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Das Skelett

Die-Geister-Zweites-BuchChristoph Wilhelm Meißner
Die Geister
Zweiter Band
Berlin 1805, bei Oehmigke jun., überarbeitet 2016

Das Skelett

An einem schönen Sommerabend saßen vor mehr als dreihundert Jahren einige Einwohner des Dorfes L. unter der großen Linde des Ortes, wo vor Zeiten eine berühmte Veste gleichen Namens stand, tranken mit einer rechten Seelenruhe ihr selbst gebrautes Bier, und scherzten, bis die Glocke elf schlug, von Erscheinungen und Gespenstern. Alle behaupteten die Existenz derselben und lieferten hierzu Belegen, teils aus ihrem eigenen Leben und aus selbst gemachten Erfahrungen, teils aus den Erzählungen anderer.

Nur einer unter ihnen, ein junger, rascher Kerl, der einige Jahre als Knecht in der nahen Stadt gedient, und dort, wie die ehrlichen Bauern sagten, seine christlichen Grundsätze mit freigeistlischen Meinungen vertauscht hatte, spottete über die Märchen seiner Kameraden und beteuerte keck, dass Geister und Kobolde weiter nichts als eine Erfindung der Mönche oder alten Weiber wären.

»Wenn du denn so gar viel Mut hast«, nahm Michel das Wort, »so gib uns jetzt einen Beweis davon. In der Halle der herrschaftlichen Gruft steht, wie du weißt, das Totengerippe eines alten Ritters. Geh und hole dasselbe! Tust du das, so will ich dich nicht nur für den Herzhaftesten im ganzen Dorf halten, sondern dir noch obendrein einen Taler schenken!«

Der Freigeist fing an zu wanken, machte diese und jene Entschuldigung und gestand zuletzt, dass er sich zwar vor nichts fürchte, auch an keine Gespenster glaube, er dennoch mit dem Skelett nicht freveln wolle.

»Gebt den Taler her, ich hol es«, rief des Wirts Magd, die gerade eine volle Kanne brachte, ein großes, vierstämmiges Weibsbild, der das Feuer aus den Augen brannte, und die es mit dem Bösen selbst aufzunehmen schien.

Die Bauern staunten über diese Kühnheit, schüttelten die Köpfe und prophezeiten nichts Gutes, versprachen aber hoch den Taler zu zahlen, wenn sie Wort halte.

Käthe – so hieß sie – sprang fort und setzte in wenig Minuten das Skelett an den Tisch der erschrockenen Bauern.

Alle zitterten. Der Freigeist am meisten! – Er versprach in der Angst der Magd einen zweiten Taler, wenn sie den Knochenmann geschwind wieder hinweg trüge.

Die muntere Dirne nahm das Geld, hockte lachenden Mutes das Skelett auf und lief damit zur Halle.

Aber – o Himmel! – als sie es niederlassen und wieder an seinen Platz stellen wollte, konnte sie es nicht vom Rücken bringen!

Sie wandte Gewalt an, stieß und zerrte an den dürren Knochen, dass das Klappern derselben laut an den Wänden widerhallte. Aber umsonst, es gelang ihr nicht.

Eine schreckliche Angst überfiel sie. Zittern und Beben drangen ihr durch die Glieder, und wenig fehlte, dass sie in Ohnmacht sank.

Endlich ließ sich hinter ihr eine hohle, dumpfe Stimme hören.

»Du bemühst dich vergeblich! Ich lasse dich nicht.«

Käthe sprach mit zitternder Stimme: »Maria und Joseph und ihr Heiligen alle, steht mir bei!«

»Du betest umsonst. Ich lasse dich nicht«, entgegnete das Skelett im grässlichen Ton.

»Jesus Christus! Hilf mir und erbarme dich meiner!«, betete Käthe.

