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Rübezahl – Die Wunderdose

Rübezahl
Der Berggeist des Riesengebirges
Sagen und Schwänke neu erzählt nach R. Münchgesang
Die Wunderdose

In einer Baude auf dem Gebirge lebte ein bettelarmer Weber einsam mit seinen beiden kleinen Kindern, denen die Mutter frühzeitig gestorben war. Die drei Menschen waren stets allein, nur der Hunger hatte sich als täglicher Gast bei ihnen einquartiert.

Der Weber seufzte manches Mal, wenn er seine Kinder ansah, aber davon wurde es auch nicht besser. In Schlesien und Böhmen war Missernte gewesen und böse Zeit, Not war überall im Land.

Da nahm der Mann eines Tages sein Stück Leinen vom Webstuhl, huckte es auf und verabschiedete sich mit Tränen in den Augen von seinen Kindern.

»Ich will hinunter ins Tal gehen«, sagte er, »und sehen, ob ich bei einem Junker als Läufer, Diener oder Aufwärter ankommen kann. Und wenn ich etwas Geld verdient habe, will ich wiederkommen. Es soll euch dann an nichts fehlen. Ich kann euch aber nicht mitnehmen, denn ich weiß nicht, wo ich euch lassen soll. Ihr müsst euch so durchhelfen, wie es eben bei armen Leuten geht. Ja, wenn eure Mutter noch lebte!«

»Und wenn wir Hunger haben, Vater?«, fragte Theres, das Mädchen.

»Da hast du den Schlüssel zum Brotschrank, Kind«, erwiderte er. »Es ist noch genug drin. Und sonst geht nur in den Wald, da sind Beeren, Holzäpfel und Pilze. Geht nicht zu nahe an Rübezahls Garten. Ihr wisst, er kann es nicht leiden, wenn ihm einer in sein Gehege kommt. Und pass mir auf den Buben ordentlich auf, du weißt, der Andres ist leicht übermütig. Lebt wohl! Ich komme hoffentlich bald wieder.«

Dann ging der arme Mann schwankenden Schrittes davon, denn die Not hatte seine Kräfte verbraucht. Gram und Sorge fraßen an seinem Herzen. Die Kinder liefen noch eine Zeit lang hinter ihm her, bis er ihnen winkte, umzukehren. Da gingen sie traurig in die öde Behausung zurück. Verstohlen lugte Theres nach dem Wandschrank, schloss ihn auf und besah den Vorrat an Lebensmitteln. Ein halbes steinhartes Brot war noch da und ein wenig Salz. Das war aber auch alles.

Da nahm sich das kleine Mädchen vor, recht sparsam zu sein und selbst nichts von dem Vorrat zu verbrauchen, damit der Andres nicht zu kurz käme.

Fortan gingen die Kinder tagtäglich in den Wald, um dort ihre Nahrung zu suchen. Aber der Wald erwies sich als karg und arm, und hässliches Wetter trieb die Hungerleider schnell wieder heim.

Dann schloss Theres den Schrank auf, schnitt ein wenig Brot ab, weichte es in Wasser ein und gab es dem Brüderchen, nachdem sie sparsam Salz darauf gestreut hatte. Den Schrank schloss sie dann immer wieder zu, damit sie nicht in Versuchung käme, selber von dem Vorrat, der so sichtlich abnahm, zu genießen.

Wie ein kleines, braves Hausmütterchen sorgte sie für den unverständigen Bruder, erzählte ihm Rübezahlgeschichten, spielte mit ihm und legte sich stets hungrig zu Bett.

Aber das arme Mädchen sah, dass bei aller Sparsamkeit das bisschen Brot doch bald zu Ende gehen müsse. Was sollte dann aus dem Brüderchen werden, wenn der Vater nicht wiederkehrte? Doch der Vater kam nicht, und so oft die Kinder auch ausschauten in die Richtung, woher sie ihn erwarteten, so oft wandten sie sich betrübt wieder ab.

Theres sagte dann jedes Mal: »Morgen kommt er ganz gewiss, Andres. Und dann bringt er uns schöne Dinge mit. Du sollst sehen, dass ich recht habe.«

So ging es von einem Morgen zum anderen, aber der Ersehnte kam nicht.

