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Jackson – Teil 50

Finale in Perth

»Endstation ihr beiden!«

Mir blieb schier das Herz stehen, als ich die Stimme hörte. Danach ging alles so rasend schnell, dass ich überhaupt nicht mehr reagieren konnte.

Etwas raschelte rechts im Gebüsch, dann teilten sich die Sträucher und eine dunkle Gestalt sprang vor uns auf den Weg. Der Kerl schoss sofort. Die Kugel schlug vor meinen Füßen in den Boden, wühlte ihn auf und ließ feine Staubschleier aufsteigen. Dann ging er in Combat-Stellung und ließ mich in das Mündungsloch seiner 45er blicken. Yalla, die direkt neben mir stand, packte mich am Arm und bohrte ihre Fingernägel so tief in meine Haut, dass ich Mühe hatte, einen Schmerzensschrei zu unterdrücken.

»Los jetzt, da hinüber und hinsetzen!«, bellte der Kerl und deutete mit dem Lauf der Waffe nach links.

Ich beeilte mich, seinen Befehlen nachzukommen.

Der Typ hatte ein breites, kantiges Gesicht mit einem vorgeschobenem Kinn und stechenden, schmalen Augen. Er war um die vierzig, hatte breite Schultern und einen kurzen, stämmigen Hals, der nahtlos in die Schultermuskulatur überging. Der Kerl war ein Profi, jemand, dem man besser aus dem Weg ging, wenn man am Leben bleiben wollte.

Ich konnte ihm leider nicht mehr aus dem Weg gehen. Allerdings hatte ich auch nicht damit gerechnet, dass er oder irgendein anderer von den Typen, die uns seit dem Verlassen der Bank auf den Fersen waren, so schnell einholen würde.

»Was soll das?«, sagte ich schrill und versuchte, einen auf aufgebrachten Touristen zu machen. Immerhin befanden wir uns hier im Kings Park, einem riesigen, am Stadtrand von Perth gelegenen Naturschutzpark, der jährlich Millionen von Besuchern in die Stadt lockte.

»Wenn das ein Raubüberfall sein soll, muss ich Sie leider enttäuschen.« Ich zerrte an meinem Hemd und streckte ihm den Stoff entgegen. »Wie Sie sehen können, haben wir die Kamera und fast alles Bargeld im Hotelsafe deponiert.«

Aber die Masche ging fehl. Das Gesicht des Kerls wurde nur noch kantiger.

»Lass den Quatsch«, zischte er. »Ich bin kein Straßenräuber und du kein Tourist. Du weißt genau, weshalb meine Freunde und ich hier sind. Du bist uns schon etliche Male entwischt, aber das hat jetzt ein Ende. Früher oder später erwischen wir alle, an uns kommt keiner vorbei.«

»Was hast du mit uns vor?«, fragte ich beiläufig. Ich versuchte Zeit zu gewinnen. Wofür, wusste ich selber noch nicht, denn wir steckten bis zum Hals in der Scheiße. Vor uns ein Profi mit einer geladenen 45er in den Händen und hinter uns mindestens ein halbes Dutzend seiner Freunde und alle von dem Gedanken beseelt, uns beim geringsten Anzeichen von Widerstand über den Haufen zu schießen.

»Ich selber nichts, ich bin nur jemand, der Befehle ausführt«, antwortete mein Gegenüber. »Was weiter mit euch passiert, keine Ahnung, das liegt in den Händen der Organisation. Ich weiß nur eines: Es war ein großer Fehler, sich mit uns anzulegen. Es wäre für euch beide besser gewesen, wenn ihr nie nach Australien gekommen wärt.«

Klugscheißer, das war mir in der Zwischenzeit auch klar geworden, aber es änderte nun mal nichts an der momentanen Situation.

Ich lachte gehässig.

»Wenn nicht wir, dann wären es andere gewesen, oder denkt ihr ernsthaft, diese Scheiße, die ihr da draußen in der Wüste veranstaltet, wäre bis in alle Ewigkeit unentdeckt geblieben?«

Als er antworten wollte, geschah etwas, mit dem ich nie gerechnet hätte.

Ein dumpfes Geräusch, das sich anhörte, als würde jemand mit dem Baseballschläger auf einen Sandsack einschlagen, ertönte und im gleichen Moment war das kantige Gesicht des 45er-Mannes verschwunden.

Der Kerl wurde herumgerissen, grunzte und schraubte sich zu Boden.

