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Der Arzt auf Java – Erster Band – Kapitel 5

Alexander Dumas d. Ä.
Der Arzt auf Java
Ein phantastischer Roman, Brünn 1861
Erster Band
Kapitel 5

Irrtümer des Eusebius van der Beek

Eusebius ging so rasch, dass der Mann des Gesetzes ihn nicht einzuholen vermochte. Binnen weniger als einer Viertelstunde war er in der unteren Stadt. Seit dem Morgen hatte er, wie er Esther gestanden, nicht aufgehört, an den Doktor Basilius zu denken. Sein Verstand weigerte sich, zu glauben, »dass dieser Mensch mit einer übernatürlichen Macht begabt sei. Gleichwohl konnte Eusebius die Taten, deren Zeuge er gewesen war, nicht mit der gewöhnlichen Ordnung der Dinge vereinigen. Indem er die Möglichkeit leugnete, fühlte er sich dennoch seit dem Morgen von einem tiefen Schrecken ergriffen, wenn er daran dachte, dass dieser entsetzliche Mensch — wenn er den Worten des entsetzlichen Doktors glauben durfte — allen Kämpfen seiner Seele beiwohnte, alle Regungen seines Herzens kannte. Seit dem Morgen schien es ihm, als läge seine Brust offen da für ein gewaltiges Auge, welches ihn tiefer erforschte. Ach, das sich so gestaltende Leben wurde für Eusebius, wie er Esther gestanden hatte, immer unerträglicher, allein der plötzliche und unerwartete Tod des Doktor Basilius vereinfachte die Frage bedeutend. Er fügte eine materielle Möglichkeit den anderen Möglichkeiten hinzu, welche Eusebius Verstand gleich einem Wall aufstellte, um die Verirrungen seiner Einbildungskraft zu hemmen. Er dachte nicht an das Vermögen, welches ihn auf so wunderbare Weise mitten in seinem Elend aufsuchte, um ihn zu einem der reichsten Bewohner Batavias zu machen. Aber ohne sich über das Unglück dessen zu freuen, den er als den Retter Esthers betrachten musste, besaß er doch nicht genug Tugend, um sich über ein Ereignis zu betrüben, welches ihn von einer Vormundschaft befreite, die seinem Herzen, ungeachtet der Unschuld und der Reinheit seiner Gesinnungen, verhasst war. Das dringendste Bedürfnis, das er jetzt empfand, war, sich zu überzeugen, dass der Doktor Basilius nicht imstande gewesen sei, sich dem allgemeinen Unglück der Menschheit zu entziehen. Der Tod, dem der Arzt nicht zu entrinnen vermocht hatte, war die Verneinung der Gewalt, die er sich über das Leben anmaßte. Indem Eusebius die Gewissheit erlangte, dass der Doktor Basilius wirklich tot sei, kehrte er zu der glücklichen Gemütsruhe zurück, die er seit einigen Stunden verloren hatte.

So eilig auch Eusebius Gang war, hinderte er ihn doch nicht, zu bemerken, dass die Matrosen des Hafens, besonders aber die Malaien, in Gruppen beisammen standen und lebhaft miteinander sprachen. Das schien ihm ganz natürlich zu sein, denn er erinnerte sich daran, dass der Doktor Basilius von der maritimen Bevölkerung des Quartiers angebetet wurde, welches er sich zu seinem Wohnsitz wählte, und zwar mit einer Vorliebe, deren Grund zu erforschen alle Bewohner Batavias vergebens gesucht hatten, da dieses Stadtviertel für die Europäer tötlich war. Man wunderte sich daher auch, dass der Doktor Basilius der mephitischen Luft zu widerstehen vermochte, welche aus den umliegenden Sümpfen aufstieg, und seine unbestreitbare Gesundheit hatte nur dazu beigetragen, die sonderbaren Gerüchte zu beglaubigen, die über seinen Verkehr mit dem Bösen verbreitet waren.

