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John Sinclair Classics Band 21

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 21
Der See des Schreckens

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 19.06.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 12.08.1975 als Gespenster-Krimi Band 100.

Kurzinhalt:
Ein schreckliches Monster steigt aus den Fluten des Loch Awe. Panik und Grauen brechen in dem kleinen Touristenort neben dem See aus. Wasserleichen tauchen auf und töten ohne Er­barmen!

John Sinclair nimmt den Kampf auf. Doch schon bald muss er erkennen, dass hinter den grauen­haften Ereignissen ein Mann steckt, der ihm kein Unbekannter ist – DOKTOR TOD!

Leseprobe

»Und jetzt pass mal auf, Shirley!«

Ted Bulmer stand auf dem weit vor­springenden Baumast. Wie poliertes Silber schimmerte unter ihm die Was­seroberfläche des Sees.

Ted wippte noch ein paar Mal, beugte dann seinen Körper vor und stieß sich kräftig mit den Füßen ab. Für einen win­zigen Augenblick schwebte der sonnen­braune Körper waagerecht in der Luft, dann zischte er wie ein Pfeil der Was­seroberfläche entgegen und verschwand. Kaum ein Spritzer flog hoch.

Shirley Adams klatschte begeistert Beifall.

Schon tauchte Ted wieder auf, warf mit einer Kopfbewegung seine nassen Haare aus dem Gesicht, lachte, winkte – und …

Plötzlich drang ein gurgelnder Schrei aus seinem Mund. Teds Gesichtszüge verzerrten sich. Etwas umklammerte seine Beine und zerrte ihn gnadenlos in die Tiefe …

 

 

Shirley Adams bekam den grässlichen Vorgang so schnell gar nicht mit. Sie hörte noch den Schrei, und auf einmal war Ted verschwunden.

Ted Bulmer, der beste Schwimmer! Sportskanone Nummer eins! Unmöglich!

Shirleys Gedanken kreisten wie ein Mühlrad.

… er ist ein guter Schwimmer … Herzschlag … Mein Gott, ich muss etwas tun …

Sie tat nichts, starrte aus weit aufge­rissenen Augen auf die Wasseroberflä­che.

Ein paar Luftblasen stiegen hoch, zerplatzten.

Das war alles.

Und Ted tauchte nicht wieder auf. Wie festgeleimt stand Shirley am sandigen Ufer. Immer noch begriff sie nicht, was geschehen war. Immer noch hoffte sie, Ted würde irgendwann auftauchen und ihr sagen …

Shirleys Gedanken stockten.

Das Wasser geriet plötzlich in Bewe­gung. Genau dort, wo Ted eingetaucht war.

Sollte er wieder auftauchen?

Erregung packte das Mädchen.

Ein Strudel entstand. Das Wasser schäumte. Der unheimliche Strudel bildete einen Trichter, der bis auf den Grund des Sees zu reichen schien.

Plötzlich war ein gewaltiges Pfeifen zu hören. Eine schwarze Wolke schob sich vor die Sonne. Es wurde dunkel – und kalt.

Gebannt starrte Shirley auf den Was­sertrichter, aus dessen unauslotbarer Tiefe eine grässliche Gestalt stieg.

Ein Monster!

Riesengroß und über und über mit Tang und Schlick bedeckt. Grüngraue Haare hingen in dicken Strähnen am Kopf des Monsters herab, bedeckten fast völlig das entstellte Gesicht.

Ein grauenhaftes Maul tat sich auf, aus dem urplötzlich ein schauriges, nervenzerfetzendes Heulen drang.

Das kalte Entsetzen fuhr Shirley Adams bis ins Mark. Sie sah die beiden unförmigen Arme des Monsters, auf de­nen ein Mensch lag.

Ein Mensch, den sie kannte.

Ted Bulmer!

Noch einmal heulte das Monster auf. Dann verschwand es mit dem Körper des jungen Mannes in der Tiefe des Sees.

Shirley Adams Augen waren geweitet. Die Nerven bis an die äußerste Grenze belastet.

Dann kam der Schock.

Auf einmal drehte sich alles vor ih­ren Augen. Der Wald, das Wasser, die Wolken.

Einige Herzschläge später stürzte Shirley Adams bewusstlos auf den weichen Sandboden. Ihr rechter Arm war weit vorgestreckt, und die auslaufenden Wellen umspielten ihre Finger.

Das Monster aber war verschwunden. Der See lag ruhig und spiegelglatt in der heißen Mittagssonne. Ein Bild des Friedens.

Doch in der Tiefe lauerte das Verder­ben …

 

 

»Sie kommt zu sich. Endlich!«

Wie aus weiter Ferne hörte Shirley Adams die Männerstimme. Sie hatte das Gefühl, über einem Abgrund zu schwe­ben, wie auf riesigen Händen getragen. Doch plötzlich ließen sie diese Hände los – und …

Shirley öffnete die Augen.

Ein rosiges Gesicht mit einem buschi­gen Schnäuzer zwischen Oberlippe und Nase sah sie an.

