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Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang 11

Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang
Ein Märchen von Gotthold Kurz
Nürnberg, bei Gottlieb Bäumler 1837

Elftes Kapitel

Wie Jacob seine Botschaft bestellt und an der Spitze eines siegenden Heeres seinen Einzug hält

Es war aber wahrlich kein kleines Wagstück, das unser Jacob unternommen hatte. Denn ganz unbemerkt entging er dem Feind nicht, der alsbald seine Schützen aussandte und ihn mit tödlichen Geschossen weit hinaus verfolgen ließ. Sein Sitz auf dem geflügelten Tier war auch schwindelnd genug. Wenn er gleich den Nachstellungen des Feindes glücklich entkam, so konnte doch der nächstbeste Raubvogel auf ihn und seine Taube stoßen und ohne alle Rücksicht auf die Depesche der Reise schnell ein Ende machen. Es war ein schöner klarer Herbsttag. Unter dem blauen Himmel ging der Flug hinweg über Wiesen, Felder und Gehölze, Dörfer und Schlösser. Eine Landschaft um die andere breitete sich unter ihm aus wie ein wandelbarer Teppich. Es war gut, dass er zu Hause vorläufig über einige Situationscharten des Barons gewandert war, nach denen er sich jetzt gut orientieren konnte, ohne Zeit zu verlieren. Bald sah er auch schon den Schimmer der weißen Zelte in der Ferne. Jetzt kamen sie herbei und breiteten ihre langen Gassen unter ihm aus, wie eine kleine Stadt, geschmückt mit Fahnen und Wimpeln. Belebt durch Waffengeräusch, durch Hörnerklang und Trommelschall. Frohlockend über das erreichte Ziel wollte er sich eben herabsenken. Da o wehe! Da wurde ein müßiger Scharfschütze die Taube gewahr, bekam Appetit und legte an. Ein Knall! Sie stürzte flatternd herab zu Boden. Mit ihr der kühne Reiter! Armer Jacob! Doch glücklich genug kommt er auf die schlaff gespannte Leinwand eines Zeltes zu fallen, unversehrt vom mörderischen Blei. Aber um die Taube war es geschehen! Die wurde sogleich ergriffen, gerupft, an eine Degenklinge gesteckt und gebraten.

»Die Barbaren«, seufzte er, als er den Gräuel mit ansah, »mein armes Täubchen fressen!«

Eben wollte er sich herunterlassen, als er noch gerade recht einen großen Bullenbeißer gewahrte, der ihn ernsthaft fixierte und ganz entschieden schien, ihn mit seinem Rachen aufzufangen und dasselbe Schicksal zu bereiten. Er versuchte es auf einer anderen Seite, aber die Bestie passte ihm auch dort wieder auf. Nach mehreren Versuchen musste er sich entschließen, ruhig auf seiner Zeltdecke sitzen zu bleiben end eine Gelegenheit abzuwarten. Glücklicherweise marschierte bald eine Patrouille vorüber.

Als sie nahe genug gekommen war, rief er ihr aus vollem Hals entgegen: «Steh, Rund’!«

Der Sergeant machte halt, sah sich nach allen Seiten um. Als er niemanden erblickte, ließ er ein »Wer da?« donnern, indes die Mannschaft ans Gewehr griff.

»Goed vrynd! Oranie boven!«, rief der Kleine herab.

Nun gewahrte ihn der Krieger.

»Herbei, Kameraden«, fuhr Jacob fort, »nehmt mich mit euch! Ich bin ein Kurier des General ter Steg und habe eurem Befehlshaber eilige Depeschen aus der Festung da drüben zu überbringen.«

»Vom General ter Steg?«, fragte der Sergeant kopfschüttelnd. »Der hat verdammt kleine Leute in seinem Dienst! Wenn es überhaupt mit rechten Dingen zugeht«, setzte er brummend hinzu. »Nun spazieren Sie meinetwegen nur herunter,

Herr Kurier, wir wollen Sie alsbald ins Hauptquartier geleiten.«

»Halt einer von euch da seine Grenadiermütze her, dass ich hineinspringen kann«, rief Jacob.

