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Paraforce Band 32

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Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang 22

Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang
Ein Märchen von Gotthold Kurz
Nürnberg, bei Gottlieb Bäumler 1837

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Geschichte der Reiche Sulipore und Panioma

Indessen ein langer tiefer Schlaf die Müden erquickt, soll hier erzählt werden, wer hier zu unserem Freund sich gefunden und was es damit für eine Bewandtnis habe.

In fabelhafter Ferne von der bekannten Welt, in eben derselben Zone, wohin der Meeresstrom den einsamen Schiffer geführt hatte, liegt nämlich die schöne und glückliche Insel Sulipore; ein Reich, bevölkert von lauter solchen kleinen Leuten wie unser Jacob Fingerlang, und beherrscht von einem Königsstamm, der von Geschlecht zu Geschlecht nur weise und gerechte Regenten aufzuweisen hatte. Aus diesem war die edle Jungfrau entsprossen, die wir soeben kennengelernt haben, die Prinzessin Alimilia, das einzige Kind des jetzigen Beherrschers dieses Reiches.

Verborgen von der übrigen Welt und unberührt von ihrer Verdorbenheit, durchlebte die kleine aber zahlreiche Bevölkerung des Landes in Unschuld, Fleiß und Frömmigkeit ein fortwährendes goldenes Zeitalter, mit einem ähnlichen benachbartem Volk aufs Innigste verbunden, das auf der Insel Panioma wohnte, und nicht weniger harmlos, weise und glückselig war.

Schön war es hier in diesem verborgenen Winkel der Erde! Das Klima war mild, die Luft gesund, die Erde lohnte ohne schwere Mühe den Bebauer mit köstlichen Früchten. Ein ewiger Frühling und ein ewiger Friede war über Täler und Höhen ausgegossen. Die Sonne ging hier nur auf, um zu erfreuen und zu segnen, die Nacht ersetzte sie nur, um zu erquicken. Und überall in diesen paradiesischen Gefilden regten sich glückliche Menschen, denen die Arbeit eine Lust, die Tugend eine süße Gewohnheit und die Liebe ein zweites Leben war. Mit sorgfältig bebauten Feldern und zierlichen Gärten wechselten Auen ab, voll saftigen Grün, von hellen Bächen bewässert, von munteren Herden belebt, Haine voll Lust und Gesang und prachtvolle Berge und Forste.

Überaus anmutig waren die Städte und Dörfer dieser kleinen Menschen, an Flüssen und Höhen hingestreut, und reichlich ausgerüstet mit allem, was das Leben erhält und schmückt! Mit dem Segen des Landes waren die Marktplätze, mit Frachtwagen und Schiffen die Straßen und Ströme bedeckt. Und wie erfreulich sah es im Inneren der kleinen niedlichen Wohnungen aus! Die dort zusammen lebten, glaubten nur deswegen einander so nahe gestellt zu sein, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu beglücken. Schwestern und Brüder betrachteten sich untereinander durch einen höheren Grad von Freundschaft verbunden, im Leiblichen und Geistigen einander besonders anempfohlen. Die Eltern erzogen die Kinder zur Tugend und Liebe, indem sie selbst gut waren und liebten. Man hatte Achtung nicht nur vor dem Alter, sondern auch vor der Jugend. Diese Letztere wurde von keiner Wahrnehmung des Schlechten und Unreinen entweiht.

So war dieses Dasein an sich schon Glück für jeden, der da atmete und wirkte. Die aber dem Los der Vergänglichkeit anheimfallend von dieser Erde geschieden waren, die wusste man noch besser aufgehoben. Man glaubte an ein Leben im Jenseits und an ein Wiederfinden daselbst, und der Tod konnte nie ganz die trennen, die sich im Geist der Wahrheit und der Liebe angehörten. Doch gab es auf diesen gesegneten Eilanden bisweilen auch Schmerzen und Tränen, denn sie teilten mit allen übrigen Erdbewohnern den Wechsel und die Vergänglichkeit. Wer würde hienieden vollendet ohne Leid und Mühe? So die königlichen Familien selbst! Der Beherrscher von Sulipore hatte einen einzigen Sohn, den er aufs Zärtlichste liebte, und der früh schon ihm und dem ganzen Land die schönsten Hoffnungen gewährte. Er war bereits schon im zarten Knabenalter der ebenfalls einzigen Tochter des Königs von Panioma verlobt worden, und beide hohe Familien teilten sich in die Liebe zu diesen Kindern und in die Sorgfalt für ihre Erziehung. Da begab es sich eines Tages, dass der junge Prinz auf einem Rasenplatz des königlichen Parkes mit eben ausgekrochenen jungen Hühnchen spielte. Ehe man es sich versah, kam ein großer Seeadler, durch Sturm aus fernen Regionen verschlagen, dahergeflogen, stürzte jählings auf den Kleinen herab und führte ihn mit sich fort vor dem Angesicht der jammernden Eltern und ihres Gefolges. Wir schweigen von der Trauer des ganzen Landes und vom herzzerreißenden Schmerz des königlichen Paares! Acht Tage lang schlossen sich beide ein, ehe sie Fassung gewinnen konnten! Wie stark auch sonst ihre Ergebung in den unbegreiflichen Willen des Himmels war, so blieben sie doch von nun an für immer gebeugt. Jeder Jahrestag der traurigen Begebenheit riss ihre Wunden aufs Neue schmerzlich auf.

