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Der Marone – Das verhängnisvolle Niesen

der-marone-drittes-buchThomas Mayne Reid
Der Marone – Drittes Buch
Kapitel 33

Das verhängnisvolle Niesen

»Humm!«, stieß der Koromantis aus, als sein Verbündeter ihn nicht mehr zu hören vermochte.

»Auf den Geist des alten Juden drückt irgendetwas schwer, noch etwas anderes, als nur der Tod des Custos Vaughan! Möchte doch wohl wissen, was es eigentlich ist. Mit diesem Buchführer hängt es zusammen, das ist klar. Aber was ist es nur? Ausfindig werde ich es doch noch machen, bevor ich einige Tage älter geworden bin, das steht fest! Allein jetzt muss ich durchaus etwas schlafen. Es geht mir gerade wie dem Koppelhalter, habe diese Nacht keinen Schlaf bekommen und die vorhergehende Nacht auch nicht. Und morgen werde ich abermals nicht schlafen können. Ha! Morgen Nacht! Morgen Nacht! Das wird eine Hauptnacht werden! Morgen Nacht, wenn alles gut geht, da schläft Chakra nicht mehr allein, da wird er Gesellschaft haben, schöne Gesellschaft! Da wird er zur Bettgenossin die erste Schönheit von ganz Jamaika haben, die schöne ›Kleine …‹«

Bevor noch der volle Name des mit einem so fürchterlichen Geschick bedrohten unglücklichen Opfers gänzlich ausgesprochen war, wurde die Drohung des Myalmannes unterbrochen. Diese Unterbrechung geschah durch einen Ton, der aus einem kleinen Gebüsch dicht neben Chakra kam und der sich ganz so anhörte, als ob jemand geniest hätte.

Und es war tatsächlich so, Cynthia hatte geniest.

Absichtlich hatte sie nicht geniest, denn nach dem, was sie soeben gehört hatte, war es gewiss nicht wahrscheinlich, dass sie ihre Gegenwart durch irgendeinen Ton verraten wollte.

Gern hätte sie in diesem Augenblick alles, was sie auf der Welt besaß, alles, was je zu besitzen sie hoffen konnte, selbst die Liebe Cubinas, sofort dafür hingegeben, hätte sie Meilen weit von diesem Platz entfernt sein können, etwa in der sicheren Küche von Willkommenberg oder sonst irgendwo.

Schon lange bevor das Gespräch zwischen dem Juden und Chakra beendet war, hatte sie fest beschlossen, den Myalmann nie wieder zu sehen, niemals mit ihrem Willen.

Aber nun war ein Zusammentreffen ganz unvermeidlich, denn musste er nicht das Niesen gehört haben?

Hierin hatte das unglückliche Mädchen ganz recht, er hatte das gehört.

Ein wildes und ungestümes »Humm!« war die sofortige erste Antwort auf das verhängnisvolle Niesen.

Dann wandte sich der Myalmann rasch in die Richtung, woher es gekommen zu sein schien, und stand eine Weile schweigend und horchend.

»Das ist sonderbar!«, sagte er laut. »Das klingt ja ganz wie Niesen! Die Bäume können doch unmöglich eine Prise Schnupftabak genommen haben? Wissen muss ich, was das für ein Ton war. Ein Baum war es nicht, das ist nun einmal gewiss. Ein Vogel war es auch nicht. Was war es denn nur? Beinahe klang es wie das verhaltene Niesen eines Negermädchens. Aber was hätte ein Mädchen nur hier zu tun? Das ist doch alles höchst sonderbar. Hollah!«, rief er dann mit lauter Stimme, »wer oder was du auch bist, lass mich den Ton noch einmal hören! Nimm noch eine Prise, dann kann ich doch wenigstens sagen, ob du ein Mann oder ein Weib bist.«

Abermals wartete er auf eine etwaige Antwort, aber es erfolgte keine. In den Büschen blieb es lautlos und still, als wäre kein lebendiges Wesen vorhanden gewesen.