»Ich lasse dich nicht, bevor du meine Seele zur Ruhe gebracht hast.«

Käthe rollte der Schweiß in großen Tropfen von der Stirn. »Und was willst du, das ich tun soll?«

»Geh in die Gruft, deren Tür du offen findest, und bitte das Weib, welches du dort in einem Buch lesend antreffen wirst, um Verzeihung für Otto von Schwarzbach! Bist du entschlossen?«, fragte das Skelett.

»Ich bin es!«, antwortete Käthe.

Das Skelett ließ sie daraufhin los, und Käthe machte sich diesen Augenblick zunutze, um sich mit der Flucht zu retten. Aber sie hatte kaum wenige Schritte vorwärts getan, so hing ihr das Gerippe wieder am Halse und drohte, sie zu erwürgen, wenn sie nicht augenblicklich den Auftrag und ihr getanes Versprechen erfülle.

Käthe gelobte aufs Neue und näherte sich nun wirklich dem Aufenthalt der Toten.

Der Eingang war düster und finster, und zitternd und bebend schlich sie, mit den Händen tappend, vorwärts. Erst weiter hin erblickte sie den Schein eines Lichtes, dem sie folgte. Am Ende des Gewölbes traf sie eine schwarz gekleidete Dame, welche bei dem matten Schimmer einer Ampel in einem großen Buch las. Totenblässe umgab ihr Gesicht, auf welcher der Kummer tiefe Furchen eingegraben hatte. Ihr langes, blondes Haar hing zerstreut um ihren Kopf und bedeute zum heil eine Wunde an der linken Brust, aus der frisches Blut in roten Strömen quoll.

Käthe warf sich vor ihr nieder und sprach mit stammelnder Stimme: »Verzeih dem Totengerippe draußen in der Halle, das durch mich dich um Vergebung anfleht!«

Langsam und traurig wendete die Lesende ihr Gesicht zu Käthe, schüttelte dreimal mit dem Kopf und winkte ihr, sich zu entfernen.

Diese ließ sich das nicht zweimal sagen, sprang fort und wollte eilends durch die Halle laufen, um wieder ins Freie zu kommen, als ihr das verwünschte Skelett aufs Neue den Weg vertrat.

»Sie hat mir nicht vergeben«, donnerte dasselbe der Erschrockenen zu. »Ich weiß es, aber geh noch einmal hin und bitte bei ihr für dich – für dein Leben! Denn kommst du unerhört zurück, so bist du verloren, und jene Wand trägt die Spuren deines zerschmetterten Gehirns!«

Mehr tot als lebendig wankte Käthe noch einmal ins Gewölbe, bat und flehte mit Tränen um Vergebung für Otto. Aber die schwarze Dame war unerbittlich und schüttelte wiederholt mit dem Kopf.

»Nun, so vergib ihm wenigstens um meinetwillen«, jammerte Käthe. »Er mordet mich, wenn ich nicht deine Verzeihung mitbringe. Du hast ja auch gelebt und weißt, welche Freuden man sich auf dieser Erde träumt. Ach! Ich lebte so gern noch länger, möchte noch manche Freuden schmecken, möchte meines Daseins noch froh werden! Verzeih daher dem Reuigen, damit ich nicht eine frühzeitige Beute des Todes werde!«

Die Dame seufzte, blickte wehmutsvoll voll nach der Bittenden, und las weiter!

»Hartherzige!«, schrie nun Käthe, der die Todesangst Mut gab. »Wenn auch mein Tod dir gleichgültig ist, so muss es dich wenigstens tief erschüttern, dass der Unhold in der Halle mit mir zugleich ein Kind tötet, das ich unter meinem Herzen trage. Wenn du je Mutter warst, ihre Pflichten und ihre Liebe kennst, so verzeih dem Skelett um des Kindes willen, das dich nie beleidigte, und das durch mich dich um sein Leben bittet!«

Schnell fuhr die geistige Dame auf, schlug freudig das Buch zu, löschte die Ampel aus und verschwand, indem sie Käthe einen freundlichen Blick zuwarf. Diese stand in eben dem Moment, ohne es zu wissen, wie sie dahin gekommen war, in der Halle, sah, wie das Skelett zusammenstürzte, und kam nach einigen Monaten mit einem jungen Sohn nieder, den später alle Bauern im Dorf den Geisterbanner nannten, und der in allen seinen Unternehmungen das Glück zur Begleiterin hatte.

