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Jacob von Molay, der letzte Templer 34

Franz Theodor Wangenheim
Jacob von Molay, der letzte Templer
Dritter Teil
König Philipp
Verlag von Joh. Fr. Hammerich, Altona, 1838

Neuntes Kapitel

Trotz der Vorbereitungen des Königs und ungeachtet der allzu großen Willfährigkeit des Papstes zog sich der Prozess dennoch gar sehr in die Länge. Ob derjenigen, welche ihre Aussagen widerrufen hatten, wusste man sich auf eine leichte Art zu trösten, denn es ward dahin entschieden, dass man gar nicht auf diesen Widerruf achten sollte, dass er als strafbare Fälschung angesehen und die Aussagen für wahr gehalten würden. Den Gefangenen sollte geboten werden, dabei zu beharren. Würden sie aber bei dem Widerruf beharren, so sollte man gegen sie wie gegen rückgefallene Ketzer verfahren. Da all diese Befehle vom Haupt der Christenheit ausgingen, so folgte man in der ganzen Christenheit dem Aufgebot des Königs von Frankreich, verfuhr allenthalben grausam, hart und ungerecht gegen den Orden; nur nicht in Deutschland. Zwar versammelte sich zu Mainz ein großes Konzilium, es lud die Ritter vor seine Schranken. Sie erschienen, doch nicht mit derjenigen Ergebung, wie ihre Ordensbrüder in den anderen Reichen. Ihren Großkomtur, den Grafen Hugo, an der Spitze, traten zwanzig Ritter vor die Versammlung hin. Unter den weißen langen Mänteln klangen die Harnische, mit denen sie angetan waren. Ganz gewaffnet, trotzig kühn, erschienen sie vor dem geistlichen Gericht. Die heiligen Väter erschraken vor den mannhaften deutschen Rittern. Und Graf Hugos feuriger Redestrom trug dazu bei, sie noch mehr einzuschüchtern.

»Ich habe gehört«, war seine kurze, bündige Anrede, »dass diese Synode gehalten wird, den Orden auszurotten. Man wirft ihm grässliche Verbrechen vor, hört ihn nicht ordentlich und verurteilt ihn unüberführt. Ich berufe mich daher auf einen künftigen Papst und auf die ganze Kirche, verwahre mich gegen alles Nachteilige.«

Erzbischof Peter, auch ein deutscher Mann, sprach diese Tempelherren frei; nicht so in Paris, nicht so in allen Reichen der Christenheit. Nach Paris sandte Papst Clemens V. noch drei andere Kardinäle, welche der Prozedur beiwohnen sollten. Die Verbrechen des Ordens sah man für so ausgemacht an, dass man sogar den Orden schon aufforderte, sich zu verteidigen. Die Kommissarien, welche die Verteidigung anhören sollten, waren zuvörderst der Erzbischof von Narbonne, die Bischöfe von Bayeux, von Mende und Limoges, dann der Notarius der römischen Kirche Mattheus von Neapel, die Erzdechanten von Trente und Montpellier; sämtlich vom Papst erwählt.

Der Erzbischof von Narbonne, dem König treu ergeben, eröffnete die Sitzung im Saal des bischöflichen Palastes in Paris. Zweihundertunddreißig Ritter hatte man aus allen Provinzen hergeschleppt.

Monde hatten sich schon an Monde gereiht seit jener plötzlichen Gefangennahme, die Kerkerluft hatte die kräftigen Männer an Leib und Seele geschwächt. Schatten ähnlich, wankten sie, die abgemagerten Leiber, daher. Die Halle im bischöflichen Palast war mit schwarzen Laken behängt. Ein hohes Kruzifix, aus Silber geformt, gleich den Kandelabern, um dasselbe her, stand auf dem schwarz behangenen Tisch. Hinter dem Tisch, streng geschieden voneinander, saßen die Kommissarien nach Rang und Würde in gewisser Ordnung. Sie harrten des Großmeisters Jacob von Molay. Der Erzbischof von Narbonne hatte schon längst befohlen, dass man ihn hereinführte, doch erlaubten es des Großmeisters Körperkräfte nicht, diesem Befehl schnell Folge zu leisten. Nur einen dienenden Bruder hatte man ihm gelassen. Zwei Gefangenenwärter, auf die er sich stützte, führten ihn herein in die Halle. Mindestens hatte man doch so viel Mitleid mit ihm, oder tat es auch, um die Gefangenenwärter zu entfernen, dass man ihm einen Sessel anbot.

