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Paraforce Band 38

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Die Flusspiraten des Mississippi 27

die-flusspiraten-des-mississippiFriedrich Gerstäcker
Die Flusspiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

27. Georgines Verdacht – Kelly rettet Bolivar

An demselben Abend, an welchem Kelly im Grauen Bä­ren jene Anordnungen traf, die den Schlag, wenn auch nicht von ihnen völlig abwenden, doch ihn noch aufhalten konnten, bis sich die Bande in Sicherheit gebracht hatte, ging Georgine mit raschen ungeduldigen Schrit­ten in ihrem kleinen prächtigen Gemach auf und ab. Nur dann und wann blieb sie am Fenster stehen, um hinauszuhorchen, als ob sie jemanden erwarte, der immer und immer noch nicht kommen wollte.

Die Augen der jungen Frau glühten von Zorn und Ärger. Ihre Lippen waren fest zusammengepresst, ihre fein geschnittenen Augenbrauen berührten sich fast, und der zierliche Fuß stampfte mehrmals in ausbre­chendem Unmut auf den teppichbelegten Boden. Kelly hatte am Donnerstagmorgen, mit Tagesanbruch, die Insel verlassen und sie seit der Zeit nicht wieder betreten. Der ausgesandte Bote, der Mestizenknabe, war ebenfalls nicht zurückgekehrt und ihre Gefangene entflohen. Gott allein wusste, wohin. Das alles war Grund genug, ein Gemüt wie das ihre zu äußerster Aufregung zu treiben. Zwar hatte sie schon mehrere Männer dem Mestizen nachgeschickt, doch vergeblich – keiner konnte ihr Nachricht über ihn bringen; keiner wollte ihn gesehen haben. Nur noch einer war jetzt unterwegs: Peter. Lange Stunden hatte sie mit wachsender Ungeduld auf seine Rückkehr gewartet.

Endlich konnte sie das untätige Harren nicht länger ertragen, sie öff­nete rasch und heftig die Tür und wollte eben nach Bachelors Hall hinübergehen, als das schmale Eingangstor knarrte und gleich darauf Peters breitschultrige Gestalt aus dem jetzt dicht auf der Insel lagernden Nebel hervortat. Als er die winkende Bewegung der Herrin sah, schritt er auf sie zu und musste ihr augenblicklich zurück in das Haus folgen. Hier aber verkündete sein ernstes Gesicht keineswegs Gutes, und er wollte auch an­fangs gar nicht so recht mit der Sprache heraus, Georgine jedoch, die ihn mehrere Sekunden lang scharf und prüfend angesehen, fasste plötz­lich die Hand Peters, zog ihn zur Ampel, die ein sanftes, wohltuendes Licht über den kleinen Raum warf, und flüsterte endlich, als ob sie durch den leisen Ton der Frage die gefürchtete Antwort zu mildern hoffe: »Wo ist Olyo?«

»Ich weiß nicht«, lautete die halb scheue, halb mürrische Antwort des Narbigen, der dabei den Kopf zur Seite wandte und mit der andern ihm frei gelassenen Hand emsig in seiner Tasche nach dem Kautabak suchte.

»Wo ist Olyo?«, wiederholte aber, mit noch dringenderem, ernsterem Ton Georgine. »Mensch, sieh mich an und beantworte meine Frage – wo ist Olyo?«

»Ich weiß es nicht – habe ich Euch schon gesagt«, knurrte der Bootsmann und spuckte seinen Tabak ziemlich ungeniert auf die blank gescheuerten Messingzierraten des Kamins. »Ich bin im ganzen Wald herumgekrochen, habe ihn aber nicht finden können.«

»Im Wald? Weshalb im Wald?«, fragte die junge Frau misstrauisch. »In der Stadt musste er sein, nicht im Wald – weshalb suchtest du ihn im Wald?«

»Weil er nicht in der Stadt war – Donnerwetter, durch die Luft kann er nicht davongeflogen sein, und da glaubte ich, ich müsste ihn entweder in der Stadt, im Wald oder im – oder woanders finden. Irgendwo muss er doch stecken, aber umsonst – in der Stadt ist er nicht, im Wald auch nicht …«

»Und im Wasser, Peter? Im Wasser?«, flüsterte Georgine mit kaum hörbarer Stimme.

»Im Wasser?«, wiederholte der Bootsmann erschrocken und sah sich scheu nach ihr um. »Wie kommt Ihr darauf?«

Georgine begegnete seinem Blick in stummem Entsetzen und stöhnte endlich: »Also im Wasser – im Wasser hast du ihn gefunden? Mensch, rede – du bringst mich noch zur Verzweiflung!«

»Nein, da auch nicht!«, sagte der Alte und biss ein großes Stück von sei­nem Tabak ab.

