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Die Flusspiraten des Mississippi 28

die-flusspiraten-des-mississippiFriedrich Gerstäcker
Die Flusspiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

28. Patrick O’Tooles Abenteuer

Patrick O’Toole schritt, als er die Männer verlassen hatte, rasch zu des Richters Wohnung hinauf. Diesen wollte er jedoch nicht von seiner Absicht in Kenntnis setzen, denn er verlangte die Hilfe des Gesetzes noch nicht, sondern ihn vielmehr um den Kompass bitten, da der Nebel immer dichter und hartnäckiger zu werden schien. Er fand aber, wie wir schon früher gesehen haben, den Richter nicht zu Hause, und da ihm die Leute dort auch nicht einmal bestimmt angeben konnten, wann er wieder zu­rückkehren würde, so beschloss er, auch ohne Kompass aufzubrechen und sein Glück zu versuchen. Ohne weiteres Zögern ging er also zu seinem kleinen Boot zurück, machte es flott und ruderte nun langsam am west­lichen Ufer hin, Bredshaws Hütte zu, die er mit der Strömung in etwa, einer Stunde, erreichen konnte. Solange er sich nahe am Ufer hielt, dass er die dunklen Schatten der Bäume noch erkennen konnte, ging das auch recht gut. Von Snags hatte er nichts zu befürchten; sein Fahrzeug war zu leicht, von diesen ernstlich bedroht zu werden, und warf ihn auch die Flut dagegen, so trieb er bald wieder los. Nur manchmal den Kopf wen­dend, ob er nicht ein größeres Hindernis vor sich sehe, legte er sich scharf in die Riemen. Der leichte Kahn schoss schnell auf der schäumenden Strö­mung dahin, bis sich rechts die Bucht öffnete, in der Bredshaw sich nieder­gelassen hatte. In diese Bucht lief er ein und hörte nun von dem jungen Mann dieselbe Kunde, nur noch ausführlicher, wie jener sie dem Boots­mann Tom Barnwell mitgeteilt. Er war jetzt auch überzeugt davon, dass sein Verdacht nicht nur begründet gewesen, sondern dass er sogar die ziemlich sichere Aussicht habe, dem nichtsnutzigen Gesindel, gegen das er einen unbesiegbaren Groll hegte, auf die Spur zu kommen.

Allerdings riet ihm Bredshaw ab, die Erkundung so unvorbereitet und allein sowie bei solchem Nebel zu unternehmen, durch den er ja gar nicht imstande sein würde, die Insel zu finden; O’Toole aber, störrisch das ein­mal angenommene Ziel verfolgend, erklärte, unter jeder Bedingung wenig­stens den Versuch machen zu wollen, und meinte dabei richtig, eigentlich sei solches Wetter geradezu das geeignetste, da jener Platz, wenn er wirk­lich der Aufenthaltsort von Verbrechern wäre, heute gewiss nicht so sorg­sam bewacht würde wie sonst. Er hielt sich denn auch, um nicht unnötig Zeit zu versäumen, nur kurze Zeit bei Bredshaw auf und nahm, von die­sem fast gezwungen, noch eine wollene Decke mit, falls er genötigt sein sollte, länger zu bleiben, als er jetzt beabsichtigte. Dann band er mit frohem Mut sein Fahrzeug los, dem jungen Mann noch dabei zurufend, er würde bald wieder von ihm hören, den Verbrechern wolle er es aber eintränken.

Bredshaw blieb am Ufer stehen und sah ihm nach, bis das Boot seinen Blicken entschwand; eine Zeit lang vernahm er noch die regelmäßigen Ruderschläge des wackeren Irländers, und dann waren auch diese nicht mehr zu hören.

O’Toole zog keck und unverzagt, ein echter Sohn der Grünen Insel, seinem Abenteuer entgegen. Niemand in Arkansas hatte es aber auch für möglich gehalten, dass sich inmitten zivilisierter Staaten, auf dem breiten, jedem Boot, zugänglichen Weg des ganzen westlichen Handels, eine so wohlorganisierte und so fürchterliche Bande festsetzen und behaupten konnte, wie es hier wirklich der Fall gewesen. Nicht einmal Waffen hatte O’Toole bei sich, ein einfaches kurzes Jagdmesser ausgenommen, das er unter der Weste, mit einem Bindfaden am Knopf seines Hosenträgers be­festigt, und eigentlich mehr zum wirklichen Haus- und Feldgebrauch denn als Verteidigungswaffe bei sich führte.

