Ausschreibung

Einsendeschluss 31.05.2021

Dark Empire

Story-Tipps

Danach kommt nichts

Archive
Folgt uns auch auf

Die Flusspiraten des Mississippi 17

die-flusspiraten-des-mississippiFriedrich Gerstäcker
Die Flusspiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

17. Doktor Monrove und Sander

Die beiden Ladys hatten sich jetzt zum Aufbruch gerüstet, ihre Pferde waren vorgeführt, und nur Sander fehlte noch, sie zur Stadt zurückzugeleiten. Obgleich dieser aber recht gut fühlte, wie man auf ihn allein warte, ja es sogar für ganz in der Ordnung fand, dass er die Damen, die er herausgeführt hatte, auch wieder zurück geleite, so konnte und wollte er doch aus den schon früher angegebenen Gründen den Platz jetzt unter keiner Bedingung verlassen. Eine Ausrede musste aber gefunden werden. Da ihn die in den Dornen zerrissenen Kleider nicht länger entschuldigen konnten, indem ihn Cook sehr bereitwillig mit einem von seinen eigenen Anzügen versah, so bat er Mrs. Danton um wenige Worte unter vier Augen. Hier erklärte er ihr, der Doktor Monrove sei ein verzweifelter Mensch, dem nur daran zu liegen scheine, die Leiche unter sein Skalpell zu bekommen. Er selbst aber habe Medizin studiert und fühle sich überzeugt, dass der unglückliche Verwundete durch sorgsame Behandlung noch gerettet werden könne. Verließe er ihn aber in diesem Augenblick, so sei er rettungslos verloren. Natürlich beschwor ihn Mrs. Dayton, wie er das auch vorausgesehen hatte, nicht von des Armen Seite zu weichen, und dankte ihm zugleich für die Teilnahme, die er für einen, wenn auch verbrecherischen, doch immer unglücklichen Menschen zeige. Sie selbst hätten den Weg schon mehrere Male allein zurückgelegt und hofften nur, ihn bald, und zwar mit recht guten Nachrichten, wieder bei sich zu sehen. Sander versprach das auch und bat nun Miss Adele, der Mrs. Dayton mit wenigen Worten den Stand der Dinge erklärte, ihm nicht wegen seines jetzigen Mangels an Aufmerksamkeit zu zürnen. Er hoffe aber, vielleicht schon heute Abend, den Verwundeten so weit versorgt zu sehen, dass dieser wenigstens seiner Hilfe entbehren könne, und er würde dann augenblicklich nach Helena zurückkommen, um die junge Dame der Freundin zuzuführen. Adele konnte natürlich hiergegen nichts einwenden. Alle kannten ja auch den Doktor Monrove und fürchteten den entsetzlichen Menschen, von dem das Gerücht vielleicht noch schrecklichere Sachen erzählte, als verbürgt waren. Missmutig aber bestieg sie heute ihr kleines Pony und sprengte – nach allerdings herzlichem Abschied von den beiden gutmütigen Frauen, und besonders gegen die alte Dame mit dem Versprechen recht baldiger Rückkehr – schweigend voran in den heimlichen Schatten des Waldes. Sie war verdrießlich – ärgerlich über sich selbst und über – sie wusste oder wollte nicht wissen, über wen noch sonst, und das kleine Tier, das sie trug, fühlte plötzlich so scharfen und ungewohnten Peitschenschlag, dass es erschreckt emporfuhr und dann in raschem Galopp den schmalen Pfad entlang flog. Mrs. Dayton konnte kaum Schritt mit dem Wildfang halten. Indessen saß Doktor Monrove neben dem Mulatten und beobachtete aufmerksam, wie es schien, mit wohlwollender Zufriedenheit die schmerzdurchzuckten Züge des Unglücklichen, während Sander am Kamin lehnte und ungeduldig seine Nägel kaute. Endlich schien der Mann des Blutes einen Entschluss gefasst zu haben. Er stand auf, ging an den Tisch und fing an, die kleinste der Sägen hier und da nachzufeilen. Cook, der eben in der Tür erschien, wandte sich schaudernd wieder ab und ging in den Wald, nur um das Gespräch nicht zu hören, das ihm durch Mark und Nieren drang. Sander vernahm kaum, was um ihn her vorging, so sehr war er mit seinen eigenen Plänen beschäftigt. Desto entsetzlicheren Eindruck machte es aber auf den armen Teufel von Mulatten, der in diesem Augenblick zum ersten Mal sein volles Bewusstsein wieder erlangt zu haben schien. Wenige Sekunden starrte er, von keinem der Männer beachtet, zu dem Doktor hinüber. Dann aber, als ob ihm eine Ahnung dessen, was ihn erwarte, dämmere, sank er stöhnend auf sein Lager zurück. Sander schaute sich rasch nach ihm um. Der Unglückliche hatte aber die Augen schon wieder geschlossen und lag starr und regungslos da.

