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Die Klöppelarmee und die Schlacht bei Arzfeld

Vom frischen Quell
Sagen, Legenden und Geschichten aus der Eifel
Jung und Alt in neuer Fassung dargeboten von Rektor Jos. Schiffels
Verlag Georg Fischer. Wittlich. 1912
Erstes Bändchen

Die Klöppelarmee und die Schlacht bei Arzfeld

Im Jahre 1794 brach eine französische Revolutionsarmee verheerend in das trierische Land ein. Auch die Westeifel wurde von ihr besetzt. Am 7. Oktober 1794 schlugen die Franzosen bei Dauvelshausen auf der Hochebene östlich der Our und westlich von Neuerburg (Kreis Bitburg) ein Lager auf, und die benachbarte Gegend wurde von etwa 30.000 Franzosen überschwemmt. Da die Österreicher und Preußen, die den kühn vordringenden französischen Truppen in Belgien entgegengetreten waren, sich besiegt über den Rhein zurückziehen mussten, war es den Franzosen leicht, das ganze linksrheinische Gebiet der Rheinlande in Besitz zu nehmen und ihre Herrschaft dort dauernd zu begründen. Bereits 1795 kam die Westeifel mit dem ganzen linken Rheinufer unter französische Verwaltung. Überall wurden französische Behörden in feierlicher Weise eingesetzt. Das Zeichen der neuen Herrschaft war der mit Bändern reich geschmückte Freiheitsbaum, der in den einzelnen Ortschaften aufgerichtet wurde und bei Todesstrafe nicht verletzt werden durfte. Überall wurden Reden über Freiheit und Gleichheit gehalten und darin den neuen Untertanen, die sich vielfach willenlos in die neue Ordnung der Dinge fügten, die Vorzüge und Vorteile der Republik und ihrer Einrichtungen vor Augen gestellt. Schlimme Taten aber folgten diesen schönen Worten. Hohe Kriegssteuern wurden den einzelnen Ortschaften auferlegt und erhebliche Lieferungen von Pferden, Futter und Lebensmitteln von ihnen verlangt. Plünderungen und Erpressungen waren an der Tagesordnung. 1798 wurden die christlichen Sonn- und Feiertage aufgehoben, der Gottesdienst abgeschafft, die Heiligenbilder zerstört, die Wallfahrten und Prozessionen verboten, die Güter der Kirchen eingezogen und veräußert und die Priester, welche den Eid auf die Republik nicht schwören wollten, abgesetzt und vertrieben. Dazu kam noch, dass die französische Regierung auch die Bewohner des linken Rheinufers zu einem neuen Krieg aufbot. Dadurch wurden auch die jungen Leute der Eifel vom zwanzigsten bis fünfundzwanzigsten Jahr heerespflichtig und genötigt, für Frankreich die Waffen zu ergreifen und sie sogar gegen die eigenen Stammesbrüder zu führen. Das trieb den bisher nur mühsam verhaltenen Unmut und Ingrimm zum offenen Aufstand wider die Tyrannen. Es ist dies der Erste, welcher sich von deutscher Seite gegen die drückende Fremdherrschaft erhob.

Von wem der Aufstand angeregt und geleitet wurde, ist nicht ausgemacht. Ohne Zweifel wurde er von dem Adel des Landes, dem man seine Güter und Vorrechte genommen hatte, geschürt. Nachts wurden heimlich in den Wäldern die nötigen Vorbereitungen getroffen. In der letzten Oktoberwoche 1798 brach der Aufstand aus. 1500 bis 2000 Bauern, mit Klöppeln1, Heugabeln und Gewehren bewaffnet, waren freiwillig oder durch Drohungen gezwungen zum Kampf bereit. Am 25. Oktober kamen Klöppelmänner nach Daleiden. Die Sturmglocke läutete, und eine Anzahl junger Leute aus dem Dorf schloss sich ihnen an. Im Ganzen waren es etwa 300 Mann, die abends um 11 Uhr über Eschfeld nach Leidenborn zogen. Gegen Tagesanbruch kamen sie dort an. Den französischen Kommissar Konz und vier Gendarmen nahmen sie gefangen. Gegen 8 Uhr traten sie den Rückzug über Eschfeld, Dahnen und Dasburg an und kamen abends nach Hofingen in Luxemburg, wo sie die Gefangenen in Sicherheit brachten. Am folgenden Morgen2 ordnete sich der Zug. Anführer wurde ein junger Mann, Hubert Berens aus Buchholz (Bockholz) bei Hosingen. Als General saß er zu Pferde und trug an seinem Hut einen roten Federbusch. Es wurde die Parole ausgegeben: »Wer seinen Posten verlässt oder vor dem Feind flieht oder desertiert, wird nach dem Ergreifen ohne Weiteres erschossen.«

Zunächst war ein Überfall auf Consthum geplant, wo das Pfarrhaus geplündert wurde. In dem Dorf und seiner Umgebung nahm man Ouartier. Am anderen Mittag sammelten sich die Krieger, deren Zahl inzwischen gewachsen war, bei Huscheid. Man hatte die Absicht, nach Luxemburg zu ziehen, um die Stadt von den Franzosen zu befreien. Die Huscheider wollten nicht mitmachen, da sie gegen die ihnen weit überlegenen Franzosen doch nichts ausrichten zu können glaubten. Erst nachdem die Klöppelmänner Miene machten, das Dorf Huscheid durch Brand zu zerstören, schlossen sich die Männer von dort, mit Hopfenstangen bewaffnet, dem Zug an, und weiter ging es gegen Luxemburg. Bald aber wurde der Zug jäh unterbrochen. Der Schäfer von Asselborn, der in Luxemburg Kundschaft über die Stellung der Franzosen eingeholt hatte, kam atemlos heran und meldete der bestürzten Schar, dass die Franzosen ihm auf dem Fuße folgten, um die Aufständischen zu vernichten. Diese unerwartete Nachricht entmutigte die bis dahin so kampfeslustigen Klöppelmänner, und es wurde ein allgemeiner Rückzug beschlossen. Jeder versuchte auf dem kürzesten Weg seine Heimat zu erreichen.

