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Paraforce Band 38

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Der Marone – Ein Frühstück auf Jamaica

Thomas Mayne Reid
Der Marone – Erstes Buch
Kapitel 4
Ein Frühstück auf Jamaica

An einem stillen Morgen im schönen Monat Mai, in Jamaica schöner als sonst wo auf der Erde, kündigte die große Glocke in der großen Halle von Willkommenberg die Frühstückszeit an.

Bis zu diesem waren noch keine Gäste weder um die Tafel noch in der Halle versammelt, ausgenommen die farbigen Hausdiener, die, ein halbes Dutzend stark, aus der Küche mit Tabletts und Schüsseln kamen.

Mit einer Ausnahme hatten die Diener, alles Knaben und junge Männer, sehr wenig Kleider an. Schlechte Beinkleider von Osnabrücker Leinen und gestreifte Baumwollenhemden waren ihre ganze Bekleidung. Eine Ausnahme hiervon machte ein dicker und aufgeblasener schwarzer Mann mit einem dichten glänzenden Backenbart, der mit gebieterischer Stimme und Gebärde die Bewegungen der Übrigen lenkte. Die volle Livreebekleidung, die er trug, bezeichnete ihn als den Tafeldecker und Kellermeister des Hauses, der, wie sonst alle anderen seines hohen Standes, unbedingten Gehorsam von den Untergebenen verlangte.

Obwohl nur zwei Stühle an die Tafel gestellt waren und die Anzahl der Teller, Messer und Gabeln darauf deutete, dass sie lediglich nur für diese Anzahl Gäste gedeckt sei, hätten doch der Reichtum und die Anzahl der Schüsseln zu dem Glauben verleiten können, dass eine große Gesellschaft erwartet werde.

Es war ein vollkommenes déjeuner à la fourchette mit trefflichen Coteletts à une sauce piquante mit marinierten Fischen, mit entrées von jungen Hühnern und Enten, mit geröstetem Salmo und dergleichen mehr. Diese Gerichte waren rund um den Tisch gestellt, während ein kalter Schinken auf der einen Schüssel und eine Zunge aus der anderen das Zentrum bildeten.

Als Brot waren mehlige Yams vorhanden, einige davon gemischt mit Milch und Butter und in Form gebracht, geröstete Pisange, heiße Wecken, Trafts, Maniok-Kuchen und süße Kartoffeln.

Wären nicht ein prachtvolles silbernes Teeservice und ein großer strahlender Krug auf dem Tisch sichtbar gewesen, die Mahlzeit hätte mehr für ein Mittagessen als für ein Frühstück gehalten werden können.

Doch der Gedanke daran musste sofort aufgrund der Zeit – es war neun Uhr morgens – beseitigt werden.

Welche indes auch die an dieser Tafel erwarteten Gäste sein mochten, so viel war klar, sie verstanden gut zu leben. So speisten sie alle Tage und bei dem Frühstück war nichts Außerordentliches, was nicht jeden Morgen vorhanden gewesen wäre.

Nachdem die Töne der Glocke durch die Halle zu zittern aufgehört hatten, erschienen auch die, an welche dieses Zeichen gerichtet war, und traten in die Halle ein, nicht zu gleicher Zeit, sondern einer etwas später als der andere.

Der Erste war ein Herr von etwas mehr als mittlerem Alter und Größe, von gesunder Gesichtsfarbe und voller stattlicher Gestalt.

Er war in Nankingkleidern, Jacke und Hose von weitem Schnitt gekleidet. Die Jacke war vorn offen und ließ ein Hemd vom feinsten weißen Leinen sehen, dessen breite Streifen von keiner Weste bedeckt wurden. Ein weißer nach hinten umgeschlagener Kragen zeigte den bloßen nackten Hals, zugleich mit den breiten Backen von rötlicher Gesichtsfarbe rein und frisch rasiert.

Aus der Uhrtasche im Gürtel seiner Hosen hing eine starke goldene Kette mit einem Bund Siegel und Uhrschlüssel an dem einen Ende und an dem anderen ein ungeheurer Chronometer aus altnordischem Guineagold mit weißem Zifferblatt, worauf die schwarzen Ziffern deutlich eingraviert waren. Die Uhr selbst war zu sehen, da ihr Träger sie beim Eintreten aus der Tasche gezogen hatte, um sich zu versichern, ob seine Diener auch auf die Minute pünktlich seien, denn der fragliche Herr, kein anderer als Loftus Vaughan selbst, war sehr streng in solchen Dingen.