»Hört einmal, Mr. Hawes«, brach der Doktor endlich das Schweigen, indem er sich, über seine Brille hinüberlächelnd, an Sander wandte, als ob ihm da eben bei seiner Beschäftigung etwas ungemein Komisches eingefallen sei. »Es ist doch eigentümlich, wie man manchmal in der Praxis – so alt und erfahren man auch sein mag – irgendeinen lächerlichen Schnitzer macht. Bei dem Sägeschärfen muss ich gerade wieder daran denken. Oben in … aber Ihr hört mir doch zu?«

»Doktor, was ist denn hier in dem Fläschchen?«, unterbrach ihn da Sander.

Der Doktor sah einige Sekunden scharf mit der Brille dorthin und rief dann: »Nehmen Sie sich in acht … ziehen Sie den Pfropfen ja nicht heraus … das ist Arsenik … und das gelbe Gläschen enthält Scheidewasser.«

»Und das hier mit dem blauen Papier und der darunter gebundenen Blase Verwahrte?«

»Ist Acidum zooticum oder Blausäure, das Gefährlichste von allem. Lassen Sie es lieber stehen. Ich habe nur das eine Fläschchen mit und es könnte Ihnen aus der Hand fallen und entzwei gehen.«

»Die Blausäure wirkt wohl als Gift am stärksten?«, sagte Sander, während er das Fläschchen sinnend in der Hand wog.

»Allerdings … ist ein fürchterliches Mittel, animalisches Leben zu zerstören«, erwiderte der Doktor. »Könnte Ihnen darüber auch zwei wunderbare Geschichten mitteilen. Ich habe nämlich schon zweimal Unglück, wirkliches Unglück mit Blausäure gehabt. Doch man schweigt lieber über solche Sachen. Es kommt nichts dabei heraus, und wenn es nachher weiter erzählt wird, machen es die Leute gewöhnlich viel schlimmer, als es eigentlich ist.« »Und dieses Gift tötet unfehlbar und schnell?«, fragte Sander noch einmal.

»Stellen Sie mir um Gottes willen das Glas hin«, rief der Doktor ängstlich und sprang von seinem Platz auf. »Sie richten wahrhaftig noch etwas an … das ist fürchterliches Gift und kann in den Händen des Laien zu entsetzlichen Folgen führen.«

Sander sah sich gezwungen, das Fläschchen wieder auf den Kaminsims zu stellen.

»So«, sagte jetzt Monrove , als er die Säge durch sein eines Brillenglas genau betrachtete. »Ein Mulattenbein habe ich mir lange gewünscht. Ich wollte schon einmal Daytons Burschen amputieren. Der Squire gab es aber nicht zu, und es war auch vielleicht gut … für den Jungen heißt das … denn die Natur half sich wieder.«

Er trat jetzt zu dem Bewusstlosen hin, legte die Instrumente neben diesen auf einen Stuhl und betrachtete ihn aufmerksam. »Ja, ja«, sagte er endlich, nachdem er den Puls des Verwundeten gefühlt und die Hand auf dessen Stirn gelegt hatte. »Er bessert sich, wie ich sehe, da werden wir also doch ans Amputieren gehen müssen.«