Mein Blick ruckte nach rechts zu jenem Felsen, hinter dem unser Lebensretter hervorgesprungen war. Er war ziemlich alt und klapprig, normalerweise besaß er gegen den Pistolenmann nicht die geringste Chance, aber Joe, der Taxifahrer, war nicht nur mit allen Wassern gewaschen, sondern besaß auch noch einen Schraubenschlüssel aus Titan, dem selbst der härteste Schädel der Welt nicht zu widerstehen vermochte.

***

Ich schüttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen und öffnete sie erst wieder, als ich glaubte, sicher sein zu können, dass dieser Traum zu Ende war.

Ich wurde wieder einmal enttäuscht.

Wir befanden uns nach wie vor im Kings Park und Yalla stand immer noch neben mir. Das Einzige, was sich geändert hatte, war der Umstand, dass der Pistolenmann jetzt zu unseren Füßen lag und über ihm ein altes, faltenreiches Männchen thronte, das ich längst wieder vergessen hatte. Ein Fehler, wie sich herausstellte, denn Joe, der Taxifahrer, der uns erst vor einer kappen Stunde den Arsch gerettet hatte, entpuppte sich erneut als Lebensretter.

Ich starrte ihn an wie eine Kuh mit drei Köpfen, während Yalla lächelte, als hätte sie damit gerechnet, dass er hier auftauchen würde.

Eigentlich Blödsinn, aber ihr seltsamer Blick ließ mich an die verrücktesten Dinge denken.

Es blieb allerdings bei den Gedanken, Joes Stimme riss mich ziemlich schnell wieder in die Realität zurück.

»Was gibt es da zu glotzen?«, blaffte er. »Schwingt lieber die Hufe. Wenn wir nicht augenblicklich von hier verschwinden, sieht es ziemlich duster für uns aus. Mein Schraubenschlüssel ist zwar ziemlich stabil, aber gegen ein halbes Dutzend Revolverhelden hat auch er keine Chance.«

»Was willst du damit sagen?«

»Dass wir endlich Fersengeld geben sollten.«

Mehr sagte er nicht, stattdessen drehte er sich zur Seite und lief los. Ich starrte Yalla fragend an, zuckte schließlich mit den Schultern und folgte ihm. Natürlich nicht ohne vorher noch den Kerl mit der 45er zu entwaffnen und den Colt an mich zu nehmen.

Mir war klar, dass es da noch ein Reservemagazin und vielleicht etwas Bargeld geben musste, aber die Zeit drängte.

Joe führte uns auf direktem Weg zur Hauptstraße des Parks, dorthin, wo sich Souvenirläden, Fast Food Restaurants und Verkaufsstände mit Eis und Süßigkeiten wie an einer Perlenschnur am Straßenrand aufreihten.

Der Taxifahrer entpuppte sich als gewieftes Bürschchen. Denn inmitten all der Besucher und Verkaufsstände waren wir bedeutend sicherer, als wenn wir versucht hätten, auf irgendwelchen Nebenpfaden aus dem Park herauszukommen. Unsere Verfolger mochten vielleicht die Polizei beherrschen, aber eine Schießerei unter den Augen von so vielen Menschen – auf der Straße waren im Moment mindestens zweihundert Leute unterwegs – konnten auch sie nicht riskieren.

»Woher wusstest du, dass du uns hier finden kannst?«, fragte ich Joe, als sein Taxi in Sichtweite kam. »Du hast uns schließlich in der Murray Street abgesetzt.«

Joe grinste, während er auf die Fahrertür seines Wagens zuschlenderte.

»Ich wollte gerade wieder losfahren, als ich gesehen habe, wie die Typen, die hinter euch her sind, ins Haus liefen. Als sie kurz darauf einen jungen Burschen aus dem Fenster warfen, dachte ich mir, dass es nicht schaden könnte, wenn ich noch etwas warte. Schließlich war ich euch noch etwas schuldig. Die erste Fahrt mit euch hat mir fast einen Wochenlohn eingebracht, also dachte ich, dass da vielleicht noch mehr drin sein könnte.«

»Was aber, wenn wir die Bösen sind und du dir als Lohn von uns nur eine Kugel einfängst?«

Joes Grinsen wurde noch breiter, als er in den Wagen stieg.

»Seid ihr aber nicht, dazu brauche ich nur in eure Gesichter sehen. Ich fahre seit fast vierzig Jahren Taxi und glaube inzwischen genügend Menschenkenntnis erworben zu haben, um jemanden einschätzen zu können. Ein Blick in die Augen und ich weiß genau, ob einer Dreck am Stecken hat. Aber jetzt genug geredet, steigt ein und dann nichts wie weg von hier. Wenn ihr wollt, könnt ihr mir ja während der Fahrt eure Geschichte erzählen.«

»Wohin fahren wir?«, wollte Yalla wissen.