Der Abend konnte nicht mehr fern sein. So angenehm unserem Kund­schafter aber auch sonst wohl dieser Umstand gewesen, da er ihn viel­leicht vor Entdeckung schützte, so zweifelhaft wurde es, ob er bei solch undurchdringlichem Nebel jene Insel auch wirklich finden würde. Weit war sie auf keinen Fall mehr. Die Entfernung zwischen der Weideninsel und Nummer einundsechzig betrug auf dem Wasser nur etwa acht Meilen, und die Strömung allein musste ihn bei dem gegenwärtigen Wasser­stand fünf Meilen die Stunde voranbringen; ruderte er also noch ein wenig, so konnte er recht gut die ganze Strecke in ebendieser Zeit zurück­legen. Solange er dicht am Ufer blieb, ging das auch an, er sah das Flussufer neben sich und behielt dadurch die genaue Richtung bei, aber nicht weit unter der Weideninsel machte der Mississippi nach Arkansas hin­ein einen starken Bogen und zwang ihn dadurch, wenn er nicht einen Umweg fahren wollte, vom Ufer wegzusteuern.

Nun war O’Toole allerdings noch nie in einem starken Nebel auf dem Fluss gewesen, sonst hätte er diese Fahrt wohl auch schwerlich ohne Kompass gewagt. Er arbeitete im Gegenteil noch immer in dem Glauben, die Strömung müsse ihm ja auf jeden Fall die Richtung zeigen, wobei das zahlreich treibende Holz einen vorzüglichen Wegweiser abgeben werde. Außerdem war die Insel Nummer einundsechzig ziemlich lang und breit, und er durfte, wenn er sich nur in der Mitte des Stromes halten konnte, hoffen, sie zu erreichen. Eines jedoch hatte er in dieser sonst vielleicht sehr vorzüglichen Berechnung vergessen, dass nämlich die Bestimmung einer Strömung ganz unmöglich wird, wo ein fester Anhaltspunkt für das Auge fehlt.

O’Toole ruderte nun zwar, als er das Ufer nicht mehr erkennen konnte, noch eine ganze Weile ruhig weiter, und zwar in jener Richtung, die er für die rechte hielt, bald aber machten ihn einzelne schwimmende Holz­stücke irre, und er verhielt einen Augenblick, um zu sehen, welchen Weg diese trieben. Ja – die lagen, als er selbst mit Rudern aufhörte und also ebenfalls seinen Kahn der Strömung überließ, geradeso ruhig da wie er selbst. Er fing nun wieder an zu rudern, aber es war, als ob er auf einem Teich oder stillen See herumfahre, und wo Ost, Nord, Süd oder West sein könnte, war ihm ein Rätsel. Der Fluss lag ruhig um ihn her, und nur die Nebel schwebten in dichten, fest ineinander gedrängten Wölkchen darüber hin und wichen und wankten nicht. Was hätte er jetzt für einen einzigen, noch so fernen Blick auf das Ufer gegeben, um nur einen Anhaltspunkt zu bekommen, wo er sich eigentlich befinde. Der Wunsch schien aber nicht in Erfüllung zu gehen, ja die Dämmerung fing sogar an deutlich merkbar zu werden, und er zweifelte nun fast daran, nicht nur die Insel, sondern überhaupt irgendein Ufer zu erreichen.

Nun gibt es allerdings ein Mittel, selbst unter solchen Bedingungen und ohne Kompass eine gerade Richtung beizubehalten: Ist man nämlich im Zweifel, woher die Strömung kommt oder wohin sie geht, so braucht man nur so lange im Kreis herumzurudern, bis man die Flut vorn unter dem Bug rauschen hört. Dann kann man überzeugt sein, dass man gegen die Strömung anhält, und ist nun imstande, die zu nehmende Richtung zu bestimmen. Allerdings würden aber selbst dann nur wenige Ruderschläge den Rudernden wieder auf den alten Fleck bringen, denn weil die seitwärts gegen das Fahrzeug andrängende Wassermasse auch den Bug bald stärker, bald schwächer niederdrückt, je nachdem man ein klein wenig mehr auf- oder abhält, so wäre es unmöglich, die Richtung so genau im Gefühl der Hand zu haben. Das einzige Mittel in diesem Falle ist, da man doch in einem zweirudrigen Boot mit dem Rücken nach vorn sitzt, die Augen fest auf das Fahrwasser seines Kahns zu halten, das heißt auf den Streifen, den das Boot beim schnellen Durchschneiden des Wassers hinter sich lässt. Solange dieser eine gerade Linie beschreibt – denn eine kurze Strecke kann man selbst beim stärksten Nebel sehen -‚ solange behält auch das Boot die Richtung bei, denn die geringste Abweichung würde es gleich hinter dem Stern durch eine krumme Linie verraten. Man darf aber während dieser Zeit natürlich keinen Augenblick mit Rudern aufhören oder nachlassen, denn eine gleichmäßige Fortbewegung ist zu solcher Be­stimmung unumgänglich nötig.