Nachdem er sich niedergelassen hatte, fragte ihn der Erzbischof von Narbonne: »Jacob Bernhard von Molay Großmeister des Tempelherrenordens, seid Ihr gekommen, die Verteidigung für Euren Orden zu übernehmen?«

»Ich kenne Euch wohl, Herr Erzbischof«, versetzte der Meister nach einem ziemlich langen Schweigen. »Ihr seid der Erzbischof von Narbonne, vom Papst, von unserem Superior erwählt, die Verteidiger des Ordens anzuhören. Wohl, ich erkenne Euch dafür an, und auch diese Eminenzen und hochwürdige Herren. Drum vernehmt meine Beschließung. Der Orden ist von der römischen Kirche abhängig und steht unter ihrer Gewalt. Die Päpste haben ihn bestätigt und ihm verschiedene Privilegien verliehen. Den Päpsten steht das Recht zu, ob er von seiner ersten Einrichtung abgewichen ist, zu untersuchen, und ein gerichtliches Verfahren gegen den Orden zu verhängen. Die Päpste können sogar verordnen, dass einige Ritter die Verteidigung des Ordens übernehmen sollen – doch mir allein dies aufzutragen, diese Verteidigung sogleich anzustellen, das ist ein Antrag, Ihr Herren, der mich in das größte Erstaunen setzt. Zu einer Sache von solcher Wichtigkeit wird eine weit längere Zeit erfordert. Kaiser Friedrich liefert ja das Beispiel: Die Päpste klagten ihn ob verschiedener Verbrechen an, und es wurden ihm so lange Fristen bewilligt, dass seine Absetzung sich zweiunddreißig Jahre verzögerte. Überdies bin ich weder geschickt noch gelehrt genug, mich eines so großen Unternehmens allein zu unterfangen. Nicht, dass ich nicht entschlossen wäre, alles, was ich vermag, für die Verteidigung eines Ordens zu tun, von dem ich so viel Gutes und so viel Ehre genossen habe. Ich müsste ja der Niederträchtigste, der Unwürdigste und Verächtlichste unter den Menschen sein, wenn ich bei einer solchen Gelegenheit einer so wesentlichen Pflicht kein Genüge täte!«

Der Erzbischof von Narbonne erwiderte auf all dies: »Wir fragen Euch nur, ob Ihr die Verteidigung übernehmen wollt?«

»Kann ich sie denn übernehmen, Herr Erzbischof? Bin ich nicht Gefangener des Papstes und des Königs? Habe ich Geld zu den nötigsten Kosten? Erlaubt, dass ich mir einen Konsulenten nehme und ich werde den Orden rechtfertigen, die Unwahrheit der Verbrechen, deren man ihn beschuldigt erweisen. Denkt ja nicht, dass ich mich auf das Zeugnis der Ritter stütze; nein! Wo irgend nur der Orden Güter hat, da sollen Könige und Fürsten für ihn zeugen. Unverdächtiger sind sie als alle anderen, denn mit den Komturen des Ordens standen sie nie im besten Vernehmen.«

»Hört, Jacob von Molay«, wandte der Erzbischof ein, »einigen Aufschub kann ich Euch wohl bewilligen, doch bin ich verbunden, Euch bekannt zu machen, dass man in Glaubenssachen allein und selbst reden muss. Ich kann Euch weder Konsulenten noch Advokaten zugestehen. Bedenkt und überlegt daher wohl alles genau; vornehmlich aber dasjenige, was Ihr im Verhör selbst gegen den Orden ausgesagt habt.«

»Meine Aussage gegen den Beichtvater des Königs ist ganz anderer Natur, als dass sie bei der Verteidigung des Ordens in Anwendung gebracht werden sollte …«

»Denkt das nicht! Sie stimmt so ziemlich mit der Aussage der anderen Ritter überein. Wir haben sie auch schriftlich, in aller Form, selbst Eure Aussage von Chinon, in Gegenwart der Kardinäle.«

»Da bin ich doch begierig, sie zu hören.«

»Lest, Herr Notarius.«

Mattheus von Neapel erhob sich: »Ich gestehe, dass bei Aufnahme manchen Ritters in den Orden Simonie getrieben worden sei.«

»Bleibet Ihr bei der Aussage?«, fiel der Erzbischof von Narbonne ein.