Nachdem er einen prüfenden Blick auf das aufgestellte Fleisch geworfen hatte und augenscheinlich von dem Gesehenen befriedigt war, setzte sich der Herr von Willkommenberg an den Tisch mit dem Vorgefühl der ihn erwartenden Genüsse und lächelndem Antlitz.

Kaum hatte er Platz genommen, als vom oberen Ende der Halle eine schöne Gestalt nähertrat, ein jungfräuliches Wesen mit frischen und rosigen Blicken wie die ersten Strahlen der Morgensonne.

Sie war in einem Kleid oder vielmehr in einem Negligé vom reinsten Weiß, einer Morgenhülle von der feinsten Schleierleinwand (Linon), die hinten fest anschließend den schwellenden Umriss ihres Rückens verriet. Das Kleid lag vorn in losen Falten, kaum die vollen und kecken Wölbungen des Busens verhüllend, und fiel dann anmutig herab, sodass nichts weiter sichtbar wurde als die Spitzen eines Paares kleiner seidener Pantoffeln, die sich abwechselnd wie zwei kleine weiße Mäuse zeigten, wenn sie über den spiegelgleich glänzenden Fußboden dahinglitten.

Ihr voll und doch fein gerundeter Hals war von einer Kette aus Bernsteinkorallen umschlungen und eine karminrote Blume – die wunderbare Blüte des Quamobit – glänzte zwischen den breiten Flechten ihres reichen Haares, das von dunkler kastanienbrauner Farbe, vorn am Kopf geteilt, sich in sanfter Biegung über klare, rosige Wangen ergoss.

Nur ein erfahrenes Auge, auf das Genaueste mit den physiologischen Kennzeichen der Rassen bekannt, hätte hier erkennen mögen, dass das junge Mädchen nicht vom reinsten kaukasischen Blut abstammte. Und doch war die geringe wellenförmige Krümmung des lockigen Haares, ein mehr rundes als längliches Gesicht, Augen von schwarzer Färbung mit einem unausgesetzten lichten Strahl in ihren Sternen – ein eigentümlicher gemäldeartiger Ausdruck in der Färbung der Wangen, alles entschiedene Merkmale, die ein gemischtes Blut kundgaben.

In der Tat war der eigentliche Makel ihrer Farbe nur geringfügig und es dürfte wirklich ruchlos erscheinen, wenn man von gemischtem Blut bei einem so anmutigen und schönen Geschöpf reden wollte, denn wahrhaft anmutig und schön war die Tochter des Loftus Vaughan jedenfalls.

Dies war nun die Kleine Quasheba, die Tochter der missleiteten und unglücklichen Quadrone. Klein war kein geeignetes Wort mehr für ein junges Mädchen, das im Begriff war, die Schwelle der Weiblichkeit zu überschreiten und durch seine kräftig, wenn auch anmutig entwickelten Formen mehr den Eindruck des Majestätischen als des Kleinen hervorrief.

Beim Eintritt in die Halle setzte das junge Mädchen sich nicht sogleich auf seinen Platz, sondern schlüpfte hinter den Stuhl, wo ihr Vater saß, schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte einen Kuss auf seine Stirn.

Das war ihr gewöhnlicher Morgengruß, welcher klar bewies, dass sie sich diesen Morgen zum ersten Mal sahen.

Nicht, dass sie erst vor Kurzem aufgestanden wären, denn beide waren schon viel früher draußen gewesen und mit der Sonne wach, wie es allgemeiner Brauch auf Jamaica war.

Herr Vaughan war in die Halle von der großen Außentür aus eingetreten. Sowohl der italienische Strohhut als auch der Stock in seiner Hand bewiesen, dass er schon einen Spaziergang gemacht hatte, vielleicht um die Arbeit in den Mühlen nachzusehen oder um sich von den Fortschritten auf seinen ausgedehnten Zuckerfeldern zu überzeugen.

Käthchen war eine halbe Stunde zuvor ins Haus gekommen im Reitanzug, Hut, Reitkleid und Peitsche, welche zeigten, dass ihre Morgenbewegung zu Pferde gewesen sein musste.

Nach der bereits erwähnten Begrüßung ihres Vaters nahm das junge Mädchen seinen Sitz vor dem großen Teekessel ein und begann das Frühstück zu bereiten.