Davon hatte jedoch O’Toole, der sich sonst wenig mit Wasserfahrten beschäftigte, keine Ahnung; er wusste nur, dass er noch nicht weit genug vom Land entfernt sein könne, um sich schon oberhalb der Insel zu be­finden. Trieb er also jetzt mit der Strömung abwärts, so führte ihn diese an seinem Ziel vorbei, und rasch griff er daher wieder zu den Riemen. Nur einmal noch betrachtete er mit prüfendem Blick die Nebelfläche um sich her, drehte dann den Bug dorthin, wo er die Mitte des Stromes glaubte, und das Wasser an seinem Bug schäumte rauschend und spritzte hoch auf. So arbeitete er wohl eine volle Stunde lang, dass ihm der Schweiß in großen perlenden Tropfen auf der Stirn stand. Bei richtiger Führung müsste er den Mississippi schon zweimal gekreuzt haben, aber kein Land bekam er zu sehen, weder rechts noch links, weder vor noch hinter sich, und er merkte nun wohl, dass er in die falsche Richtung gefahren war.

Einen Augenblick ließ er die Riemen sinken und wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann aber ergriff er sie wieder und arbeitete von neuem mit aller Kraft und bestem Willen, bis er endlich einsah, dass alle seine Anstrengungen vergeblich sein mussten. Das Beste also, was er jetzt tun konnte, war, nach Arkansas zurückzukehren, um den Versuch ein anderes Mal unter günstigeren Bedingungen zu erneuern. Aber es erwies sich als ebenso schwer, sowohl nach Arkansas als auch nach Mississippi hinüberzuhalten. Nacht und Nebel umgaben ihn bald mit undurchdringlichem Schleier, keinen Laut hörte er, nicht einmal das Gequake von Fröschen, das ihm die Nähe irgendeines Ufers verraten hätte. Er musste sich mitten auf dem gewaltigen Strom befinden.

Da hielt er endlich, nachdem er sich noch eine ganze Zeit lang bis zur völligen Ermattung abgemüht, mit Rudern ein, warf die Riemen in den Kahn und streckte sich gleichgültig gegen alles, was geschehen könnte, in dem Stern des Bootes aus. Einmal musste er ja irgendwo antreiben oder doch wenigstens Geräusche von einem Boot oder einem Ufer hören, und er hatte eingesehen, dass er selbst nicht imstande sein würde, das Mindeste dafür oder dagegen zu tun. Er hatte sich verirrt und wusste in der Tat nicht mehr, wo er sich befand.

Nachdenklich lag er in seinem Boot und schaute schweigend zu der grauen Nebelwand hinauf, die ihn in fast fühlbarer Schwere und Feuch­tigkeit umgab – da war es ihm plötzlich, als ob er das Quaken eines Frosches höre. Fast in demselben Augenblick vernahm er ein dumpfes Rauschen, und ehe er sich recht besinnen konnte, von welcher Seite die Geräusche eigentlich kommen, da trieb schon sein schwankendes Boot in den starren Wipfel einer im Wasser liegenden Eiche hinein.

Wo er sich aber befand, ob in Arkansas, Mississippi oder an einer der weiter unten gelegenen Inseln, das war ihm unmöglich zu bestimmen. Das Einzige, worüber er Gewissheit zu haben glaubte, war, dass er wenigstens fünfzig bis sechzig Meilen von Helena entfernt sein müsse.

Wo aber befand er sich? Er wollte schon rufen, denn vielleicht befan­den sich Menschen in seiner Nähe, die ihn hören würden. Doch konnte es nicht ebenso gut möglich sein, dass er gerade in jenes Nest geraten war, nach dem er suchte, und welchen Empfang durfte er von denen erwarten, die ihm noch vor kurzer Zeit so unzweideutige Beweise ihres Hasses ge­geben? Nein, da heute nun doch einmal kein Gedanke daran war, die Nummer einundsechzig noch zu erreichen, und der Nebel auch auf jeden Fall den Morgenwinden weichen musste, so beschloss er, seinen Kahn an einer sichern Stelle zu befestigen und dann ruhig darin ausgestreckt den Tag abzuwarten.

