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Petra Hartmann – Timur

Timur

Ermar hatte das Geschlecht von Parimor vom Thron gestoßen, Parimor selber, sein Weib und seine Freunde waren gefallen unter dem Schwerte des Überwinders, nur Timur sein einziger Sohn fiel lebend in Ermars Hände. Ungern unterwarf sich das Land dem Sieger, der die Burg des unglücklichen Parimor an der Nordküste der Insel bezog; und die höchste Gewalt mit seinem Bruder, dem wilden Konnar teilte.
Keiner von allen Freunden des gestürzten Königshauses wusste, wo Timur sei, und ob er lebe? Nur die Prophetin wusste es, die verschwiegene Seherin, die in einer Höhle am Eingang der Erde wohnte, sie sah die kommenden Schicksale, die Tiefen der menschlichen Brust und des unglücklichen Timurs Ketten. Einsam lebte die Prophetin und verrichtete geheimnisvolle Werke, und von allen Sterblichen wusste nur Thia, die schöne Tochter von Ermar, ihre Wohnung. Die Seherin liebte das Mädchen, sie lehrte sie mancherlei Geheimnisse und enthüllte ihr oft die Begebenheiten der Zukunft.
Einst sprach die Prophetin zu der Tochter von Ermar: »Mädchen! Fürchte das Geschick deines Vaters, seine Untat hat den Geist der Rache erweckt; sieh hierher!« Und sie zeigte dem erschrockenen Mädchen in einem Spiegel ein tiefes Gefängnis der Burg, und in dem Gefängnis lag auf moderndem Stroh, ein Jüngling mit brennenden Augen und dichten braunen Locken; Thia konnte ihre Augen nicht sättigen an dem Anblick des Gefangenen, aber die Seherin sprach: »Dies ist der König dieses Landes, er schmachtet in Ketten, und dein Vater trägt die Krone, die ihm gebührt.«
Gedankenvoll eilte Thia zurück zu der väterlichen Burg und suchte allenthalben nach einer Türe, die zu Timurs Kerker führen möchte. Im Nord war die Burg von rauen Felsen umgeben, die bis zum Meere hinabreichten, in diesen Felsen entdeckte Thia zwischen Gesträuch und Nesseln versteckt, ein Gitter, das eine dunkle Tiefe verschloss; dies Gitter hatte sie in dem Zauberspiegel gesehen, und jeden Morgen, ehe die Bewohner des Schlosses erwachten, und jeden Abend, wenn die milde Dämmerung die Taten der Liebe in ihre Schleier verbarg, ging sie dahin, setzte sich trauernd neben das Gitter, und seufzte »Timur! Timur!« Und ihr war, als kämen liebe unsichtbare Arme aus dem Gitter herauf und hielten sie umschlungen, dass sie die Stelle nicht verlassen konnte, und es nicht achtete, dass der raue Nachtwind sie umwehte, und der Tau des Himmels sie benetzte.
Zwei Jahre hatte Timur in dem Kerker geschmachtet, schon waren der Rache wilde Gedanken bleich und ohnmächtig geworden, und die Träume von Erlösung und Befreiung waren verträumt; schon glaubte er sich von allen Menschen vergessen, als ihm deuchte, er höre mit süßer Stimme seinen Namen flüstern, und jeden Morgen und jeden Abend hörte er dieselbe Stimme »Timur! Timur!« rufen, und wenn er auf seinem Lager schlummerte, deuchte ihm, ein Engel mit glänzenden Locken und rosigen Wangen beuge sich über ihn her, drücke leise Küsse auf seine Lippen und seufze »Timur!« Aber wenn er erwachte, vergingen die rosigen Wangen in Kerkernacht, die hellen Locken erbleichten, die Küsse verglühten, doch die süße Stimme flüsterte fort; und er wusste nicht, ob der Traum wirklich, oder das wirklich Scheinende, Traum sei.
Tage und Wochen waren so vergangen, als das Mädchen zu Ermar sprach: »Vater! Der Mund der Prophetin verkündet dir Unheil und Verderben, wegen des Sohnes von Parimor, der unschuldig in deinen Ketten schmachtet, deine Ungerechtigkeit wird den Geist der Rache erwecken, fürchte ihn!«