»Also hast du doch im Wasser nach ihm gesucht? Du musst Verdacht geschöpft haben. Du glaubtest ihn dort zu finden. Sprich und reiße mich aus einer Ungewissheit, die fürchterlicher ist, als selbst die grässlichste Wahrheit sein könnte.«

»Im Wasser gesucht? Ich? Unsinn. Weshalb sollte ich im Wasser suchen? Harris meinte nur …«

»Was meinte Harris, Peter?«, unterbrach ihn Georgine jetzt mit erzwun­gener Ruhe, da sie bemerkte, dass der Narbige endlich zu erzählen be­gann, und ihn irrezumachen fürchtete, wenn sie sich nicht so gut wie möglich bezwang.

»Ei nun, dass der Mestize nicht ans Ufer gekommen wäre«, fuhr der Bootsmann fort und hustete dabei ein paar Mal, als ob die Worte nicht recht aus der Kehle wollten. »Harris sah das Boot an Land kommen und wollte gern nachher mit Olyo sprechen. Den einzigen möglichen Weg aber, der von dort aus, wo das Boot eingelaufen war, in den lichteren Wald führte, hatte der Knabe nicht betreten, und kein Mensch antwortete ihm auch, als er später nach allen Richtungen hin den Namen rief.«

»Olyo wird sich versteckt halten«, flüsterte Georgine mit kaum hörbarer Stimme, »er – er traute sicherlich dem Ruf nicht und wünschte ungesehen zu bleiben.«

»Ja, das meinte Harris auch«, fuhr Peter fort, der jetzt durch die an­genommene Fassung der Frau beruhigt und sicherer gemacht wurde. »Das meinte Harris auch, es – es kam ihm aber sonderbar vor, dass der Neger so schnell wieder zurückruderte, da dieser den Knaben doch eigentlich, wie es am wahrscheinlichsten gewesen wäre, wenigstens so weit hätte begleiten müssen, dass er sich nicht mehr verirren konnte. Bolivar trieb überdies noch ein ganzes Stück stromab, ehe er wieder zu rudern anfing, und war indessen emsig mit etwas beschäftigt, das jener aber, der weiten Entfernung wegen, nicht erkennen konnte. Nachher wollte er gern sehen, wo das Boot in der kleinen Bucht, in der es eingelaufen, gelandet war. Nirgends aber konnte er eine Spur entdecken, und der weiche Erdboden hätte auf jeden Fall selbst den leisesten Eindruck zeigen müssen.«

»Nun? Und was weiter?«, fragte Georgine, als jener einen Augenblick schwieg und dann unschlüssig zu der Frau aufblickte. Aber er sah nicht das leise, kaum merkbare Zucken der Lippen, er sah nicht, wie die eine Hand krampfhaft die Stuhllehne umklammert hielt, auf die sie sich stützte. Nur die bleichen Wangen sah er und den kalten und ruhigen Blick.

Er fuhr nach kurzem Zögern fort: »Am Ufer war nichts zu erkennen – aber auf dem Wasser …«

»Auf dem Wasser?«, wiederholte Georgine tonlos.

»Ei zum Teufel, er kann sich auch geirrt haben!«, brach da der Boots­mann die Mitteilung plötzlich kurz ab. Er wusste recht gut, wie Georgine an dem Knaben hing. Es wurde ihm dabei peinlich, eine Geschichte, die ihm selbst fatal schien, so aus sich herauspressen zu lassen, während er sich doch auch wieder scheute, gerade von der Leber weg zu reden.

Georgine war aber nicht gesonnen, ihn so wieder gehen zu lassen, da sie jetzt wohl fühlte, er wisse mehr, als er gestehen wollte.

»Er hat etwas auf dem Wasser schwimmen sehen, Peter«, sagte sie, fast ebenso leise wie vorher. »Was war es? Verheimliche mir nichts – selbst wenn es nur eine Vermutung sein sollte.«

»Hm, Unsinn«, brummte Peter und sah sich sehnsüchtig nach der Tür um. Die jetzt auf ihm haftenden Augen der jungen Frau ließen ihm aber keine Ruhe, wohin er den Blick auch wenden mochte. Endlich knurrte er, wäh­rend er halb trotzig den alten schwarzen Filz mit beiden Fäusten knetete.

»Zum Donnerwetter, wenn Ihr es denn einmal wissen müsst, so kann mir’s auch recht sein – Blut, meinte er, wär’s gewesen, Blutflecke, die sich in der kleinen Bucht herumtrieben, und auch ein paar gelbe Schaumblasen waren dabei, andere, als sie der Regen auf dem Fluss hervorruft. Die ganze Umgebung sah unheimlich aus, sagte er.«

»Hat er die Leiche gefunden?«, flüsterte Georgine, aber so leise, dass sie die Frage wiederholen musste, ehe sie der Bootsmann verstand.

»Die Leiche? Nein, Gott bewahre – es ist ja auch noch immer nur eine Vermutung, die er hat. Olyo kommt vielleicht heute oder morgen wieder zurück, und dann ist die ganze Sorge um nichts gewesen.«

»Peter«, sagte die Frau nach kurzem Sinnen, »willst du mir in dieser Sache Gewissheit verschaffen? Willst du mir …«

»Die könnte am besten der Neger geben«, entgegnete Peter mürrisch, »aufrichtig gesagt, möchte ich auch mit der ganzen Geschichte nicht viel zu tun haben. Der – der Captain könne es nicht gern sehen.«

»So? Vermutest du das auch?«, fragte Georgine rasch.

