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Die Gespenster – Erster Teil – Erste Erzählung

Die-GespensterDie Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Erster Teil
Erste Erzählung

Von einem Gespenst, das eine nicht bloß verschlossene, sondern innen auch verriegelte Tür von außen öffnete und einen erklärten Gespensterleugner in Erstaunen setzte1

Pope, ein der gelehrten Welt ehrenvoll bekannter Engländer, pflegte alljährlich eine Zeit lang die Stadt zu verlassen, um ein paar Monate hindurch auf einem angenehmen Landgut der stilleren Freuden des Landlebens zu genießen. Als ein nach Grundsätzen moralisch guter Mann war er Menschenfreund im ganzen Sinne des Wortes. Nur eine Schwachheit – wenn sie anders diesen Namen verdient – hing ihm an: Er konnte durchaus kein abergläubisches Gesinde um sich leiden und war imstande, einen Diener, der sich in jeder anderen Hinsicht seine höchste Zufriedenheit erworben hatte, doch auf der Stelle seiner Dienste zu entlassen, wenn er an demselben irgendetwas von Aberglauben, zum Beispiel Furcht vor Gespenstern, bemerkte.

Indessen war Pope ein viel zu sehr ehrlicher Mann, als dass er ein Geheimnis aus dieser seiner Eigenheit hätte machen sollen. Er nahm nur solches Gesinde in seine Dienste, welches ihm die Versicherung gab, es sei, zum Beispiel in Absicht der vermeintlichen Gespenster, nicht furchtsam und graulich. Zum Überfluss nahm er sich dann noch alle Mühe, die Köpfe der Neugemieteten über diesen Punkt möglichst zu erhellen und jeden etwa noch anhaftenden Rest von Vorurteilen der Art in ihnen zu vertilgen.

»Ihr müsst wissen«, pflegte er wohl zu sagen, »dass ich im Grunde nichts weiter von Euch verlange, als dass Ihr gute Christen sein mögt. Ihr würdet aber Gotteslästerer und nicht Christen sein, wenn Ihr der Furcht vor Gespenstern in Euren Herzen mehr Raum geben wolltet, als dem Vertrauen auf Gott, dem Schöpfer und Herrn aller Geister. Hat man Euch in der Jugend verkehrt erzogen und vielleicht in der Furcht vor Gespenstern aufwachsen lassen, so könnt Ihr sie freilich nicht mit einem Mal gänzlich ablegen. Allein nach und nach muss es Euch gelingen, wenn anders es Euch selbst nur ein Ernst damit ist. Solange Ihr in meinem Dienst seid, mache ich Euch diese Bemühung recht eigentlich zur Pflicht. Wer mir aber darin nicht zu Willen lebt, der beklage sich nicht über Härte, wenn ich ihn meines Dienstes entlasse. Denn ich denke, wem es durchaus nicht gelingen will, seinem Vertrauen auf Gott eine größere Stärke zu geben, als seiner Furcht vor dem Teufel und dessen Handlangern, der muss ein böses Gewissen haben. Und dergleichen Leute sind nicht für mich.«

So schwatzte Pope oft mit seinen Leuten über den Aberglauben seiner Zeit. Mit großer Geduld widerlegte er alle ihre kleinen Einwendungen und Bedenklichkeiten und ruhte nicht eher, bis er seine guten Absichten in diesem Punkt vollkommen erreicht zu haben glaubte.

Aber, man bedenke! Eben diesen Gelehrten (der von dem eitlen Wahn des Glaubens an Erscheinungen böser Geister und von der schädlichen Torheit der Gespensterfurcht selbst so fest überzeugt war, und auch andere so gern davon überzeugte) hatte einst eine nächtliche Erscheinung, die ihm selbst das größte Erstaunen abnötigte, in seiner bisherigen Meinung von übernatürlichen Geisterwirkungen fast irregemacht.