Eusebius van der Beek legte am Tage, und diesmal bei schönem Wetter, denselben Weg zurück, den wir ihn in der Nacht und beim Orkan einschlagen sahen, und stand bald vor dem Haus des Doktors. Gleich dem Abend zuvor schien es unbewohnt zu sein. Kein Geräusch ertönte aus denn Inneren, nichts verriet, dass hier irgendein trauriges Ereignis stattgefunden hatte. Indes stand die am verflossenen Abend so sorgfältig verschlossene Tür offen, sodass der Wind sie auf den Angeln hin und her schaukelte. Eusebius konnte daher ungehindert eintreten und ging geradewegs zu dem Zimmer, in welchem die schöne Holländerin ihn hatte warten lassen. Die Ballen, die Kollis, die Kästchen standen an ihrem Platz, die Friesin aber war nicht zugegen. Eusebius rief, doch niemand antwortete. Er ging darauf zu der Tür, durch welche das junge Mädchen verschwunden war, als der Doktor den Abend zuvor sie rief. Diese Tür führte auf einen dunklen Gang. Er folgte denselben und bemerkte an seinem äußersten Ende einen Lichtstrahl, der unter einer Tür durchfiel. Der Schein schien von der Flamme einer Fackel herzurühren, denn er flackerte stark. Eusebius öffnete die Tür und wich überrascht zurück, als er sich auf der Schwelle eines Zimmers erblickte, welches so ganz auf holländische Weise eingerichtet war, dass er sich ohne die glühenden Strahlen der Sonne, welche durch die bleieingelegten Scheiben hereinfielen, an den neblichen Ufern des Zuyderzees geglaubt haben würde.

In einer Ecke, der Tür gerade gegenüber, stand eine Bettstelle von Eichenholz, deren gewundene Säulen Vorhänge von grüner Serge trugen. Von der Stelle aus, auf der sich Eusebius befand, war es unmöglich, in das Bett zu blicken. Diesem gegenüber stand ein Tisch und auf dem Tisch ein kupfernes Krucifix, umgeben von vier brennenden Kerzen, und ein Teller mit Weihwasser. Dabei lag ein kleiner trockener Buchsbaumzweig.

Zwischen dem Bett und dem Tisch kniete ein schwarz gekleidetes junges Mädchen und betete.

Bei dem Geräusch der sich öffnenden Tür wandte das Mädchen sich um, und Eusebius erkannte die schöne Holländerin. Diese gab dem jungen Mann ein Zeichen, neben ihr Platz zu nehmen, und fuhr in ihren Gebeten fort. Es war jetzt Eusebius klar, dass er sich in dem Sterbezimmer befand und dass Doktor Basilius auf dem Bett lag, dessen wir erwähnten. Gern hätte er sich davon überzeugt, aber er musste dann den Tisch von der Stelle rücken und über die Schulter der Friesin sehen. Er zögerte, eine so unpassende Handlung zu wagen. Er kniete daher am Fuß des Bettes nieder und versuchte zu beten, aber es wollte ihm nicht gelingen, so sehr waren seine Gedanken beschäftigt. Er betrachtete seine Nachbarin, um auf deren Gesicht die Wahrheit zu lesen. Sie betete fromm, aufrichtig und große Tränen rannen über ihre durch den Schmerz gebleichten Wangen.

Es scheint nach allem, dachte Eusebius, dass dieser entsetzliche Doktor ein ziemlich guter Teufel war, denn der Kummer dieses jungen Mädchens scheint wahrhaft aus dem Herzen zukommen.

Um ihr in seiner Eigenschaft als Erbe zu danken, reichte Eusebius dem jungen Mädchen die Hand. Diese irrte sich in der Bedeutung dieser Bewegung, stand auf, gab Eusebius den mit Weihwasser gut getränkten Buchsbaumzweig in die Hand, trat zur Seite, um den jungen Mann die fromme Pflicht erfüllen zu lassen, nach der er begierig zu sein schien. Eusebius stand der Leiche gegenüber. Es war in der Tat die des Doktor Basilius. Dieser war also wirklich tot. Sein Tod war so plötzlich und so rasch erfolgt, dass er seine Züge durchaus nicht verändert hatte. Seine Augen waren geschlossen, sein Atem erloschen, sein Herz hatte aufgehört zu schlagen — das war alles.