»Nun ja – er machte sich nicht besonders viel aus dem Knaben und wusste auch, dass er ihm aufpassen sollte.«

»Er wusste das? Und so glaubst du vielleicht gar, dass es ihm lieb sein möchte, den Knaben auf solche Art losgeworden zu sein – dass es viel­leicht gar auf seinen Befehl …«

»Bitte um Verzeihung«, rief Peter rasch und erschrocken, »solange in meinem Kopf nur ein Fingerhut voll Verstand bleibt, soll solche Behaup­tung wahrhaftig nicht über meine Lippen kommen. Das sind auch über­dies Sachen, um die ich mich nie kümmere. Ich tue meine Arbeit und lasse den Rest in Ruhe, solange man mir ein Gleiches gönnt.«

»Gut dann, Peter, das ist recht von dir, aber – würdest du dich weigern, mir, wenn ich dich recht dringend darum bäte, einen großen Dienst zu leisten? Einen Dienst, den ich dir fürstlich lohnen wollte?«

»Einen Dienst zu leisten – weigern? Ei, Gott bewahre! Es wäre ja nur eigentlich meine Pflicht und Schuldigkeit, besonders gegen eine Lady!«

»Gut du versprichst mir also, meine Bitte zu erfüllen?«

»Wenn ich kann, von Herzen gern.«

»Gib mir deine Hand darauf.«

Peter zögerte, die Sache fing an, ihm unbehaglich zu werden, und es gereute ihn schon fast, sein Wort so ganz bestimmt gegeben zu haben. Georgine streckte ihm aber die Hand so bittend entgegen, dass er nicht Nein sagen konnte und einschlug. Seine rauen Finger ruhten für einen Augenblick in dem weichen Griff ihrer zarten Rechten.

»Du hast dein Wort gegeben«, flüsterte jetzt die Frau, »du wirst es als Mann nicht brechen wollen. Nimm Haken und Seile mit. Jene Bucht, von der du sprichst, wird nicht so tief sein, und schaffe mir die Leiche herbei. Du kannst einen von den Enterhaken mitnehmen. Der, auf dem Boden hingezogen, muss sich in die Kleider …« Sie hielt einen Augenblick inne und barg das Gesicht in den Händen. Gleich darauf aber fuhr sie mit der vorigen Ruhe und Festigkeit fort: »… in die Kleider des unglück­lichen Knaben einhaken. Die Leiche schaffst du mir, sobald du sie hast, hierher. Olyo soll wenigstens ein Grab in trockener Erde haben. Willst du das tun?«

»Wenn aber Captain Kelly indessen kommt und nach mir fragt?«

»Die Entschuldigung deiner Abwesenheit lass meine Sorge sein. Willst du mir den Knaben herschaffen?«

»Meinetwegen denn, ja«, brummte Peter, »die Bucht ist höchstens zehn Fuß tief, vielleicht nicht einmal das, wo aber schaffe ich den … den Kada­ver hin?«

»Hier in mein Haus, dort, in jenes Kabinett, das Weitere besorge ich selber. Doch jetzt noch eins – wo habt ihr den Neger hingebracht?«

»Der liegt in dem Stall drüben, den sie für ein zeitweiliges Gefängnis hergerichtet haben«, sagte Peter, »Corny ist heute an den Bisswunden ge­storben. Es war doch wohl eine Ader durchbissen und nicht recht ab­gebunden, und wir wollen jetzt nur des Captains Ankunft abwarten, dass dieser beschließt, was mit dem Schuft werden soll. Wenn es kein Neger wäre, so hätten wir uns allerdings nicht so viel Mühe um die Sache ge­geben, denn Corny hatte ihn auch genug gereizt, und sie konnten es mit einander ausmachen. Dass sich aber ein Neger an einem Weißen ungestraft vergreifen sollte, dürfen wir doch nicht gestatten, sei es auch nur des bösen Beispiels wegen, und Captain Kelly mag deshalb bestimmen, was mit ihm werden soll. Losgeben darf er ihn aber nicht, die Leute sind wütend.«

»Bring ihn hierher!«, sagte Georgine jetzt, als sie wie aus tiefem Sinnen emporfuhr.