Hierin stand ihr ein Mädchen von offenbar demselben Alter zur Seite, aber von ganz verschiedenem Aussehen. Es war ihre Dienerin, die mit ihr zusammen gekommen war und ihren Platz hinter dem Stuhl ihrer Herrin eingenommen hatte.

In der Erscheinung dieses jungen Mädchens lag etwas eigentümlich Besonderes, sowohl in ihrer Gestalt als in der Farbe ihrer Haut. Sie besaß jenen schlanken klassischen Wuchs, den wir bei antiken Bildwerken treffen, zugleich mit den Formen der indischen Frauen, die in England Ajahs genannt werden und die sehr von den Farbigen verschieden sind. Ihre Gesichtsfarbe war auch nicht die einer Afrikanerin, noch weniger die einer Mulattin oder einer Quadrone. Es war eine Mischung von Schwarz und Rot, woraus eine lichte Kastanien oder Mahagoni-Farbe entstanden, die in Verbindung mit einem rötlichen Anflug auf den Wangen einen nicht unangenehmen Eindruck hervorbrachte.

Auch die Gesichtszüge waren keineswegs die einer Afrikanerin, im Gegenteil sehr davon verschieden. Die Lippen waren dünn, das Gesicht länglich und die Nase von adlergleichem Schnitt, wie es bei ägyptischen Statuen oder bei den Arabern gesehen wird. Ihr Haar war nicht wollig, obgleich von dem eines Europäers sehr verschieden. Es war schlicht und doch schwarz, reichte aber kaum auf ihre Schultern, obgleich es nicht abgeschnitten war, denn es schien im vollsten Wachstum zu sein und erteilte, während es leicht über die Ohren fiel, dem braunhäutigen Mädchen einen eigentümlichen Glanz.

Sie war durchaus nicht hässlich, und einem an den Ausdruck ihres Gesichtes Gewöhnten möchte sie selbst sehr hübsch ausgesehen haben. Ihre feine Gestalt, noch mehr gehoben durch die außerordentlich knappe Kleidung, ein ärmelloses Gewand mit einem Madras-Schleiertuch um ihren Kopf à la toque gewunden, die anmutige Haltung, die ihr angeboren zu sein schien, sowohl, wenn sie in Bewegung war, als auch, wenn sie hinter dem Stuhl ihrer Herrin stand, der flüchtige Blick ihres schönen stolzen Auges und das perlengleiche Weiß ihrer Zähne. Alles trug dazu bei, ein Gebilde herzustellen, das keineswegs gewöhnlich war.

Dieses junge Mädchen war eine Sklavin, die Sklavin Yola.

Anstatt gerade in die Mitte des Raums war der Frühstückstisch ein wenig zur Seite der Eingangstür gestellt, damit die durch die offenen Jalousien eindringende frische Luft besser empfunden werden konnte, während man auch zugleich einen freien Blick auf die Landschaft draußen genoss. In der Tat, es war ein schöner Anblick, das ganze Tal von einem Ende zum anderen umfassend mit seinem langen palmenbeschatteten Baumgang, die Biegung des Montego, die Dächer und Türme der Stadt, die Schifffahrt in der Bucht und auf der Reede, die Bucht selbst und in der Ferne die blaue karibische See sehen zu können.

So schön die Landschaft auch anzusehen war, fühlte Herr Vaughan doch gerade keine Neigung, diese zu betrachten. Er war zu emsig mit dem schönen Fleisch auf dem Frühstückstische beschäftigt, und wenn er Zeit fand, einen Blick durchs Fenster zu werfen, so erstreckte sich dieser kaum weiter als auf den im Zuckerfeld beschäftigten Arbeiterhaufen, um zu sehen, ob seine Sklaventreiber auch ihre Schuldigkeit täten.

Die Augen des Fräuleins Vaughan waren desto öfter nach außen hin gerichtet, denn gerade jetzt musste, wie gewöhnlich, einer von Herrn Vaughans Dienern von Montegobay zurückkehren und die Briefe von der Post mitbringen. Dessen ungeachtet verriet ihr Wesen nicht eine besondere innere Aufgeregtheit, sondern es war lediglich das lebendige Interesse, welches junge Damen in allen Ländern bei Erwartung des Briefträgers fühlen, wenn sie auf einen jener kleinen Briefe von mindestens zwölf eng und zuweilen noch selbst in die Linien beschriebenen Bogen hoffen, die allerdings oft höchst schwierig zu enträtseln, aber für sie dennoch viel interessanter sind, als selbst die Seiten des neuesten Romans.