Er hatte nicht lange genug im Wasser gelegen, als dass sein Gesicht die bläulichen Flecken angenommen haben konnte, welche die Ertrunkenen oder Erstickten gewöhnlich zeigen. Nur lagen seine grauen Haare, ganz von dem Seewasser durchnässt, dicht auf der Stirn geklebt, die sie bis zu den Augen beinahe vollständig bedeckten.

Aber der Mund hatte nichts von seinem Ausdruck verloren. Dieser überlebte die starre Regungslosigkeit des übrigen Gesichtes und es schien Eusebius, als müsste er ihn sich zusammenziehen sehen und das scharfe Gelächter des Doktors hören.

Die Hände waren über der Brust gefaltet. Voll Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit hatte die fromme Holländerin sie mit einem Rosenkranz umwunden.

Eusebius benutzte einen Augenblick, in welchem die junge Friesin sich in ihre Gebet vertieft hatte, und berührte die Finger des Toten. Sie waren kalt wie Marmor. Jetzt durfte er nicht mehr daran zweifeln, dass der Doktor Basilius in den ewigen Schlaf versunken war.

Indem Eusebius sich entfernte, stieß er einen Seufzer aus, der, wenn er auch keine Befriedigung verriet, doch wenigstens zeigte, dass sein Herz von einer großen Last befreit war.

Als er sich wieder in dem kleinen Wohnzimmer befand, bemerkte er, dass die schöne Holländerin ihm gefolgt war. Da sie durch die Anwesenheit der Leiche nicht mehr zurückgehalten wurde, fiel sie Eusebius um den Hals und küsste ihn schluchzend.

»Ach mein Gott, mein Gott!«, rief sie, »der arme Doktor Basilius! Ein so guter Herr! Ihn so schnell zu verlieren! Was soll aus mir werden! Großer Gott!«

»Aber wie hat sich denn das Ereignis zugetragen?«, fragte Eusebius, der noch keine Nachricht davon hatte.

»Er wollte Kranke an Bord einer chinesischen Jonke besuchen. Sein Boot wurde durch eine Welle von der Seite gefasst, umgeworfen und er fiel in das Meer. Als man ihn aus dem Wasser zog, war er tot.«

»O mein Gott!«, sagte Eusebius.

»Welch ein Verlust für uns alle, lieber Herr!«, sagte die Friesin. »Er war so gut, so mildtätig.«

»Aber«, erwiederte Eusebius, »mir scheint, als hätten Sie gestern Abend eine ganz andere Sprache geführt, mein liebes Kind.«

»Ach, mein Herr, da müssen Sie mich falsch verstanden haben. Hätte ich ohne Undankbarkeit wohl etwas anderes von dem Mann sagen können, dessen Brot ich zwei Jahre lang gegessen hatte, von einem Mann, der bei mir Vaterstelle vertrat!«

»Wie?«, fragte Eusebius erstaunt, »der Doktor Basilius vertrat bei Ihnen Vaterstelle?«

»Ganz gewiss, und wäre er am Leben geblieben, so war ich für meine Lebenszeit versorgt. Was soll nun aus mir werden? Jesus, mein Heiland!«

Bei diesen letzten Worten verfiel die Friesin wieder in ihre Klagen und diese waren so rührend, dass Eusebius, welcher, wie gestehen müssen, über die Verhältnisse des jungen Mädchens in dem Haus des Doktors Gedanken gehegt hatte, die für die Keuschheit des schönen Kindes nicht sehr vortheilhaft waren, nicht mehr wusste, was er denken sollte.