Die Franzosen rückten nach allen Seiten aus, um den Aufstand mit Gewalt zu unterdrücken. Eine Abteilung von 100 Mann Fußvolk und 40 Reitern kam von Vianden her am Abend des Oktober nach Arzfeld und quartierte sich dort ein. Die Reste der versprengten Klöppelarmee sammelten sich am Morgen des 30. Oktober in Dasburg, wo der Freiheitsbaum umgehauen wurde. Von da ging es nach Dahnen und Da­leiden. An letzterem Ort baten die Krieger den Pfarrer dringend, ihnen den Segen zu spenden. Nachdem sie sich noch in Irrhausen Mut angetrunken hatten, ging es nach Arzfeld, wo es zu einem blutigen Kampf kam. Etwa 500 Mann der Klöppelarmee hatten sich dort zusammengefunden. Das französische Fußvolk rückte gegen sie heran und stellte sich mit gefasstem Gewehr vor ihnen auf.

Ihr Anführer Divergé fragte in gelassenem Ton: »Was wollt ihr?«

Der Führer der Klöppelarmee rief darauf seinen Kameraden zu: »Wer laufen kann, der laufe!«

Während sie die Flucht ergriffen, feuerte einer eine Kugel auf die Franzosen ab. Ein anderer schoss den Anführer der französischen Reiter aus dem Sattel. Das war der Anfang der Schlacht. Die französischen Fußsoldaten schossen in die Fliehenden, während die Reiter mit den Schwertern dreinschlugen.

35 Bauern büßten dadurch das Leben ein, viele wurden verwundet. Die Klöppelkrieger von Olmscheid, Jucken und Karlshausen, die ihren Kameraden zu Hilfe kommen wollten, sich aber etwas verspätet hatten, ergriffen die Flucht, als sie den wilden Kampf von fern sahen. Die auf der Walstatt umherliegenden Leichen wurden von den Franzosen geplündert.

Unter den Klöppelkriegern befand sich auch ein Geistlicher aus der Erzdiözese Köln. Er war bei Freunden auf Besuch und wurde genötigt, als Feldgeistlicher mitzugehen. Im Kampf wurde er verwundet und darauf gefangen genommen. Als er mit anderen Gefangenen auf dem Kampfplatz an einer erhöhten Stelle saß, wurde der wehrlose Priester von einem heransprengenden französischen Trompeter grausam hingemordet. Erst auf die dringende Bitte der Angehörigen gab der französische Befehlshaber die Leichen der Gefallenen heraus. Sie wurden am folgenden Tag auf dem Kirchhof zu Arzfeld in aller Stille in drei gemeinschaftlichen Gräbern beigesetzt. Die Mitwirkung eines Priesters war bei dem Begräbnis nicht gestattet.

1908 wurde den Gefallenen auf dem Kirchhof ein Denkmal errichtet, das die Inschrift trägt: »Den Streitern für Gott und Vaterland im Jahre 1798. Der Eifelverein 1908.«

Die unversehrt aus dem Kampf entkommen waren, flohen und hielten sich zunächst verborgen.

Am 31. Oktober hatte ein anderer Teil der Klöppelarmee einen Kampf mit den Franzosen bei Clerf in Luxemburg. Während sie hier eine feste Stellung hatten und gut bewaffnet waren, mussten sie sich dennoch vor ihren Gegnern zurückziehen. Damit hatte der unglückliche Aufstand sein Ende erreicht.

Manchen Teilnehmer daran erwartete eine harte Strafe. 32 Bauern, die auf dem Schlachtfeld bei Arzfeld gefangen wurden, brachten die Franzosen zunächst nach Vianden, wo sie bis zum 16. November bleiben mussten. Zu ihnen kamen dann noch 21 Mann, die man aus den Flüchtlingen weiter aufgegriffen hatte. Alle wurden zusammen nach Luxemburg gebracht und dort in strenger Haft gehalten. Von den bei Arzfeld gefangenen Klöppelkriegern hatte das Kriegsgericht neun zum Tode und die Übrigen zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Jene neun wurden am 26. Februar erschossen. An derselben Stelle endeten später noch elf weitere Gefangene durch das Fallbeil.

So hatte das waghalsige, aber von Heimat- und Vaterlandsliebe zeugende Unternehmen, dem aus mancherlei Ursachen der erwartete Erfolg versagt blieb, viel Elend für die Eifel im Gefolge. Den wackeren Männern, die für ihre heiligsten Güter stritten, gebührt unser Mitleid und unsere Anerkennung. Sie verdienen es, dass ihr Andenken auch bei den künftigen Geschlechtern erhalten bleibt.

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  1. Daher der Name der Armee
  2. Sonntag, den 27. Oktober