Noch mehr Anziehungskraft schien die Landschaft für das Mädchen, die Sklavin Yola, zu haben, oder vielmehr das vor ihren Augen offen liegende Meer. Wenn ihre Aufmerksamkeit auf den Frühstückstisch nicht erforderlich war, wandten sich ihre Augen zuweilen auf die entfernte See mit einem fremdartigen, träumerischen Ausdruck, als wenn ihre Gedanken weit, weit fort in das ferne Land ihrer Geburt schweiften, jene afrikanische Heimat, aus der sie mit Gewalt in die Gefangenschaft getrieben und als Sklavin verkauft wurde. Welche Ungeduld Fräulein Vaughan übrigens nach der Ankunft der Post empfunden haben mochte, sie ward bald gestillt, denn nur wenige Minuten nach dem Tönen der Frühstücksglocke verkündete ein dunkler Gegenstand in der großen Allee das Herannahen von Ouashie, dem Briefboten, und bald nachher galoppierte ein gnomenartiger Bube auf einem gewöhnlichen kleinen Klepper dicht bis an den Hauseingang, warf seinen Beutel dem Diener zu, der unten auf der Treppe stand, und wandte sich dann zum Stall.

Hatte das schöne Käthchen wirklich einen Brief erwartet, so ward sie arg getäuscht, denn es waren nur zwei Briefe da und eine Zeitung, und alle drei Sachen waren für Herrn Vaughan selbst. Beide Briefe trugen den englischen Poststempel, die Aufschrift des einen ward von ihm sofort erkannt und ein gefälliges Lächeln flog über seine Züge, als er das Siegel brach.

Wenige Minuten genügten, um ihn den Inhalt des Briefes kennenzulernen, während das Lächeln zu einem Blick lebhafter Befriedigung anwuchs. Er erhob sich vom Stuhl, schritt einige Zeit auf und nieder, schnippte verschiedentlich mit den Fingern und rief aus: »Gut, sehr gut! Ich wusste es vorher!«

Seine Tochter betrachtete sein Benehmen mit Verwunderung. Ihr Vater war gewöhnlich höchst ernst, ja zu Zeiten sogar finster, und solche Äußerungen der Fröhlichkeit waren bei Loftus Vaughan äußerst selten.

»Angenehme Nachrichten, Papa?«

»Ja, du kleiner Schelm, sehr angenehme.«

»Kann ich sie nicht wissen?«

»Ja – nein, nein! – jetzt noch nicht.«

»Aber, Papa, das ist ja recht grausam von dir, es mir nicht zu sagen. Ich verspreche, ich will deine Freude teilen.«

»Das wirst du schon, wenn du die Neuigkeit hörst – das heißt, wenn du nicht eine kleine Närrin bist, Käthchen.«

»Ich eine Närrin, Papa? So werde ich schwerlich genannt sein, wenn Fröhlichkeit genügt, um mir diesen Vorwurf zu ersparen.«

»O, Du würdest eine Närrin sein, wenn du nicht fröhlich wärst. – Doch nun lass es gut sein, Kind. Ich will dir alles nach und nach sagen, ganz gewiss.« Dann fuhr er fort, indem er beständig mit seinen Fingern wie in einer Art von wirrer Entzückung knackte, wiederholt zu sagen: »Wohl, wohl, ganz wohl! Ich wusste es vorher, ich wusste, er würde kommen.«

»Erwartest du jemand, Papa?«

»Ja, – rate, wer es ist!«

»Wie könnt’ ich das? Du weißt ja, ich kenne deine englischen Freunde nicht, und ich sehe, der Brief trägt einen englischen Poststempel.«

»Kennst du ihre Namen nicht? Du hast ihre Namen gehört und Briefe von einigen gesehen.«

»O ja, ich höre dich oft von einem reden – von einem Herrn Smythje – ein komischer Name, wahrhaftig. Ich möchte nicht Smythje heißen, für alles in der Welt.«

»Was, was? Smythje ist ein sehr hübscher Name, besonders mit Montagu davor. Montagu ist prächtig, und Herr Smythje ist der Eigentümer von Schloss Montagu.«

»Aber, Papa, wie kann das den Namen besser klingen lassen? Ist er’s, den du erwartest?«

»Ja, liebes Kind. Er schreibt mir, dass er mit dem nächsten Schiff kommen will, die Seenymphe ist sein Name. Es sollte eine Woche, nachdem der Brief geschrieben, absegeln, sodass wir seine Ankunft in wenigen Tagen erwarten können. Wahrhaftig, ich muss Vorbereitungen treffen. Du weißt, Schloss Montagu ist etwas baufällig, er muss mein Gast sein, und höre mal, Käthchen!« fuhr der Pflanzer fort, indem er sich abermals an den Tisch setzte und sich zu seiner Tochter hinbeugte, damit seine Stimme nicht von den Bedienten gehört werden konnte.