Das war nun freilich nicht so leicht, wie er anfangs geglaubt hatte. Eine Menge Baumgewirr versperrte ihm überall den Zugang, und dort bleiben, wo er sich gerade befand, konnte er ebenso wenig. Die Strö­mung, die ihn hierher getragen, konnte auch Treibholz heranschwemmen, das sein leichtes Boot zerdrückte. Er arbeitete sich also mit aller An­strengung am Ufer entlang, bis er zu einer Art Landspitze kam. In diese lief er ohne zu zögern ein und richtete nun, gegen äußere Gefahren ge­schützt, sein Lager, so gut es gehen wollte, her, um wenigstens ein paar Stunden schlafen zu können.

Kurze Zeit mochte er so gelegen haben, und das gleichförmige Rauschen des Wassers begann, trotz des harten Lagers, seine Wirkung auf ihn aus­zuüben, als es ihm, schon halb im Traum, vorkam, als ob er Stimmen höre. Anfangs horchte er noch im Unterbewusstsein den unverständlichen Lauten, er hatte schon geträumt, er sei in den Fluss hinausgetrieben, und vom Ufer aus riefen sie hinter ihm her und warnten ihn. Nach und nach aber munter werdend staunte er zuerst über den Ort, wo er sich befand, und konnte sich endlich nur mit Mühe des Vorgefallenen erinnern.

Nun war O’Toole allerdings nicht Waldmann genug, ein solches Lager in dem feuchten Flussnebel einem warmen Bett vorzuziehen, dennoch aber hielt ihn eine gewisse Angst zurück, jene Sprechenden anzurufen, denn die Absicht schon, in der er ausgezogen war, ließ ihn in jedem Menschen, den er traf, einen Räuber, Mörder und Falschspieler erblicken. Er kroch also, um vor allen Dingen festzustellen, wo er eigentlich sei und in welcher Umgebung er sich befinde, aus seinem Boot heraus, über ein paar um­gestürzte Stämme ans Ufer und schlich nun hier, so geräuschlos wie es ihm die Dunkelheit und die raue Wildnis erlaubten, vorwärts, den Ge­räuschen nach.

Die Stimmen schienen sich nicht zu entfernen, und O’Toole vermutete hier natürlich nichts weiter als ein Farmerhaus, zu dem er nur nicht den rechten Pfad getroffen habe. Er hatte denn auch, obgleich mit äußerster Anstrengung, schon einen ziemlichen Teil des Dickichts durchdrungen, als plötzlich alles wieder ruhig war und jetzt nur noch das einförmige Qua­ken der Frösche die Stille unterbrach. Nichtsdestoweniger behielt er die Richtung bei, in der er früher die Laute gehört, und erreichte gerade einen kleinen Platz, als er dicht vor sich aus dem Nebel zwei Gestalten treten sah, sodass er nur noch eben Zeit genug hatte, sich hinter einem Busch auf die Erde zu kauern.

»Und ich sage Euch, Jones, Ihr dürft die Insel nicht verlassen, ohne den Schwur geleistet zu haben«, beteuerte jetzt plötzlich der eine von ihnen, während er stehen blieb und sich zu seinem Begleiter umwandte. »Es ist uns allen streng befohlen worden, Euch so nicht fortzulassen.«

»Aber ich habe ja den Schwur leisten wollen«, rief der andere ärgerlich. »Hölle und Teufel, ich kann doch nicht mehr tun als Euch sagen, ich will beschwören, was Ihr begehrt? Es ist schändlich, mich jetzt hier, gegen mei­nen Willen, zurückzuhalten, wo ich in Mississippi drüben die besten Ge­schäfte machen könnte.«

»Ihr wisst auch, warum das jetzt nicht möglich ist«, erwiderte ihm der erste Sprecher, »ein solcher Schwur muss seine Feierlichkeit haben und von allen gehört werden, damit es später keine Ausrede gibt. Die Versamm­lung ist aber erst morgen Abend, und bis dahin werdet Ihr Euch also ge­dulden müssen.«

»So? Und wenn nun bis morgen Abend schon die saubere Bescherung hereinbricht, von welcher der Captain gemunkelt hat«, brummte Jones, »was habe ich dann für ein Interesse, meine Haut ebenfalls dabei zu Markte zu tragen, he? Gehöre ich schon mit dazu, und würde ich nicht, mit gefangen, auch ganz unschuldig mit gehangen werden?«

»Unschuldig?« spöttelte der andere.