»Es ist wohl möglich und auch leicht vorauszusetzen, zumal, da der Orden so ausgebreitet ist, dass eines oder das andere von des Ordens Mitgliedern seines Vorteils halber Simonie getrieben hat. Doch die Regel des Ordens lautet streng dagegen. Ihr Herren kennt die Regel nicht: Wer Simonie begeht, wird ausgestoßen, wer aber ein Geschenk annimmt, verliert sein Kleid.«

»Das Gesetz«, bemerkte der Erzbischof, »ist gut, und wer es gegeben hat, mag auch gut gewesen sein. Doch besser wäre es, wenn es der Orden gehalten hätte.«

»Der Orden stellt sich in mir dar: Ich bin der Großmeister desselben und will Euch durch eine geschichtliche Tatsache den Beweis liefern, dass Simonie im Orden streng bestraft wurde.«

»Wenn der Orden dergleichen Vergehen bestrafte, wie könnten wir und die ganze Christenheit dem Orden diese Vergehen anrechnen!«

»Herr Erzbischof, darüber kann ich nicht entscheiden. Doch hört mich und dieser Punkt wird entkräftet sein.«

»So sprecht. Man soll nicht sagen können, dass wir von Euch nur Schweigen verlangt hätten, wie so mancher Böswillige verlauten lässt.«

»Es begab sich zur Zeit des Meisters Armand de Périgord, dass Einige der ältesten Brüder Gewissensbisse fühlten und mit weisen Männern zu Rate gingen. Da es sich nun befand, dass sie durch Simonie den Eintritt in den Orden erhalten hatten, bereuten sie solches herzlich und traten vor den Meister, Bruder Armand de Périgord, dem sie es mit vielen Tränen und großer Traurigkeit des Herzens bekannten und all ihr Tun entdeckten. Der Meister aber war sehr bekümmert darüber, indem sie alte Ritter von gutem Wandel und guter Religion waren, und hielt geheimen Rat mit den ältesten und weisesten des Ordens und denen, so um die Sache wussten. Er befahl ihnen, kraft der Obedienz, mit keinem Menschen davon zu reden, ihm aber redlich und zum Besten des Ordens zu raten. Sie aber sprachen und urteilten so, dass die alten Ritter so weise und von so gutem Wandel wären, dass es dem Orden zu großem Nachteil und zu großer Ärgernis geraten würde, wenn man sie desselben verlustig erklärte. Und da sie die Sache nicht weiter treiben wollten, schickten sie einen Bruder nach Rom, welcher dem Papst den ganzen Vorgang berichtete und ihn bat, den Erzbischof von Cäsarea, einem Freund und Vertrauten des Ordens, Vollmacht zur Entscheidung dieser Sache zu geben. Solches tat der Papst willig und schickte ihnen die Vollmacht, welche die Brüder an den Erzbischof von Cäsarea durch einige von denen Brüdern, welche im geheimen Rat des Meisters gewesen waren, übersandten. Einer von ihnen wurde zum Komtur gemacht und erhielt das Recht, mit dem Rat der Übrigen aufzunehmen. Diese Brüder kamen also gleich mit denen, die der Simonie schuldig waren, nach Cäsarea und übergaben dem Erzbischof die päpstliche Bulle, welche den Befehl enthielt, die Brüder nach der Ordnung zu absolvieren, wie man von der Simonie loszuzählen pflegt. Die Brüder aber überließen sich gänzlich seinem Rat. Er sagte ihnen, dass es würde gut getan sein, wenn sie ihr Kleid ihrem Komtur ließen. Dieser nahm es ihnen ab, und der Erzbischof absolvierte sie. Der Komtur aber und die mit ihm versammelten Brüder traten seitwärts in ein Gemach und hielten Kapitel. Dahin kamen die Brüder, welche das Kleid gelassen hatten und baten um Gottes und unserer lieben Frauen willen, um die Gemeinschaft des Ordens. Der Komtur ließ sie herausgehen, fragte die Brüder um ihre Meinung, welche in die Bitte des Erzbischofs und der Brüder einwilligten und sie ganz von Neuem aufnahmen, als wären sie nie vorher Brüder gewesen. Solches aber geschah, weil sie sehr lange im Orden gewesen, weise und alte Brüder von guter Aufführung und Religion waren.«

