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Robert der Teufel – Kapitel 4

Robert der Teufel und die höllischen Fanghunde
Eine schauderhafte Teufels-, Hexen-, Räuber- und Mördergeschichte um 1860

Kapitel 4 – Ein Volksaufstand

Unterdessen ließ sich ein dumpfes Geschrei von der Straße her vernehmen, das immer lauter wurde, je näher es dem Residenzschloss kam.

»Was soll das bedeuten?«, fragte der König besorgt und trat an ein Bogenfenster.

»Raufhändel!«, meinte Robert.

Ein alter Diener der königlichen Burg stürzte leichenblass herein und rief: »Allergnädigster König! Ein Volksaufstand!«

Nach diesen Worten eilte er wieder jammernd zur Tür hinaus. Die Menschenmenge auf dem freien Platz vor der Residenz schwoll immer mehr an. Als Robert ans Fenster trat, erhob sich ein wildes Geschrei und geballte Fäuste drohten ihm. Er blieb furchtlos stehen und warf ihnen vernichtende Blicke zu, wodurch er die Flamme des Aufruhrs noch immer ärger schürte.

Hofdiener kamen hastig und sprachen: »Das Volk verlangt ungestüm, mit dem Könige zu reden, da sich etwas Schreckliches ereignet habe.«

»Was denn?«

»Das soll niemand erfahren, als der König allein. Die Leute stoßen die größten Verwünschungen aus.«

»Gegen ihren König?«

»Nein, gegen …«

»So sprich!«

»Gegen den Prinzen Robert!«

»Siehst du!«, sagte der König mit einem Blick stillen Vorwurfs zu ihm.

»Was ist jetzt zu tun? Lasst mich an die Spitze Eurer Leibwache treten, und in kurzer Zeit den Platz da unten von dem aufrührerischen Gesindel säubern, dass nur noch die Leichenträger zu tun haben.«

»O nein! Ich liebe mein Volk, und mein Volk liebt mich!« An einen Diener gerichtet fügte er hinzu: »Sag den Leuten, sie sollen Abgeordnete aus ihrer Mitte wählen und zu mir senden, ich sei bereit, mit ihnen zu sprechen!«

Bald darauf traten vier Männer in das Gemach, verbeugten sich vor dem König, warfen aber scheue Blicke auf Robert und schauten sich einander verlegen an.

»Wollt ihr vielleicht mit mir allein sprechen?«, fragte der König.

»Ja, lieb wär’s uns freilich«, meinte der Wortführer.

»Warum?«

»Offenherzig gestanden, weil wir eine Beschwerde gegen den Herrn Prinzen da vorzubringen haben.«

»Wie? Gegen mich?«, sagte Robert mit ruhiger Miene.

»Ja, gegen Euch.«

»Nun, dann bleibe ich da, um mich vor meinem König und Herrn in eurer Gegenwart zu verantworten. Sprecht frei aus, was ihr auf dem Herzen habt, gerade so, als könnte ich kein Wort davon hören. Ich bin überzeugt, dass ihr eine bessere Meinung von mir mitnehmen werdet, als ihr vorher gehabt hattet.«

Der Sprecher der Beschwerdeführer nahm all seinen Mut zusammen und begann: »Allergnädigster König! Es ist Euch wohl bekannt, wie viele Klagen und Unruhen in dieser Stadt und im ganzen Land wegen des Lebens und Treibens des Prinzen Robert bereits entstanden sind sowie auch mit aufrichtigem Dank allgemein anerkannt wird, wie gern die königliche Güte in solchen Fällen Entschädigung gewährt hat, wo eine Entschädigung möglich gewesen ist. Vor einer Stunde aber geschah etwas so Entsetzliches, das die ganze Stadt in äußerster Bestürzung ist. Die hübsche und reiche, mit einem geachteten Wechselherrn verlobte Kaufmannstochter, Jungfrau Agathe Bolienne, ist mit ihrer Zofe spazieren gegangen, mit der Bemerkung, dass sie spätestens in einer halben Stunde wieder heimkommen werde. Zwei ehrbare Bürger sahen sie in den Wintergarten des Prinzen gehen. Sie warteten lange Zeit, ohne dass sie diese wieder herausgehen sahen. Holzfäller fanden im Gebirge nicht weit hinter dem Wintergarten die Leichen Agathes und ihrer Zofe mit abgeschnittenen Hälsen und brachten sie auf einer aus Baumästen bestehenden Tragbahre in das elterliche Haus. Der Jammer darüber ist unbeschreiblich.«

»Und diesen Doppelmord soll vielleicht ich verübt haben, der sich seit dem frühen Morgen in der Residenz beim König befindet?«, fragte Robert lächelnd und im sanften Ton.

»Dies können wir allerdings nicht direkt behaupten, wohl aber, dass schon viele Personen aus der Stadt, insbesondere aber durchreisende Fremde, diesen Wintergarten besucht haben und nicht mehr zurückkehrten.«

»Es ist ja niemand gezwungen, hineinzugehen. Wer sich fürchtet, der bleibe von ihm fern. Das ist Geschwätz alter Weiber. Es steht jedermann frei, alle Winkel meines Paradieses zu durchsuchen. Kein Mensch wird etwas Verdächtiges darin finden. Leider ist es schon zur Gewohnheit geworden, bei allen Verbrechen zu sagen: ›Das hat Robert der Teufel getan!‹ Was aber die Ermordung dieser zwei Frauen betrifft, so will ich euch eine ganz andere Möglichkeit aufzeigen.