Etwas zu dicke Lippen verzogen sichzu einem sparsamen Lächeln.

»Wieder da. Miss?«

Shirley wollte sich aufrichten, doch sofort begann sich alles vor ihren Augen zu drehen. Sie spürte, dass sie trotz der Sonnenstrahlen fror. Feucht klebte ihr knapper Tanga am Körper. Die zwei Stoffstücke ließen ihre ausgereiften Formen deutlich hervortreten.

Shirley wandte den Kopf. Sie sah einen Rettungswagen. Zwei Männer in weißen Kitteln lehnten daran. Die beiden betrachteten sie ungeniert. Einer stieß hastig den Rauch einer Zigarette aus.

Shirley blickte zur Seite. Wieder sah sie die Augen über sich.

»Ich bin Doktor McGrath« stellte sich der Mann mit dem Schnurrbart vor.

Shirley öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Ein anderer Mann trat in ihr Blickfeld. Er trug eine Uniform, war demnach Polizeibeamter.

Der Uniformierte wandte sich an den Arzt. »Hat sie irgendwas gesagt?«

»Noch nicht.»

»Na ja, wird schon werden «

»Helfen Sie mir hoch, Doc, bitte«, flüsterte Shirley. »Außerdem friere ich.«

»Holt mal eine Decke«, fuhr der Arzt die beiden Männer an.

Einer verzog sich, kramte in dem Ret­tungswagen herum und breitete wenig später eine Decke über Shirleys Körper aus.

Der Arzt und der Polizist halfen Shirley auf die Beine. Sie mussten das Mädchen stützen, denn augenblicklich setzte wieder das Schwindelgefühl ein.

»Was ist denn geschehen?«, fragte der Polizist, während sie zu dem Rettungs­wagen gingen.

Diese Frage wirkte bei Shirley wie ein Startschuss. Sie ruckte herum, umfasste mit ihren Fingern den Arm des Polizis­ten.

»Ted, Sie müssen ihn retten. Er ist ertrunken. Er ist …« Shirleys Stimme versagte.

»Nun mal langsam«, mahnte der in Ehren ergraute Sergeant, schon seit Jah­ren Polizeigewaltiger des Ortes. »Was ist genau geschehen?«

»Ted Bulmer, mein Freund, er ist in den See gesprungen. Da, von diesem Ast dort.«

Die Männer wandten unwillkürlich die Köpfe.

»Er sprang in das Wasser – und tauchte nicht mehr auf. Bis das Monster plötzlich kam.«

»Das Monster?« Die Frage des Poli­zisten klang eher lauernd als überrascht. »Was für ein Monster?«

Shirley zitterte wie Espenlaub.

»Es sah schrecklich aus. Übergroß, mit Tang und Schlick behangen. Und dann die strähnigen Haare. Es hielt was in den Armen. Ted! Meinen Ted. Er war tot, ertrunken. Ich weiß nicht. Vielleicht auch nicht, ach, es ist alles so schrecklich. Ich bin völlig durcheinander.«

»Weiter, Miss …«

»Adams. Shirley Adams.«

»Schön. Miss Adams. Was geschah dann?«

»Dann bin ich ohnmächtig geworden. Das heißt, nachdem das Monster wieder verschwunden war.«

Nach diesem Bericht war es für eine Weile still. Der Arzt warf dem Polizei­beamten bedeutsame Blicke zu. Anschei­nend wussten die Männer mehr, als sie zugaben.

Shirleys Atem ging schnell. »Ja, so unternehmen Sie doch was! Sie können doch nicht einfach nur herumstehen. Sie müssen den See absuchen. Vielleicht ist Ted irgendwo angeschwemmt worden. Und er lebt noch. Möglich ist doch alles.«

»Beruhigen Sie sich. Miss Adams. Wir werden alles tun, was in unseren Kräften steht. Aber jetzt werden wir Sie erst mal in das Hospital bringen «

Shirley schüttelte entschieden den Kopf.

»Nein, ohne mich. Von einer Ohn­macht stirbt niemand. Ich will dabei sein, wenn die Rettungsarbeiten beginnen.«

»Das ist unmöglich. Miss Adams.«

»Warum?« Shirley sah den Polizisten mit flammendem Blick an.

»Wei … weil … nun. Doc, so sagen Sie doch auch mal etwas«, stotterte der Sergeant.

»Weil es für Sie vielleicht einen Schock geben kann, wenn wir die Leiche Ihres Freundes bergen. Ich will damit nicht gesagt haben, dass er tot ist, aber …«

»Sparen Sie sich die Ausreden. Doc! Eine Leiche habe ich schon öfter in meinem Leben gesehen. Ich bin Kran­kenschwester und in gewissen Sachen nicht gerade zart besaitet. Ich merke aber genau. Sie verbergen etwas. Ich soll nicht dabei sein, unter keinen Umständen. Was ist der Grund?«

»Es gibt keinen Grund«, entgegnete der Sergeant scharf. »So, und jetzt ziehen Sie sich an. Wo sind Ihre Sachen?«

»Sie liegen dort hinter dem Baum.«

»Bitte schön.«

Shirley ging los. Sie spürte fast kör­perlich die Blicke der Männer in ihrem Nacken. Sie dachte an Ted. Seltsamer­weise konnte sie nicht weinen, obwohl ihr Ted doch einiges bedeutet hatte. Aber dieser Unfall, der kein Unfall war … nein, hier stimmte was nicht. Hier sollte etwas verborgen werden. Und sie würde es auch herausfinden.