»Glauben Sie wirklich, dass er sich wieder erholt?«

»Ja, wahrscheinlich. Er atmet ganz regelmäßig und der Puls geht auch, allerdings noch fieberhaft, aber doch ruhiger als vorher. Wäre er mir gestorben, so hätte ich ihn lieber ganz mitgenommen, so aber werde ich ihn nur um ein Bein bitten. Dafür will ich ihm aber den Arm wieder ordentlich einrichten, und er wird deshalb seinem künftigen Herrn gewiss nicht weniger, vielleicht noch mehr wert sein. Es ist manchmal recht gut, wenn Schwarze zwei Arme zum Arbeiten und nur ein Bein zum Weglaufen haben. Alle Wetter, jetzt habe ich aber meine Schienen zu Hause gelassen. Ei nun, im Wald kann man sich da schon helfen. Der Hickory wird sich wohl noch schälen, und da hole ich mir ein paar Rindenstreifen. Bitte, Sir, bleiben Sie einen Augenblick bei dem Kranken hier. Ich gehe nur dort zu den nächsten Bäumen, um mir die passenden Stücke zu holen; bin gleich wieder da. Aber habe ich denn gar nichts, womit ich die Streifen abschälen könnte.«

Er wandte sich von dem Bett ab, irgendein Instrument zu suchen, und Sander griff fast konvulsivisch wieder nach dem Giftfläschchen, das er rasch in seiner Hand verbarg.

»Ah – dieser Tomahawk wird gut sein«, rief der kleine Mann, als er die in der Ecke liegende Waffe aufhob und damit zur Tür schritt. »Da drüben steht auch Mr. Cook, den werde ich Ihnen indessen herüberschicken.«

Sander löste rasch das Papier von der Viole ab und zog sein Messer, die Blase zu durchschneiden. Er durfte keinen Augenblick mehr verlieren, der nächste konnte schon entscheidend sein.

»Wasser!«, stöhnte da der Mulatte. Es war das erste Wort, das er seit seiner Verwundung sprach.

Sander aber zuckte mit wild gemurmeltem Fluch zusammen, denn in dem Moment fast, wo er Verrat für immer unmöglich gemacht hätte, drehte sich der Doktor, der jenen Ausruf vernommen, rasch wieder herum und kam eilenden Schrittes zurück. Auch Cook näherte sich dem Hause.

»Alle Wetter«, rief da Monrove, nachdem er einen flüchtigen Blick auf den Kranken geworfen hatte. »Völlig bewusster Zustand … klare Augen … freies Atmen … und unbezweifelt rückkehrende Lebenskräfte. Ich bekomme wahrhaftig nur das Bein. Mr. Hawes, wir werden augenblicklich zur Operation schreiten müssen.«

»Wasser!«, stöhnte der Unglückliche. »Ich verbrenne … ich will ja alles … alles bekennen … nur … Wasser … Wasser!«

Der Doktor, so eifrig er auch seine eigenen Zwecke im Auge haben mochte, begriff doch, dass es sich hier um etwas handle, was für die Farmer von besonderer Wichtigkeit sein musste. Er stützte also den Kopf des Verwundeten, was diesem jedoch einen lauten Schmerzensschrei auspresste, und hielt ihm dann einen neben dem Bett stehenden Blechbecher an die lechzenden Lippen. Sander schlug, die Zähne vor machtlosem Ingrimm zusammenknirschend, das kleine Fläschchen rasch wieder in seine Papierhülle ein, die Blase war aber schon durch den darangesetzten Stahl verletzt worden, und ein Bittermandelgeruch erfüllte das Haus.