Er war nach vierjähriger Gewohnheit eines Jahres wieder aufs Land gezogen. Die Reise hatte ihn ermüdet, und er legte sich den ersten Abend ungewöhnlich früh zu Bett, nachdem er zuvor wie immer alle Zugänge seines Schlafgemachs, das zugleich auch sein Studierzimmer war, von innen fest verriegelt hatte. Ungefähr um Mitternacht wurde er durch ein leises, bescheidenes Anklopfen an die Stubentür geweckt. Er richtete sich, ein wenig unwillig über diese nächtliche Störung, im Bett auf und rief »Herein!«, ohne im ersten Augenblick des Erwachens daran zu denken, dass man bei verriegelten Türen nicht hereinkommen könne. Allein was geschah? Der Klopfende öffnete dennoch ohne gewaltsame Anstrengung die Tür, als wäre sie weder verschlossen noch verriegelt, und trat leise ins Zimmer.

Pope erblickte einen wohlgebildeten, ernsthaften Mann, in spanischer Tracht gekleidet, der ein auf dem Tisch liegendes, aufgeschlagenes Buch ergriff, den Titel desselben las, und, dem Schein nach in Verwunderung darüber geriet. Aber unendlich mehr wunderte sich Pope darüber, diesen Unbekannten zu einer so ungewöhnlichen Zeit, und, was das Merkwürdigste war, durch eine verriegelte Tür zu sich hereintreten zu sehen. Er fragte den Spanier, was denn so eigentlich in dieser mitternächtlichen Stunde zu seinen Diensten stünde. Dieser sah hierauf den Fragenden eine Weile mit großen Augen an, schüttelte bedeutend den Kopf, öffnete die Glastür eines Bücherschrankes, blätterte in mehreren Büchern und stellte jedes derselben zwar wieder an seinen gehörigen Ort, aber alle so, dass der Rückentitel unten zu stehen kam. Was er damit sagen wollte, konnte Pope so wenig begreifen wie die ganze übrige Erscheinung dieses Sonderlings. Er sprang endlich aus dem Bett, warf sich in den Schlafrock, zündete an der brennenden Nachtlampe noch zwei Lichter an, klingelte seinem Diener, ergriff eine geladene Pistole und ging damit beherzt auf den ungebetenen Gast zu, den er entschlossen anredete.

»Herr! Ich will wissen, wer Sie sind, wie Sie durch verriegelte Türen hierher kommen und was die Absicht Ihres zudringlichen Besuches ist.«

Der unbefangene Spanier lächelte etwas spöttisch, indem er auf die gespannte, auf ihn gerichtete Pistole blickte, sah dann Pope wieder bedeutend an, zuckte die Achseln und legte zwei Finger über den Mund.

Da Pope nie an die Möglichkeit des Spukens geglaubt hatte, so fiel es ihm auch nicht einmal ein, diese Erscheinung für etwas anderes als einen wirklichen Menschen zu halten. Vielmehr verdross es ihn, seine Waffe so verachtet und belächelt zu sehen, und zwar, um so mehr, je weniger es dem Menschenfreund mit dem Totschießen ernst gewesen war.

Indessen glaubte Pope doch noch einen Versuch machen zu müssen, seiner anscheinenden Drohung Autorität zu verschaffen, und dem eigensinnigen Stummen eine unwillkürliche Auflösung des Rätsels abzunötigen, zumal da der geklingelte Bediente noch immer nicht kam.

»Herr! …«, rief er dem Spanier in einem ernsten und festen Ton zu. »Kein spöttisches Lächeln! Ich bin Herr im Haus. Als solcher erwarte ich eine Antwort oder ich schieße Sie über den Haufen.«

Ohne eine Miene zu verziehen, schlug der noch immer Stumme seinen spanischen Mantel zurück und gab der angedrohten Kugel seine entblößte Brust preis. Da kein Schuss erfolgte, wandte er sich wieder zu den Büchern und blätterte in einigen derselben ruhig fort.

Jetzt erst geriet Pope recht eigentlich in Verlegenheit. Aber seine Verwunderung über das unbegreifliche Benehmen dieses Mannes war nicht weniger groß. Er wagte es nicht ferner, leere Drohungen an ihn zu verschwenden. Und doch fehlte es ihm an jedem anderen Mittel, hinter das Geheimnis zu kommen. Um seine Verlegenheit einigermaßen zu verbergen, beleuchtete er den Spanier von hinten und von vorn, fasste ihn scharf ins Auge, betastete den seidenen Talar und dann auch sogar die Hand des Fremden. Dieser ließ das alles geduldig mit sich vornehmen und beendete endlich die Szene dadurch, dass er den Bücherschrank verschloss, den abgezogenen Schlüssel mit einer kleinen Verbeugung in Popes Hände legte und dann gravitätisch zur Stube hinausging.

