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Der Marone – Eine Geliebte wird erwartet

Der-Marone-Zweites-BuchThomas Mayne Reid
Der Marone – Zweites Buch
Kapitel 2

Eine Geliebte wird erwartet

Das Fortgehen des jungen Engländers unter der Führung Quacos war für die schwarze Bande das Zeichen gewesen, sich zu zerstreuen.

Auf Befehl des Führers trennten sie sich in Haufen von zwei oder drei Personen, entfernten sich in verschiedenen Richtungen und verschwanden zwischen dem Unterholz ebenso geräuschlos, wie sie zuvor aus demselben herausgetreten waren.

Cubina allein verblieb auf der Lichtung, während der gefangene Flüchtling auf einem Baumstamm neben ihm niedergekauert saß.

Einige Minuten lang stand der Maronenhauptmann, sich auf seine Flinte stützend, die ihm einer aus seinem Gefolge gebracht hatte, die Augen auf den Gefangenen gerichtet. Er schien darüber nachzudenken, welches Verfahren er in Bezug auf den unglücklichen Sklaven einschlagen soll. Der finstere, auf seinem Gesicht ruhende Schatten kündete an, dass ihn eine Erwägung beunruhige.

Der Flüchtling, ihm zur Seite, sah seinen Befreier, der ihn zu gleicher Zeit auch eingefangen hatte, mit teils liebevollen, teils besorgten und furchtsamen Blicken an, da er auf seinem Gesicht ähnliche Veränderungen bemerkte. Seine Hoffnungen überwogen seine Befürchtungen. Obgleich unfähig, den Zusammenhang zu begreifen, ebenso wenig wie er die Beweggründe des Maronen kannte, ihn von seinen Verfolgern zu befreien, so wusste er doch so viel, dass er schonungslosen, rauen Händen entkommen war, um in andere zu fallen, die nicht nur erbarmungsvoll, sondern mitleidig und freundlich zu sein schienen. Hätte er geahnt, dass eben sein Befreier mit sich selbst überlegte, ob er ihn ausliefern sollte, und zwar denselben Leuten, von denen er ihn losgemacht hatte, oder gar ihrem gänzlich erbarmungslosen Herrn, hätte er vermuten können, dass dies der Gegenstand seines stillen Nachsinnens sei, dessen Zeuge er augenblicklich war. Seine Besorgnisse und Befürchtungen wären zweifelsohne stärker als seine Hoffnungen gewesen.

Der Maronenhauptmann fühlte sich selbst in Verlegenheit, daher seine zögernde und nachdenkliche Haltung. Seine Pflicht war in Zwiespalt mit seinen Wünschen. Gleich zuerst schon hatte ihn das Gesicht des Gefangenen interessiert, und nun, da er Zeit gehabt hatte, es genauer zu prüfen und seine edlen Züge bemerkt hatte, wurde der Gedanke, ihn einem so grausamen Herrn, dessen Anfangsbuchstaben auf seiner Brust standen, wieder zu überliefern, ihm immer mehr zuwider.

Wohl war einmal eine Zeit, wo ein Maronenhauptmann eine Übertretung dieses Gesetzes leichter angesehen haben würde, doch das war noch vor der Eroberung der Stadt Trelawney oder vielmehr vor ihrer verräterischen Übergabe, gefolgt von der niederträchtigsten in der Geschichte bekannten Verbannung.

Dieser Verrat hatte eine große Veränderung hervorgebracht. Die Maronen, die der gezwungenen Verbannung entronnen waren und stets noch in den Bergfestungen unter Aufrechthaltung ihrer Unabhängigkeit verweilten, waren keineswegs ein mächtiges Volk mehr, sondern lediglich nur noch ein Überbleibsel, deren Schwäche sie nicht nur den Gesetzen der Insel, sondern auch selbst der Tyrannei und den Launen solcher Pflanzer und Richter unterwarf, die einen Gefallen daran fanden, sie zu verfolgen.

Dies war die Lage Cubinas und seiner kleinen Bande, die ihre Heimat in den Trelawneybergen aufgeschlagen hatten.

Der Maronenhauptmann war nicht allein verpflichtet, sondern selbst gezwungen, den flüchtigen Sklaven auszuliefern. Handelte er nicht so, würde er seine eigene Freiheit gefährden. Er wusste dies ganz wohl, auch ohne die von Ravener in so bestimmten Ausdrücken ausgestoßene Drohung.

Sein Interesse war daher ganz dasselbe wie seine Pflicht, und diese konnte daher nur bei ihm in Betracht kommen. Der Gefangene war eine Beute, für die er berechtigt war, eine Belohnung zu verlangen – ein Beutegeld.

Dennoch fesselte ihn diese Erwägung keinen Augenblick gänzlich. Die Aussicht auf eine Belohnung würde kein Gewicht bei ihm gehabt, ja nicht einmal den geringen Zweifel bei ihm erregt haben, hätte Cubina nicht gerade jetzt und zu einem ganz besonderen Zweck Geld nötig gehabt.

So waren nun drei höchst triftige Gründe für die Rückgabe des Sklaven an seinen Herrn vorhanden: Pflicht, Notwendigkeit und eigener Vorteil. Und dennoch regte sich in der Brust des gelben Jägers ein edleres Gefühl – die Menschlichkeit. Ob diese wohl die übrigen drei besiegen wird?