»Blausäure!«, rief der Doktor und wandte sich, während er jedoch den Kranken noch nicht aus dem Arm lassen konnte, halb gegen Sander um. »Blausäure, so wahr ich gesund bin! Alle Wetter, Sir, Sie werden mir mit dem Glas so lange gespielt haben, bis es zerbrochen ist. Es riecht hier ganz danach. Mr. Cook, es ist gut, dass Sie kommen. Hier, der Bursche da scheint noch etwas auf dem Herzen zu haben. Lassen Sie ihn erst einmal beichten, und dann wollen wir sehen, was die Wissenschaft für ihn tun kann.«

»Lebt er? Hat er gesprochen?«, rief Cook und trat schnell zum Bett. »Wie geht es ihm?« »Schlecht, Sir!«, flüsterte der arme Teufel, »schlecht … sehr schlecht … mein Kopf … oh mein Kopf!«

»Ja, die Wunde ist bös,« bestätigte der Doktor. »Hirnschale hier oben auf jeden Fall sehr bedeutend verletzt … Knochenhaut getrennt und Gehirn bloßgelegt. Mulatten haben zwar höchst anerkennenswert harte Schädel … das Instrument aber, mit dem der Schlag geführt wurde, muss ein tödliches gewesen sein. Bitte beeilen Sie sich nur mit den Fragen, ich möchte gern noch imstande sein, den Mann zu trepanieren. Man hat überhaupt viel zu wenig Erfahrung, wie lange ein Mensch imstande ist, bei bewusstem Zustand den Gebrauch der Säge an der Hirnschale auszuhalten.«

»Massa Cook«, sagte der Mulatte und streckte langsam die Hand nach dem jungen Farmer aus, »ich kenne Sie noch von früher her. Sie sind gut … wollen Sie mir … wenn ich alles bekenne, etwas Gutes tun?«

»Sprich, Dan«, sagte Cook mitleidig und reichte ihm noch einmal den Becher hinüber, da er merkte, dass seine Augen schon wieder matt und glanzlos wurden. »Wenn du aufrichtig alles bekennst, so soll dir weiter nichts geschehen, darauf gebe ich dir mein Ehrenwort. Du hast Strafe genug in diesen Wunden gelitten.«

»Und jener Mann«, stöhnte der Mulatte, denn der Doktor war in ganz Arkansas berüchtigt, und er kannte und fürchtete ihn noch von früher her. »der Leichendoktor … soll mich … soll mich nicht haben und … zerschneiden?«

»Unsinn … Leichendoktor … zerschneiden«, rief der Doktor und richtete sich unwillig auf. »Zwischen Löschpapier kann ich ihn natürlich nicht trocknen.«

»Er soll dir nichts tun, Dan. Ich habe dir mein Wort gegeben. Weder Messer noch Säge darf er an dich legen. Aber du musst auch aufrichtig bekennen, was du weißt.«

»Mr. Cook«, sagte Monrove, indem er sich schnell an den jungen Farmer wandte. »Sie geben da ein höchst unüberlegtes Versprechen, ein Versprechen, was Sie unmöglich werden halten können, wenn Sie nicht die Wissenschaft mit ihren segensreichen Folgen gänzlich hintenansetzen wollen. Ich glaube überdies gar nicht, dass dieses Leben wird erhalten werden können, wenn es ihm nicht gerade meine Säge erhält.«

»Dann will ich sterben«, stöhnte der Mulatte und sank für den Augenblick wieder bewusstlos zurück.

»Doktor!«, sagte Cook, als er den Mulatten eine Weile beobachtet und gesehen hatte, dass er wahrscheinlich kurze Zeit der Ruhe bedürfe, ehe er wieder imstande sein würde, irgendeine an ihn gerichtete Frage zu beantworten. »Ich will einmal hinübergehen und die Frauen fragen, was wir mit dem armen Teufel am besten anfangen, denn Pflege muss er doch haben. Ich bin gleich wieder hier, aber … tut mir den Gefallen und redet, wenn er früher wieder zu sich kommen sollte, als ich zurück bin, nicht mit ihm von den grässlichen Dingen, wie Ihr das gewöhnlich tut … nicht wahr, Ihr vergesst das nicht? Einem Gesunden gerinnt ja schon das Blut in den Adern, wenn er solche Sachen nur erwähnen hört, wie viel mehr also einem Unglücklichen, dem das alles versprochen wird.« Und damit verließ er rasch das Haus, während ihm der Doktor, sehr eifrig und ungeduldig dabei mit seinem langen goldenen Petschaft spielend, ärgerlich nachsah.