»Du musst dein Bestes tun, diesen jungen Fremden zu unterhalten. Er soll ein sehr feiner Mann sein, und ich weiß, er ist reich. Es ist in meinem Interesse, freundlich gegenüber ihm zu sein,« fügte Herr Vaughan mit viel schwächerer Stimme und gleichsam mit sich selbst redend hinzu, aber immer laut genug, dass seine Tochter ihn verstehen konnte.

»Lieber Papa!« war die Antwort. »Wie könnte ich denn anders als höflich ihm gegenüber sein? Wenn selbst bloß deinetwegen …«

»Wenn bloß deiner selbst wegen«, unterbrach der Vater sie und begleitete diese Bemerkung mit einem schlauen Blick und Lächeln. »Aber, liebes Käthchen«, fuhr er fort, »wir werden wohl noch Zeit haben, hierüber weiter zu sprechen; ich muss den anderen Brief lesen. Von wem auf der Welt der nur sein mag? Freilich, nie zuvor sah ich die Handschrift.«

Die Ankündigung des bevorstehenden Besuches des Herrn Montagu Smythje mit dem Trompetenvorspiel seiner mannigfachen Vortrefflichkeiten – deren hohe Lobpreisung Käthchen nun freilich nicht zum ersten Male gehört hatte – schien in dem Herzen der jungen Quadrone gerade keine so sehr lebhafte und freudige Erregung hervorzubringen, wenigstens war nichts davon wahrzunehmen. Sie hatte die Nachricht mit vollkommener Gleichgültigkeit aufgenommen, indem sie sich wenig um ihn kümmerte. Wenn sie überhaupt eine Meinung über ihn hegte, so war diese eher gegen ihn, denn zufällig war vieles von dem, was sie über diesen Herrn gehört hatte, durchaus nicht geeignet, sie zu seinen Gunsten einzunehmen.

Und sie hatte vielerlei über ihn sowohl von ihrem Vater als auch von ihres Vaters Bekanntschaften gehört, da der Herr von Schloss Montagu oftmals der Gegenstand des Gespräches nach dem Mittagessen gewesen war.

Auf Jamaica war Herr Montagu Smythje nur dem Namen nach bekannt, denn während der ganzen Zeit seiner Minderjährigkeit von der frühesten Kindheit an hatte er sich in London aufgehalten. Er war ein wahrhaftiges Londoner Stadtkind, nicht nur durch Erziehung, sondern auch von Geburt, denn er war nicht der Sohn des verstorbenen Eigentümers von Schloss Montagu, sondern nur sein Neffe und Erbe.

Es ist bereits erzählt, dass Käthchen Vaughan gerade nichts von diesem jungen Mann gehört hatte, was imstande gewesen wäre, irgendein besonderes Interesse zu seinen Gunsten zu erregen, sondern gerade das Gegenteil. Sie hatte gehört, dass er ein Exquisiter – ein wahrhafter Laffe – vielleicht von allen Charakteren der einer jungen Kreolin am meisten widerliche, denn ungeachtet ihrer natürlichen lebhaften Neigung, sich in eine schöne persönliche Erscheinung zu verlieben, so muss diese doch stets von gewissen geistigen Eigenschaften, von der größten Moral, ja selbst von höchstem Verstand begleitet sein, was allerdings gänzlich verschieden ist von der frivolen Bildung bloßer Gefallsucht.

Die Natur, die ein Kreolenmädchen treibt, ihr ganzes Herz ohne allen Rückhalt wegzugeben, hat sie auch gelehrt, es mit Überlegung zu verschenken, und ein gewisser Instinkt warnt sie, ihre kostbare Gabe nicht auf einen des Opfers unwürdigen Altar niederzulegen.