Endlich kam Gustav, Popes sehnlich erwarteter Kammerdiener, der sich, wie er sagte, im ersten Schlaf nicht so geschwind hatte ermuntern und ins Zeug werfen können, da ihn die Klingel seines Herrn zu einer so ungewöhnlichen Zeit gerufen habe.

»Hast du den Spanier gesehen?«, fragte Pope eilig.

»Er ist mir soeben auf der Treppe begegnet. Es schien, als käme er von Ihnen.«

»Allerdings! Aber was hat der Mann um Mitternacht bei mir zu suchen? Wie kommst du dazu, diesen fremden Menschen so ganz zur Unzeit ins Haus und unangemeldet in mein Schlafzimmer zu lassen?«

Gustav, der seinen Herrn noch nie belogen hatte, versicherte mit seiner grundehrlichen Miene, er sei ganz unschuldig an diesem Besuch, habe den Gast nicht ins Haus gelassen, die Haustür vielmehr fest verschlossen und bis zu dem Augenblick, wo ihn die Klingel erweckt hatte, geschlafen.

»Endlich«, setzte er freimütig hinzu, »endlich hat also dieses gutartige Gespenst auch Sie einmal besucht. Ich gestehe aufrichtig, dass mir das lieb ist. Denn hoffentlich wird es auch Ihnen nichts Böses zugefügt haben. Wir – Ihre sämtliche Dienerschaft – sahen diese mitternächtliche, unbegreifliche Erscheinung in spanischer Tracht seit mehreren Jahren schon sehr oft in Ihrem Landhaus umherwandern. Aber noch nie hat sie uns etwas zuleide getan, den Schrecken abgerechnet, den uns der unvermutete Anblick derselben, besonders anfangs, zuweilen verursachte. Allein jetzt sind wir durch die lange Übung und in jenem festen Vertrauen auf Gott, welches wir Ihnen verdanken, so an den stillen Mann – so nennen wir ihn immer – gewöhnt, dass wir seiner nur wenig achten. Auch geht er uns, gutmütig und bescheiden, aus dem Weg, wenn wir ihn zuweilen merken lassen, dass er uns nervt. Sie sagten uns oft ›… und gesetzt auch, es gäbe Gespenster, so würden sie doch keine Macht haben, uns zu schaden.‹ Wirklich haben wir diese Versicherung an dem Spanier vollkommen wahr gefunden.«

Pope konnte sein Erstaunen über diese Aussage nicht verbergen und fragte, warum man ihm nicht schon längst das Dasein dieses Gespenstes im Haus mitgeteilt habe.

»Wir fürchteten den Abschied«, bekam er zur Antwort, »und fühlen uns in Ihrem Dienst viel zu glücklich, als dass wir uns der Gefahr hätten aussetzen sollen, plötzlich entlassen zu werden. Zuweilen wurde es uns auch wahrscheinlich, dass vielleicht dieses Ihnen wohlbekannte Hausgespenst eben die Ursache sei, warum Sie jeden neuen Diener gleich beim Antritt seiner Dienste so ernstlich zu ermahnen pflegen, sich vor keinem Gespenst zu fürchten.«

Pope stand nachdenkend da, ohne zu wissen, was er antworten sollte. Einen Augenblick war er geneigt, ein Komplott zu ahnden, das seine Leute vielleicht wider ihn gemacht hätten, um seinen Gespensterunglauben ein wenig in die Enge zu treiben. Allein in der nämlichen Minute bat er, in Gedanken, seinen guten treuen Gustav wegen dieses Argwohns auch schon wieder um Vergebung. Und wirklich hatte er keine begründete Ursache, seiner durchaus erprobten und ihm höchst ergebenen Dienerschaft einen so groben, beleidigenden Betrug zuzutrauen. Er fühlte indessen, dass er in diesem Augenblick eine klägliche Rolle vor seinem Diener spielen möchte. Gustav fing an, Mitleid mit seinem philosophischen Herrn zu haben, und redete ihm zu, sich nur ganz ruhig und ohne Furcht wieder zu Bett zu legen, weil der Spanier wirklich keinem Menschen etwas zuleide zufüge, ohnehin auch in ein und derselben Nacht nie zweimal zu erscheinen pflege.