»Hm … ja … hm!«, sagte er und nahm aus seiner kleinen silbernen Dose eine entsetzliche Prise. »Hm … das ist nicht recht … das fehlte auch noch, dass sich solche Holzköpfe um die Wissenschaft bekümmerten. Soll nicht einmal davon reden … soll weder Messer noch Säge, wie sich dieser Barbar ausdrückt, an den schwarzen Kadaver legen dürfen. Ich möchte nur um Gottes willen wissen, wozu er sonst noch gut wäre?«

Sander hatte die ganze Verhandlung in wirklich peinlicher Ungeduld mit angehört. Was aber konnte er machen? Einen Schritt tun, der auf ihn selbst den Verdacht lenkte, und dann fliehen? Er hatte erst an diesem Morgen gesehen, wie die Hinterwäldler einer Spur folgten. Überdies war es ja noch nicht einmal bestimmt, ob der Mulatte um die Existenz der Insel wirklich wisse, und unnütz eine solche Gefahr zu laufen, wäre mehr als töricht gewesen. Da brachten ihn des Farmers letzte Worte und des Doktors Unwillen darüber auf einen neuen Gedanken. Vielleicht konnte dieser gewonnen werden, ihm beizustehen, wenn er seine Liebhaberei mit zu Hilfe rief. Nach kurzem Überlegen sagte er, indem er sich an den grimmig auf- und ablaufenden kleinen Mann wandte.

»Doktor Monrove, ich würde mich nicht über einen Menschen wundern, der weder von Arznei noch Wissenschaft einen weiteren Begriff hat, als dass Indianphysik auf die eine und Rizinusöl auf die andere Art wirkt. Was hält uns denn ab, doch zu tun, was wir wollen?«

»Was uns abhält?«, rief der Doktor unwillig, indem er stehen blieb und dem Ratgeber ins Antlitz sah. »Was uns abhält? Haben Sie gesehen, was der Mensch für Fäuste hat? Ließe sich mit Gewalt dagegen etwas ausrichten?«

»Nein«, sagte Sander lächelnd, »aber mit List – wenn man da überhaupt wirkliche List anzuwenden hat, wo es nur gilt, einem solchen mit der Axt zugehauenen Verstand zu begegnen.«

»Aber wie?«, fragte der Doktor und warf einen scheuen Seitenblick auf den Verwundeten. »Er verweigert Ihnen, Hand oder vielmehr Instrument an den Lebenden zu legen«, sagte Sander.

»Ja …«

»Gut, wenn der Mann nun stürbe.«

»Aber er stirbt ja nicht«, lamentierte der Doktor. »Solche Mulatten haben Katzenleben, und an einer Hirnwunde ist, glaube ich, noch nicht ein Einziger draufgegangen. Zähe Naturen sind es, denen das Leben nur im Magen sitzt.«

»Gut – was hindert Sie dann, es auch dort anzugreifen?«, fragte ihn Sander lauernd.

»Was mich hindert? Wie verstehen Sie das?«

»Ei nun, die Sache ist einfach genug. Wozu führen Sie diese Gifte bei sich?«

»Doch nicht um Menschen zu vergiften, Sir!«, rief der kleine Doktor erschreckt aus. Allerdings war es bei ihm zur Leidenschaft geworden, menschliche Glieder zu sezieren und sich in eine Wissenschaft hineinzuarbeiten, wie er es selber nannte, von der er kaum imstande gewesen wäre, oberflächliche Kenntnis zu erwerben. In der Ausübung derselben hielt er denn auch alles für vollkommen gerechtfertigt, was einem ihm einmal unter die Hände gefallenem Opfer zustieß. Nie aber hätte er es so weit getrieben, wirklichen Mord zu begehen, um eben dieser Leidenschaft zu frönen. Ja, der Gedanke war vielleicht noch nicht einmal in ihm aufgestiegen, denn er starrte den jungen Verbrecher mehrere Sekunden lang ganz erstaunt und bestürzt an.