Noch ein anderer Umstand trug dazu bei, in Käthchen Vaughans Herzen ein gewisses zurückstoßendes Gefühl gegen den Herrn von Schloss Montagu zu erzeugen, und dieser war das Betragen ihres eigenen Vaters in Bezug auf ihn. Von Zeit zu Zeit, wenn er von Herrn Montagu Smythje sprach, hatte er sich gewisser Ausdrücke und Anspielungen bedient, die, wenn auch in zweideutiger Sprache vorgebracht, dennoch von dem jungen Mädchen ganz wohl verstanden waren.

Das Herz der Frau versteht schnell und leicht, selbst schon im frühesten Jungfrauenalter sehr wohl alles, was sich auf die Verfügung über sich selbst bezieht. Es ist außerordentlich geneigt, jedem Bemühen zu widerstehen, das darauf hinzielt, es von seinen natürlichen Zuneigungen abzuziehen und es seines Rechtes der gänzlich freien Wahl zu berauben. Vaughan hatte, da er diese geheimen Wahrheiten durchaus nicht kannte, selbst eine Wand gegen seine eigenen Absichten errichtet, während er gerade vermeinte, vollkommen erfolgreich bei Hinwegräumung der ihm entgegenstehenden Hindernisse, so wie beim Ebnen und Verkürzung des Weges zu sein.

Im Ehestiften war Herr Vaughan daher offenbar nur ein Stümper, denn es war wohl klar, dass er hier eine Ehe zu stiften beabsichtigte.

»Niemals zuvor die Handschrift gesehen«, sagte er, als er das Siegel des zweiten Briefes erbrach.

Hatte der Inhalt des ersten Briefes ihn mit Freude erfüllt, so erzeugte der des zweiten eine ganz entgegengesetzte Wirkung.

»Ist tot!«, rief er aus, indem er den Brief zusammenlegte, als er ihn zu Ende gelesen und dann noch einmal leidenschaftlich vom Stuhle aufsprang. »Tot oder lebend, der unglückselige Bruder scheint für mich als Fluch geboren zu sein! Als er noch lebte, hatte er immer Geld nötig, und nun er tot ist, schickt er seinen Sohn, einen Tunichtgut, wie er selbst, um mich zu stören, ja vielleicht um mich zu entehren.«

»Nun, lieber Vater!«, sagte das junge Mädchen, mehr über sein wild auffahrendes Verhalten bestürzt, als über das, was er gesagt, denn die Worte waren mit schwacher Stimme, gleichsam im Selbstgespräch hergemurmelt, – »hat der andere Brief unliebsame Nachricht gebracht?«

»Ja, wahrhaftig! Du magst selbst lesen!«

Und wiederum setzte er sich, schleuderte das unwillkommene Schreiben quer über den Tisch und begann mit augenscheinlicher Gierigkeit wieder zu essen, als ob er hierdurch sein aufgeregtes Gemüt beruhigen wollte.

Käthchen nahm den hingeworfenen Brief und durchflog, während sie die Falten glättete, dessen Inhalt.

Das Durchlesen erforderte nicht so sehr viel Zeit, denn im Verhältnis, dass der Brief einen so langen Weg gemacht, war sein Inhalt wirklich sehr kurz: –

London, den 10. Juni 18–.

Lieber Onkel!

Ich habe Ihnen die traurige Nachricht mitzuteilen, dass Ihr Bruder, mein teurer Vater, nicht mehr ist.

Seine letzten Worte waren, ich sollte zu Ihnen gehen, und in Erfüllung dieses seines Wunsches habe ich die Überfahrt nach Jamaica beschlossen. Das Schiff ist die Seenymphe und wird am 18. dieses Monats absegeln. Ich weiß nicht, wie lange wir auf See sind, – doch ich hoffe, es wird nur eine kurze Fahrt werden, da des armen Vaters Sachen alle vom Gerichtsdiener fortgenommen worden und ich aus Mangel an Geld gezwungen bin, die Fahrt als Zwischendeckspassagier zu machen, was durchaus keine sehr angenehme Art zu reisen sein soll. Doch ich bin jung und stark und werde es ohne Zweifel gut aushalten.

Ihr zärtlicher Neffe

Herbert Vaughan

Eine Antwort auf Der Marone – Ein Frühstück auf Jamaica

  • Paule sagt:

    Wolfgang hast du es gesehen?
    Es gibt kein Kapitel 37, allerdings ist zwischen 36 und 38 ein inhaltlicher Sprung. Da passt Kapitel 37 rein.
    Ab: Gutsbesitzer Jessuron hielt Gericht auf derselben Veranda seines schmutzigen Wohnhauses …

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