Noch heutigen Tages sieht man in der Halle, die zur Kirche jenes Dorfes gehört, und die noch jetzt den Eingang zum Erbbegräbnis der adligen Besitzer des ehemaligen Ritterguts ausmacht, in einem Winkel desselben ein elend gemaltes Skelett, über dessen Haupt eine Inschrift zu lesen ist, welche, die Erlösung desselben und das Jahr, in dem es geschah, enthält.

 

***

 

Meinen Lesern will ich nun den Ursprung dieser ganzen Geschichte, so wie er in der Chronik angegeben ist, in gedrängtester Kürze mitteilen.

In der Mitte des 14. Jahrhunderts, ungefähr ums Jahr 1362 hauste hier ein mächtiger Ritter, namens Konrad. Die einzige Frucht seiner Ehe war eine Tochter, ganz das Ebenbild ihrer vortrefflichen Mutter, ein Muster weiblicher Schönheit und Tugend.

Johanna, so hieß sie, hatte eben ihr fünfzehntes Jahr zurückgelegt, als Otto von Schwarzbach, ein junger, stattlicher Ritter, der mehrere Schlösser in Konrads Nachbarschaft besaß, sie kennenlernte und bei ihrem Vater um sie warb. Zwar fühlte sich der biedere Alte durch diesen Antrag sehr geehrt und dankte dem jungen Ritter für sein Zutrauen. Doch wendete er die zu große Jugend seiner Tochter ein und äußerte auch, dass er Johanna die Wahl ihres künftigen Gatten ganz überlasse.

Otto buhlte nun um Johannas Liebe. Johanna gewann den schönen, blond gelockten Jüngling bald sehr lieb, und geschlossen war der Bund ihrer Herzen! Aber erst nach fünf Jahren – so bedingte es sich Konrad ausdrücklich aus – sollte ihre Verbindung durch die Hand des Priesters geschehen.

Nur selten verging eine Woche, in welcher die Liebenden nicht beisammen waren. Beide fühlten ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich oft zu sehen, und beiden fehlte etwas, wenn sich ihnen dieses oder jenes Hindernis in den Weg warf. Mit allem Feuer der raschen Jugend hing Johanna an ihrem Otto, und dieser unterließ nicht, ihre Liebkosungen mit gleicher Zärtlichkeit zu erwidern.

Indessen kam die Zeit ihrer Verbindung immer näher, und man machte schon mancherlei Anstalten zur baldigen Hochzeit. Da erschall der Ruf, dass Graf Eberhard seiner einzigen Tochter zu Ehren ein Turnier halten und zum ersten Dank einen vergoldeten Harnisch nebst Helm aussetzen werde.

Scherzhaft entgegnete dem Ritter, als er ihr diese Nachricht verkündete, das lustige Mädchen: »Nur in diesem Harnisch, mein Otto, lasse ich mich von dir zum Altar führen!«

Und schnell fasste der tapfere Jüngling diese Worte auf. Alle Versicherung gen Johannas, dass dies ein bloßer Scherz von ihr gewesen sei, waren vergeblich.

»Entweder du siehst mich mit dem Harnisch oder nie wieder!«, so sprach er und schied unter bangen Ahndungen seiner Geliebten von dannen.

Otto langte am Abend vor dem zum Turnier bestimmten Tag auf der Burg des Grafen an, ruhte sich aus und begab sich am folgenden Morgen mit gestärkten Kräften in die Schranken.

Die Blicke aller waren auf den schönen Jüngling geheftet.

Jedes weibliche Herz schlug ihm mit Liebe entgegen und zitterte vor sein Leben, so oft er mit einem neuen Gegner kämpfte.

Der Gott der Liebe schützte ihn – er blieb Sieger!