»Wen? Den Neger?«

»Bolivar, gebunden, wie er ist, und schicke mir zwei von den Männern mit, wähle ein paar von Cornys Freunden!«

»Hm«, meinte der Alte, »da bedeutet das wohl nichts Gutes für den Schwarzen. Wenn Ihr übrigens glaubt, dass Ihr den zu irgendeinem Ge­ständnis zwingt, so irrt Ihr Euch aber, der ist störrisch wie ein Maulesel. Doch meinetwegen, ich gehe indessen, mein Wort einzulösen. Wenn Ihr mir und Euch übrigens einen Gefallen tun wollt, so erwähnt nichts gegenüber dem Captain, wenn er etwa kommen sollte.«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, Georgine aber, kaum von seiner Gegenwart befreit, warf sich auf die Ottomane und machte ihrem bis dahin nur gewaltsam bezwungenen Herzen Luft in einem wilden Tränenstrom. Der Schmerz des leidenschaftlichen Weibes konnte sich aber nicht auf solch sanfte Art brechen. Ihr Charakter wollte nicht leiden und dulden, er wollte kämpfen und Rache üben an dem, der es wagte, ihr feindselig gegenüberzutreten. Grenzenloser Liebe war sie fähig, aber auch grenzenlosen Hasses, und diese Leidenschaften wurden nur verstärkt, da Zweifel und Eifersucht geweckt waren. Sie hatte Richard Kelly mit einer Kraft geliebt, die sie selbst erbeben machte. Alles – alles hatte sie ihm geopfert, Gefahren mit ihm geteilt, Verfolgung und Not mit ihm getragen, in seinen letzten Schlupfwinkel war sie ihm gefolgt. Unter dem Auswurf der Menschheit lebte sie mit ihm – für ihn, jede Rückkehr in das gesellschaftliche Leben war ihr abgeschnitten. Ihre einzige Hoffnung auf dieser Welt war er, zu dem sie bis jetzt mit Vertrauen und Liebe empor­geblickt hatte. Und jetzt- zum ersten Mal der fürchterliche Verdacht – nein, fast die Gewissheit schon, dass er falsch sei. Er war schuldig, wozu brauchte er auch sonst ihren Boten zu fürchten, wozu hätte er – großer Gott, die Sinne vergingen ihr, wenn sie den Gedanken fassen wollte – das Kind ermorden lassen.

»Gewissheit!«, stöhnte sie. »Gott, gib mir Gewissheit, nur Gewissheit, und überlasse das Übrige mir. Richard, Richard, wenn du dein Spiel mit mir getrieben hast …«

Stimmengewirr wurde vor der Tür laut, und als sie diese öffnete, stan­den etwa ein halbes Dutzend Männer davor, von denen einige Fackeln trugen, andere den gebundenen Neger in der Mitte führten. Bolivar schritt trotzig zwischen ihnen einher. Den Kopf umwand eine Binde, und das eine Auge war ihm vom Kampf angeschwollen. Das Messer hatten sie ihm ab­genommen, damit er nicht noch Unheil damit anrichten konnte.

Georgine trat auf ihn zu, sah ihm erst einige Sekunden lang fest und starr in die halb trotzig, halb scheu zu ihr erhobenen Augen und sagte dann, während sie ein kleines silberverziertes Terzerol in der Hand hielt: »Bolivar, deine Tat ist entdeckt. Du bist in meiner Macht, und kein Gott könnte dich vor der verdienten Strafe retten, wäre nicht noch etwas anderes darin verwickelt, dessen Entdeckung mir wichtiger ist als dein Leben! Du hast den Knaben, der deiner Obhut anvertraut war, ermor­det, in jener Bucht drüben den Leichnam versenkt. Du siehst, ich weiß alles, jetzt gestehe aber auch, so dir dein Leben noch eine Glasperle wert ist. Was und wer hat dich dazu bewogen. Der Knabe hat dir nie ein Leid getan, er war manchmal übermütig, nach der Knaben Art, aber noch fast ein Kind. In deinen Händen musste er wie die Taube in des Geiers Kral­len sein. Wer hat dich also gedungen, Mensch, oder wessen Befehlen hast du dabei gehorcht? Sprich, denn ich weiß alles, aber ich will nur erst durch deinen Mund Gewissheit … sprich!«

»Ich weiß nicht, wer Euch all den Unsinn in den Kopf gesetzt hat«, knurrte Bolivar, »aber so viel ist gewiss, dass ich hier um nichts und wieder nichts niederträchtig behandelt werde. Wäre Massa Kelly hier …«

»Der würde dir beistehen, das glaube ich«, flüsterte die Frau, »doch deine Ausflüchte helfen dir nichts. Gestehe, sage ich, oder bei Gott, ich jage dir diese Kugel durch den Kopf. Du kennst, mich und weißt, dass ich Wort halte, wenn es gilt, eine Drohung auch auszuführen.«

»Ja, darin kenne ich Euch!«, trotzte Bolivar, »darin kenne ich Euch nur zu gut, aber ich lache über Eurer Drohungen. Dieses Leben, das ich in letzter Zeit hier geführt habe, ist doch kaum besser als das eines Hundes gewesen. Drückt in drei Teufels Namen ab, aber glaubt nicht, dass ich mich vor solchem Kinderspielzeug fürchten würde. Es wäre lächerlich.«