Shirley schlüpfte in Jeans und Pulli. Aus ihrer gebückten Haltung heraus sah sie, dass die Männer in ein angeregtes Gespräch vertieft waren.

Schließlich wandte sich der Sergeant um und kam auf sie zu.

»Wir brauchen Ihre genauen Persona­lien. Miss Adams. Und auch die Pension, in der Sie hier wohnen.«

»Ich wohne in keiner Pension«, verriet Shirley. »Ted und ich, wir haben am Süd­ufer des Sees gezeltet. Auf dem großen Campingplatz.«

»Und weshalb sind Sie hier baden ge­gangen? Dort am Campingplatz gibt es doch ein tadelloses See-Schwimmbad.«

»Das meistens überfüllt ist«, antwor­tete Shirley lakonisch.

Ihr Blick glitt über den See. Einige Boote kreuzten auf der leicht gekräusel­ten Wasseroberfläche. Die bunten Segel wirkten wie farbige Tupfer.

Der See war schmal, aber sehr lang. Man konnte das gegenüberliegende Ufer gut erkennen. Dort lag Aweshire, der Touristenort. Aweshire war in den letzten Jahren aus dem Boden gestampft worden, und heute eine Hochburg des schottischen Touristenverkehrs.

Shirley spürte plötzlich eine Gänse­haut über ihren Rücken laufen.

»Sie brauchen mich ja doch nicht mehr«, wandte sie sich an den Sergeant.

»Im Moment nicht. Miss Adams. Aber halten Sie sich weiter zur Verfügung.«

»Ja, natürlich.« Shirley bückte sich und hob Teds Sachen auf.

»Wollen Sie zu Fuß zum Campingplatz laufen?«

»Nein. Unser Wagen steht oben, direkt an dem kleinen Spazierweg.

»Ist es der knallrote Mini-Cooper?«

»Ja. richtig.«

»Dann sehen Sie zu. dass sie wegkom­men. Die Streichholzschachtel parkt nämlich verbotswidrig.«

Shirley überhörte das Wort Streich­holzschachtel und kletterte den Hang hoch. Wenig später war sie im Wald verschwunden.

Dr. McGrath hatte sich eine Zigarette angezündet.

»Was hältst du von der Sache, Tim?«

Tim Riordan, der Sergeant, antwor­tete mit einer Gegenfrage. »Denkst du das Gleiche wie ich?«

»Wahrscheinlich.«

»Dann rechne mal damit, dass der alte Fluch wahrgeworden ist. Ausgerechnet jetzt, wo Aweshire zu einem Touristen­zentrum angewachsen ist. Verdammt, verdammt. Aber eins sage ich dir, Doc. Das darf nicht an die große Glocke gehängt werden. Dem Jungen ist nicht zu helfen. Wir werden pro Forma eine Rettungsaktion organisieren, mehr auch nicht. Denn wenn erst einmal die Touris­ten spitzkriegen, was hier geschehen ist, packen sie ihre Koffer, und wir können sehen, wo wir bleiben.«

Dr. McGrath stimmte da völlig mit dem Polizeibeamten überein.

»Wenn uns nur das Mädchen keinen Ärger macht«, sagte er. »Das ist eine von den energischen Typen. Hast du dir übrigens die Namen der beiden Spazier­gänger aufgeschrieben. die uns alarmiert haben?«

»Ja. Sind aber harmlose Leute. Ein Rentnerehepaar aus London.«

»Dann ist ja alles gut. Wenn du mich brauchst, ich bin in meiner Praxis.«

Der Arzt tippte an eine imaginäre Hutkrempe und stieg mit den beiden Gehilfen in den Rettungswagen.

Sergeant Riordan ging zu seinem Motorrad, das er an einen Baum gelehnt hatte. Während er startete, fluchte er leise vor sich hin. Er sah einigen Ärger auf sich zukommen.

Der Sergeant sollte sich nicht geirrt haben, denn Aweshire wurde zur Hölle …

Personen

  • Ted Bulmer
  • Shirley Adams
  • Doktor McGrath
  • Sergeant Tim Riordan
  • Bootsverleiher
  • Doktor Tod
  • John Sinclair, Inspektor bei Scotland Yard
  • Sir James Powell, Superintendent
  • Rocker
  • Bill Conolly, Reporter
  • Zeltplatzwärter
  • Mrs. Kilrain, Dr. McGraths Haushälterin
  • Flaherty, Museumsdiener
  • Junges Pärchen
  • Portier des Sea-View
  • Konstabler

Orte

  • Aweshire
  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 21. Bastei Verlag. Köln. 19. 06. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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