»Mein Kind«, sagte er, »ich verspreche Ihnen, mich mit Ihnen zu beschäftigen. Ich habe das Anerbieten, welches Sie mir gestern Abend machten, nicht vergessen und werde es nie vergessen. Wir werden eine Stelle für Sie finden.«

»Eine Stelle in dieser Stadt, lieber Herr?«, entgegnete die schöne Holländerin, »niemals, niemals! Sie wissen wohl nicht, dass ein ehrliches Mädchen die Stellung nicht annehmen kann, die man einer Europäerin in den meisten Häusern Batavias bietet.«

»Wenn Sie es verzeihen, mein Kind, so bezahle ich Ihre Überfahrt und Sie kehren nach Hause zurück.«

»Ach, lieber Herr, meine Eltern sind tot und ich finde dort nur noch Gräber! Aber das ist gleichviel. Obwohl ich die Erfahrung gemacht habe, was eine so lange Überfahrt unter Männern ohne Sitte und ohne Religion für die Tugend eines jungen Mädchens Gefährliches hat, werde ich doch Ihr Anerbieten benutzen, Herr van der Beek, und nach Holland zurückkehren. Ich bin es dem Andenken meines Wohltäters schuldig, rein und rechtschaffen zu bleiben.«

In diesem Augenblicke hörte man in dem oberen Stockwerke des Hauses lautes Geschrei ertönen. Die Holländerin erbleichte sichtlich, als sie es vernahm.

»Was ist das?«, fragte Eusebius.

»Ich weiß es nicht recht«, erwiderte das junge Mädchen, indem es sich bemühte, die Aufmerksamkeit des jungen Mannes hiervon abzulenken. »Ohne Zweifel Malayen, die sich prügeln.

»Nein«, sagte Eusebius entschieden. »Es ist Weibergeschrei. Sie sind also nicht allein in diesem Haus?« Und ehe noch die Holländerin sich seiner Absicht widersetzen konnte und ungeachtet der Bitten, die sie an ihn richtete, eilte Eusebius eine Treppe hinauf, die zu den Zimmern des oberen Stockwerkes zu führen schien. Er schritt durch vier oder fünf Zimmer, welche mit unordentlich umherliegenden Dingen angefüllt waren, gerade wie das Gemach im Erdgeschoss. Während er weiterschritt, hörte er fortwährend dasselbe Geschrei, nur stärker und schneidender. Es schien über seinem Kopf zu ertönen. Gleichwohl sah er keine Treppe, die nach einem höheren Stockwerk führte. Endlich bemerkte er in der Ecke eines Zimmers eine Art von Bambusleiter. Er erstieg sie und als er die Decke erreichte, erkannte er eine Falltür. Er hob sie mit dem Kopf in die Höhe, blickte durch die Öffnung und gewahrte ein eigentümliches Schauspiel. Die Art von Belvedere, in welches Eusebius eingedrungen war, hatte die Gestalt einer Negerhütte von Madagascar.

Über einem offenen Gitterwerk, durch dessen freien Raum man die Stadt, das Gehölz der Wurzelbäume und die Rheede überblickte, bildeten große Bambusstäbe, an dem oberen Ende zusammengebunden und mit Kokosnusszweigen bedeckt, einen Raum, in dessen Mitte eine Frau saß, in deren Schoß ein Leichnam lag. Es war der des Doktor Basilius. Es war das bleiche, doch ruhige Gesicht mit den an die Stirn geklebten Haaren und dem verzerrten Mund, welches der junge Mann in dem Gemach des Erdgeschosses, von wo er kam, auf dem Bett hatte liegen sehen.

Eusebius fühlte seine Knie unter sich brechen, sein Haar sich auf der Stirn sträuben. Er wich zurück, ohne den Blick von dem Leichnam abwenden zu können, erreichte die Falltür, glitt die Bambusleiter herab und floh, ohne die Negerin darin zu hindern, dem Verstorbenen ihre Tränen und die blutigen Zeugen ihrer Verzweiflung zu widmen.

Als Eusebius van der Beek wieder in dem heiteren Zimmer war, hatte seine Aufregung einen solchen Grad erreicht, dass er sich setzen musste. Große Schweißtropfen perlten von seiner Stirn. Seine Zähne schlugen krampfhaft auf einander. Sein Herz klopfte so gewaltig, dass es ihn zu ersticken drohte. Um Luft in das Gemach einzulassen, in welchem er sich befand, zog er die chinesische Jalonsie in die Höhe, die das Fenster schloss. Dasselbe ging auf einen Garten, der mit europäischen Gebüschen bepflanzt war, die in diesem kalkigen Boden verkümmert wuchsen, wie die tropischen Bäume in unseren Treibhäusern.