Wenn die Frauen angegeben haben, von ihrem Spaziergang spätestens nach einer halben Stunde wieder zurückkommen zu wollen, so konnten sie nicht in den Wintergarten gehen, der eine gute Stunde von der Stadt entfernt liegt. Ihre Eltern hätten ihre junge Tochter nicht an einen geachteten Wechselherrn verloben sollen, an einen alten, reichen Geizhals. Der geheime Liebhaber des Mädchens ist, wie ich gehört habe, ein junger hübscher Mann namens Alland, Buchhalter in einem anderen Handelshaus. Agathes Eltern sollen nur nachforschen, ob ihnen nicht Geld und Kostbarkeiten entwendet wurden. Ist dies der Fall und Alland verschwunden, dann rechtfertigt sich mein Verdacht, dass er seine Geliebte überredet hat, so viel Wertvolles wie möglich einzustecken und mit ihm in ein fernes Land zu fliehen, um dort den ehelichen Bund zu schließen, den man ihnen hier verweigern würde. Wahrscheinlich hat Alland das Geld seiner Geliebten mehr geliebt als sie selbst und somit Agathe und ihre Zofe umgebracht und allein die Flucht ergriffen. Ich will dem Alland nicht unrecht tun: Es kann durchaus möglich, dass er noch hier ist, warum nicht. So ist es auch noch möglich, dass alle drei in die Hände der Raubmörder fielen, welche schon lange Zeit im Gebirge ihr Unwesen treiben, Alland entkam und die beiden Frauen wurden. Der König hat schon die größten Anstrengungen unternommen, um diese verfluchte Bande zu vernichten. Wie oft schon habe ich mein eigenes Leben dabei gewagt und Wunden davongetragen. Die blutigen Bestien scheinen wie Pilze aus der Erde zu wachsen. Wenn alle kampffähigen Männer von hier den Mut haben, einen allgemeinen Streifzug gegen sie zu unternehmen, so bin ich mit Freuden bereit, mich an die Spitze zu stellen und durch meine Tapferkeit zu beweisen, dass ich mit Ruhm und Ehre den Namen ›Robert der Teufel‹ trage.«

Der Wortführer und die übrigen drei Abgeordneten waren durch diese Ansprache ganz verblüfft, welche ihre Anklage konfus erscheinen ließ und widerlegte. Verlegen starrten sie den Boden an. Sie wussten nicht mehr, was sie sagen sollten.

Endlich nahm jener, der immer gesprochen hatte, wieder das Wort an sich.

»Es tut uns recht leid, gnädigster Prinz, dass Euch unrecht geschehen ist. Wir wollen die Sache jetzt noch genauer zu erforschen suchen.«

»Das hättet ihr zuvor tun sollen«, erwiderte der Prinz.

»Jawohl, allein der allgemeine Schrecken über dieses furchtbare Ereignis war zu groß, und das Verlangen des erbitterten Volkes zu dringend, als dass wir ohne Gefahr für unser Leben die Beschwerde zu stellen unterlassen konnten. Zürnt uns deshalb nicht, allergnädigster König und gnädigster Prinz!«

»Nicht im geringsten«, versetzte der König, »vielmehr freut es mich, dass ihr meinem Sohn Gelegenheit gegeben habt, euch eine bessere Meinung von seinem Charakter zu machen, als ihr bisher davon hattet. Sagt ergeben alles, was ihr nun gehört, euren Mitbürgern, meinen lieben Untertanen, die da unten auf euch warten, und ermahnt sie, ruhig nach Hause zu gehen, und künftig allen Beschwerden eine reifliche Überlegung vorausgehen zu lassen.«

»Gewiss, das werden wir tun. Wenn uns nun auch der gnädigste Prinz verzeihen möchte.«

»Gerne verzeihe ich euch euren allzugroßen Eifer, ihr lieben wackeren Leute!«, äußerte Robert freundlich lächelnd, »nennt mir eure Namen, damit ich euch gelegentlich Unterstützung erweisen und auf diese Art Böses mit Guten erwidern kann.«

Sie nannten ihre Namen und beteuerten wiederholt, wie unbegreiflich es sei, einen Prinzen von so edlen Gesinnungen so sehr falsch zu beurteilen.

Robert reichte jedem der vier Männer die Hand, worüber sie sehr entzückt waren, und wenige Worte genügten, dass die auf dem freien Platz vor der Residenz Harrenden sich entfernten.

»Ich bin heute mit dir zufrieden, Robert!«, sagte der König mit heiterer Miene, als er mit seinem Sohn allein war.

»Ihr würdet es immer sein, wenn ich bei jeder Missetat, die man mir zur Last legt, eine solche Gelegenheit fände, mich zu verteidigen.«

»Geh setzt zum Hofmaler. Ich will nicht länger dein Glück verschieben.«

Robert entfernte sich mit einer Verbeugung. Während der ganzen Unterredung hatte er den König nicht ein einziges Mal Vater genannt.

Der König ging sogleich zur Königin, um ihr seine Freude über die Rechtfertigung Roberts mitzuteilen.

Am gleichen Abend waren alle Weinschenken in Arles von Bürgern überfüllt, die ihre Meinungen über das blutige Ereignis des Tages austauschen. Die angestellten Nachforschungen hatten wirklich erkennen lassen, dass Agathe eine Menge Gold und Kostbarkeiten aus dem elterlichen Hause mitnahm, dass Alland ihr geheimer Liebhaber, gleichfalls auch verschwunden, und Agathes Zofe nirgends zu finden war. Den vier Abgeordneten, die sich in vier verschiedene Schenken verteilten, gelang es, jeden Verdacht von Robert abzuwenden. Als aber der Tag anbrach, fand man jeden von ihnen erdrosselt und ausgeraubt vor der Tür seines Hauses.