»Seid Ihr am Ende mit Eurer Geschichte?«

»Ja, Herr Erzbischof, und ich denke, sie wird zur Genüge beweisen, dass Simonie im Orden bestraft wird; nicht begünstigt.«

»Ihr widerruft also Eure Aussage vor den drei Kardinälen?«

Jacob von Molay wurde verlegen.

»Es ist also ausgemacht, dass Ihr widerrufen habt? «

»Ich habe nicht widerrufen, Herr Erzbischof, habe auch hier eingestanden, dass Mitglieder des Ordens Simonie getrieben haben; nicht aber, dass sie im Orden erlaubt sei, oder üblich.«

»Weiter … weiter!«, rief der Erzbischof dem Notar zu.

Dieser las, dass die Superioren diejenigen töten ließen, die sich weigerten, den Gesetzen, welche man ihnen vorschrieb, sich zu unterwerfen.

»Das sollte ich gestanden haben?«, rief der Meister mit allen Zeichen eines Zornerregten. »Wie ist es möglich, dass ich solches gestanden hätte! Die Regel lautet: Wenn ein Bruder einen Christen oder eine Christin tötet oder töten lässt, so ist er des Ordens verlustig!« Und mit fliegendem Atem erzählte er: »Es geschah in Antiochien, dass ein Bruder, Namens Paris, und zwei andere Brüder in seiner Gesellschaft, christliche Kaufleute umbringen ließen. Die Sache ward von anderen in Erfahrung gebracht, und man fragte sie, weswegen sie solches getan hätten. Sie aber antworteten, ›die Sünde habe sie dazu verleitet.‹ Der Komtur ließ sie um Barmherzigkeit bitten und ihr Urteil wurde aufgehoben. Die Sache kam vor den Konvent, welcher sie aus den Orden stieß. Sie wurden hierauf durch Antiochien, in Tripolis, Tyrus und Akra gegeißelt, und während der Geißelung rief man: ›Seht hier die Strafe, die der Orden an diesen bösen Menschen ausübt!‹ Danach wurden sie zum Schloss Pèlerin in ein ewiges Gefängnis gebracht, wo sie starben. Sind es nicht nur Christen, welche wir aufnehmen; wie könnten wir uns an einem Christen so vergreifen, dass er sein Leben ließe! Unterschoben, falsch, lügnerisch, ja, schändlich ist diese Akte über meine Aussage!«

»Davon ist jetzt nicht die Rede. Ich werde Euch beweisen, dass Ihr zu helfen wusstet in solchem Fall, denn Ihr wusstet sehr scharf zu unterscheiden, was Christ und Nichtchrist hieß. Mit der Aufnahme in den Orden war Euer Bruder nicht mehr Christ, sondern ein Ketzer! Habt Ihr doch selbst eingestanden, dass Ihr, nach der Aufnahme, unseren Herrn und Heiland Jesus Christus verleugnen ließet, sogar alle Heiligen im Paradies, männlichen und weiblichen Geschlechts, und der neu Aufgenommene musste dreimal auf das Kreuz speien und es mit Füßen treten!«

Da bekreuzte sich Jacob von Molay zweimal und wandte sich vom Erzbischof hinweg. Er mochte ihm die Ehre des Wortes nicht mehr gönnen. Die Kardinäle aber fragte er: »Und, Ihr, Eminenzen, Ihr heißt es gut, dass ein ehrlicher Mann, ein Christ wie ich, – denke mich als Glaubensheld bewiesen zu haben – auf so schändliche Weise der Ketzerei beschuldigt werde?«