Allerdings möchten die wenigen Worte, die er vor dem Fortgehen Herberts hatte fallen lassen, nämlich die bedingungsweise Drohung des Ungehorsams gegen das Gesetz, fast der Hoffnung Raum geben, dass dies Letztere der Fall sein würde.

Wie er nun so dastand und auf seinen Gefangenen blickte, wurde diese Drohung in einer Art unwillkürlichen Selbstgespräches wiederholt, während sich noch ein anderer Beweggrund in einigen, seinen Lippen entschlüpfenden kurzen Reden kundgab.

»Caramba!«, murmelte er und gebrauchte einen spanischen, stets in verdorbener Form noch unter den Maronen benutzten Ausruf. »Er sieht Yola so ähnlich, als ob er ihr Bruder wäre! Ich bin sicher, er ist vom selben Volk, vielleicht von ihrem Stamm. Zwei- oder dreimal hat er schon das Wort Fellah gebraucht. Außerdem sind seine Farbe, seine Gestalt und sein Haar ganz wie bei ihr. Zweifelsfrei, er ist ein Fellah!«

Das letzte Wort wurde so laut gesprochen, dass der Jüngling es hören konnte.

»Ja! Fellah, Fellah!«, rief er aus, indem er die Augen, gleichsam um die Wahrheit seiner Aussage zu bestätigen, bedeutungsvoll auf seinen Gönner und Befreier warf. »Kein Sklave! – Kein Sklave!«, fügte er dann hinzu und schlug mit der Hand auf die Brust, als er diese Worte wiederholte.

»Sklave! Kein Sklave!«, rief der Marone vor Verwunderung stutzend: »Das ist Englisch genug. Das Wort ist ihm gelehrt, das ist klar. Kein Sklave! Was kann er damit sagen wollen?«

»Fellah ich – kein Sklave!«, rief der Jüngling mit denselben Gebärden wie zuvor.

»Das ist sonderbar, gewiss«, murmelte der Marone nachdenklich. »Was kann er damit meinen, wenn er sagt, dass er kein Sklave – denn das ist doch gewiss, was er sagen will. Sklave muss er sein, wie käme er sonst hierher? Ich habe davon gehört, dass vorgestern eine Schiffsladung gelandet wurde und dass der alte Jude die meisten von den Sklaven oder alle gekauft hat. Dieser arme Bursche muss dazugehören. Wahrscheinlich hat er die Worte am Bord des Schiffes gelernt. Vielleicht spricht er auch von dem, was er in seinem eigenen Land gewesen war. Der arme Teufel! Er wird bald genug den Unterschied herausgefunden haben!«

»Caramba!«, fuhr der Marone nach einiger Unterbrechung fort, während welcher er die Gesichtszüge des neuangekommenen Afrikaners aufmerksam betrachtete. »Es ist eine Schande, einen solchen Mann zum Sklaven zu machen, einen Mann, der einem freigeborenen Menschen hundertmal ähnlicher ist, als sein elender Herr! Ah! Dios! Dios! Das ist ein hartes Geschick, das er zu tragen hat. Ich fühle mich mehr wie halb versucht, in Gefahr zu laufen und ihn von solchem Geschick zu retten. Nur dass ich das Geld nötig habe …«

Wie jener halbe Entschluss die Seele des Maronen erfüllte, war er von einem edlen und stolzen Gesichtsausdruck begleitet.

»Wenn sie ihn nur nicht in meinem Besitz gesehen hätten«, fuhr er fort, zu überlegen. »Aber der Aufseher und die spanischen Schufte wissen alles und werden … Nun wohl, so lass sie … aber auf alle Fälle will ich ihn nicht eher zurückgeben, bis ich Yola gesehen habe. Sie kann gewiss mit ihm reden. Wenn er ein Fellah ist, so muss sie es können. Da wollen wir hören, was er zu sagen hat, und was das beständige kein Sklave bedeutet. Ha!«, rief der Sprecher aus und begann nun ein lautes Selbstgespräch. »Wie die Zeit hingegangen ist! Wahrhaftig, in wenigen Minuten ist es Mittag. Yola muss bald hier sein. Um zwölf Uhr wollte sie kommen. O, ich muss ihn fortbringen, dass er nicht zu sehen ist, und diese toten Hunde auch, oder meine schüchterne Kleine wird erschreckt werden. Hier ist so vielerlei vorgegangen, Blut, Tod und Feuer, dass sie kaum den alten traulichen Platz wiedererkennen wird. Hör mal, Fellah! Komm hierher und quetsche dich da mal hinein, bis ich dich wieder herausrufe.«

Für den Flüchtling waren die Gebärden seines Gönners verständlicher als seine Worte. Er sah aus ihnen, dass er sich zwischen den Ausläufen und Strebepfeilern der mächtigen Ceiba verbergen sollte, stand deshalb vom Baumstumpf, auf dem er saß, auf und folgte sofort der ihm gemachten Anforderung.

Der Maronenhäuptling ergriff den Schwanz eines der großen Bluthunde, schleifte den Leichnam etwas über die Lichtung und warf ihn in ein dichtes Gebüsch. Dann kehrte er zur Ceiba zurück, brachte den anderen Leichnam in gleicher Weise fort, ermahnte den Flüchtling, ruhig in seinem Versteck zu verbleiben, und erwartete nun die Teure, deren Ankunft um die Mittagszeit bestimmt war.

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