»Timurs Kraft ist gefesselt«, erwiderte Ermar. »Wo ist der Arm, der sich der Rache leihe?« »Fürchte«, sprach Thia, »die Zukunft und der Seherin untrügliche Worte; ich habe Timur gesehen, ich liebe ihn, gib ihm die Freiheit, gib ihn mir, fessle ihn durch ein heiliges Band an dich, oder fürchte auch deine Tochter.«

Aber Ermar blieb unerbittlich, bis sich die einzige Tochter ihm zu Füßen warf, und ihm schwor, den Geliebten zu seinem treuen Sohne und Freund zu machen, oder ihn zu verraten, wenn er undankbar sei, und ihm den Dolch mitten in seinen Umarmungen in die Brust zu stoßen.
Timur lag in schweren Träumen, der Geist seines Vaters erschien ihm in blutige Grabtücher gehüllt, und sprach: »Räche mich! Die Zeit ist gekommen.«

Timur erwachte, aber immer hörte er noch die Worte »Die Zeit ist gekommen!« Er dachte noch darüber nach, als das Gitter sich öffnete; ein Krieger trat herein und hieß ihn folgen. Schweigend, voll seltsamer Empfindungen ging Timur hinter seinem Führer her. Jetzt waren sie auf den Felsen angekommen, der Krieger entfernte sich, und Ermar kam dem Jüngling entgegen. Die Zeit ist gekommen, räche mich, flüsterte eine Stimme in Timurs Seele. Eine unsichtbare Gewalt trieb ihn; ehe Ermar noch gesprochen hatte, ergriff ihn der Jüngling, und schleuderte ihn die Felsen hinab, dass sein Blut hinunter rauchte bis zur See.
Die Bewohner des Schlosses versammelten sich, sie erkannten den Sohn ihrer Könige und nannten ihn freudig Herr und Gebieter. Als es aber Nacht wurde, trat Thia zu ihm, und sprach: »Ich habe dich geliebt, ich habe an der Türe deines Kerkers gewacht, und deinen Namen der Nacht und den Sternen vertraut; deine Freiheit ist mein Werk, aber du hast meinen Vater ermordet, du hast die schwere Blutschuld auf meine Seele gewälzt, darum hinweg von dir!«
Und das Mädchen ging und kehrte nicht wieder. Da ward der König sehr traurig, die lärmende Jagd erfreute ihn nicht, und nicht der Becher, einsam stand er auf seinem Felsen, und sah und vernahm nichts als die Schrecken des nahenden Winters. Der Himmel war mit schweren Wolken bedeckt, eisige Regen fielen herab, der Nordwind zerwühlte den Wald und trieb die falben Blätter in wilden Wirblen umher, die Brandung brauste an der Küste, und der krächzende Rabe unterredete sich mit dem Widerhall. Monde vergingen so, und immer fielen kalte Regen und Schnee und der Himmel blieb dunkel wie die Seele von Timur; da versammelten sich die Freunde um ihn und sprachen: »Es ist nicht gut, o König, dass du so einsam trauerst. Komm! Lass uns Taten tun; Konnar herrscht noch jenseits der Berge mit eisernem Zepter über das Volk. Komm! Erobere dein Erbe, überwinde die Verräter!«