»Jacob von Molay«, versetzte Kardinal Berenger darauf, »bleibet bei dem, was Ihr ausgesagt habt. Es ist Euer eigener Vorteil, wenn Ihr dabei verharrt. Der Glaubensinquisitor würde, wenn er Euch jetzt hörte, Euch, als einen Rückgefallenen in die Ketzerei, zum Feuertod verdammen.«

»Denkt Ihr, dass mich das Feuer schreckt? Das Feuer von Scheiten und Pechkränzen? Hier! Seht her! Auf meinem linken Arm hat griechisches Feuer gebrannt, bis auf den Knochen hat es durchgebrannt und mich freute der Schmerz, denn es war für den christlichen Glauben! Warum ist der Glaubensinquisitor nicht hier? Mund gegen Mund würde er sein schändliches Verfahren sehen müssen! Wir das Kreuz verleugnen? Unsern Herrn und Heiland! Für dessen Glorie unser Blut in Strömen geflossen ist, wir, die Ritter seines Tempels, ihn verleugnen! Es ist unerhört! Es ist noch nicht dagewesen, seit dem Wort Gottes: Es werde Licht!«

»Ereifert Euch nicht gar zu sehr«, warf der trockene Kardinallegat Etienne dazwischen. »Was kann das nützen?«

»Ihr habt ja wohl wieder einen Beweis aus der Regel …?«, fügte der hämische Landulph hinzu.

»Die habe ich! und mehr als eine! Wäre ich frei und besäße noch alles, was mir jetzt fehlt – o, nur den hundertsten Theil davon – und wären päpstliche Kommissarien Leute, denen man etwas bieten dürfte, so würde ich etwas anderes sagen …«

»Nur keine Ausforderung an uns!«, setzten ihm die Kardinäle entgegen, da er sich vom Sessel erhoben und dem Tisch gar zu nahe getreten war. »Sie anzunehmen, sind wir die Männer nicht.«

»So ist es auch nicht gemeint«, äußerte der Meister mit wegwerfender Miene. »Aber wollte Gott, dass es solchen Frevlern bei uns erginge wie bei Sarazenen und Tartaren, die den Erfindern der Bosheit die Köpfe abschneiden oder mittendurch sie zerteilen.«

»So macht es die Kirche nicht«, war des Kardinallegaten Berengers Antwort. »Sie richtet über Ketzer, die man entdeckt und übergibt die Halsstarrigen dem weltlichen Arm.«

Da haftete des Großmeisters Blick auf dem Mund des Sprechers. Er wusste anfangs nicht, was er darauf erwidern sollte. »Ich sehe wohl! Ich sehe wohl, wie es kommen wird«, hob er langsam an. »Man will nicht weichen von dem Wort Ketzer, damit auch ja die Bischöfe das Urteil fällen können. Doch Ihr habt Euch verrechnet, Ihr Herren! Ich weiß, dass Seine Heiligkeit sich das Endurteil über mich und meine vorzüglichsten Komturen vorbehalten hat! Man bringe uns vor den Papst, denn dort sind die Schranken, vor die wir gehören!«

Ehe man dem Großmeister etwas darauf antworten konnte, öffnete sich plötzlich die Tür, und herein trat der Kanzler Wilhelm von Nogaret. Als er den Großmeister erblickte, wurde sein Ausdruck noch merkbarer. Sogar ungestüm wandte er sich an den alten Mann.

