich für müde Wanderer zum Ausruhen. Nun war es in der heiligen Adventszeit, da musste der Helmertshäuser Buttermann mit einer schweren Last aufgekaufter Ware beladen, des Wegs daher. Weil ihm einer seiner Schuhe aufgegangen war und schon eine Weile übel geschlappt hatte, dachte er bei sich selbst: Du wartest, bis du an das Brückchen kommst, dort kannst du doch deine Kietze gut aufstellen und den Schuh am besten binden.

Unbeschrien gelangte er an den wohlbekannten Platz. Der Mond stand voll am Himmel, es war wenig vor Mitternacht, und überall so hell, dass er einen kleinen Kreuzer hätte auf dem Boden aufheben können.

Da rannte den Dünzenröder Grund herab ein riesiger Reitersmann mit langen Stiefeln und großen Sporen. Er saß auf einem starken, schnaubenden Apfelschimmel und ritt einen so schnellen sausenden Galopp, dass sich dem Zuschauer das Haar emporsträubte und das Herz im Leib zu zittern anfing. So stürmte er immer näher zur Brücke heran, dass, wenn er es gewollt und gewagt hätte, er den Reiter mit dem Butterstecken hätte über den Kopf treffen können. Er aber dachte nichts anders, als Ross und Reiter gingen über ihn und es wäre mit ihm Matthäi am Letzten.

In heller Verzweiflung riss er das Maul auf und schrie: »Allmächtiger Gott, sei mir gütig, gnädig und barmherzig!« Und tat einen höllischen Angstschrei.

Auf diesen Ausruf drehte der Reiter im Nu das Ross herum, dass es bolzengerade in die Höhe stieg, rannte seitwärts an ihm vorbei und mit demselben in den dicksten Haufen des am Weg aufgeschichteten Wellenholzes hinein, dass man hätte denken sollen, es ginge alles in hunderttausend Krümmel auseinander. Ohne seinen Schuh zu binden und sich einmal umzusehen, lief der Buttermann im schärfsten Trab nach Hause.

Folgenden Tages musste er wieder an dem Brückchen vorbei. Als er sich dort die Arke Holz genau betrachtete, war auch nicht ein Untätchen an ihr zu entdecken.