Der Jüngling gehorchte, er riss sich empor aus seinen Träumereien und stürzte sich in das Gewühl der Schlachten zu Taten und Ruhm.
Ungewiss schwankte das Glück zwischen Konnar und Timur, Timur war tapfer, Konnar fest und klug. Eine Schlacht entschied für Konnar, Timur musste sich zurückziehen in die Gebirge. Der Tag verfloss im Getümmel der Gefechte, in Angriff und Verteidigung, aber wenn die Nacht herniedersank und den Kriegsgott in Schlummer einlullte, versammelten sich die Gefährten um Timur, und in den Schluchten einsamer Gebirge, in der Nacht dichter Wälder, wo der spähende Feind sie nicht ahndete, errichteten sie ein lustiges Zelt, hundert Fackeln erleuchteten die Wildnis, der Freudenbecher ging umher, eine süße Musik erscholl, begleitet von den Stimmen braunlockiger Mädchen, und Timur schwelgte in Ruhm und Lust und Liebe, und seine Gefährten jauchzten in wilden Freuden.
Einst aber, da Timur allein war auf seinem Lager, und der Schlummer ihn floh, deuchte ihm, er höre das Geräusch leiser Tritte, und da er noch lauschte, fühlte er sich plötzlich umschlungen von zarten Armen, und heiße sehnsuchtsvolle Küsse bedeckten seine Lippen; als er aber morgens erwachte, war sein Lager verlassen. Drei Nächte hatte schon die unbekannte Geliebte des Königs Lager besucht, als sie aber zum vierten Male kam, schloss er sie in seine Arme und schwur sie nicht zu lassen, bis sie sich ihm entdeckt habe, damit er seinen Thron und seine Hoheit mit ihr teilen könne. »Lass mich nur noch diesmal ungekannt von dir«, sprach das Mädchen, »wenn die Nacht wieder kehrt und die Sterne wieder glänzen, wird ein schwarzes Ross vor dir stehen, dem vertraue dich. Es wird dich dahin tragen, wo dir alles offenbar wird.« Der König ließ das Mädchen von sich gehen. Da es aber Nacht wurde, fand er das Ross, ein sonderbarer Schauer durchlief sein Gebein, aber er schwang sich auf des Tieres Rücken, und es trug ihn durch unbekannte verworrene Pfade, durch Klüfte und Wälder, und blieb stehen vor einem prächtigen erleuchteten Palast. Die Tore öffneten sich, zwei Knaben traten heraus, hielten ihm den Zügel und führten ihn in einen Saal. Eine milde Dämmerung herrschte, denn nur ein Halbmond über einem Becken, in das sich duftendes balsamisches Wasser stürzte, erleuchtete das Zimmer mit wechselndem Schimmer, bald glänzte der Mond in dunklem Purpur, dann in blassem Rosenrot, dann wieder blau wie der Bogen des Himmels, dann endlich wie der grüne Schmelz der Wiesen.
Staunend sah Timur eine Weile dem wechselnden Farbenspiel zu, da tat sich die Türe auf und viel schöne Mädchen kamen herein in allerlei fremden und sonderbaren Trachten; ein Blumenkranz wand sich um die blonden Haare der einen, ein zierlich weißes Kleid umfloss sie. Eine andere hauchte Arabiens Balsam, des Morgenlands köstlicher Tau umgab in glänzenden Reihen die dunklen Locken, und Gold gewirkt in persische Seide verhüllte die runden üppigen Glieder. Eine dritte in leichtem Silberflor glich der Luft ätherischen Schönen, und das Holdeste aller Zonen schien versammelt um den Jüngling. Plötzlich glänzte das Wasser wie die Sonne und goss breite Lichtströme durch den Saal; eine Musik, wie Orgeltöne, ließ sich hören, eine liebliche Stimme begleitete die rauschenden Harmonien und schwebte über ihnen, wie eine leichte Frühlingsluft schwebt über dem brausenden Meer, aber die Töne wurden stärker und stärker und verschlangen die Stimme in Wogen von Wohllaut. Die Mädchen umgaben den Jüngling, sprachen ihm freundlich zu, und jede sandte ihm heiße Blicke, als sei jede die Geliebte der Nacht gewesen. Forschend betrachtete sie der König, jede dünkte ihm hold und lieblich, aber sein Herz bewegte sich zu keiner, sie ist nicht hier, die ich suche, sprach seine innerste Seele.
Jetzt rauschten zwei Flügeltüren auf, ein prächtiger Saal zeigte sich von vielen Fackeln erleuchtet, die von den Marmorwänden widerstrahlten; in der Mitte stand eine Tafel. Man setzte sich, der Wein perlte im Gold, die Mädchen nippten mit Rosenlippen an den Bechern, und reichten sie dann dem König; aber Timurs Seele war traurig, er senkte den Blick, und all die Herrlichkeit, und all die Schönheit ging verloren an ihm. Da er aber die Augen aufschlug, sah er eine Gestalt an der Ecke des Saals ihn gegenüber, an eine Säule gelehnt stehen, sie war ganz schwarz und dicht verhüllt, und blieb immer unbeweglich. Timur betrachtete sie lange und oft, eine tiefe Sehnsucht zog ihn zu ihr; das Mahl deuchte ihm unendlich lange, und es ward ihm erst wohl, als man sich erhob.
Die Mädchen verließen den Saal, aber jede sandte ihm noch einladende Blicke, er folgte keiner, und sah sich endlich allein mit der schwarzen Gestalt, die Fackeln erloschen, nur ein einziges bleiches Licht durchdämmerte den Saal. Die schwarze Gestalt nahte sich ihm und sprach: »Folge mir!« Er gehorchte; und sie führte ihn durch seltsame unterirdische Gänge auf einen Fels. Der Mond glänzte eben im vollen Lichte, und Timur erkannte schaudernd den Fels und das Meer, in welches er Ermar hinabgeschleudert hatte. Seine Führerin schlug den Schleier zurück. Es was Thia. »Geist meines Vaters!«, rief sie, »lass dich dieses Opfer entsühnen.« Sie schlang ihren Arm um den König, und stürzte sich mit ihm die Felsen hinunter, dass ihr Blut sich mischte, und hinab rauchte zur wogenden See.