»Nun, nun! Jacob von Molay! Wie gefällt es Euch jetzt in Paris? Nun werdet Ihr wohl aufgehört haben, Wir von Gottes Gnaden zu schreiben? Nun wird die Gleißnerei des verbrecherischen Tempelherrn wohl am Ende sein! Nun wird die tausendköpfige Hydra nicht mehr das Gift der Ketzerei in die Christenheit hineinspritzen!«

»Ihr scheint sehr aufgeregt, Herr Kanzler …«

»Wie sollte ich nicht? Steht Ihr doch vor mir, Ihr, ein Tempelherr! Ein Ketzer! Das verbrecherische gekrönte Haupt eines verbrecherischen Ordens! Der Prozess dauert dem König zu lange«, redete er barsch die Kommissarien an. »Das Verfahren ist zu langweilig. Der König will, dass man nicht säume; ich sage Euch das in seinem Namen! Warum die Nachsicht mit Ketzern? Diese Brut! Warum lässt man sie sich verteidigen? Klüger, Zeugen haben die Verbrechen erwiesen, die eigenen Geständnisse der reumütigen Ritter. Warum denn dieses Zaudern? Treibt den König nicht zu weit, er könnte sein Parlament versammeln und dann dürfte man nicht mehr nach Eurem Urteilsspruch fragen!«

»Wir sind vom Papst bestellt«, meinte Berenger bescheiden, aber fest. »Die Verteidiger des Ordens anzuhören, das ist unsre Pflicht, unsere Schuldigkeit …«

»Und mich schickt der König, Herr Kardinallegat, dass man nicht Missbrauch mache von der Erlaubnis, den Orden verteidigen zu dürfen.«

»Ich habe den Vorsitz«, rief der Erzbischof von Narbonne. »Wollt Ihr etwas, Herr Kanzler, so wendet Euch an mich!«

Der Kanzler und der Erzbischof verstanden sich zu gut miteinander, als dass sich der Erstere diesem Befehl nicht hätte fügen sollen.

Darum fragte er unmittelbar darauf: »Wie weit seid Ihr denn eigentlich gekommen, Herr Erzbischof? Bleibt Jacob von Molay bei seiner Aussage in Chinon?«

»Das nicht – jedoch …«

»Er widerruft also?«

»Wie man es nehmen will.«

»So ist er ein Rückgefallener!«

»Herr des Himmels«, seufzte Jacob von Molay, »wie magst du es dulden, dass man so mit mir verfahre? Was habe ich verschuldet, dass ich dem Hohn, dem Elend preisgegeben worden bin? Dass ich der Rachsucht eines so erbärmlichen Sklaven blosgestellt worden bin! War ich doch stets dein rüstiger Kämpfer, dein Ritter. Man hat mich ausgestoßen aus der Gemeinschaft mit deiner Kirche! Der Ketzerei beschuldigt man mich, mich, der den Ungläubigen mit Feuer und Schwert verfolgte! Was ich verabscheut habe, ein wahrer Christ, das beschwören Christen über mich herauf, um mich zu verderben! Ist denn dein Ohr verschlossen? Drang nicht das Geschrei der Gefolterten in deine Himmel hinauf? Hörtest du nicht die letzten Seufzer derer, welche in ihren Kerkern an gebrochenen Gliedern, an grässlich zerrissenen Leibern gestorben sind?«

»So ist es recht, Jacob von Molay«, war des Kanzlers hämische Bemerkung. »Wenn das Wasser an die Kehle geht, dann ist unser Herrgott eine gute Aushilfe.«

»Auch sind wir hier nicht versammelt«, fiel ihm der Erzbischof bei, »um Eure Stoßseufzer anzuhören. Es warten noch mehrere. Habt Ihr der Verteidigung noch etwas beizufügen, so fasst Euch kurz.«

Aber Jacob von Molay antwortete nicht mehr. Mit Verachtung blickte er auf die Kommissarien, und Wilhelm von Nogaret gönnte er auch nicht einmal diesen Blick. Ein Wink des Erzbischofs, und man führte ihn aus der Halle. Es währte nicht lange, so traten Bois de Boulogne und Montroyal herein. Der Erstere trug ein Manifest, welches er im Namen der Verteidiger des Ordens entworfen worden war. Nachdem man ihm die Erlaubnis erteilt hatte, es vorzulesen, entfaltete Boulogne das Manifest, las mit einem Feuer, dessen nur die Unschuld fähig ist, oder der Verteidiger der wahren Unschuld. Es enthielt hauptsächlich folgende Punkte:

  1. dass man nie ein Beispiel von einer ähnlichen Prozedur gesehen habe, die mit so großer Übereilung in einer Sache von solcher Wichtigkeit und gegen einen so ehrwürdigen und berühmten Orden angestellt worden sei;
  2. dass man bei dieser Prozedur keine der von den Gesetzen vorgeschriebenen Formalitäten beobachtet habe;
  3. dass Hass, Wut, Ungerechtigkeit und Gewaltsamkeit allein dabei den Vorsitz gehabt hätten;
  4. dass man ohne Beweis, ohne Untersuchung, damit angefangen habe, an einem und demselben Tag alle Ritter in Haft nehmen zu lassen, dass man sie in dunkle Kerker geschleppt und sie für schuldig erkannt hätte, ehe sie angeklagt und befragt worden wären;
  5. dass man sich zu gleicher Zeit aller ihrer beweglichen und unbeweglichen Güter bemächtigt und dadurch das Gesetz verletzt hätte, welches verbietet, sie im Besitz zu nehmen, wenn der Beklagte im Gefängnis ist;
  6. dass man den Zeugen, bei den angestellten Verhören, nicht ihre Freiheit gelassen hat, sondern, um sie zu dem Geständnis desjenigen zu bringen, was der Wut ihrer Feinde und der gehegten Absicht, den Orden zugrunde zu richten und abzuschaffen, zuträglich wäre, den Anfang damit gemacht habe, sie auf die Folter zu bringen und sie grausam zu quälen und zu martern, sodass viele davon gestorben wären, deren Blut noch um Rache schreie. Andere seien dadurch ungesund und zu Krüppeln geworden.
  7. dass es gar nicht zu verwundern sei, dass die meisten, um so grausamen Martern zu entgehen, alles, was man gewollt, alles, was zu bekennen man ihnen vorgeschrieben habe, bekannt hätten;
  8. dass man sie gezwungen habe, nicht allein ungereimte und lächerliche Lügen gegen den Orden, sondern auch abscheuliche Verbrechen gegen sich selbst auszusagen;
  9. dass man solchen, durch Gewalt erpressten Aussagen keinen Glauben beimessen müsse noch könne, weil dem Aussagenden dann alles fehlt: die Tugend, welche ihm die Standhaftigkeit einflößen sollte, eher zu sterben, als abscheuliche Verbrechen zu bekennen; die Beurteilungskraft, die nicht mehr frei ist, sodass sie die Folgen ihres Geständnisses nicht mehr einzusehen vermögen; ja, das Gedächtnis selbst, das in der Verwirrung, in der Furcht und im Schmerz ihnen nicht erlaubt, sich der Dinge, wie sie geschehen sind, genau zu erinnern;
  10. dass man sich außer der Gewalt und Grausamkeit auch noch der Verführung bedient habe, um ihnen diese Bekenntnisse zu entreißen; dass man ihnen zu diesem Ende Schreiben des Königs vorgezeigt hätte, welche ihnen zu erkennen gegeben haben, dass sie sich umsonst bemühen würden, einen bereits verdammten Orden zu verteidigen, und die Versicherung erteilten, dass, wenn sie Dinge, deren man sie beschuldigte, bekennten, man ihnen Leben, Freiheit und ein ansehnliches Gehalt geben würde, um außer dem Orden mit Ehren und bequem leben zu können.

»Was? Ihr Herren«, schloss Boulogne, »kann es vernünftigen Leuten wohl in den Sinn kommen, dass so viele Männer von vornehmer Abkunft einen Stand gewählt haben und in einen Orden getreten sein sollten, in welchem man sie plötzlich die Religion verändern ließ, in welchen sie traten, um selig zu werden, und gleichwohl in ihr ewiges Verderben billigten? Was? Keiner von ihnen hat widerstanden? Alle sind beharrt? Sie haben alle abscheuliche Verbrechen begangen. Keiner hat etwas dagegen gesagt, keiner hat etwas bereut? Das Geheimnis ist zwei Jahrhunderte hindurch verschwiegen geblieben? Es sind unglaubliche Dinge, die nicht allein falsch, sondern auch lächerlich, ungereimt, abgeschmackt sind, und die Wut ihrer Feinde, das ungerechte und abscheuliche Vorhaben, einen so ehrwürdigen Orden zugrunde zu richten, unwiderleglich beweisen und die Falschheit der Aussagen aller Ritter dartun, welche Gewalt und Furcht verführt haben, eingebildete Dinge und ungereimte Umstände auszusagen, um welche man sie nicht fragte, weil sie dadurch ihr Glück zu gründen und sich die Gunst des Fürsten zu erwerben glaubten!«