Dieser aber, der einsah, dass er vielleicht gleich beim ersten Anlauf ein wenig zu weit gegangen sei, lenkte rasch wieder ein und sagte: »Verstehen Sie mich nicht unrecht, Sir. Nicht tödliches Gift würde ich dem Burschen geben, nur irgendeinen unschädlichen, aber doch dahin wirkenden Trank, dass er in einer Art Starrkrampf liegen bliebe, wo Sie dann nicht allein imstande sein würden, ihn mit fortzunehmen, da die unwissenden Farmer das sicherlich für den Tod selbst hielten, sondern ihn auch – ein Sieg der wirklichen Kunst – wieder herzustellen.«

»Hm, so … ja so … auf die Art meinten Sie das? … hm ja, das wäre vielleicht eher möglich. Da könnte man zum Beispiel …«

Seine Rede wurde hier durch Cook kurz abgeschnitten, der in diesem Augenblick mit einem großen Blechbecher irgendeines kühlenden, von Mrs. Lively selbst bereiteten Getränks in der Tür erschien und ohne weitere Umstände zum Lager des Kranken schritt.

»Dan«, sagte er. »Dan – wie geht dir’s?«

»Besser!«, flüsterte der arme Teufel nach kleiner Pause, während er die Augen aufschlug und einen leisen Dank murmelte, als ihm Cook den Becher an die Lippen hielt. »Massa Cook, Ihr seid gut«, sagte er dann, während er mit einem tiefen Seufzer wieder zurücksank. »Recht gut … aber … lasst die beiden Männer einmal hinausgehen … will Euch … will Euch wichtige Nachricht mitteilen.«

»Die beiden Herren da, Dan? Ei die mögen dableiben,« meinte Cook. »Es ist doch kein Geheimnis, was mich allein betrifft?«

»Nein«, stöhnte Dan, und man sah es ihm an, wie schwer ihm das Reden wurde. »Nein … nicht allein … geht alle an in Arkansas … viel böse Buckras … will’s Euch aber allein sagen.«

Cook bat nun die beiden Männer, das Zimmer einen Augenblick zu verlassen. Sander natürlich suchte alle möglichen Entschuldigungen vor, nur wenigstens in der Nähe zu bleiben. Cook aber, da der Mulatte unter keiner anderen Bedingung reden wollte, bestand fest darauf, und er musste sich zuletzt fügen. Cook und Dan hatten nun eine gar lange und heimliche Konferenz miteinander, bei der selbst der Pflock innen vor die Tür geschoben war, um auch die geringste Störung zu vermeiden. Erst als Dan wieder, vom vielen Reden erschöpft, ohnmächtig wurde, oder doch in eine Art bewusstlosen Zustand verfiel, rief der junge Farmer die beiden Frauen herüber, die sich erboten hatten, die Wunden zu versorgen, und besprach sich nun, während es sich der Doktor nicht nehmen ließ, wenigstens gleichfalls hilfreiche Hand anzulegen, mit dem vermeintlichen Mr. Hawes über das, was er eben von des Mulatten Lippen gehört hatte. Dieser nämlich, obgleich er recht gut das Bestehen der Insel kannte, da Atkins schon sehr viele Pferde dorthin besorgt und ihn selbst einmal bis zum Stromufer mitgeschickt hatte, war doch nicht imstande, die Lage derselben genau anzugeben, ja wusste nicht einmal bestimmt, ob sie dicht über Helena oder weiter abwärts liege, wenn er sie auch in der Nähe dieser Stadt vermutete. So viel aber sagte er als gewiss aus, dass sich die Bewohner derselben fürchterlicher Verbrechen schuldig gemacht hätten. Cook wollte jetzt nur noch die Rückkehr der Freunde abwarten, um augenblicklich die entscheidenden Schritte zu tun. Diese nämlich sollten nicht allein dahin gehen, jenes Raubnest aufzuheben, sondern auch die Verbrecher selbst zu überraschen und sie den Arm strafender Gerechtigkeit fühlen zu lassen. Früher hatte er schon gehört, dass Sander mit dem Mississippi ziemlich vertraut sei, und verlangte nun zu hören, wie dieser wohl glaube, dass man der gesetzlosen Bande am besten, und zwar so beikommen könne, um besonders die Flucht derselben zu verhindern. Sander schaute lange und sinnend vor sich nieder. Seine schlimmsten Befürchtungen waren eingetroffen. Ihrer aller Leben war bedroht, ihr Schlupfwinkel verraten. Er selbst stand machtlos da, konnte den Verräter nicht züchtigen, ja wusste im ersten wirren Augenblick selbst weder Rat noch hat, diesem fürchterlichen Schlag zu begegnen. In seinem ersten Schreck suchte er denn auch, ehe er imstande war, irgendeinen anderen Plan zu fassen, die Sache geradehin als unglaublich und unwahrscheinlich aufzustellen, und meinte, der Mulatte habe allem Anschein nach solch tolle, wahnsinnige Schreckbilder nur erfunden, um sein eigenes Leben zu retten, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen. Davon wollte Cook aber nichts wissen. Erst als jener fand, dass er ihn auf keinen Fall dazu bringen würde, des Mulatten Aussage zu missachten, beschloss er nach einem anderen, nach dem letzten Plan hinzuarbeiten. Cook war allerdings jetzt noch der einzige Mensch, der um das Geheimnis wusste. Wäre er allein mit ihm im Wald gewesen, wer weiß, ob er da nicht versucht hätte, sein Leben zu nehmen. Hier aber wäre das für ihn mit zu großer persönlicher Gefahr verknüpft gewesen. Überdies genügte es ihm ja, die Entdeckung der Insel nur noch zwei Tage hinauszuschieben. Bis dahin behielt er vollkommen Zeit, seine Freunde zu warnen. Die Beute konnte dann rasch verteilt, und alle konnten in Sicherheit sein, ehe die schwerfälligen Waldleute imstande waren, einen Schlag gegen sie zu führen.