»Dahin, wo euch garantiert keiner findet. Etwa zehn Meilen von hier, in der Darling Range, gibt es ein altes Wochenendhaus, das schon seit Jahren keinen Besucher mehr gesehen hat.«

»Einverstanden«, sagte ich spontan. Wobei es hierzu nicht viel zu überlegen gab, wohin hätten wir uns sonst wenden sollen?

Ich riss die Tür auf, machte es mir auf dem Rücksitz bequem und winkte Yalla zu mir heran.

In diesem Moment schlug das Schicksal erneut zu. Diesmal so entsetzlich und brutal, dass ich daran fast zerbrach.

Einer unserer Verfolger, jener pickelgesichtige Bursche, den Joe vor wenigen Minuten niedergeschlagen hatte, war schneller wieder auf unsere Spur gekommen, als wir alle gedacht hatten. Hasserfüllt und unverhofft tauchte er aus der Menschenmenge auf und kam geradewegs auf das Taxi zu.

Joe hatte den Motor bereits angelassen und Yalla bückte sich, um einzusteigen, als ich tatenlos mit ansehen musste, wie die Rechte des Mannes zum Gürtel fuhr und eine schmale schwarze Pistole hervorzerrte. Bei dem Schießeisen schien es sich um eine Walter TP zu handeln, eine Taschenkanone, die gut am Mann zu verstecken war. Wahrscheinlich hatte ich die Knarre in der Hektik übersehen.

Jetzt war es zu spät, um über Versäumtes nachzudenken.

Mit geradezu entsetzlicher Deutlichkeit sah ich mit an, wie der Kerl den Finger um den Abzug krümmte, spürte förmlich den Kugeleinschlag in Yallas Rücken und sah hilflos zu, wie sie zusammenzuckte und schließlich langsam vor der Wagentür in die Knie ging.

»Yalla!« Ich stürzte nach vorne, packte sie an den Schultern, versuchte noch, sie auf die Füße zu zerren, vergeblich. Meine Finger griffen bereits in eine klebrige Nässe und eine eiskalte Hand legte sich um mein Herz, noch ehe ich das viele Blut an meinen Fingern sah.

Meine Augen wurden feucht, als ich sah, wie der Blick in Yallas Augen langsam zu brechen begann.

»Du hast noch ein paar von meinen Sachen in deiner Hosentasche«, sagte sie mit einer so klaren Stimme, dass es fast schon unheimlich war. »Eine davon ist ein kleiner Schlüssel, der zu einem Schließfach auf dem Flughafen passt. Die Nummer ist im Schlüssel eingraviert. Verlier ihn nicht, denn ohne ihn kannst du ihnen nichts beweisen.«

Ein Blutschwall schoss aus ihrem Mund. Dem Austrittsloch der Kugel und dem Schusskanal nach hatte sie ihr Mörder in die Lunge getroffen und dabei eine Patrone benutzt, die irgendwie präpariert sein musste. Entweder angefeilt oder die Spitze mit Sprenggel oder irgendeiner anderen Teufelei versehen, anders konnte ich mir die Größe der Wunde nicht erklären.

»Yalla!« Als ich ihren Namen wiederholte, lag alle Verzweiflung und Wut dieser Welt in diesem einen Wort. Aber es nutze nichts. An der Art, wie sie sich zur Seite neigte und zu Boden fiel, erkannte ich, dass sie bereits tot war. Ich brüllte wie ein Verrückter und versuchte aus dem Wagen zu kommen.

***

Wieder war es Joe, der mich rettete. Ohne ein Wort zu sagen trat er das Gaspedal seines Wagens bis zum Anschlag durch und steuerte ihn in einem Höllentempo aus dem Kings Park.

Der Schwung warf mich in den Sitz zurück. Dass die hintere Autotür, vor der Yalla zusammengebrochen war, nicht verschlossen war und deshalb andauernd auf und zu klappte, schien ihn dabei ebenso wenig zu stören wie mein Schreien oder die vielen Menschen auf der Straße, die auseinanderrannten, als wäre in ihrer Mitte eine Bombe explodiert.

Ich selber registrierte das alles nur am Rand.

Nach einer Ewigkeit – in Wirklichkeit waren keine zehn Minuten vergangen – hielt Joe den Wagen am Straßenrand an, stieg aus und schmetterte die immer noch offene Wagentür mit einer Gewalt ins Schloss, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte. Dann setzte er sich wieder ans Steuer und fuhr los.

Immer wieder fiel sein Blick auf den Rückspiegel, um an mir hängen zu bleiben. Eine Viertelstunde später begann er zu reden.