»Löst ihm die Hände und bindet ihn dort draußen an jenen Baum«, rief Georgine jetzt, die ihren Entschluss geändert hatte. »Ich will doch sehen, ob ich ihn nicht zum Reden zwingen kann. Tusk, bringt die Peitsche her­aus und peitscht ihn so lange, bis er bekennt, und wenn ihr ihm das schwarze Fell in Streifen vom Rücken ziehen solltet.«

»Das war mein Rat von vornherein«, rief der Angeredete, er hatte seinen Namen von einem vorstehenden Zahn erhalten hatte, der seinem Gesicht einen furchterregenden Ausdruck gab. »Hier habe ich die Knute gleich mit­gebracht, und nun wollen wir doch einmal sehen, ob das Blut ebenso schwarz ist wie die Schwarte, unter der es steckt. Herunter mit dem Kittel, mein Mohrenprinz, und tu mir den Gefallen und schrei nicht gleich ›genug‹, dass der Spaß nicht so bald aus ist.«

Bolivar warf ihm einen wilden, trotzigen Blick zu, aber kein Laut kam über seine Lippen. Schweigend ertrug er es, als der herkulische Bursche die schwere Sklavenpeitsche nach besten Kräften über seinen nur mit einem dünnen Kattunhemd bekleideten Rücken zog, sodass dieses bald in Streifen herunterhing und das Blut hervorquoll. Schweigend knirschte er nur mit den Zähnen, als sie ihn seiner Hautfarbe wegen verhöhnten und ihm im übermütigen Grimm ins Gesicht spien. Schweigend hörte er Geor­gines Drohungen noch fürchterlicherer Strafe an, die mit zornfunkelnden Augen vor ihm stand. Bolivar blieb aber standhaft. Seine zerrissenen Schultern zerfleischte die Knute mehr und mehr, und die Knie zitterten ihm, er konnte kaum noch stehen, aber eher hätte er sich die Zunge abgebissen, ehe er seinen Peinigern das verriet, was sie begehrten. Mit zu­sammengebissenen Zähnen heftete er den wilden, drohenden Blick auf das Weib. Vor seinen Augen fing es jetzt an sich zu drehen, eine unbe­zwingbare Schwäche überkam ihn. Mit letzter Kraft wollte er sich auf­recht halten, er lehnte seine Schulter an den Baum, der seine Fesseln hielt, aber es war vergebens: Die Gestalten fingen an, sich vor seinen Augen zu drehen – purpurschimmernde Nacht folgte, und er sank ohnmächtig in die Knie.

»Will die Bestie beten?«, rief Tusk.»Auf, Kanaille, rufe deine Götzen an, ehe du gehängt wirst, jetzt ist es noch zu früh!«

»Halt!«, rief hinter ihnen eine Stimme, und zwar so kalt und gebieterisch, dass die Henker überrascht in ihrer blutigen Arbeit innehielten und auch Georgine sich erschrocken dem wohlbekannten Ton zuwandte. Es war Kelly, der, den bunten mexikanischen Mantel über die Schultern gewor­fen, den schwarzen breitrandigen Filz tief in die Stirn gezogen, die Hand gegen die Männer ausstreckte.

»Wer hat hier ein Urteil zu vollziehen, das ich nicht gefällt habe?«

»Ich sprach das Urteil!«, sagte Georgine, ihn fest anblickend, »ich verurteilte ihn, weil er – den Knaben ermordet hat. Das Kind, das ich aufgezogen und gepflegt habe, hat er mit seinen Händen erwürgt, und du darfst mich nicht hindern, ihn zu strafen – du darfst es nicht.« Sie zischte die letz­ten Worte mit leiser, vor innerer Aufregung fast erstickter Stimme. »Wenn du nicht selbst als ein Teilnehmer jenes Mordes erscheinen willst.«

»Bindet den Neger los«, lautete des Captains ruhiger, den Einwand nicht beachtender Befehl, »bindet ihn los, sag’ ich, die Tat soll untersucht wer­den.«

»Sie ist untersucht, Mann!«, rief Georgine, sich heftig aufrichtend. »Ich, ich trete gegen ihn auf und rufe Gott als Zeugen an, dass er den Mord verübt hat. Willst du ihn jetzt noch schützen und befreien?«

»Bindet ihn los, sag’ ich!«, wiederholte Kelly mit finsterer, drohender Stimme, »zurück da, Georgine – dein Platz ist nicht hier, willst du alle meine Befehle übertreten?«

Georgine wandte sich erbleichend ab, Tusk aber rief, sich trotzig gegen den Captain kehrend: »Ei, zum Henker, Sir, der Bursche hier hat Hand und Zähne an einen weißen Mann gelegt, und verdammt will ich sein, wenn er nicht dafür hängen soll. Subordination ist ganz gut, muss aber nicht zu weit getrieben werden. Wir sind freie Amerikaner, und die Majorität entscheidet sich hier für Strafe. Nichts für ungut, aber den Neger binde ich nicht los.«

Schneller zuckt kaum der zündende Blitz aus einer Gewitterwolke in den stillen Wald, als Kellys schweres Messer in seiner Hand blitzte, zu­rückfuhr und dem trotzigen Gesellen im nächsten Augenblick mit fürch­terlicher Sicherheit das Herz durchbohrte. Wie ein gefällter Baum stürzte er zu Boden. Die anderen sprangen wild auf Kelly zu.