Daraufhin erhob sich Agnes, die Tochter des Grafen, um die ausgestellten Preise zu verteilen.

Otto nahm seinen Helm ab, um den ihren aufzusetzen, und zerstreut flatterte sein gelbes Haar, der Fesseln entledigt, um sein Gesicht. Schweiß floss in Strömen über seine rotbraunen Wangen, und seine großen, feurigen Augen schossen lichte Flammen um sich her. Lange zögerte die Gräfin, die sich im Anschauen des schönen Mannes verlor, ehe sie ihm den Preis überreichte. Und als sie es endlich tat, bezeichnete ein Druck ihrer Schwanenhand, welchen Eindruck sein Bild auf ihr Herz gemacht habe.

Während Agnes unaufhörlich sich mit Otto beschäftigte, lag dieser, müde und matt von der Anstrengung des Tages auf seinem Lager und seufzte vergeblich nach Ruhe. Er dachte oft an seine Johanna, noch öfter an die schöne Agnes. Ihre Blicke waren in sein Herz gedrungen, und ihre Gestalt schwebte gleich einer Gottheit vor seinen Augen. Er hatte Mitleid mit Johanna, von der er wusste, dass sie nur in ihm lebte. Aber er hatte auch Mitleid mit seinem Herzen, das nun schon stärker für die schöne Agnes schlug, als es sollte. Johanna, das sanfte, weiche Geschöpf, war in seinen Augen ein gutes, liebes Mädchen, das für ihn und seine Knechte ein schmackhaftes Mahl bereiten würde, wenn sie ermattet vom Kampf oder ermüdet von der Jagd nach Hause kämen. Aber die feurige Agnes, eine Heldin, die mit ihm in den Streit ziehen, an seiner Seite fechten, und ihn zu größerem Mut, zu ruhmwürdigeren Taten auffordern würde.

Zwar kämpfte sein an sich gutes Herz, das jeder Treulosigkeit abhold war, lange mit seiner Pflicht, aber er begann doch schon zu wanken. Je größere Hindernisse sich ihm wegen Agnes Besitz entgegenzustellen schienen, je mehr verbanden sich Liebe und Ehrgeiz, sie zu besitzen und Johanna unglücklich zu machen.

Am folgenden Tag verließen fast alle Ritter die Veste, und auch Ottos Pferde standen gezäumt. Da trat Graf Eberhard an der Hand seiner reizenden Tochter in sein Zimmer. Ein einziges Wort von ihm, ein einziger Blick von ihr, hielten unseren Helden von seinem Vorsatz zurück. Er blieb – blieb, bis er nicht mehr fort konnte!

Unterdessen harrte die gute vergessene Johanna täglich und stündlich der Rückkehr ihres Buhlen. Den Tag des für sie so unglücklichen Turniers hatte sie mit Fasten und Beten für ihres Otto Wohl hingebracht, und emsig nachgerechnet, wenn er wieder eintreffen könne. Vier Tage wartete sie an der Heerstraße vergebens, wähnte bei jedem in der Ferne aufsteigenden Staub die nahe Gegenwart des Geliebten, und sah sich betrogen.

Am fünften Tag endlich wagte sie es, einen Ritter, der mit einem Trupp seiner Reisigen vorüberzog, anzureden. Johanna fuhr kaum, dass auch er von der Burg des Grafen Eberhard komme, als sie mit liebevoller Hast nach Otto sich erkundigte und erfuhr, dass er Sieger geblieben, dass er den ersten Dank erhalten habe.

»Aber warum kommt er nicht? Zog er nicht mit Euch aus? Ist er verwundet – krank?«, fuhr Johanna mit sichtbarer Ängstlichkeit fort.

»Keines von beiden! Er gewann den Preis und nahm obendrein des Grafen Tochter zum Lohn. Es wird ein schönes Paar werden!«, so entgegnete der Ritter und sprengte von dannen.

Johanna zitterte, schwankte und kam totenblass nach Hause.