Wirklich schien es, als ob dieser Umstand Pope nicht ganz unlieb sei. Er legte sich, voller Scham über sich selbst und verdrießlich über den ganzen Vorfall, wieder aufs Bett, befahl dem Diener, bei ihm zu bleiben, dachte über die Sache noch eine Weile nach und schlief darüber endlich wieder ein.

Des Morgens beim Erwachen vermisste er seinen Gustav im Zimmer, ungeachtet er ihm befohlen hatte, bei ihm zu bleiben. Er klingelte. Gustav erschien außerhalb der Stubentür und klopfte an, damit ihm sein Herr die von innen noch immer wohl verriegelte Tür öffnen möchte.

Pope stutzte gewaltig, da er den Riegel noch so vorfand, wie er ihn abends beim Zubettgehen vorgeschoben hatte. Kaum hatte er seinen Diener hereingelassen, so bestürmte er ihn mit einer Menge Fragen, deren keine beantwortet wurde.

»Warum hast du, wider meinen Befehl, das Zimmer verlassen? Wie bist du hinausgekommen, da doch die Tür noch von innen verriegelt war? Stehst du etwa in einem verräterischen Bündnis mit dem Hexenmeister, dem Spanier?«

Gustav verstand von allem kein Wort und schaute seinen Herrn mit offenem Mund und großen Augen an. Es währte lange, ehe man sich einander verstehen lernte. Der Bücherschrank, in welchem er die vom Spanier verkehrt hingestellten Bücher so ordentlich wie alle übrigen stehen sah, brachten ihn zuerst auf die Spur, auf die richtige Vermutung, dass die ganze Geschichte mit dem Spanier nichts weiter als die Gaukeleien eines lebhaften Traumes gewesen sein mochten. Wirklich bestätigte alles die Auflösung dieses großen Rätsels. Gustav war die ganze Nacht nicht aus seinem Bett gekommen, hatte seinen Herrn um Mitternacht weder gesehen noch gesprochen, und er, für seine Person, wusste so wenig wie das übrige Hausgesinde nur das Geringste von einem spukenden Spanier, der sich im Haus sehen lasse. Wenn er sich auch nicht erboten hätte, die Wahrheit seiner Aussage mit einem förmlichen Eid zu erhärten, so würde schon seine längst geprüfte Ehrlichkeit und Treue Pope vollkommen überzeugt haben, dass dieses Mal bloß seine lebhafte Einbildungskraft im Traum ihn so irregeleitet, und zum Besten gehabt habe.

Ich enthalte mich, meinen Lesern vorzugreifen und einige höchst lehrreiche Folgerungen aus dieser merkwürdigen Gespenstergeschichte herzuleiten. Wer sehen kann und will, dem springen sie von selbst in die Augen. Nur eines bemerke ich schließend noch: Gesetzt auch, es hätten sich nicht unverkennbare, völlig überzeugende Spuren gefunden, welche die Wirklichkeit eines bloßen Fantasiespiels außer allen Zweifel setzten, so würde sich Pope doch sehr übereilt haben, wenn er dann eine Erscheinung, die durch verriegelte Türen dringe, für wirklich übernatürlich hätte halten wollen. Es kann einigen meiner Leser nicht unbekannt sein, dass es pflichtvergessene Schlösser gibt, welche für einen, innerhalb eines Schlosses angebrachten, mit einem Häkchen versehenen Riegel, eigene Riegelschlüssel anfertigen, mittelst welcher man den inneren Riegel auch von außen nach Belieben vor- und wieder zurückschieben kann.

Show 1 footnote

  1. Nach der mündlichen Erzählung des preußischen Geheimen Kriegsrats Tismar zu Berlin

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