Doch dieser rief zornig: »Rasende – wollt ihr euch selbst verderben? Verrat umgibt euch von allen Seiten – unsere Insel ist entdeckt – Spione von Helena durchsuchen nach allen Richtungen den Strom – unser Leben und das, was wir mit saurem Schweiß erbeutet haben, steht auf dem Spiel. Toren und Schufte, die ihr seid, an eure Posten! Ein fremdes Boot ist hier gelandet, und sein Besitzer liegt vielleicht nur wenige Schritte von uns versteckt, unser Treiben zu belauschen. Er darf die Insel nicht wieder verlassen. Fort, in Bachelors Hall erwartet meine Befehle, ich bin im Augenblick bei euch. Bindet den Neger los, sag’ ich, und ihr beiden, schafft den Leichnam hinaus aus der Fenz und begrabt ihn. Der Bursche kann froh sein, noch so aus dieser Welt geschickt worden zu sein, er hatte Schlimmeres verdient. Er war in Helena schon einen Kontrakt eingegangen, uns zu verraten. Nur die Gier, noch höheren Lohn zu erhalten, hatte ihn bis jetzt daran gehindert. Fort mit ihm, und du, Bolivar, erwartest mich hier, bis ich zurückkehre!«

Die Männer gehorchten schweigend den Befehlen. Kelly aber folgte Georgine in ihre Wohnung, wo sie ihn mit kaltem mürrischem Trotz empfing.

»Wo ist die Kranke?«, fragte er, in der Tür stehen bleibend, »wo ist das Mädchen, das du hier bei dir behalten und bewahren wolltest?«

»Wo ist der Knabe?«, rief Georgine jetzt, vielleicht noch durch das Be­wusstsein eigener Schuld gereizt, wild und heftig auffahrend, »wo ist der Knabe, den Bolivar auf deinen Befehl erschlug? Wo ist der Knabe, den ich mir aufgezogen hatte, das einzige Wesen, das mit wahrer aufopfern­der Liebe an mir hing und dessen alleinige Schuld nur – die Treue gegen mich gewesen sein konnte? Kelly, du hast ein entsetzliches Spiel mit mir gespielt, und ich fürchte fast, ich bin das Opfer einer grässlichen Bosheit geworden.«

»Du fantasierst«, erwiderte Kelly ruhig, während er den breitrandigen Hut abnahm und auf den Tisch warf. »Was weiß ich, wo der Knabe ist. Weshalb hast du ihn weggeschickt? Ich riet dir stets ab. Außerdem kann er ja auch heute oder morgen zurückkehren. Wer weiß, ob er nicht, froh der neu gewonnenen Freiheit, in tollem Übermut in Helena herum­tummelt, wo unser aller Leben an seiner kindischen Zunge hängt. Wo ist das Mädchen? Ruf es her!«

»Zurückkehren?«, rief Georgine in bitterem Schmerz, »ja, seine Leiche. Peter holt sie aus der Bucht drüben, wo sie der Neger versenkte. Sein toller Übermut wurde in gieriger Flut gekühlt, und seine kindische Zunge droht keinem Leben mehr Gefahr.«

Der lange zurückgehaltene Schmerz brach sich jetzt endlich in wilden Tränen Bahn. Georgine barg das Gesicht in den Händen und schluchzte laut.

Kelly stand ihr erstaunt gegenüber und hielt den Blick fest auf ihre zitternde Gestalt geheftet.

»Was war dir jener Knabe?«, fragte er endlich mit leiser, schneidender Stimme, »welchen Anteil nimmst du an einem Burschen, der, aus gemisch­tem Stamm entsprossen, dir nur als Diener lieb sein durfte? Georgine – ich habe dich nie nach jenes Knaben Herkunft gefragt. Jetzt aber will ich wissen, woher er stammt.«

»Aus dem edelsten Blut der seminolischen Häuptlinge!«, rief das Weib und richtete sich, ihren Schmerz gewaltsam bezwingend, stolz auf. »Seines Vaters Name war der Schlachtschrei einer ganzen Nation. Er ist unsterb­lich in der Geschichte jenes Volkes.«

»Und seine Mutter?«

Georgine fuhr wie von einem jähen Schlag getroffen zusammen. Fast unwillkürlich griff sie, eine Stütze suchend, nach dem Stuhl, neben dem sie stand. Kellys Lippen umzuckte ein spöttisches Lächeln, aber er wandte sich, als ob er ihre Bewegung nicht bemerke oder nicht bemerken wolle, rasch dem kleinen Kabinett zu, wo Marie ihren Schlafplatz ange­wiesen bekommen hatte.