Wie Feuer strömte es zuletzt von Boulognes Mund. Keiner von den Kommissarien wusste etwas darauf zu antworten. Höher und höher glänzte des Generalprokurators Auge.

»Montroyal«, rief er endlich, »die Tugend siegt! Der Sieg ist unser!«

»Ihr seid vorlaut«, nahm der Kanzler das Wort. »Es wird hier kein Urteil gefällt über den Orden, man wird hier nur seine Verteidiger hören. Seine Majestät, unser gnädigster König, wird ein Parlament in Pontoise versammeln. Dort wird es sich ausweisen, wie man gerecht und nachsichtig gegen den Reuigen, rücksichtslos und streng gegen den Verstockten verfahren soll!«

»Sprecht Ihr, lieber Bruder«, mahnte Boulogne seinen Unglücksgefährten Montroyal. »Was helfen hier die besten Gründe? Man hat es ja darauf abgesehen, uns zu verderben.«

Der kriegerische Montroyal schonte die Kommissarien ebenso wenig, wie er den Kanzler, den König und den Papst schonte. Er wurde endlich so heftig, dass er sich der beleidigendsten Ausdrücke bediente.

»Sünde und Schande ist es«, rief er, »dass man sich unterstanden hat, einem geistlichen Orden so viel schändliche Verbrechen aufzubürden! Dass man die Ritter durch Martern, sie einzuräumen, gezwungen hat! Die Wahrheit aber soll sich vor dem Papst finden! Er ist unser einziger, unser natürliche Richter. Keiner von uns wird sich seiner Gerichtsbarkeit entziehen, selbst der Meister kann sich ihrer nicht entheben. Ist der Orden nicht heilig? Konsekrieren seine Priester nicht den Leib und das Blut Christi nach dem Gebrauch der katholischen Kirche? Wer will das in Abrede stellen? O, welche Pfiffe, welche Dummheit, miteinander gepaart, uns für Ketzer auszuschreien! Wir sollen unseren Herrn und Heiland verleugnen – und im letzten Krieg gegen die Ungläubigen werden vierundzwanzig Tempelherren gefangen. Der Sultan bot ihnen nicht allein Leben und Freiheit, sondern auch die höchsten Ehrenstellen an, wenn sie sich zu Mahomeds Lehre bekennen wollten. Sie alle schlugen es mit Unwillen ab und litten als Märtyrer. Hätten sie bei ihrer Aufnahme Jesus Christus verleugnet, was wäre ihnen alsdann gelegen gewesen, ihn nochmals zu verleugnen? Würden sie wohl töricht genug gewesen sein, auf eine elende Art umzukommen, wenn sie, dieses Verbrechens bereits schuldig, durch Fortsetzung derselben in der Wollust und den Würden, die man ihnen anbot, hätten leben können? Genug, Ihr Herren, bedenkt wohl, dass, wenn Ihr es zum traurigen Ende führt, die Nachwelt anders über uns richten wird, und es könnte kommen, dass sie über Euch … den Stab bräche.«

Der Erzbischof von Narbonne versuchte zwar zu beweisen, dass der Orden vor der Anklage selbst nicht makellos gewesen sei, indem der Papst in seiner Bulle ausdrücklich gesagt habe, die Verderbtheit des Ordens sei ihm zu Ohren gekommen. Auch bezog er sich wieder auf die Gerichtsbarkeit der Bischöfe, sobald es Ketzer beträfe. Doch auf den Hauptgegenstand ließ er sich nicht ein. Boulogne und Montroyal wurden wieder weggeführt. Die Sitzung war geschlossen.

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