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Des Teufels Sohn

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Atlantis Teil 37

Saltadera, eine der kleinsten Antilleninseln, weit nach Westen vorgeschoben, war dem Isthmus am nächsten. Wie ein einziger ungeheurer Block hob sich ihr Feldmassiv aus den Fluten des Atlantiks. Ein paar Fischereisiedlungen gab es an der Ostküste. Nach Westen zu lag ein steiler Hang, unpassierbar für Menschen, der zu einem schmalen Streifen sandigen Vorlandes abfiel.

Ein kleines Holzhaus stand da unten. Der große Raum zu ebener Erde, fast ganz ausgefüllt mit Apparaten und Instrumenten, war jetzt durch die hinabgelassenen Jalousien fast völlig verdunkelt.

Über den Arbeitstisch gebeugt saß J. H., der Rätselhafte vom Leuchtturm. Die schmalen, feinen Hände sanken von dem Instrument, an dem sie seit Stunden arbeiteten. Wie erschöpft lehnte er sich in den Stuhl zurück, strich sich mit einer müden Bewegung über das Gesicht, dessen krankhafte Blässe die Strahlen der tropischen Sonne nicht verändert hatten. Die Augen, tief in den Höhlen liegend, hingen an dem leuchtenden Bild vor ihm an der Wand.

Das Bild des Kanals war es, das der energetische Fernseher dorthin gezaubert hatte. Es war nicht das optische Bild, wie es ja schon längst die Kamera aufnahm und drahtlos durch den Äther weitergab. Jeder Besitzer eines Fernsehgerätes empfing diese Bilder.

Hier war es anders. Es war ein energetisch aufgenommenes Bild, welches alle Einzelheiten unabhängig von den optischen Eigenschaften des Bildgegenstandes zeigte. Wo dem Auge, der Optik, eine Schranke gesetzt war, griffen die energetischen Strahlen weiter … schalteten aus, was nicht gesehen werden sollte … hoben heraus, was sein sollte.

Das Kanalbett. Der letzte Abschnitt an der Stätte, wo einst Colon stand. Wasserleer schien der fünfzehnhundert Meter tiefe Einschnitt. Eine kurze Bewegung zum Apparat. Das Bild an der Wand wanderte über die leuchtende Fläche nach oben. Immer neue Teile, immer tiefere Partien der Erdrinde wurden sichtbar. Die Sialscheibe, wie sie sich in einer hundert Kilometer starken Schicht unter der Sedimentärhülle über den Erdball zieht. Fein gesprengte Magmamassen darin. Weiter dem Erdinnern zu die Simamassen. Das energetische Bild zauberte die Vorgänge aus nie gesehenen Tiefen an die Wand.

Die Massen der Tiefe waren in Bewegung. Die energetischen Strahlen, von seiner Hand gelenkt, rissen sie aus dem Urzustand. Ungeheure Kräfte, durch die Strahlung dort unten frei werdend, ließen sie beben, zittern, in furchtbarer Glut brodeln. Die Bewegungen drangen nach oben, Ausweg suchend, die Schollen sich lockernd, die Massen leichter werdend, sich lösend von dem Links und Rechts. Die deckenden Schichten, emporgehoben, klafften schon in tausend Rissen. Wie lange noch würden sie dem Druck standhalten?

»Einmal noch!«, murmelten seine Lippen. Das letzte Stück, das schwerste. Wohl abzuwägen jede Bewegung. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Bis die Wunde verharscht, der Leib der Erde heilte. Weltordnung …

In der Tür des Raumes erschien Tredrup. Bei dessen Eintritt sah Johannes Harte auf, nickte ihm zu. »Gute Fahrt gehabt, Tredrup?«

Eine leichte Bewegung seiner Linken zu einem Schalterknopf. Das Bild an der Wand neben der Tür verschwand. Tredrup sah es nicht mehr.

»Ich kam durch den Kanal hin und zurück durch die Kette der Zollboote. Keins sah mich, keins hielt mich an. Fuhr, wie ich mit Ihnen fuhr.«

»Sonst nichts?«

»Nichts! Kein Zeichen von Christie Harlessen. Unsere Empfangsstation war ständig besetzt, wir hörten kein Wort.«

»Sonst nichts?«, fragte er weiter und hob dabei leicht den Kopf.

»Nichts«, erwiderte Tredrup. »Nichts Besonderes.« Seine Stimme schwankte. Fast stotternd brachte er die Worte hervor.

Lauerte etwas hinter dessen Frage … die Lotung? Tredrup fühlte, wie sein Herz stärker zu schlagen begann. Hatte der andere sie gesehen?