»Wo ist die Kranke?«, fragte er jetzt ruhig, »ist sie in ihrer Kammer?«

»Sie schläft!«, antwortete Georgine, überrascht, aber doch schnell gefasst. »Störe sie nicht – sie bedarf der Ruhe!«

»Ich will sie sehen!«, erwiderte der Captain und näherte sich dem Vor­hang, der das kleine Gemach von dem Wohnzimmer trennte.

»Du wirst sie wecken«, bat Georgine, »tu mir die Liebe und lass sie un­gestört.«

Kelly wandte sich gegen sein Weib und schaute ihr mit so scharfem, forschendem Blick in die Augen, als ob er ihre innersten Gedanken er­gründen wollte. Ihr Gesicht blieb aber unverändert, und sie ertrug ohne Zucken den Blick. Schweigend lüftete er den Vorhang. Das Bett stand gerade gegenüber, und auf ihm, die schlanken Glieder von einer warmen Decke umhüllt – den Rücken ihm zugewendet, dass nur der kleine, von wirren Locken umgebene Kopf, ein Teil des weißen Nackens und die rechte, auf der Decke ruhende zarte Hand sichtbar blieben, lag eine weib­liche Gestalt. Die äußeren Umrisse hatten auch Ähnlichkeit mit dem ent­flohenen Mädchen, aber Kellys scharfer Blick entdeckte rasch den Betrug.

Im ersten Moment machte er allerdings eine fast unwillkürliche Bewe­gung, als ob er noch weiter vortreten wolle. Plötzlich aber hielt er wieder ein, ließ noch einmal seinen Blick erst über die ausgestreckte schlum­mernde Gestalt, dann über das schöne, doch blasse Gesicht seines Weibes schweifen und verließ rasch die Kammer und das Haus.

Draußen schritt er an dem Neger vorüber, der noch neben dem Baum kauerte, an welchem er misshandelt worden war, und trat zwischen die jetzt in Bachelors Hall versammelten Männer. Die Zeit drängte – keinen Augen­blick durfte er verlieren, denn der nächste konnte schon Verderben brin­gen. In kurzen klaren Befehlen verteilte er seine Leute über die Insel, von denen einige das Ufer nach einem gelandeten Boot absuchen, andere die Dickichte durchstöbern sollten. Fanden sie den Kahn, so war weiter nichts nötig, als ihn wohlversteckt zu bewachen. Der Ire musste dann in ihre Hände fallen. Ahnte er aber, dass seine Ankunft entdeckt war, und hielt er sich verborgen, nun, so konnte er die Insel nicht wieder verlassen und war für den Augenblick unschädlich, bis ihn seine Verfolger bei Tageslicht aufspüren mussten. Posten wurden dann auch, jeder weiteren Gefahr zu begegnen, an all den Plätzen ausgestellt, wo eine Landung überhaupt möglich war. Außerdem erhielten die Bewohner der Insel Be­fehl, ihre Sachen gepackt in Bereitschaft zu halten, um jeden Augenblick zum Aufbruch fertig und gerüstet zu sein. Ihre Boote sollten zu diesem Zweck gut bewacht, und es musste überhaupt alles getan werden, den Ausbruch des ihnen drohenden Verderbens so lange wie möglich zu ver­zögern. Noch war es ja nicht einmal gewiss, dass ihr Schlupfwinkel ver­raten war, denn die beiden Männer, die auf seine Erforschung ausgezogen waren, konnten und mussten unschädlich gemacht werden.

Ließen sich die Bewohner von Helena und besonders die der Umge­gend wieder beruhigen, so wäre es töricht gewesen, in voreiliger Furcht einen Platz zu verlassen, wie es vielleicht keinen zweiten für sie in den Vereinigten Staaten gab. Auf jeden Fall konnten sie ihn so lange behaup­ten, bis sie imstande waren, alle ihre Habseligkeiten in die südlicher ge­legenen Staaten, besonders nach Texas und Mexiko, zu schaffen, sodass, wenn später je einmal nachgeforscht wurde, die Nachbarn höchstens den leeren Horst, die Geier aber ausgeflogen fanden. Zu dem Zweck musste Kelly jedoch sofort wieder nach Helena hinauf und wollte nur in dem Fall gleich zu ihnen zurückkehren, wenn eilige Flucht nötig werden sollte.

Diese Anordnungen waren sämtlich so umsichtig getroffen worden, dass wirk­lich eine ganz genaue Kenntnis der Verhältnisse und Gegner dazu ge­hörte, mit solcher Sicherheit selbst den letzten Augenblick abzuwarten, wo eine einzige versäumte Stunde alle ins Verderben stürzen konnte. Sei es aber nun, dass die Insulaner nicht von der Nähe der Gefahr so genau unterrichtet waren, denn Kelly teilte ihnen nur das mit, was sie notwendi­gerweise wissen mussten, oder vertrauten sie ihm und seiner Klugheit wirklich so sehr, kurz, die meisten schienen die Sache ungemein leicht zu nehmen und verließen sich auf ihre Kraft und ihr Glück. Es hatte sie übermütig gemacht, dass sie bisher für ihre Taten nicht zur Verantwortung gezogen werden konnten. Einige äußerten sich sogar ganz offen dar­über, es wäre ihnen gleichgültig, ob sie entdeckt seien oder nicht. Den wollten sie sehen, der sie hier auf ihrer Insel angreifen würde.