»Gut, Sir«, sagte er nach langem ernsten Nachdenken zu dem Farmer, »wenn Sie denn wirklich glauben, dass jener Bursche die Wahrheit gesagt hat, und gesonnen sind, eine Bande, wie er sie beschreibt, aufzuheben, so dürfen Sie das auch als kein Kinderspiel betrachten, denn solche Burschen, wenn sie wirklich existieren, würden, da ihr alles auf dem Spiel steht, auch wie Verzweifelte kämpfen. Fallen Sie also nicht mit der gehörigen Macht über sie her, so geben Sie ihnen nur eine Warnung und finden später das Nest leer, denn dazu kenne ich den Mississippi und seine Ufer zu genau – und Sie vielleicht auch – um Ihnen nicht die feste Versicherung geben zu können, dass an eine Verfolgung darauf nicht zu denken ist. Wollen Sie also das, was Sie tun, auch mit Erfolg tun, so bereden Sie die Sache heute Abend mit Ihren Freunden, benachrichtigen dann morgen Ihre Nachbarn und kommen morgen Abend oder Sonntag früh nach Helena. Ich selbst will augenblicklich nach Helena zurück, dort den Richter davon in Kenntnis setzen und dann nach Sinkville hinüberfahren, um dort ebenfalls alles an waffenfähigen Leuten aufzubieten. Sonntag Nachmittag spätestens bin ich wieder in Helena, und dann müssen wir noch am selben Abend den Schlag ausführen, da wir keine lange Zeit darüber versäumen dürfen.«

Dies alles leuchtete dem jungen Farmer, der Sander natürlich nicht selbst in Verdacht haben konnte, vollkommen ein. Früher, das wusste er selber, war es auch kaum möglich, die nötigen Kräfte zusammenzubringen. Er versprach also, bis längstens am Sonntagmorgen wohlbewaffnet mit allen Nachbarn in Helena einzutreffen.

Sander, dem jetzt natürlich nur daran liegen musste, die Freunde so schnell wie möglich von der ihnen drohenden Gefahr in Kenntnis zu setzen, erklärte, keinen Augenblick länger verlieren zu wollen, um die nötigen Schritte noch vor der zum Aufbruch bestimmten Zeit in Sinkville zu tun. Rasch holte er sein Pferd, das er selbst aufzäumte und sattelte, und sprengte bald darauf, dem Tier vollkommen die Zügel lassend, in wildem Galopp die Straße nach Helena entlang.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.