Zwei Malayen waren schweigend mit einer Arbeit beschäftigt, welche Eusebius so aufmerksam machte, dass er für den Augenblick darüber seinen Schrecken vergaß. Die beiden Männer hatten.in der Mitte des Gartens eine Art von Scheiterhaufen errichtet, der bereits bis zu der Höhe von sechs Fuß gelangt war, und noch immer legten sie symmetrisch Holzstücke auf, sodass er riesige Dimensionen annahm. Zwischen jede Holzlage schoben sie kleine Bündel Reisstroh, harzige Baumzweige und besonders Zweige von Terebinthen und Kampferbäumen.

Eusebius sprang, im höchsten Grad verwundert, durch das Fenster und näherte sich den beiden Malayen, die sich dadurch in ihrer Arbeit nicht stören ließen.

»Was Teufel macht ihr denn da?«, fragte er sie.

»Seht Ihr es denn nicht?«, erwiderte einer von ihnen in schlechtem Holländisch. »Das gleicht doch nicht etwas anderem, als einem Scheiterhaufen.«

»Und was wollt ihr damit anfangen?«

Der Malaye zuckte die Achseln, kletterte auf den Holzstoß hinauf und ordnete einige Stücke, die sein Arbeitsgenosse nachlässig gelegt hatte.

Eusebius wiederholte seine Frage.

»Nun«, entgegnete der Malaye, »soll der Tote etwa in das Meer geworfen werden wie ein Hund?«

Indem er so sprach, deutete er nicht etwa auf das Erdgeschoss, wo Eusebius den Toten in einem Ebenholzbett erblickt hatte, sondern auf eine Art von Hindukiosk am Ende des Gartens. Durch unbesiegliche Neugier getrieben, schritt Eusebius auf diesen Kiosk zu. Es war ein ziemlich umfangreiches Gebäude, dessen weiß getünchte Mauern auf grob gehauenen Quadersteinen ruhten und phantastische Gestalten darstellten, Männer mit Tier- oder Elephantenköpfen, vierarmige Körper, Hermaphroditen, kurz das ganze Personal der Hindutheogonie.

An der Tür stand ein Greis mit weißem Bart, welcher das Gewand der Brahminen der Küste von Malabar trug und die Arbeit der beiden Malayen zu überwachen schien.

»Der Tote?«, fragte Eusebius kurz.

Ohne zu antworten, deutete der Greis mit dem Finger über seine Schulter zum Inneren des Kiosk und trat zur Seite, um ihn hindurchzulassen. Eusebius erblickte sich jetzt in einem geräumigen Gemach, welches durch ein Dutzend Hängelampen von antiker Form beleuchtet wurde, in denen Flammen brannten, die helles Licht verbreiteten. In der Mitte stand ein Bett oder vielmehr ein Haufen von übereinandergelegten Kissen und auf diesen Kissen lag ein Leichnam, den Eusebius sogleich für den des Doktor Basilius erkannte. Er wich in nichts von den beiden anderen Leichen ab, die er bereits gesehen hatte. Dem Körper gegenüber unter einer Nische, in welcher ein Bild des Gottes Brahma stand, und vor welcher drei der erwähnten Lampen brannten, saß ein Weib auf einem goldenen Sessel, den Rücken gegen die Mauer gestützt.