Ein anderes unglückseliges Verhängnis war dem befreundeten Haus Panioma vorbehalten. Von hohen Gebirgen herab, aus weit entlegenen Ländern, kam eines Tages ein Riese daher gewandert. Schrecken ging vor ihm her und Verwüstung folgte ihm. Sein Helm war ein großer Braukessel mit einem Turmknopf geziert, seine Lanze ein Schiffsmast, ein Ankerseil sein Gürtel, in den er aus Übermut eine geraubte Kirchenuhr gesteckt hatte. Borstig starrten ihm überall die Haare auf dem Haupt und am Leib, seine Augen waren groß wie Mühlräder, seine Zähne wie Pflastersteine, seine Nase wie der Strebepfeiler einer Mauer. Sein Atem rauschte wie der Blasebalg einer Schmiedeesse und seine Stimme war ein grollender Donner! Da schritt er her über die Berge und warf einen langen breiten Schatten in das Land hinein. Beim Anblick der ausgedehnten lachenden Gefilde machte er halt, ließ sich gemächlich nieder und streckte die Hand zum nächsten Teich aus, um seinen Durst zu löschen. Er schöpfte ihn in wenigen Augenblicken leer. Er schlürfte ihn ein mit allem, was darauf und darin war, mit Fischen, Geflügel und badenden Schulknaben, ohne alle Auswahl. Dann bückte er sich zu einem unserer schönsten Fruchthaine herab und streifte einen Baum um den anderen ab, als ob es Heidelbeergesträuch wäre, sodass der ganze Wald in Kurzem kahl wie im Winter da stand. Als er aber damit fertig war, schob er die nächsten Dörfer auf die Seite, legte sich der Länge nach über Wiesen und Ackerfelder hin und pflegte der Ruhe.

Ein solcher Besuch musste Schrecken und Bangigkeit im ganzen Land verbreiten! Der König versammelte seinen Rat und überlegte mit ihm, wie der verderbliche Gast von weiterem Vordringen abgehalten und zur baldigsten Rückkehr bewogen werden könnte.

Einige waren der Meinung, dass man fliehen und dem Unwiderstehlichen freiwillig das Land preisgeben sollte, um nur das Leben zu retten; andere, dass man sich mutig zur Wehr setzen und Gewalt mit Gewalt abtreiben sollte.

Der König aber sprach: »Eines wie das andere mag wohl rätlich sein zu seiner Zeit, je nachdem Not oder Verzweiflung es gebieten. Doch ist aber der Mittelweg nicht versucht! Es dünkt mich schicklich, vor allem den unerfreulichen Einwanderer selbst zu befragen, was er wolle und ihm vorzustellen, dass er hier nur seine Zeit verliere und unmöglich finden könne, was ihm frommt, indessen er uns dabei zugrunde richtet. So wollen wir ihn denn«, fuhr er fort, »unverzüglich durch eine Gesandtachaft begrüßen und zugleich eindringliche Vorstellungen machen lassen, uns zu verschonen, worauf er doch wohl achten dürfte, wenn er nur überhaupt Vernunft annimmt!«