»Ach, der Mann, auf den ich Felsen gebaut hätte, hat mich verlassen! Was soll mir ein Leben, das ich nicht mit ihm teilen kann! Nein! Entweder er mein oder ohne ihn tot!«, so jammerte sie unaufhörlich. Die gebeugten Eltern vermochten es nicht, das trostlose Mädchen aufzurichten. Sie weinte, seufzte und welkte hin, wie eine Pflanze, an deren Wurzel ein giftiger Wurm nagt. Oft trat sie ans Fenster, sah hinaus auf den Weg, der nach Schwarzbachs Veste führte, horchte aufmerksam auf der Rosse Trapp, die die Straße daher kamen, dachte sich noch immer die Rückkehr des Geliebten, und ihre Tränen flossen häufiger, wenn sie sich getäuscht sah.

Ihre Eltern fühlten mit ihr die Leiden der einzigen Tochter, trauerten, dass die kaum entfaltete Rose so früh eine Beute des Grabes werde, und versuchten alles, was in ihren Kräften stand, um diesen unersetzlichen Verlust abzuwenden.

»Ich will hin zu dem Grausamen«, tobte der alte Konrad, »und ihn fragen, ob mein Kind eine ehrlose Metze ist, die er zum Spielzeug seiner Laune machen, die er wegwerfen kann, wie er will!«

Er zog vor Ottos Burg. Dieser hatte sich eben auf den Weg nach des Grafen Hoflager gemacht, um seine Hochzeit zu feiern, und der Schlossvogt verweigerte ihm sogar den Eingang.

Wut und Rache schäumend verfolgte der biedere Alte seine Spur, und nach zwei Tagesreisen schon hatte er ihn erreicht. Er verlangte Genugtuung und forderte ihn zum Zweikampf heraus.

Otto versuchte dem schwachen Greis, den die Hitze unüberlegt handeln ließ, auszuweichen, versprach ihm jede Genugtuung, nur nicht diese. Vergeblich!

»Genugtuung auf der Stelle, diesen Augenblick, oder ich stoße Euch nieder!«, rief er und drang auf Otto ein.

»So sei es denn!«, sprach Otto gelassen. »Der Streit aber falle aus, wie er wolle: Ich bin unschuldig!«

Und der Kampf begann!

Unser Held verhielt sich zwar nur leidend und versuchte sich bloß gegen die Streiche seines Gegners zu schützen. Indes spaltete er doch, ohne es zu wollen, den Helmkragen desselben, und das Blut quoll stromweise aus dem Hals des Greises.

Otto sprang vom Pferd und bemühte sich, es zu stillen. Aber der unglückliche Mann verschied ihm unter den Händen.

»Gott im Himmel, du bist Zeuge, dass ich dies nicht wollte! Mich vergessen sollte Johanna, nicht mir fluchen. Nehmt die Leiche eures Herrn, ihr Knechte, und sagt Johanna und ihrer Mutter, dass er mich zwang, sein Mörder zu werden!«

Die Knappen kamen diesem Befehl nach, und traurig zog Otto seines Weges.

Johannas Schmerz überstieg in den ersten Tagen alle Grenzen. Nach und nach artete er in Verzweiflung und zuletzt in die fürchterlichste Rache aus. Sie trocknete schnell ihre Tränen, warf sich auf ihr Ross, entfloh der Aufsicht ihrer bekümmerten Mutter und eilte zu der Veste des Grafen Eberhard, in deren Nähe sie die Hütte einer armen Frau bezog.

Otto hatte nicht die leiseste Ahnung von dem Gewitter, das sich über seinem Haupt zusammenzog. Er und Agnes schwammen vielmehr in Wonnen und waren trunken vom Gefühl der nahen Seligkeit.

So näherte sich endlich der Tag ihrer ehelichen Verbindung, und in großer Pracht, unter einer glänzenden Begleitung, zogen sie zur Kirche. Der Zug ging bei Johannas armseliger Wohnung vorbei, und in sich gekehrt, in Trauerkleidern, schloss sie sich an denselben an.