»Ja, ja, unschuldig«, sagte Jones mürrisch, »wenigstens in dieser Sache, und was am Ende noch viel fataler wäre, mit dem Bewusstsein, dass die Kanaillen ans Versehen den Rechten erwischt hätten. Nein, Ben, Ihr müsst mir einen Kahn beschaffen; ich will Euch den Eid leisten, und das wird Euch doch genügen können.«

»Mir? Verdammt will ich sein, wenn ich meinen Kopf statt Euren in die Schlinge zu stecken gedenke«, murmelte Ben und wandte sich wieder zum Gehen, jetzt aber gerade auf den Iren zu, der dicht und regungslos an die Erde geschmiegt lag. »Sobald Ihr einmal versprecht, den Eid zu leisten, so seid Ihr auch – Gift und Donner!«, rief er plötzlich, vor dem Körper zu­rückprallend, den sein Fuß berührt hatte.

»Was ist?«, fragte Jones, erschrocken und blickte scheu umher.

Der Ire rührte sich nicht. Die Unterredung der beiden Männer hatte ihm bald verraten, dass er sich an seinem Ziel befand, und teils lähmte die Angst seine Glieder, teils war er auch noch unentschlossen, wie er sich nun verhalten sollte. Floh er, so mussten ihn die mit der Gegend ver­trauten Verbrecher bald wieder einholen, zur Wehr setzen konnte er sich auch nicht, denn er war ja fast unbewaffnet, die Feinde dagegen sicher mit Messern und Pistolen versehen. Endlich beschloss er sich schlafend zu stellen; sie mussten dann wenigstens glauben, dass er nichts von ihrer Unterhaltung gehört habe, und suchten in diesem Fall vielleicht selber, ihn so schnell wie möglich wieder fortzubringen.

Das waren etwa die Gedanken, die ihm pfeilschnell durch den Kopf schossen Bens nächste Worte teilten ihm aber nicht nur eine andere Rolle zu, sondern ließen ihn auch die Gefahr ziemlich deutlich ahnen, in der er sich befand.

»Gift und Donner!«, wiederholte der Mann, während er sich nieder­beugte und den Arm des Regungslosen erfasste, »soll mich dieser und jener holen, wenn die verdammten Halunken nicht Tusk hierher geschleppt und liegen gelassen haben. Hol doch der Teufel das faule Pack! Nicht einmal zu dem Ort ihn hinzutragen, wo wir ihn einscharren wollen. Ei, da mag er zum Donnerwetter auch hier liegen bleiben; ‘s ist weit ge­nug von der Fenz, und er schläft hier ebenso gut wie hundert Schritt wei­ter oben.« Damit warf er das Werkzeug, das er trug, neben den ver­meintlichen Leichnam ‘nieder und fing an, die Erde mit der schweren Hacke aufzuschlagen.

»Dann will ich indessen hingehen und einmal zusehen, ob nicht irgend­wo hier oben ein Boot befestigt ist«, sagte Jones, »so lautete ja Kellys Befehl.«

»Ja – und dann hineinsetzen, nicht wahr? Und ruhig den Strom hinab- rudern?« äffte ihm der andere nach, »ei, zum Teufel, Sir, Ihr müsst uns doch hier für sehr dumm halten, dass Ihr uns auf solch erbärmliche Art anzuführen gedenkt. Ihr bleibt hier – die Ursache, weshalb Ihr mir zur Gesellschaft mitgegeben seid, ist, das Grab mit graben zu helfen und nachher des Irländers Boot aufzuspüren sowie den Burschen abzufangen – wenn wir ihn erwischen, heißt das. Also greift zu, wenn’s gefällig ist, und glaubt nicht, dass Ihr mich von der rechten Fährte durch irgendeinen Seitensprung abbringt.«

Damit warf er dem kleinen Mann den Spaten zu und bedeutete ihm, die Erde nicht zu weit fortzuwerfen, damit sie dieselbe zum Aufhäufen gleich wieder bei der Hand hätten.

O’Toole zitterte an allen Gliedern. Dicht neben ihm wurde ein Grab gegraben, in das er lebendig hineingeworfen werden sollte, sobald er nur regungslos liegen blieb und zeigte er, dass er noch lebe, so war sein Tod ebenfalls gewiss. Er war verraten, soviel sah er ein – aber durch wen? Und wie konnte die Botschaft schon an diese von Helena so entfernte Stelle gelangt sein? Hatte er nicht die ganze Zeit aus Leibeskräften ge­rudert und seinen Entschluss, diese Erkundung zu unternehmen, erst kurz vor seiner Abfahrt einigen Freunden mitgeteilt? Es blieb ihm aber keine Zeit zu langen Betrachtungen, die Gefahr lag hier zu nahe, und jede aus­geworfene Erdscholle brachte ihn seinem Geschick näher.