Die Autorin Karoline von Günderode

Karoline von Günderode (Pseudonym Tian) wurde 1780 in Karlsruhe geboren. In Frankfurt besuchte sie das Adelige Damenstift und befreundete sich 1799 mit Carl von Savigny, der sie in den Kreis der Romantiker einführte. Sie lernte Bettina und Gunda Brentano kennen, die spätere Frau von Savigny, und stand in Briefwechsel mit Clemens Brentano. In diesem Kreis traf sie 1804 in Heidelberg den Altphilologen Friedrich Creuzer. Wegen Karoline wollte dieser sich von seiner Frau scheiden lassen, konnte sich aber dann doch nicht dazu entschließen. Im Juni 1806 kam es zum Bruch der Freundschaft mit Bettina Brentano, im Juli trennte sich Creuzer von ihr. Am 26. Juli 1806 beging sie in Winkel im Rheingau Selbstmord.

(Quelle: nddg.de)

Dieses Werk der Karoline von Günderode hat die Autorin Petra Hartmann inspiriert, um ihre Version von Timur zu Papier zu bringen. Wie sie dies umgesetzt hat, kann man in dem am 14. Juli 2015 erschienenen Taschenbuch des Saphir im Stahl Verlages nachlesen.

Das Buch

Petra Hartmann
Timur
Eine Novelle
Fantasy, Taschenbuch, Saphir im Stahl Verlag, Bickenbach, Juli 2015, 144 Seiten, 9,95 Euro, ISBN: 9783943948547, Titelbild von Miguel Worms, Bad Zwischenahn
Kurzinhalt:
Wer ist der bleiche Jüngling im Verlies unter der Klippenfestung? Prinzessin Thia will ihn retten. Doch wer Timurs Ketten bricht, ruft Tod und Verderben aus der Tiefe hervor. Als der Blutmond sich über den Horizont erhebt, fällt die Entscheidung …

Die Autorin Petra Hartmann

Petra Hartmann, geboren 1970 in Hildesheim, wuchs im etwa 900-Seelen-Dorf Sillium der Gemeinde Holle im Landkreis Hildesheim auf, wo sie heute noch lebt. Sie besuchte ein humanistisches Gymnasium. Anschließend studierte sie Germanistik, Philosophie und Politik in Hannover. Während des Studiums sammelte sie erste journalistische Erfahrungen bei der Leine-Zeitung in Neustadt am Rübenberge, der Nordsee-Zeitung in Bremerhaven und der Neuen Presse in Hannover.

Auf den Magisterabschluss folgten die Promotion mit einer Doktorarbeit über den jungdeutschen Schriftsteller Theodor Mündt und ein zweijähriges Volontariat bei der Neuen Deister-Zeitung in Springe. Danach war sie fünf Jahre Lokalredakteurin beim selben Blatt. Seit 2009 ist sie freie Schriftstellerin und Journalistin.