Kelly dachte hierüber freilich anders und kannte recht gut die Gefahr, die ihnen drohte, und die Mittel, die ihnen zu Gebote standen, ihr zu begegnen. Ihn beunruhigte aber auch jetzt das Ausbleiben des schon längst von Indiana erwarteten Bootes, denn der Zeit nach, und wenn es fortwährend flott geblieben war, hätte es die Insel längst erreicht haben müssen.

Der dichte Nebel erklärte freilich etwas diese Verzögerung. Entweder hatte der alte Edgeworth für die Sicherheit seines Bootes gefürchtet oder Bill mochte nicht riskiert haben, vielleicht aufzulaufen oder gar an der Insel vorbeizufahren und die kostbare Beute dadurch aufs Spiel zu setzen. Es schien indessen, als ob sich der Nebel lichten würde. Der Wind fing wenigstens an zu wehen, und es war also möglich, dass das Flatboot gleich nach Tagesanbruch eintreffen würde.

Während sich jetzt die Männer über die Insel verstreuten, um die ge­gebenen Befehle zu erfüllen, schritt Kelly langsam zu Bolivar zurück und legte seine Hand auf dessen Schulter. Der Neger zuckte zusam­men, als er den leichten Druck der Finger fühlte, sie hatten eine durch die Peitsche gerissene Wunde getroffen. Er erkannte aber seinen Herrn und erhob sich schweigend.

»Bolivar«, flüsterte der Captain und blickte den Neger finster an, »sie haben dich misshandelt und mit Füßen getreten, weil du mir ergeben bliebst?«

Der Neger knirschte mit den Zähnen und warf einen funkelnden Blick zu dem hell erleuchteten Fenster der Herrin hinüber.

»Ich weiß alles«, sagte Kelly und hob beruhigend die Hand, »aber – viel­leicht ist es gut, dass es so gekommen ist. Auf keinen Fall soll es dein Schaden sein. Doch hier darfst du nicht bleiben«, fuhr er nach kurzer Pause fort. »Georgine weiß, was du getan hast, und kennt in diesem Punkt keine Grenze ihrer Rache. Wir haben uns beide dagegen zu wahren. Packe das, was du mitzunehmen gedenkst, zusammen und komm mit mir.«

Bolivar blickte staunend den Captain an. Es lag ein finsterer Ausdruck in diesen Worten. Wollte er die Insel – wollte er Georgine ihrem Schick­sal überlassen?

»Kehren wir nicht zurück?«, fragte er dann.

»Du nicht, wenigstens nicht in nächster Zeit – ich vielleicht schon mor­gen«, erwiderte Kelly, »doch eile dich, eile, unsere Minuten sind gemessen. Wir haben manche lange Stunde gegen die Strömung des Mississippi an­zurudern.«

»Ich kann nicht rudern!«, murrte der Neger, »meine Arme sind gelähmt – die Peitsche hat mich meiner Kraft beraubt.«

»Du wirst steuern«, sagte der Captain, »hast mich manchmal hinüberge­rudert und magst heute deine Arme ruhen lassen. Doch, Bolivar, willst du fortan auch mir nur folgen und in unveränderter Treue an mir hängen? Willst du gehorchen, was auch immer der Befehl sein möge?«

»Ihr habt mich heute gerächt, Massa«, flüsterte der Neger, und seine dunkelglühenden Augen sahen zu den Männern hinüber, die eben die Leiche des Erstochenen durch die Einfriedung schleppten. »Das Blut jenes Schurken, von Eurer Hand vergossen, ist über mich weggespritzt, und jeder Tropfen war Balsam auf meine brennenden Wunden. Glaubt Ihr, dass ich das je vergessen könnte?«

Kellys prüfender Blick lag wenige Sekunden auf ihm, dann sagte er leise: »Genug – ich glaube dir, geh jetzt und rüste dich. Mein Boot liegt an seiner gewöhnlichen Stelle.«

Und rasch wandte er sich von ihm ab. Da hemmte des Negers Stimme noch einmal seine Schritte.

»Massa!«, sagte Bolivar und griff in die Tasche seiner Jacke, »hier sind zwei Briefe, die – der Rothäutige bei sich gehabt hat. Sie scheinen aber nicht für Euch bestimmt.«

»Schon gut«, flüsterte Kelly und nahm sie an sich, »ich danke dir.«

Schnell verließ er durch das kleine nordwestliche Tor die Einfriedung. Bolivar aber schlich in seine Hütte, raffte dort das Beste seines Eigentums zusammen und verließ, ohne noch mit jemand ein Wort zu sprechen, durch den feuchtdunstigen Nebel und dem wohlbekannten Pfad folgend, die Kolonie, um seinen Captain an dem bestimmten Platz zu treffen.

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