»So, du willst nicht wieder niesen«, fuhr er fort, als gar keine Antwort kam. »Nun, dann muss ich, wenn du wirklich bist, was ich erwarte, dich wohl selbst niesen machen. Eine Schlange kann nicht so niesen, ebenso wenig eine Eidechse. Du musst entweder ein Mann oder eine Frau oder ein Kind sein! Und wenn du das bist und hast gehört, was ich gesagt habe, dann, beim großen Accompong! Ist Dein Leben nicht so viel wert, als – Ha ha!«

Während dieser Worte hatte er sich dem Busch genähert, aus dem der niesenähnliche Ton hergekommen und der nur einige Schritte von dem Platz entfernt war, wo er stand. Er war dann etwas in das Gebüsch hineingetreten und durchforschte es genau mit seinen langen affenähnlichen Armen. Der letzte Ausruf wurde von ihm ausgestoßen, als er eine weibliche Gestalt in zusammengekauerter Stellung in dem Dunkel des Gebüschs antraf.

Sofort hatte er die Gestalt bei der Schulter und sie mit schnellem Griff in eine aufrechte Stellung gebracht.

»Cynty!«, rief der Myalmann verwundert aus, als das volle Mondlicht auf das Gesicht des Mädchens fiel.

»Ja, Chakra!«, schrie die Mulattin schon weinend und kreischend, noch ehe sie gesprochen hatte, »ich bin’s, ich bin’s!«

»Humm! Was machst du hier? Du hast gehorcht. Warum hast du gehorcht?«

»O Chakra! Es war nicht meine Absicht …«

»Wie lange bist du hier gewesen? Sag mir’s schnell!«

»O Chakra – ich kam …«

»Du warst schon hier, bevor wir auf die Lichtung kamen, ich brauche gar nicht zu fragen. Du konntest nachher hierher gar nicht kommen. So hast du alles gehört, was gesprochen worden ist? Du musst es gehört haben!«

»O Chakra, ich konnte es nicht ändern. Ich wäre ja gern fortgegangen …«

»Dann darfst du niemals wieder etwas anderes auf dieser Welt hören. Komm hierher! Da stell dich hin! Da darfst du nie wieder fortgehen! Humm!«

Diesen letzten Ausruf stieß er in so grimmiger Weise aus, dass er mehr wie das Wutgeheul und Zorngebrüll eines blutgierigen wilden Tieres als wie von einer menschlichen Stimme herrührend erklang. Zugleich mit diesem Ausruf streckte das Ungeheuer seine langen Arme aus und stürzte sich auf sein Opfer. Im nächsten Augenblick packte er den Hals der Mulattin, umspannte ihn mit den Fingern seiner riesigen Hand und hielt ihn fest umklammert mit der ganzen Kraft eines unbezwingbaren eisernen Halsringes.

Das arme, plötzlich und unerwartet überfallene Geschöpf, das sein schreckliches Schicksal gewiss keineswegs vollständig ahnte, vermochte einem solchen fürchterlichen und wilden Gegner nicht den geringsten Widerstand entgegenzusetzen. Es konnte selbst nicht einmal schreien.

»Chak-ra, lie-ber Chak-r-r-a!« waren die letzten tief aus ihrer Brust hervorgegurgelten, schon halb erstickten, noch einigermaßen vernehmbaren Töne.

Darauf folgte ein Todeswürgen, ein letztes Ächzen und Stöhnen, als die Finger in der lang angehaltenen Umspannung nachgaben. Das unglückliche Opfer fiel entseelt zwischen die Büsche.

»Da liegst du nun!«, sagte der Mörder, als er gewahrte, dass sein schreckliches Werk vollbracht war. »Da wirst du gewiss nichts ausplaudern! Jetzt aber zum Teufelsloch, und einen guten langen Schlaf um mich für morgen Nacht zu stärken. Humm!«

Mit diesem ihn in allen Entschließungen begleitenden Ausruf wandte der fürchterliche Koromantis sich kaltblütig von dem grausen, soeben von ihm selbst vollendeten Todesbild hinweg, zog die Zipfel des Tierhautmantels fester an und schritt aus der Lichtung mit ebenso viel Gemütsruhe hinweg, als dächte er über irgendeinen schwierigen und dunkel verbliebenen Gegenstand in der Sittenlehre des Obi nach.