Petra Hartmann errang dreimal den dritten Platz bei der Storyolympiade (1999, 2000 und 2001) und wurde im Jahr 2008 mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet.
Ihr Roman »Der Fels der schwarzen Götter« wurde im November 2010 von der Phantastik Couch zum Buch des
Monats gekürt. 2013 war die Autorin für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert.

Leseprobe

Erstes Kapitel

»Sie schlang um ihn die Arme und

gab ihn nie wieder her.

›Da, wo du hingehst,

da will auch ich sein!‹
Und sprang mit ihm ins Meer.«

Längst war das alte Lied verklungen. Doch Thia saß noch immer am Turmfenster, den Kopf aufgestützt, den Blick in die dunklen Weiten der Sturmnacht verloren.

Blass war sie. Ein zartes, zierliches Kind von nicht einmal vierzehn Sommern. Doch die Geisterstimmen, die im Sturm ihren Namen greinten, schienen schon seit Jahrhunderten auf sie zu warten. Auf sie und … Sie wusste es nicht.

Der Blick auf die Wolkenfetzen, die vor der blutigen Mondscheibe wie schwarze Dämonenpferde vorüberhuschten, ließ ihr Herz schneller pochen, dunkelglühend schoss ihr das Blut durch die Adern, färbte ihr helles Gesicht mit Fieberglut und ließ ihre schwarzen Augen im Widerschein des Mondes unheimlich aufglänzen.

Irgendwo dort draußen, irgendwo in den Dämonenwolken und Geisterstimmen mochte die Antwort liegen, die Antwort auf die unbestimmten, drängenden
Fragen, die ihr die Brust eng machten und ihr das Herz im Leibe zusammenpressten. Irgendwo, irgendwann. Im Schatten eines Traumes, im Licht einer erloschenen Kerze …

»Prinzessin …?«

Das Mädchen sah ängstlich zu ihr hinüber. Doch sie regte sich noch immer nicht. Einzig ihre Schultern bebten.

»Prinzessin, ist Euch nicht wohl?«

Das Mädchen ließ die Harfe sinken. Unsicher trat es näher und strich sich den geflickten Kittel glatt. Ein Bettlerkind mit hübscher Stimme und gefälligem Gesicht,
wie es viele gab. Ein Spielzeug, das der alte König seiner einzigen Tochter geschenkt hatte, nicht das Erste, nicht das Letzte, schon gar nichts Besonderes.

Doch das Lied des Mädchens hatte eine Saite tief im Innern Thias angeschlagen, hatte eine Wunde berührt, so alt, dass die Prinzessin nicht einmal wissen konnte, was dort in ihr antwortete, was dort widerklang unter den Tönen der alten Ballade, die sie doch wahrhaftig schon kannte, von Kindesbeinen an kannte und niemals auch nur
mit einem ernsteren Gedanken gestreift hatte.

»Soll ich ein anderes Lied spielen? Etwas Lustiges vielleicht? Ich könnte Euch die Bauernhochzeit von Kuu-lay singen oder vielleicht …«

»Nein.«

Thia senkte den Kopf. Mühsam beherrscht trat sie vom Fenster zurück. Noch immer glühten Wangen und Augen ihr wie von einem unheimlichen Fieber, doch die Lippen waren bleich und zitterten.

»Es ist gut, Kind«, sagte sie tonlos. Sie hielt sich aufrecht, sehr aufrecht, wie ein schlanker, weißer Birkenstamm im Herbststurm, ein Baum, dem der Wind das Laub
durcheinanderwirbelt und der sich doch bei jedem Atemholen des Sturms wieder erhob. »Du kannst nach Hause gehen.«

»Aber.«

»Es ist gut, Kind!«, wiederholte sie eine Spur schärfer.
Das Mädchen fuhr zusammen. Es knickste artig und trat vor ihr zurück. Rückwärts huschte es zur Tür davon, klein und verloren wie ein junger grauer Vogel, der aus dem Nest gefallen war.