Ein bärtiger Grenadier nahm ihn in Empfang und steckte ihn mangels anderer Transportmittel in seine Patronentasche. Als er nun zu dem Feldherrn gebracht wurde, da machte dieser große Augen, als Kurier und Depesche zugleich aus der Kartusche hervorgezogen wurden. Indessen war der Bericht, den er sofort erhielt, zu ernsthaft, als dass er sich länger mit dem Komischen der Erscheinung hatte befassen können. Er ließ sogleich seine Offiziere zusammenberufen. Es wurden Befehle erteilt, Adjutanten nach allen Enden des Lagers geschickt. Überall entstand alsbald großes Leben und Getümmel. Die Infanterie warf die Tornister um und eilte unter Gewehr. Die Kavallerie zäumte auf und warf sich in den Sattel. Geschütz- und Munitionskarren fuhren im Trab auf. Innerhalb einer halben Stunde war alles zum Marsch bereit. Der größte Teil der versammelten Truppen drach auf, die Festung zu entsetzen.

Diese war indessen vom Feind hart bedrängt worden. Ein heftiges Feuer wurde auf sie gerichtet, um Breschen in die Mauern zu schießen. Faschinen, Sturmleitern wurden herbeigeschleppt, und die zum Sturm kommandierten Regimenter rückten bereits hart an die Palisaden vor. Die Belagerten aber setzten sich grimmig zur Wehr. Da ging es an ein fürchterliches Kanonieren, hin und her, dass von

dem Krachen die Erde erbebte und dem mutigsten Bürger der Mut sank.

Doch jetzt machten mit einem Mal die Belagerer halt. Das Feuer ließ nach; dagegen hörte man aus der Ferne Trompetenschall und Gewehrsalven. Mit fürchterlichen Hurra waren die leichten Reiterregimenter der Hilfsarmee auf den ganz unvorbereiteten Feind eingedrungen, gefolgt von Grenadier- und Füsselierkolonnen. Da entstand bald eine furchtbare Verwirrung in den Reihen der Belagerer. Die in der Festung aber, durch das Erscheinen der sehnlich erwarteten Hilfe zu frischem Mut entstammt, richteten aufs Neue von Wällen und Mauern ein heftiges Feuer auf den Feind, der sich auf diese Weise von beiden Seiten angegriffen und bald keine andere Rettung vor sich sah, als in jäher Flucht! Das ganze Lager mit Bagage, Geschütz und vielen Gefangenen fielen in der Sieger Hände. Da ging ein großes Freudengeschrei auf, in und außerhalb der Stadt! Die Tore öffneten sich, und die befreiten Einwohner strömten ihren Rettern entgegen. Prächtig war der Einzug des Heeres! Auf der ersten Fahne aber, hoch oben, zeigte sich Jacob, überall vom Beifallruf der wogenden Volksmenge empfangen. Mit der einen Hand die Spitze umfassend grüßte er mit der anderen, nach allen Seiten hin sein Hütlein schwenkend. So war die Festung gerettet, der Feind auf lange gedemütigt. Der Kommandant ließ in seinem nachfolgenden Bericht an den Stadthalter den ausgezeichneten Verdiensten des wackeren Jünglings so nachdrückliche Gerechtigkeit wiederfahren, dass ihm nicht nur ein ansehnliches Jahresgehalt unter allerhöchster Belobung zugesichert, sondern auch daneben ein Offizierspatent ausgefertigt wurde. Für diejenigen seiner Freunde, die sich gern mit der Vorstellung beschäftigten, wie er in seiner neuen Standestracht aussehen möchte, dient aber hier beiläufig die Nachricht, dass er eine scharlachrote Uniform mit goldenen Epauletten und einen schönen Cordonhut mit verhältnismäßig großem Federbusch trug und sich darin so vorteilhaft und stattlich ausnahm, als hätte er nie andere Kleidung getragen.

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