Die Verlobten traten zum Altar. Schon begann der Priester die Trauungsformel zu lesen, als Johanna das schärfste Schwert ihres Vaters unter ihrem Kleid hervorzog, und durch die versammelte Menge mit den Worten auf Otto eindrang: »Mörder meines Vaters, Treuloser, Wortbrüchiger, fahre zur Hölle!«

Ein mächtiger Stoß begleitete diese Worte, aber Otto wandte sich, und der Stoß fuhr, ohne ihn zu verwunden, unterm Arm durch. Doch taumelte er, übermannt von Erstaunen und erschrocken über die nahe Gefahr, einige Schritte rückwärts.

Johanna glaubte, ihn wirklich getroffen zu haben.

»Gott verzeihe dir! Ich kann es nicht!«, schrie sie, kehrte die Spitze des Degens schnell gegen sich, rannte damit gegen die Mauer, und ehe noch jemand sie davon abhalten konnte, lag sie entseelt an den Stufen des Altars.

In Strömen quoll das Blut aus dem keuschen Busen, den das edelste Herz zierte, und entblättert, verwelkt war die schönste Rose in der Blüte ihrer Tage.

Gebrandmarkt war Otto mit unauslöschlicher Schande. Der Graf riss seine Tochter von seiner Seite. Blass und entstellt eilte Otto aus der Kirche, verließ nach einer Stunde schon, begleitet von einem einzigen Knappen, Eberhards Veste und zog nach Palästina, um dort gegen die Sarazenen seinen Tod zu finden. Johannas Leichnam wurde ihrer Mutter zugeschickt, und Agnes beschloss ihr Leben in einem Kloster. Untröstlich war während dieses schrecklichen Vorfalls Johannas Mutter. Am Sterbetag derselben warf sie sich unter Seufzern und Tränen auf ihrem Lager umher, und ermattet schlief sie endlich um Mitternacht ein. Da erschien ihr die Ermordete im Traum.

»Mutter!«, sprach sie, indem sie mit der Hand ihre Brust bedeckte, aus der häufig Blut quoll. »Ich bin tot, habe mich selbst entleibt. Bald wird man Euch meinen Körper bringen. Bestattet ihn im Totengewölbe meines Vaters. Betet für mich, denn ich bin höchst unglücklich! Der ewige und gerechte Richter sprach ein strenges Urteil über mich. Ich lebe noch und bin doch tot! Im Totengewölbe, dessen Riegel ihr nach meiner Beerdigung nie mehr zu öffnen vermögen werdet, muss ich Tag und Nacht traurig sitzen, Tag und Nacht den Psalmen lesen, Tag und Nacht auf Erlösung harren! Nach einer Reihe von Jahren wird Otto auch sterben und sein Skelett nach dem Schluss des Verhängnisses, vor die Tür, deren Gruft meine Gebeine umschließt, zu stehen kommen … Ich so lange schmachten und lesen … Er so lange stehen und harren, bis ein ungeborenes Kind für ihn bei mir bittet. Betet, betet für mich!«

Das Gesicht verschwand nach diesen Worten. Am vierten Morgen sah die beklagenswerte Mutter zu ihrem Jammer einen Teil ihres Traumes erfüllt. Man brachte ihr den Leichnam ihres einzigen Kindes, den sie im Totengewölbe beisetzen, die Tür desselben verschließen, und alle Tage in der Kirche Messe lesen ließ.

Nach fünf Jahren brachten einige Knappen Ottos Gebeine. Er war in einer Schlacht gegen die Sarazenen gefallen und hatte im Todeskampf noch verlangt, dass man dieselben nach Deutschland führen und an seiner Johannas Seite begraben sollte. Ein griechischer Arzt hatte ihn skelettiert.

Da die Gruft nicht geöffnet werden konnte, wurde das Skelett, so wie es jener Arzt sie gelehrt hatte, zusammengefetzt und in der Halle neben der Tür des Erbbegräbnisses aufgestellt.

Dort stand es bis zu seiner Erlösung!

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