Das Einzige, was ihn möglicherweise retten konnte, war ein schneller Entschluss. Er wollte aufspringen – die Männer, die ihn jetzt noch für irgendeinen Erschlagenen hielten, würden vielleicht im ersten Augenblick so überrascht sein, dass er, ehe sie sich ermannten, sein Boot erreichen könnte. Der eine Bursche schien überdies, soviel sich in der Dunkelheit erkennen ließ, klein und schwächlich zu sein, und den andern hätte im schlimmsten Fall, ehe er ihm selbst gefährlich wurde, ein Messerstich un­schädlich gemacht. Vorsichtig griff er also, um sich durch keine Bewegung zu verraten, nach dem scharfen Stahl, zog ihn leise aus der Scheide und drehte sich langsam auf die linke Seite hinüber; er hatte sich die Richtung, von der er gekommen, ziemlich genau gemerkt, an eine rasche Verfolgung war dorthin überhaupt nicht zu denken. Einmal dann im Nebel wieder auf dem Strom hätte ihn auch nur der Zufall seinen Verfolgern verraten können. Der eine der Männer stand nur jetzt gerade zwischen ihm und dem Stamm, über den er zuerst hinwegsetzen musste – den Raum wollte er erst noch frei haben, ehe er den Angriff wagte. Dieser Mann war Ben, er hatte die Hacke beiseite geworfen und den zweiten Spaten in die Hand genommen, der dort lag. Jetzt trat er wieder zurück auf seine frühere Stelle, und jetzt war auch der einzige, vielleicht letzte Augenblick ge­kommen.

»Ren?«, rief da plötzlich eine leise, unterdrückte Stimme, die gerade von der Richtung her kam, wo O’Tooles Boot lag, und in den dichten Büschen und Dornen rauschte und regte es sich.

»Ja«, antwortete dieser und hielt in seiner Arbeit inne, »was gibt es? Wer ruft da?«

»Hier liegt das fremde Boot«, flüsterte -die Stimme wieder, »lasst euer Graben jetzt lieber sein und kommt mit hierher, es gibt vielleicht nachher gleich zwei hineinzuwerfen.«

O’Tooles Herzblut stockte – nicht allein der Rückweg war ihm abge­schnitten, sondern auch sein Boot entdeckt. Er konnte, falls er sich wirk­lich auf einer Insel befand, diese nicht wieder verlassen. Seine einzige Hoffnung blieb jetzt nur noch die, dass die Totengräber dem Ruf Folge leisten und ihn allein lassen würden.

»Wo liegt es denn?«, fragte Ben.

»Gleich hier – dicht an der äußersten Landspitze, unter der alten Syko­more.«

»So tut, wie Euch Kelly befohlen, und haltet das Maul«, brummte Ben, »wer weiß denn, ob er nicht gerade hier in der Gegend herumkriecht. Nehmt eure Plätze ein und verhaltet euch ruhig – kommt er zurück, so fertigt ihn ab – doch ohne Schuss.«

»Wie wird es aber, wenn Teufels-Bill mit dem Flatboot kommen und das Zeichen geben sollte?«, fragte jener.

»Das geht euch nichts an – ihr bleibt auf eurem Posten, und wir anderen, wenn das Flatboot abgefertigt ist, suchen nachher die Insel von unten her ab – finden wir ihn dann nicht, so läuft er euch in die Hände.«

Wieder fing Ben an zu graben, und die Gruft musste bald tief genug sein, denn ein recht bedeutender Erdhaufen lag schon an der Seite. Des Iren Herz schlug so laut, dass er schon durch dessen Klopfen verraten zu werden fürchtete – auch die Stimme des Mannes am Ufer hatte er er­kannt: Es war jener Bube, den er in Helena zu Boden geschlagen. Auf Erbarmen konnte er hier nicht hoffen; wurde er entdeckt, so konnte ihn nichts mehr retten. Ein Gedanke durchzuckte ihn jetzt, wenn er vielleicht, während jene sich emsig mit ihrer Arbeit beschäftigten, leise in die Büsche kroch und dann entweder im Sumpf einen Schlupfwinkel suchte oder auch, sobald er den Fluss erreichte, hinausschwamm in den Nebel? Es trieb jetzt so viel Holz im Strom, dass er nicht zu fürchten brauchte, ertrinken zu müssen – selbst das wäre doch noch besser, als sich hier wie ein Hund totschlagen zu lassen.