Dieser Vorschlag gefiel allen gut. So wurde denn eine glänzende Gesandtschaft mit vielen wertvollen Geschenken begleitet, an den Unhold abgefertigt. Sie hatten eine Tagesreise, bis sie zu dem Ort kamen, wo das Haupt des Riesen lag, an das sie sich als an das edelste und verständigste Glied des Leibes wenden zu müssen glaubten. Nahe an seinem Ohr stellten sich die Sprecher der Gesandtschaft und ringsumher das Gefolge derselben in einem Halbkreis auf. Glücklicherweise durften sie nicht lange auf Audienz warten, denn eben schlug der Riese seine Augen auf und schielte herüber, sodass der Sprecher glaubte, jetzt mit seinem Vortrag beginnen zu können. Als er nun aber die ersten Phrasen mit lauter vernehmlicher Stimme vorgetragen hatte, unterbrach ihn der gefeierte Gast und lud die Abgesandten höflich ein, sich auf seine flache Hand zu bemühen, um seinem Angesicht näher zu kommen, denn er sei etwas taub und könne mehr mit dem Mund hören als mit den Ohren. So richtete er sich denn empor, reckte die Hand aus, ließ die sämtlichen Honoratioren – Botschafter, Legationsräte, Gesandtschaftskavaliere – aufsitzen und fuhr mit ihnen unter seine Nase, die sich wie ein großer Baldachin über der glänzenden Versammlung ausbreitete. Alles ging nun vortrefflich. Der Redner sprach mit Grazie und Feuer, der Riese hörte mit sichtbarer Rührung zu. Jetzt war man zu Ende, die Gesandtschaft stand ehrerbietig da, die Gegenrede zu vernehmen. Der Gewaltige sperrte den weiten Mund auf, aber nicht um die ihm erwiesenen Höflichkeiten zu erwidern! Mit einer kleinen Bewegung der Hand stürzte er sämtliches diplomatisches Personal mit Galakleidern, Degen, Perücken und Tressenhüten in den weit geöffneten Schlund! Noch einen Druck und Schluck, und die ganze Gesandtschaft war gefressen.

Der Bösewicht strich sich den Bauch und schmunzelte. »Verdammt klein, aber gut!«

Das dienende Gefolge aber, das diesem Vorfall mit Entsetzen zugesehen hatte, wartete nicht ab, ob ihm der gewalttätige Herr vielleicht auch etwas zu sagen habe, sondern eilte über Hals und Kopf nach Hause und erstattete dort Bericht vom traurigen Erfolg dieser Gesandtschaft und schmählichen Ende ihrer Herren.

Als nun die himmelschreiende Tat in ganz Panioma ruchbar geworden war, ertönte überall Jammer und Wehklage, und die Mutigsten zitterten vor dem drohenden Verhängnis. Der König aber berief seine noch übrigen Getreuen, und viele weise Leute aus dem Volk, um in solcher Not Rat zu finden, was zur Abwendung des allgemeinen Untergangs zu tun sein möchte. Man kam

nach reifem Ermessen in folgenden Punkten überein:

  1. Der Riese hat dadurch, dass er die Gesandtschaft aufgefressen, das Völkerrecht auf unerhörte Weise verletzt und ist daher außer dem Gesetz zu betrachten! Es soll jedem, der ihm begegnet, frei stehen, ihn zu fangen oder zu erwürgen.
  2. Da keine Vernunft noch Willigkeit von seiner Seite zu erwarten ist, so soll auch keine weitere Rücksicht gegen ihn beobachtet, sondern Gewalt mit Gewalt abgetrieben werden!

Infolge dieses mutigen Beschlusses wurden Anstalten gemacht, in Masse auszurücken und sich des Riesen tot oder lebendig zu bemächtigen. Da strömten von allen Seiten freiwillig die tapfersten Söhne des Landes herbei und stellten sich unter die Fahnen. Bald waren dreißigtausend Mann beisammen, welche in aller Stille zu dem gefährlichen Unternehmen ausrückten und ohne Rast und Aufenthalt marschierten, bis sie um Mitternacht da eintrafen, wo der Feind in tiefem Schlaf ausgestreckt lag. Der Operationsplan aber war so verabredet: Das ganze Heer sollte, in mehrere Kolonnen verteilt, von allen Seiten den Angriff einträchtig und zu gleicher Zeit ausführen. Zweitausend Mann sollten nach jeder Faust und ebenso viel zu jedem seiner Füße marschieren, fünftausend mit Leitern und Stricken den ungeheuren Bauch erklettern, der Kern des Heeres, von gleicher Stärke, aber seine Richtung gegen Hals und Kopf nehmen, alle mit Hauen und Grabscheiten wohl versehen, um überall nach Bergmanns Gebrauch Schächte einzuhauen und solchergestalt durch Blutverlust aus vielen kleinen Wunden das Ungeheuer zu erlegen, ehe es noch zur Besinnung komme. Alles ging in guter Ordnung vor sich. Die Leute arbeiteten aus allen Kräften, dass ihnen der Schweiß von der Stirn rann. Jetzt hatten sie schon die Lederhaut durchdrungen, jetzt zuckte der Riese schon bald da, bald dort, wie jemand, der im Schlaf durch Mückenstiche beunruhigt wird. Da geschah es, dass ein zufälliger Reiz ihn zum Niesen brachte! Mit erschrecklicher Gewalt fuhr die Windbraut daher, ergriff zwei Bataillone zuoberst auf der Brust und schleuderte sie von der Höhe hinab auf den Grund. Alles machte sich schon bereit zur Flucht, doch glücklicherweise schlief der Riese wieder ein. Unerschrocken fuhren sie nun mit ihren Tranchieren fort, schon quoll hier und da schwarzes Blut aus den geöffneten Gruben. Mechanisch fuhr der Riese mit seiner Hand bald an diese, bald an jene verletzte Stelle, wodurch freilich die daselbst befindliche Mannschaft immer gefährlich ins Gedränge kam. Indessen schlief er immer noch fort. Als die Wunden zahlreicher und fühlbarer wurden, fuhr plötzlich der Unhold auf, räumte mit einem einzigen Strich der Hand den ganzen Heerhaufen auf seinem Gesicht weg, blickte wild um sich, erhob sich und schüttelte sich mit solcher Hast den Leib, dass die tapfere Scharen überall auseinanderstoben.