»Wir fahren jetzt zu der Hütte, von der ich dir erzählt habe. Dort werden wir etwas essen und dann schlafen. Jetzt in Hektik zu verfallen bringt nichts. Glaub mir, ausgeruht und mit etwas im Magen sieht die Welt schon anders aus.«

Ich brauchte etwas, bis ich seine Worte verarbeitet hatte, aber dann war ich kurz davor, ihm an die Gurgel zu springen.

»Du verdammter Scheißkerl, warum hast du nicht angehalten? Statt dich um Yalla zu kümmern, hast du sie liegen lassen wie ein Stück Dreck. Ich hätte große Lust, dir dafür den Schädel einzuschlagen, du Arschloch.«

Joe stieg in die Eisen, dass es nur so qualmte und quietschte. Der Wagen kam so abrupt zum Stehen, dass ich mit voller Wucht gegen den rückwärtigen Teil des Beifahrersitzes knallte. Dann drehte sich Joe zu mir um und starrte mich an, als ob er mich gleich fressen wollte.

»Halt endlich deine Schnauze! Dein Gejammer um Yalla geht mir allmählich auf den Sack. Glaubst du vielleicht, du bist der Einzige, der um sie trauert? Auch mir hat ihr Tod schier das Herz gebrochen, aber das Leben geht weiter. Wenn sie dir wirklich etwas bedeutet hat, solltest du dich besser zusammenreißen und mit mir ihren Plan zu Ende führen.«

Überrascht blickte ich ihn an. Woher zum Teufel kannte dieser Taxifahrer Yalla?

Plötzlich fiel mir wieder diese seltsame Vertrautheit zwischen den beiden ein, als Joe im Kings Park unseren Verfolger mit einem Schraubenschlüssel niedergeschlagen hatte.

»Was für einen Plan?«, fragte ich verblüfft.

»Die Bekämpfung und die Zerstörung jenes Syndikats, das für das Unternehmen Palinginese verantwortlich ist.«

»Was wissen Sie davon?«

»Mehr, als du denkst. Auch wenn ich nie selber in der abgeschotteten Area war, informierte mich Yalla über alles, was dort vor sich ging. Ich war sozusagen ihr Mann in der realen Welt und bereitete mit ihr den Kampf gegen das Syndikat vor.«

»Wer zum Teufel sind Sie?«

»Joseph Duncan, genannt der alte Joe. Ich bin Yallas Vater!«

***

Wir blieben vier Tage in dem alten Wochenendhaus und hatten dabei eine Menge zu bereden.

Schließlich überzeugte mich Joseph, was wohl hauptsächlich an Yallas Aufzeichnungen lag, in denen sie das Leben und Wirken des Syndikats ziemlich deutlich beschrieb. Diese kaum vier Schulhefte umfassende Niederschrift, sozusagen ihr Vermächtnis, war pures Dynamit.

Als ich sie durchgelesen hatte, wusste ich, dass ich ihre Arbeit fortsetzen musste.

Es konnte nicht sein, dass irgendein Konzern, egal wie reich und mächtig, die Geschicke unserer Welt bestimmen konnte.

Joseph war mein erster Verbündeter in diesem Kampf, weitere sollten folgen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Vielleicht werde ich mir einmal die Zeit nehmen und sie erzählen, vielleicht aber auch nicht.

ENDE

 

Hier nun endet die erste Staffel der Mystery-Serie Jackson Unternehmen Palinginese.

Staffel zwei Das Phantom-Syndikat folgt, wenn es der geneigte Leser wünscht.

C.C. Slaterman

5 Kommentare zu Jackson – Teil 50

  • Paule sagt:

    C.C., ich verneige mich vor dir; ergo bin ich ein geneigter Leser und wünsche eine Fortsetzung in Staffel zwei: Das Phantom-Syndikat.
    Danke schön

  • Paule sagt:

    Verwunderlich: In den Downloads steht ePub mit 14 Stück am Schluß (oder: am Schluss?); mobi und PDF je 20. Sonst ist ePub immer Spitzenreiter. Stand erster Tag.

  • Václav sagt:

    Ich habe gestern Jackson den 1 Teil fertiggelesen.
    Hat mir gut gefallen.
    Ich möchte mich Paule anschließen, auch ich bin ein geneigter Leser und freue mich auf Staffel zwei.
    Herzlichen Dank.

  • Slaterman sagt:

    Danke für das Interesse, Jackson 2 wächst und gedeiht täglich. Damit das Warten aber nicht so lange andauert werde ich bis dahin Marshal Crown wieder reiten lassen.
    Gruß Slaterman

  • Paule sagt:

    Marshal Crown reitet wieder … in den Frühling.

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