Schließlich ließ sich Andres nicht mehr vertrösten und er rief: »Der Vater kommt nimmer, das weiß ich schon. Du musst mir zu essen beschaffen, Theres, ich kann’s nicht mehr aushalten.«

Da weinte das Mädchen heiße Tränen. Sie wusste ja, dass das wenige verschimmelte Brot nur noch bis morgen reichen würde.

Der Morgen brach an, die Sonne schien warm, und die Kinder gingen daher weiter in den Wald hinauf als sonst, sodass sie nahe an Rübezahls Garten kamen.

Da sagte das Mädchen: »Hier wohnt der Berggeist und da dürfen wir nicht weiter.«

»So, der Rübezahl?«, rief der Knabe, und laut fuhr er fort; »Rübezahl, gib mir eine Rübe oder sonst etwas zu knabbern!«

»Still!«, flüsterte das Mädchen, »das könnte er hören und übel nehmen.«

Gleich darauf kam ein alter Mann mit einem langen fuchsroten Bart auf die Kinder zu und sah sie bitterböse an. Er war wie ein Kräutersammler anzusehen, trug einen Korb auf dem Rücken, riss allerhand Wurzeln aus, die er unterwegs fand, und warf sie hinein.

»Was habt ihr hier zu plärren, ihr Tagediebe!«, fuhr Rübezahl die Kinder an.

Andres, der für sein Alter wohl große Worte machte, aber sonst nicht allzu mutig war, versteckte sich verschüchtert hinter der Schwester, die nun seine Dreistigkeit entschuldigte und dem vermeintlichen Kräutersucher antwortete.

»Er hat immerzu Hunger.«

»Warum lässt er sich von seiner Mutter nicht füttern?«

»Die Mutter ist lange tot.«

»Und wo der Vater?«

»Der ist unten im Tal und sucht Verdienst.«

»Nun, da hättest du alberner Fratz dem Hungerleider doch etwas mitnehmen sollen! Aber natürlich hatte die Jungfer andere Gedanken im Kopf.«

Da weinte das arme, halb verhungerte Kind bitterlich und gab keine Antwort mehr.

»Natürlich denkt ihr an nichts als ans Essen. Das kennt man«, murmelte Rübezahl, griff dann in seinen Korb und entnahm ihm ein paar saftige Stängel, die er den Kindern reichte. »Die kaut aus, und der Hunger wird euch vergehen!«

Beide Kinder bissen herzhaft hinein und fanden, dass der Alte die Wahrheit gesagt hatte. Froh wandten sie sich wieder der Baude zu, und Theres sagte: »Vielen Dank, lieber Kräutermann!«

Das gefiel Rübezahl, auch tat ihm das Leid der Kinder, das ihm nicht unbekannt sein mochte, sehr weh. Er ging daher noch eine Weile mit ihnen und fragte sie aus, aber freundlicher als früher. Beim Weggehen gab er dem Mädchen eine Büchse, die wie eine Schnupftabakdose aussah. »Die halte fest, Kind, und wenn du in Not bist, dann drücke sie nur, und dann wird Hilfe kommen.«

Theres dankte bescheiden und machte einen Knicks, und auch der Bruder musste die Hand geben und einen Diener machen. Dann trennten sie sich.

Die Kinder trabten heim, konnten es aber unterwegs nicht lassen, die schöne Dose zu betrachten und zu drücken. Sie öffnete sich aber nicht, obschon sich beide rechte Mühe gaben, um zu erfahren, was darin verborgen sei.

Daheim angelangt rief der Knabe: »Theres, die Gabe von dem Kräutermann hat mich erst recht hungrig gemacht. Du musst mir Brot geben, denn ich kann es nicht mehr aushalten.«

Auch Theres spürte, dass sie der Hunger noch niemals so gepeinigt hatte wie gerade jetzt. O, und es war nur noch ein kleines Stück harte Rinde für beide da. Seufzend wollte sie nach dem Schlüssel greifen, um den sorgsam verschlossenen Schrank zu öffnen, als sie zu ihrem Schrecken gewahrte, dass sie ihn nicht mehr besaß. Die Tasche des Röckchens war leer, gewiss hatte sie ihn auf dem Weg verloren. An und für sich war das kein allzu harter Verlust, denn der Schrank barg ja doch nur noch eine armselige Brotrinde, aber es war doch immerhin ein wenig Nahrung für den Bruder, der unaufhörlich nach Brot jammerte und schon ganz blass aussah vor Entkräftung.