»Ameisen, verdammte Ameisen!«, rief er mit grimmigem Hohn und schlug mit seinen Fäusten auf alles los, was noch an seinem Körper hängen geblieben war. Ganze Kolonnen, die nicht eilig genug fliehen konnten, zertrat er mit den Füßen, sodass kaum die Hälfte des Heeres den Weg zur Heimat fand. Darauf lief er zornig in das Gebirge zurück, bestrich sich den ganzen Leib mit Erdpech, um den Schmerz der Wunden zu lindern und kam erst nach einiger Zeit wieder racheschnaubend herbei. Nun riss er Wälder aus wie Krautstrunken, zertrat Dörfer und Städte wie Nussschalen und verschlang ganze Herden von weidenden Rindern. So schritt er langsam vorwärts und näherte sich allmählich dem Herzen des Landes, wo die schönsten und reichsten Gaue prangten und alles, was seiner Wut entgangen war, sich immer ängstlicher zusammendrängte.

Da blieb dem armen Volk bald kein anderes Mittel übrig, als die Inel zu verlassen! Unzählige Fahrzeuge, teils eigene, teils von den befreundeten Nachbarn in Sulipore entgegen gesandt, nahmen die unglücklichen auf, um sie dahin überzuschiffen. Dort waren große Gebirgshöhlen, vor unendlichen Zeiten durch Menschenhand aufs Herrlichste eingerichtet. Dort bot sich ihnen eine sichere Zufluchtsstätte. Der König blieb seiner Pflicht getreu am Strand und bestieg nicht eher seine eigenes Fahrzeug, bis auch der Letzte seiner Untertanen geborgen war. Dann ließ er die Segel aufziehen und folgte mit den seinen nach.

Aber der Riese, der unterdessen herbeigekommen war, erblickte die fliehenden Schiffe und wollte wenigstens an denen sein Mütlein kühlen, die noch im Bereich seiner Rache waren. Er legte sich flach auf den Boden nieder und fing an, aus vollen Backen dergestalt zu blasen, dass sich die Wogen wie im Sturm erhoben und viele Fahrzeuge kenterten oder weit hinaus in das offene Meer verschlagen wurden.

Dieses Schicksal hatte auch das königliche Schiff. »Wir fuhren«, so schloss die Prinzessin Alimilia ihre Erzählung, »viele Tage in der Tage umher und sahen mit Schrecken unseren Proviant zu Ende gehen, als sich endlich in der Ferne eine Küste zeigte, welche mit gewaltigen Büschen und Bäumen prangte. Mit unbeschreiblicher Freude steuerten wir derselben zu und strengten all unsere Kräfte an, sie zu erreichen. Da ereilte uns ein neues Unglück, das die gehoffte Rettung in Untergang verkehrte! Das selbe Ungeheuer, in welchem wir uns jetzt befinden, schoss mit brausender Schnelle daher. Die schäumenden Wellen, die sich vor ihm auftürmten, warfen das kleine Fahrzeug um. Vor meinen Augen sah ich, ach, meine Eltern, die teuren Eltern, mit den Wellen kämpfen und untersinken, und verlor dann selber das Bewusstsein. Ich kam erst wieder zu mir, durch die wunderbaren Töne erweckt, die unserem ersten Begegnen mitten in der schreckhaften Finsternis vorhergingen. Ach, meine armen Eltern«, rief die Prinzessin aus, indem sie ihre Erzählung beendete, »meine Freunde, mein schönes Land! Nie, nie werde ich euch wiedersehen!«

Ein Strom von Tränen erstickte ihre Worte.

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