»Es ist gut, Kind«, flüsterte Thia sanft, erschrocken über den eigenen Tonfall und die Angst des Mädchens. »Geh nach Hause und grüß deine Großmutter von mir. Ich will
nach dir schicken, wenn mir wieder nach Gesang zumute ist. Es ist gut«

Dass das Mädchen die Tür hinter sich zuzog und ging, nahm sie nicht mehr wahr. Sie sank auf das Bett nieder und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Ihre Schultern bebten noch immer. Tränen rannen ihr über die Wangen, tropften zwischen ihren Fingern hervor auf ihr Kleid, sie spürte es kaum. Nur das heftige Schlagen ihres
Herzens schmerzte.

Was war nur los mit ihr? Das dumme alte Lied, die schwarze Sturmnacht und der Mond, der wie ein blutiges Eisen zum Fenster hineinschien, wie konnte all dies ihr die Brust so eng machen? Sie atmete tief durch. Langsam und ruhig sog sie die Luft ein und stieß sie wieder aus. Einmal, zweimal, ein drittes Mal.

Nur ein Lied, flüsterte sie sich selbst beruhigend zu. Nur der dumme alte rote Blutmond über dem Turm und der Sturm, der in den Klippen heulte. Geistergeschichten waren etwas für kleine Kinder. Gewiss nicht für die Tochter des ruhmreichen Ermar. Sie musste sich schämen vor alten Königen und Kriegsfürsten ihres Geschlechts, die die Klippen von Norderland schon seit Jahrhunderten beherrschten.

Sturmgeister, Wolkengeister, Nebelgeister … Schwächlinge und Verräter mochten an die Dämonen glauben, die auf schwarzen Pferden über den Himmel rauschten. Untreue, Verrat und Mord, davon mochten die Stimmen heulen und krächzen in den Ohren derer, die es etwas anging.

Zornig schüttelte sie den Kopf. Sie ballte die Hände zu Fäusten und bemerkte verbittert, dass ihre Finger nass waren. Mit dem Handrücken fuhr sie sich über die Augen und wischte die Tränen fort. Ihr Pulsschlag hatte sich wieder ein wenig beruhigt. Sie biss die Zähne zusammen. Gleichmütig trat sie zurück ans Fenster und sah hinaus.

Der Mond hatte inzwischen eine dunkelgoldene Farbe angenommen und blickte wie ein verwirrter, wunderlicher Greis durch zerschlissene Wolkenvorhänge. Unter ihr
donnerten Flut und Wrackholz gegen die Klippen, wie sie es seit Jahrhunderten taten im Königreich ihres Geschlechts.

Ihre Haltung straffte sich. Nein, Ermars einzige Tochter kannte keine Furcht. Im ganzen Klippenland gab es nichts, das sie in Angst versetzen konnte. Und das andere, das nicht Angst war, was immer es sein mochte, sie würde ihm begegnen, wie es der Tochter Ermars würdig war.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie zusammenfahren. Rasch strich sie sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht und zupfte ihr Kleid zurecht. Vergebens. Ermar, der alte König der Klippenburg, brauchte sie nur anzusehen, um zu erkennen, dass sie geweint hatte. Erschrocken fuhr er zurück beim Anblick seiner Tochter. Dann trat er auf sie zu und nahm sie sanft in den Arm.

»Was ist los mit dir, mein Kleines?«, fragte er besorgt. »Du zitterst ja am ganzen Leibe.« Seine Hand strich ihr sanft über die Wange und wischte eine verirrte Träne fort. »Du hast geweint?«

»Ach«, schnaubte Thia trotzig.

Sie war kein kleines Kind mehr. Entschlossen schob sie seine Hand beiseite und befreite sich aus seinen Armen. Dabei, wisperte eine dünne Stimme in ihrem Herzen, dabei hätte sie gerade jetzt jemanden gebraucht, der sie im Arm hielte. Weich und warm, wie es ihr Vater einst getan hatte auf den gemeinsamen Ausritten, als sie noch ein Kind war und die klammen Nebelfinger nach ihr greifen wollten.