Langsam schob er den linken Arm zur Seite, um sich darauf zu stützen und den Körper nachzuziehen, doch das raschelnde Laub machte die größte Vorsicht nötig. Zwar gruben die beiden Männer noch immer eifrig, und das Knirschen des Spatens in der Erde überdeckte leise Geräusche, die er verursachte, auch hatte er sich schon auf diese Art wohl zwei Schritt bis dicht an einen Dornbusch zurückgezogen, hinter dem ihm ein weicher, moosiger Platz raschere Bewegungen möglich machte. Gerade aber, als er sich ein wenig aufrichten wollte, drückte er mit der Hand auf einen dürren und morschen Zweig, der mit ziemlich lautem Krachen brach.

O’Toole schrak zusammen und blieb regungslos liegen. Ben aber blickte aus der Grube überall, forschend in die neblige Nacht.

»Hörtet Ihr nichts, Jones?«, fragte er nach einer kleinen Pause, »mir war’s, als ob irgendjemand auf einen Ast trat.«

»Ich habe nichts gehört«, brummte der andere, während er mürrisch den Spaten aus der Grube warf und herauskletterte, »so – das Loch ist jetzt tief genug, hol der Teufel das Maulwurfgeschäft! Wenn Ihr glaubt, dass ich hier auf die Insel gekommen bin, Totengräber zu werden, so habt Ihr Euch verdammt geirrt werft den Kerl hinein, dass wir fertig werden. Verwünscht unheimliches Geschäft ohnedies, so in Nacht und Nebel da­zustehen und Leichen einzugraben. Ihr habt wohl derlei Arbeit manch­mal hier?«

»Dass Ihr das Maul nicht halten könnt und in einem fort Euer unge­waschenes Zeug schlabbern müsst«, brummte Ben. »Mir war’s, als ob hier jemand auf einen Zweig trat – nanu? Donnerwetter – wo ist denn der Leichnam? Ah hier, ich dachte, er läge weiter drüben. Kommt, jenes, der Bursche ist schwer, schleppt ihn mit über den Hügel hinüber. – Zum Teufel, fürchtet Euch nicht, ihn anzufassen, es wird nicht die erste Leiche sein, die Ihr mit unter die Erde bringen helft.«

»Er ist noch ganz warm«, sagte jenes, während er schaudernd dem Be­fehl gehorchte, »am Ende lebt er gar noch?«

»Unsinn«, sagte Ben lachend, »wer Kellys Messer einmal geschmeckt hat, braucht keine Medizin mehr. – Warum soll er denn auch schon kalt sein, er ist ja kaum eine Stunde tot.«

Sie fassten den vermeintlichen Leichnam und trugen ihn an die Grube. Tones, der die Schultern des Iren anhob, rutschte dabei aus und fiel in die frisch aufgeworfene Erde, sodass er den Oberkörper des Iren loslassen musste, der in das Grab hineinglitt.

Jetzt war auch für ihn der Augenblick gekommen, da er handeln oder verderben musste, denn noch sah er sich unentdeckt. Zwar zuckte er zu­sammen, als ihn jener fallen ließ, und streckte fast unwillkürlich die Arme aus, sich zu schützen, doch die Dunkelheit der Nacht hinderte Ben daran, es zu sehen. Er fühlte wohl das Zucken, schrieb es jedoch dem Übergewicht des schweren Körpers zu und ließ jetzt die Beine ebenfalls hinab, um dann die Erde wieder hineinzuwerfen und die Arbeit zu beenden.

Die erste Scholle fiel auf den entsetzten Iren. Sprang er aber auf und floh, so war sein Verderben fast gewiss – die Männer hätten ihn nie fort­gelassen, und einmal entdeckt, wusste er recht gut, dass er nichts zu hoffen habe; blieb er aber liegen, so war er in wenigen Minuten lebendig be­graben. Nur eine Möglichkeit der Rettung sah er noch, Tones Worte hat­ten einen neuen Gedanken in ihm geweckt. Sobald sie ihn nicht für tot hielten, begruben sie ihn auch nicht, und in solcher Dunkelheit brauchte er kaum zu fürchten, gleich entdeckt zu werden. Auf jeden Fall gewann er dadurch Zeit, und das war ihm jetzt – das sichere Verderben hier vor Augen – das wichtigste.

Der zweite Spaten voll Erde fiel auf ihn nieder, und er stöhnte laut.