Da versuchte das brave Mädchen, den Schrank mit den Händen zu öffnen, und als das misslang, mit einem Messer. Als aber auch das nicht glückte, da setzte sich das arme Kind in eine Ecke und weinte bitterlich.

Da fiel ihr die Dose ein, von der der Kräutermann gesagt hatte, sie solle sie nur drücken, wenn Not vorhanden wäre. Ohne etwas zu hoffen oder viel dabei zu denken, nahm sie die Dose in die Hand und drückte sie. Siehe da – sie sprang auf und – wie seltsam! – darin lag der vermisste Schlüssel. Froh über diese Entdeckung, ging sie zum Schrank und schloss ihn auf. Neues Wunder! Der Schrank war von oben bis unten mit den schönsten Speisen gefüllt, die man sich denken kann. Da lagen mundgerecht die schönsten Schnitten von weichem Schwarzbrot, da waren Butter, frischer Koppenkäse und Quark. Zwei Gläser voll frischer Ziegenmilch standen dort, und Äpfel, Birnen und Nüsse fanden sich im Überfluss. Die ausgehungerten Kinder fragten bei diesem Anblick nicht lange, woher der Reichtum gekommen sein mochte, sondern fielen jauchzend darüber her und stillten Hunger und Durst. Zum ersten Mal seit langer Zeit gingen sie gesättigt zu Bett.

Am anderen Morgen öffnete Theres zaghaft den Schrank, um zu sehen, ob noch etwas von den herrlichen Schätzen vorhanden sei. Zu ihrer großen Freude fand sie ein Schüsselchen mit einem schönen, nahrhaften Süpplein, das für beide berechnet war, daneben zwei schmucke Holzlöffel, frische Brotschnitten und Obst in Hülle und Fülle. Nach diesem leckeren Frühmahl suchten die Kinder zu erraten, wer wohl ihr Wohltäter sei.

»Das ist der Kräutermann gewesen«, sagte Andres zuversichtlich.

»Ach, du dummer Bub«, verbesserte ihn die Schwester, »das kann nur der Herr Rübezahl gewesen sein, und der sieht eben manchmal so aus wie ein Kräutermann. Wie wär’s, wenn wir hinaufgingen, um uns bei ihm zu bedanken?«

Sie liefen spornstreichs aus dem Haus, kamen aber nicht weit, denn überall standen die schönsten Erdbeeren, die doch gepflückt sein wollten. Gestern war noch alles kahl gewesen, und in einer Nacht waren sie nun aus dem Boden gekommen.

»Hierher musst du kommen, Theres«, sagte Andres, »bei mir stehen die schönsten.«

»Hier sind viel schönere«, antwortete die Schwester.

So ging das hin und her. Da aber von Beeren niemand satt wird, gingen die Kinder gegen Mittag doch wieder heim, um in dem Wunderschrank nach kräftigerer Kost zu suchen. Und wieder hatte ihnen Rübezahl freundlich den Tisch gedeckt. Da gab es Sauerkraut mit Klößchen, und Backobst hinterher, ein Mahl, das man dortzulande als »schlesisches Himmelreich« bezeichnet. So ging das nun Tag für Tag. Leckerbissen, wie sie die Reichen essen, gab es selten, aber am Nötigen, an Brot und Obst, fehlte es nie.

Da sagte Theres einmal: »Ach, wenn der Vater doch hier bei uns sein könnte! Es wäre genug zu essen für uns alle da.«

»Soll ich laufen und ihn holen?«, sagte Andres mutig.

»Du wärst mir der Rechte«, meinte sie. »Weißt du denn auch, wo der Vater ist?«

»Ich will ihn schon finden«, sagte der Bub und lief stracks davon, obwohl ihn die Schwester zurückrief.

Er kam übrigens bald wieder heim: Der Hunger nötigte den kleinen Prahlhans, Rübezahls nahrhaften Schrank wieder aufzusuchen.

 

Der Vater der Kinder war mit seiner Bürde wohl in die Stadt gekommen, aber dort vor Erschöpfung zusammengebrochen. Mitleidige Frauen hatten den armen Schlucker mit etwas Brot und gewärmtem Gemüse gelabt, und dann hatte er seine Ware angeboten. Er konnte sie aber nirgends an den Mann bringen. Man wies ihn von einem zum anderen, und jeder war froh, ihn wieder los zu sein.