Laut sagte sie: »Es ist nichts, Vater. Nur eine dumme Stimmung des Augenblicks.«

Ermar blickte sie besorgt an. »Was ist passiert, Kind?«

»Nichts. Es ist wirklich nichts. Das Mädchen hat ein dummes Lied gespielt, irgendetwas mit Herzschmerz und Tod, du weißt ja selbst, was die Mädchen aus dem Dorf manchmal für dummes Zeug singen den lieben langen Tag. Und ich war so dumm, da hab ich halt geweint.«

Sie schnaubte erneut vor Empörung und funkelte ihn aus tränenverschleierten Augen an.

»Und das war wirklich schon alles?«, fragte der alte König zweifelnd.

»Das war alles. Es war nichts.«

Sie lauschte in sich hinein, ob die Stimmen sich erneut regen würden. Doch es blieb stumm in ihr. Nur der Sturm rüttelte an den Fensterläden. Eine einsame Möwe schrie. Die Brandung brüllte. Es war nichts.

»Du solltest keine traurigen Lieder hören, mein Kind«, sagte der alte König. Er strich ihr sanft übers Haar. »Ich ertrage es nicht, wenn du weinst. Versprich mir, dass du es
nicht wieder tust.«

Thia senkte stumm die Augenlider.

»Und um das Mädchen werde ich mich kümmern«, krächzte der Alte heiser. »Sie wird nicht wiederkommen und dich mit ihren dummen Liedern belästigen.« »Aber sie hat doch nur …«

»Nein, lass es gut sein. Ich dulde es nicht, dass jemand meinem Augenstern wehtut. Unten im Dorf sollen sie jetzt einen Jungen haben, der spielt Flöte. Und er hat zwei
zahme Murmeltiere, die tanzen dazu. Würdest du das gern sehen, Thia?«

»Vater, ich bin …«

… kein Kind mehr, wollte sie sagen.

Doch der alte König fuhr unbeeindruckt fort, begeistert von seinem Gedanken: »Ja, das ist etwas für dich, darüber wirst du lachen und dich freuen, mein gutes, liebes Kind. Ich lasse ihn dir gleich morgen früh rufen. Dann sollst du einmal wieder richtig
lachen, kleine Thia.«

Er schob sie nachdrücklich ins Bett und deckte sie mit einer warmen Decke zu. Als er sich vorbeugte und ihr einen Gutenachtkuss auf die Stirn gab, kitzelten sein Bart und
seine Haare auf ihrem Gesicht. »Träum was Schönes«, flüsterte er.

Er schloss die Fensterläden. Nun konnten der dumme Mond und die dummen Dämonenpferde seiner Tochter nicht mehr die Ruhe rauben. Leise schlich er zur Tür. Im Türrahmen zögerte er. Er drehte sich noch einmal um und blickte mit feucht glänzenden Augen auf seine einzige Tochter.

»Ich liebe dich, Thia«, flüsterte er.
»Ich dich auch, Vater«, sagte sie leise.

Dann schloss er die Tür hinter sich.

Eine Weile stand er sinnend da und tauschte auf die Atemzüge seiner Tochter. Es schien, als habe sich die Prinzessin beruhigt. Ruhige und tiefe Atemzüge wie die einer jungen Frau, die reinen Gewissens im Schlaf lag.

Dann straffte sich der Rücken des Königs. Mit energischen Schritten marschierte Ermar auf die Treppe zu, stieg hastig die Stufen hinunter und rief schon, bevor er den Fuß der Treppe erreichte, nach den Wachen.

Drei Gepanzerte, angeführt von einem vierten in schwarzem Eisen gewappneten Hünen, eilten herbei und pflanzten ihre Hellebarden vor ihm auf.

»Zu Diensten, mein König«, klang der tiefe Brummbass des Hünen unter dem schwarzen Helm hervor.

»Das Mädchen?«

»Im Kerker, wie Ihr befohlen habt«
»Tötet sie.«

»Zu Befehl, mein König.«

Mit festem Schritt marschierten die Wachen davon.
Der König blieb allein zurück.

Draußen heulte der Wind um den schwarzen Turm.

Veröffentlichung der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Quellen:

(wb)

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