»Loteten Sie nicht im Kanal, Tredrup?«

Tredrups Hand umklammerte den Türpfosten. Fast wäre er zurückgetaumelt! Da war die Frage! Der hatte es doch gesehen. Nein!, wollten seine Lippen schreien, und dann sprach er leise: »Wir loteten. Die Messungen des Schifffahrtsamtes sind vielleicht unzuverlässig. Wir loteten in der Mitte des Kanals.«

»Und fanden die Lotungen des Schifffahrtsamts nicht bestätigt?«

»Nein! Differenz zweihundert Meter.«

Der nickte. »Zweihundert Meter … die Differenz ist groß. Walter Uhlenkort in Hamburg würde es interessieren. Vielleicht teilen Sie es ihm mit?«

»Walter Uhlenkort. Jawohl, gewiss, Herr Harte.«

Der Sender! Er stürzte auf den kleinen Apparat im Hintergrund zu. »Sofort werde ich es tun.« Stülpte die Hörer über, ergriff das Mikrofon.

»Ah, ich vergaß, das ist ja unsere Welle, muss sie auf Uhlenkort-Welle umstellen.« Seine Hand bewegte die Skalenscheiben. Endlich hatten seine Finger die Station bestimmt.

In seinem Inneren rang es so heftig, dass er kaum die Worte fand, wie er es sagen wollte. Seine Lippen öffneten sich … da fuhr er mit einem Ruck zurück. Seine Augen starrten in das Weite, das Mikrofon entsank seiner Hand. In höchster Anspannung lauschte er dem, was die Uhlenkort-Welle ihm aus weiter Ferne ins Ohr rief. Vergessen war alles, was er an Uhlenkort melden wollte. Er saß und lauschte. Da war er wieder, der alte Notruf: Hier Christie … Harlessen-Uhlenkort …

Mit den Augen winkte er den anderen heran, kritzelte auf ein Stück Papier: Christie Harlessen …

Jonnes Harte nickte, lächelte. Im Hörer war es stumm.

»Hier Uhlenkort!«, schrie Tredrup zur Antwort. Wandte sich zu dem neben ihm. »Was soll ich sagen?«

»Sagen Sie, dass sie weitersprechen soll, immer dasselbe.«

Tredrup starrte ihn fragend an. Die Stimme Christies rief wieder.

»Wo … Wer ist da? Wo ist Walter Uhlenkort?«

»Sagen Sie ihr, sie soll weitersprechen, damit Sie peilen können.«

Tredrups Augen leuchteten auf. Ah, peilen! Dass der ihm das sagen musste. Selbstverständlich peilen!

Tredrup sprach, bis der Sinn seiner Worte dort verstanden wurde. Bis sie weiter rief. Mit fiebriger Hand bewegte er den Peilrahmen. Was sprach sie jetzt noch?

»Atoll … abgelegen … Südsee … von hohen Korallenklippen umgeben … Etwa fünfzehn Meter hoch … zwölf Palmenwipfel über den Rand ragend … niedriges, lang gestrecktes Riff an der Ostseite … keine Insel in der Nähe mit dem Auge zu erkennen … Durchmesser der Insel etwa tausend Meter … schwache Besatzung … U-Boot der Seeräuber auf Fahrt … Unterwassereinfahrt durch das Riff in die Lagune …«

Tredrup hatte die Peilung längst scharf eingestellt. Seine Hand schrieb in rasender Hast die Worte mit.

Da nochmals die Frage: »Wer dort? Wo ist Walter Uhlenkort?«

Schon wollte Tredrup Antwort geben. Da, im Hörer ein Aufschrei der Stimme. Die gebrochenen Laute einer männlichen Stimme dazwischen. Er saß … lauschte. Kein Laut mehr. Was war das?

Sein Geist flog zu der Stätte, von der Christies Notruf erklungen. Die Männerstimme? Christie war überrascht worden, hatte in der Erregung über die gelungene Verbindung alle Vorsicht vergessen. Was würde da weiter geschehen? Strafe … Misshandlung?

Sein Blick suchte den anderen, suchte Johannes Harte. Er sah ihn nicht. Die Tür war offen. Der war hinausgegangen.

Zurück zum Sender, Uhlenkort-Welle … Hamburg.

Da war sie, die Stimme des Freundes begrüßte ihn.

»Christie Harlessen!«, schrie Tredrup. Und dann, seine Worte stammelnd, jubelnd sprudelten heraus, was sein übervolles Herz hergab. Uhlenkort antwortete wieder, bestürmte ihn mit Fragen, wollte mit den Worten schließen: »Komme noch heute mit Flugzeug zu euch«, da schrie Tredrup als Letztes ins Mikrofon: »Die Sohle des Kanals ist neunhundertzwanzig Meter tief …«

Kein Laut von da drüben.

»Hörst du, Walter Uhlenkort? Die Sohle des Kanals ist neunhundertzwanzig Meter tief. Hörst du?«

»Ich höre, Tredrup … Hörte es beim ersten Mal. Konnte es nicht gleich fassen. Die Messungen lauten auf elfhundert.«

»Elfhundert«, schrie Tredrup zur Antwort, »waren es. Neunhundert sind es jetzt!«

Und vergessend der Worte Sei gewarnt! rief er: »Die Kanalsohle ist gestiegen! Um zweihundert Meter gestiegen. Ich habe es gemessen. Er hieß mich, es dir melden, Walter Uhlenkort.«

Die Worte, Schreien … Lachen war es.

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