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Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang 21

Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang
Ein Märchen von Gotthold Kurz
Nürnberg, bei Gottlieb Bäumler 1837

Einundzwanzigstes Kapitel

Unerwartetes Zusammentreffen im Haifischbauch

Dem armen Jacob war auch wirklich sehr bange ums Herz. Er lag lange in düstere Betäubung versunken da, dann endlich raffte er sich auf. Es trieb ihn hin an seine Orgel, die wohlbehalten nebst allen übrigen Sachen und dem glücklicherweise reichen Mundvorrat in seinem festen kleinen Haus befindlich war. Er öffnete sie und fing nach einigen Passagen mit voller Kraft ein schönes wohlbekanntes Trostlied an zu singen und zu spielen, wodurch ihm das Herz gar merklich leichter wurde. Aber als er nun den ersten Vers beendet hatte, da war es ihm, als ob er nicht fern von sich ein zartes menschliches Ächzen vernehme.

Er horchte auf; es war wieder still. Er begann, fortgerissen von seiner inneren Bewegung, den zweiten Vers. Als dieser aber verklungen war, vernahm er das vorherige Ächzen deutlicher und stärker, einem Ruf um Hilfe ähnlich! Daraufhin eilte er in seine Küche, machte Licht, zündete eine kleine Fackel an, stieg damit hinauf auf das Dach und antwortete mit herzhaftem Ruf der klagenden Stimme. Sie ließ sich abermals vernehmen. Er bemerkte auf einer mächtigen Schwiele der lebendigen Kerkerwand, in die er eingeschlossen war, eine kleine Gestalt. Sie regte sich nur wenige Spannen weit über ihm. Da ließ er die Fackel in die Tiefe fallen, kletterte flink hinauf, erreichte den Gegenstand, und fasste – o, wer vermag die Überraschung zu schildern – er fasste ein Händchen, klein wie das seine, und bald die ganze Gestalt, warm, lebendig in seine Arme. Er kletterte glücklich mit ihr hinab in seine Behausung, eilte in die Küche, brachte Licht herbei, – und welch Entzücken! Es war ein Wesen wie er. Die Töne und Worte, die es von sich gab, waren die seiner Kindheit, seines früheren Knabenalters. So hatte er sie in seinen Träumen so oft vernommen, obwohl die Muhme über seine Herkunft immer ein tiefes Schweigen beobachtete und alle Erinnerungen solcher Art ihm immer als Schwärmereien ausgelegt hatte.

Meinesgleichen!

Dieser Gedanke erschütterte wie ein elektrischer Funke seine Seele! Die schönste Jungfrau seines Heimatlandes stand vor ihm da, in reichen, wenn auch durchnässten Kleidern, mit Blicken voll Erstaunen, Dank und Freude!

Lange blieb er wie angewurzelt und sprachlos stehen, dann führte er sie zur Ottomane, dort Atem zu schöpfen, fuhr hin und her in geschäftiger Eile, zündete alle Lampen des Kronleuchters an, den unaussprechlich süßen Fund recht strahlend zu beleuchten, machte Feuer im Kamin des Schlafgemachs, schloss alle Garderoben und Waschschränke auf und bat sie mit Zeichen mehr als mit Worten, das ganze Haus als das ihre zu betrachten. Indes die liebliche Gestalt sich nun zurückzog, um ihre kalte nasse Kleidung so gut wie möglich zu ersetzen, holte er aus seiner Speisekammer Erquickungen aller Art herbei, deckte die Tafel und erwartete mit klopfendem Herzen die Wiederkunft der beglückenden Erscheinung.

Jetzt trat sie lächelnd ein. Ja, sie, sie war ein Wesen seiner Art, eine Jungfrau seines Volkes, mit allem Reiz der Jugend und mit der persönlichen Würde geschmückt, welche nicht allein den Adel des Herzens, sondern auch den einer hohen Geburt anzukündigen pflegt. Sie reichte ihm die Hand und flüsterte ihm mit tiefem seelenvollen Ausdruck den Dank für ihre Rettung zu.

Jacob gebärdete sich wie ein Kind, so schüchtern und so selig zugleich. Erst als sie sich zum Mahl niedergelassen und durch Trank und Speise gemeinschaftlich erholt hatten, gewann er seine Sammlung wieder, und zugleich mit ihr die alte, lange ungeübte Sprachweise seiner rechten Heimat.

Nun ging es in hastigen Hin- und Herreden, an ein Fragen, Verständigen und Erzählen, dass Stunde auf Stunde unvermerkt dahin eilte und einmal über das andere die Lampen zu erlöschen drohten.

Da aber auch bei der stärksten geistigen Erregung die irdische Natur doch ihre Rechte behauptet, so trennten sich endlich die beiden lieblichen Kinder, um die Ruhe zu suchen, die ihnen nach so gewaltsamen Anstrengungen und Erschütterungen ganz unentbehrlich geworden war.

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