Da gab er endlich müde den fruchtlosen Handel auf und suchte auf andere Weise seinen Unterhalt zu verdienen. Allein die reichen Leute wollten den krank aussehenden Mann nicht haben, die Not im Land hatte die Herzen verhärtet, und jeder dachte nur an sich und die seinen.

Eines Tages fand ihn der Büttel ganz entkräftet auf der Straße, fuhr ihn barsch an und geleitete ihn in das Ortsgefängnis, damit ihm als einem Herumtreiber und arbeitsscheuen Vagabunden der Prozess gemacht werden könne, wenn der Richter hierzu die Zeit finden würde.

Aber der Richter hatte gar keine Zeit, und er wusste auch nicht, was er mit dem abgezehrten Männlein beginnen sollte. Schließlich kam er auf den Einfall, ihn in das kaiserliche Heer zu stecken. Wenn sie ihn da nicht als Soldaten brauchen konnten, so war er vielleicht als Futterknecht oder zu einem anderen leichten Dienst zu verwenden. Er ließ ihn daher vor sich bringen und fuhr ihn hart und schonungslos an.

Allein während des Verhörs kam eine Kutsche angefahren, die vor dem Amt hielt. Ein paar Lakaien sprangen hurtig herunter und öffneten einem sehr vornehm gekleideten Herrn den Schlag, der sich bei dem Richter als Herr vom Berg anmelden ließ. Da lief der Amtmann eiligst dem gnädigen Herrn entgegen, verneigte sich sehr tief und fragte demütig nach seinen huldvollen Befehlen.

»Es ist mir zu Ohren gekommen«, antwortete Rübezahl, denn kein anderer war der vornehme Herr, »dass sich einer von meinen Bediensteten, der mir entlaufen ist, hier herumtreibt und sich für einen arbeitslosen Weber ausgibt. Ich möchte den Herrn Richter bitten, mir den betreffenden Mann auszuliefern, da er zu meiner Gerichtsbarkeit gehört.«

»Wenn Euer Gnaden sich die Mühe machen wollen«, erwiderte der Amtmann, »so steht der Übergabe des Schelms von mir aus nichts im Wege. Mag mit ihm geschehen, was Euer Gnaden für Recht halten.«

Die beiden Herren tauschten nun noch einige Verbeugungen aus, sodass die Perücken sich berührten, und verabschiedeten sich wie Leute von Welt in aller Höflichkeit. Währenddessen hatten die Lakaien den armen Weber, der wie Espenlaub zitterte, hinausgeführt und im Wagen untergebracht. Nun ging die Reise los, schneller und schneller, dem Gebirge zu, und am Ende sauste die Kutsche wie ein Blitz dahin. Die Pferde schienen den Boden gar nicht zu berühren. Auf einmal hielt der Wagen. Der Weber wurde herausgehoben, und das Gefährt setzte ohne ihn seinen Weg fort, um im Berg zu verschwinden.

Als sich der arme Mann aber umsah, gewahrte er, dass er vor seinem eigenen Häuschen stand.

Seine Kinder liefen ihm entgegen und riefen jauchzend: »Gut, dass du hier bist, lieber Vater. Der gute Berggeist hat heute den Tisch für dich mit gedeckt.«

Sie zogen den Staunenden herein und erquickten ihn mit den Schätzen des Wunderschrankes, sodass der arme Mann bald wieder zu Kräften kam und nach wenigen Wochen so gesund ausschaute wie seine Kinder.

Bald danach kamen auch Bestellungen, sodass der Weber wieder viel zu tun hatte und tüchtig verdiente. Seitdem gab der Brotschrank nichts mehr her, denn Rübezahl wollte keine Tagediebe und Schmarotzer großziehen.

Theres behielt die Dose ihr Leben lang und hatte an ihr stets eine Hilfe in großer Not. Die Dose, die sich für gewöhnlich nicht öffnete, gab in schlimmen Zeiten einem leisen Druck nach, und Theres fand darin, was sie in ihrer Bedrängnis benötigte, entweder Geld, ein Heilmittel oder einen guten Rat. Rübezahls Hilfe blieb ihr, solange sie lebte.