Diese dritte Erscheinung der Leiche machte Eusebius vollends verwirrt. Er fühlte sich plötzlich in die Welt der Phantome versetzt und wusste nicht mehr, ob er lebte oder ob er träumte. Sein Blut stürmte mit Gewalt gegen sein Gehirn und brauste vor seinen Ohren. Er glaubte, sein Verstand würde ihn verlassen. Sobald seine Blicke auf das Weib gefallen waren, welches neben dem Toten wachte, vermochte er sich nicht von demselben abzuwenden. Es war ein junges Mädchen, dessen Haut nicht die Bronzefarbe der Indianerinnen der Halbinsel oder der Malayen der Sunda-Inseln zeigte, sondern das helle Gelb, wie man es bei den Frauen von Visapour sieht. Sie hatte jene Regelmäßigkeit der Züge, welche den kaukasischen Stamm charakterisiert, und ihre großen Augen waren, was bei Frauen dieser Farbe eine sehr seltene Ausnahme ist, vom reinsten Dunkelblau. Ihre Schultern waren entblößt. Ihre Brust wurde mit einer Art von Kürass von sehr leichtem Holz bedeckt, verziert mit Gold, Silber und mit Edelsteinen. Diese Hülle zeigte die Umrisse des Busens und ging nicht tiefer, als bis zum Magen herab. Eine Mousselinschärpe umschloss ihren Gürtel, und die durchsichtigen Falten desselben dienten als Übergang der Nacktheit des oberen Teils des Körpers zu der faltenreichen Fülle, in welcher die Hüften und die unteren Teile verschwanden, die bis zu den Füßen beinahe ganz verdeckt waren.

Ihre Arme, ihr Hals und ihre Finger waren mit einer Menge von Hals- und Armbändern und Ringen von eigentümlichen Formen und wunderbarer Arbeit bedeckt. Ihr Kopf trug keine dieser Zieraten. Ein einfacher Kranz von Blumen und Blättern des Lotos vermählte sich mit ihren schwarzen Haaren, glänzend wie das Gefieder des Raben.

Sie saß stumm und regungslos wie eine Bildsäule. Ihre Augen allein verrieten ihr Leben und ihre auf Eusebius gerichteten Blicke schienen ihn zu sich zu rufen.

»Wer sind Sie?«, fragte Eusebius.

Das gelbe Mädchen sah ihn an und schien ihm durch ein Zeichen zu verstehen geben zu wollen, dass sie ihn nicht verstünde. Der junge Mann ergriff ihre Hand. Sie ließ dies geschehen. Diese Hand war eisig kalt und dennoch war es Eusebius, als gösse sie Feuer in seine Adern.

»Kommen Sie!«, sagte er, indem er ihr ein Zeichen gab, aufzustehen. Das gelbe Mädchen senkte langsam die Augenwimpern und machte mit dem Kopf ein verneinendes Zeichen, indem es auf den Leichnam zeigte. Eusebius erinnerte sich jetzt an den Gebrauch der Indianer Malabars, welcher verlangt, dass die Frau den Scheiterhaufen des Mannes besteige. Er deutete auf den Holzstoß, den man durch die Tür des Kiosk unter der Arbeit der beiden Indianer sich vergrößern sah, und richtete auf das gelbe Mädchen einen fragenden Blick. Sie nickte traurig mit dem Kopf, nahm dann aus ihrem Haar eine Lotosblume und überreichte sie dem Holländer. Ohne zu wissen, was er tat, nahm Eusebius die Blume und rief dabei aus: »Aber das ist unmöglich! Dieser barbarische Gebrauch, in Indien selbst abgeschafft, kann hier nicht mehr bestehen. Überdies war der Mann nicht Ihr Gatte, und die religiösen Vorurteile können Sie nicht dazu verdammen, mit ihm den Scheiterhaufen zu besteigen. Ich werde den Gouverneur aufsuchen und nicht dulden, dass ein so junges und so schönes Mädchen einen so grausamen Tod stirbt.«

In diesem Augenblick glaubte Eusebius das scharfe, höhnische Gelächter des Doktor Basilius zu vernehmen. Er wendete sich um, indem er erwartete, den Doktor vor sich stehen oder wenigstens auf seinem Lager aufgerichtet zu sehen. Aber die Leiche lag ruhig und regungslos an ihrem Platz. Kein Muskel des Gesichtes zuckte.

Eusebius erlag jetzt dem wachsenden Entsetzen, dem er einen Augenblick durch den Anblick der wunderbaren Schönheit entrissen worden war, die diese dritte Leiche bewachte. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und floh, ohne zurück zu blicken.

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