»Herr Jesus«, schrie da Tones, erschrocken zurückfahrend, »hab ich es Euch nicht gesagt? Der lebt noch – beinahe hätten wir ihn lebendig ver­scharrt.«

»Hm«, brummte Ben und hielt mit dem Schaufeln inne, »wäre auch kein so fürchterlicher Verlust gewesen; aber was, zum Donnerwetter, fangen wir denn da …«

Ein ferner Schuss unterbrach hier seine Worte – und er sprang, als er den Knall vernahm rasch hoch und horchte. Ein scharfer Pfiff, das wohl- bekannte Zeichen der Bande, war in demselben Augenblick zu hören und schien sich mit Blitzesschnelle am ganzen Ufer fortzupflanzen.

»Das ist Teufels-Bill!«, rief der Pirat und schwenkte jubelnd den Hut. »Hurra, da gibt’s frische Beute. Jetzt aber – alle Wetter! Den Kadaver hätte ich bald vergessen. Jones, scharrt ihn einmal wieder heraus und seht, was Ihr mit ihm anfangen könnt, ich bin gleich wieder da und will nur einmal nach dem Boot oben springen, dass die Burschen ihre Schuldigkeit tun.«

»Aber, Sir«, rief Tones ängstlich, »ich soll doch nicht etwa …«

»Tut, beim Teufel, was man Euch sagt, und rührt Euch nicht hier von der Stelle«, rief Ben drohend, »in zwei Minuten bin ich wieder da.«

Ohne jenes Einwände weiter zu beachten, warf er den Spaten hin und sprang über den nächstliegenden Stamm hinweg, der Stelle zu, wo des Iren Boot angebunden lag.

O’Toole wusste jetzt aber, dass für ihn der einzige, vielleicht letzte Mo­ment zum Handeln gekommen war, und er war nicht der Mann, der den hätte ungenutzt vorübergehen lassen.

»Hilfe!«, stöhnte er mit halb unterdrückter Stimme leise und kläglich, »Hilfe – ich – ich ersticke!«

»Ei, so wollt’ ich denn doch«, murmelte jenes vor sich hin, während er in die Grube sprang, den Iren unter die Arme fasste und mit äußerster Kraftanstrengung emporhob, »dass den verdammten Wassertreter der Teufel hole – lässt mich hier mit dem – schweren Burschen Herr Gott! Hat der Mensch ein Gewicht – ganz allein. So, Sir, könnt Ihr das eine Bein heben? Ich will Euch nur für jetzt alle Wetter, Ihr seid ja ganz kräftig auf den Füßen – was ist denn …«

Er hatte alle Ursache, erschrocken zu sein, denn der vermeintliche Schwerverwundete, den er aus der Grube hob, richtete sich plötzlich und anscheinend mit aller Leichtigkeit auf, fasste, ehe der zu Tode Er­schrockene auch nur einen Hilfeschrei ausstoßen konnte, diesen mit der Linken und schlug ihm im nächsten Augenblick mit der geballten Rechten so kräftig zwischen die Augen, dass dem mit Blitzesschnelle die ganze Himmelskarte vor seinem inneren Gesicht vorüberflog und er bewusstlos neben dem Grab zusammenknickte.

O’Toole war denn auch nicht lässig, die ihm jetzt gebotene Freiheit zu nutzen, rasch übersprang er das Gewirr von Ästen und Strauchwerk und floh dem Fluss zu, als Ben eben wieder zu dem Grab zurückkehrte. »Jones!«, rief er hinter dem Davonspringenden her, »Jones – wo zum Teufel wollt Ihr denn hin? Ei, so hol doch die Pest den Halunken!«, schimpfte er vor sich hin, »wenn der glaubt, dass ich ihn in diesem Dickicht nachrenne, irrt er sich, und fort von der Insel kann er auch nicht, soviel ich weiß; denn vom Schwimmen versteht er nichts, und die Boote sind besetzt – wird schon wiederkommen. Aber zum Donnerwetter«, brummte er, als er mit dem Fuß an den regungslosen Körper stieß, »wirklich tot, und nur noch einmal zu guter Letzt gestöhnt? Nun dann komm, Tusk, dann wollen wir auch keine längeren Umstände mit dir machen. – Dank es überhaupt dem Captain, der dir den Strick erspart hat.« Er stieß bei diesen Worten den Körper in die Grube zurück, tappte dann nach dem Spaten umher, und der nächste Augenblick fand ihn eifrig beschäftigt, den nur betäubten Kumpan lebendig zu begraben.

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