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Das Geheimnis zweier Ozeane 16

Zweiter Teil
Viertes Kapitel
Zwei gelüftete Geheimnisse

Nach dem Bombenangriff im Sargassomeer hatte das U-Boot seine Fahrt fast zwölf Tage nicht unterbrochen. Während dieser Zeit wurde die riesige Fläche des ozeanischen Bodens zwischen der unterseeischen Gebirgskette und der afrikanischen Kontinentalböschung erforscht. Es wurden einige verhältnismäßig hohe Berge, Plateaus und Senken entdeckt. Zahlreiche Messungen des Ozeanografen vermittelten eine genaue Vorstellung über die Temperaturen, die Dichte, den Salzgehalt und die chemische Zusammensetzung der Tiefsee und der mittleren Wasserschichten. Gesteinsproben und die Untersuchung der tieferen Schlammschichten beseitigten Unklarheiten über die erdgeschichtliche Entwicklung des Atlantischen Ozeans.

Im Biologischen Kabinett des Zoologen wuchsen die Sammlungen neuer, bisher unbekannter Vertreter der Tiefseefauna enorm an.

Aber der Gelehrte war stets bekümmert, wenn sein Blick auf ein Glas fiel, das auf seinem Schreibtisch stand, und auf eine große unansehnliche Muschel, die daneben lag. Im Glas befand sich die grellrote, mit Höckern und spärlichen Borsten verzierte Schere, die Gorelow mit der Hammeraxt vom Körper der riesigen Krabbe getrennt hatte. Das Muschelgehäuse gehörte dem einzigen Vertreter der bisher unbekannten und höchst bemerkenswerten Klasse der Blätterkiemer, der Lamellibranchiata cephala, an. Alle Mühen des Zoologen und seiner Helfer, weitere Exemplare des Weichtieres zu finden, waren bisher ergebnislos geblieben. Diese außergewöhnliche Molluske wurde zur fixen Idee nicht nur des Zoologen und seiner Exkursionsbegleiter, sondern der ganzen Schiffsbesatzung. Das Interesse für das geheimnisvolle Muscheltier wurde noch größer, als der Zoologe bekannt gab, dass Zoi bei der Untersuchung des Molluskenkörpers eine unwahrscheinlich große Menge Gold gefunden hatte, woraus sich auch das außergewöhnliche Gewicht des Weichtieres erklärte.

Zoi fuhr leidenschaftlich fort, die Überreste des Tierkörpers aufs Genaueste zu untersuchen. Es schien, als sei schon alles erforscht – Anatomie und chemische Zusammensetzung, die Verdauungsorgane mit den Nahrungsresten, Muskelgewebe, Blutgefäße, Nervensystem und Fortpflanzungsorgane. Was das Vorhandensein von Gold anging, nahm der Zoologe an, diese Molluskenart lebe in einer Zone reicher Goldvorkommen, wie sie Schelawin unlängst bei seinem so unglücklich verlaufenen Tiefseeabenteuer gefunden hatte. Er vermutete, dass im Verbreitungsgebiet der Mollusken das Seewasser besonders goldhaltig sei.

Dennoch fuhr Zoi hartnäckig fort, die Überreste des geheimnisvollen Weichtieres zu untersuchen. Er weihte niemand in seine Beweggründe ein und arbeitete nur, wenn er allein im Laboratorium war. Es gab auch Tage, da er nichts tat und in düsterer Stimmung in dem Raum auf und ab schritt, oder er schlüpfte in den Taucheranzug und unternahm eine kleine Tiefseeexkursion – allein oder in Gesellschaft von Marat und Pawlik.

Heute, als er mit einer Gebärde der Verzweiflung den Schemel zurückstieß und seine Wanderung durchs Laboratorium begann, war er sehr erfreut, als Marat erschien.

»Wieder einmal unzufrieden?«, fragte Marat mit einem Seitenblick auf den Laboratoriumstisch, auf dem ein Präparat lag. »Wenn du keine Lust hast weiterzuarbeiten, dann begleite mich auf den Meeresgrund. Ich habe dort im Auftrage von Skworeschnja zu tun.«

»Das ist keine Arbeit, das ist eine Qual!«, rief Zoi mit verzerrtem Gesicht.

»Mir ist schon seit Langem aufgefallen, dass du dauernd schlechter Laune bist«, bemerkte Marat.

»Wenn man von einer Idee besessen ist und Tag und Nacht keine Ruhe findet …«, sagte Zoi und ließ sich kraftlos auf den Schemel fallen. »Manchmal glaubt man, es wäre geschafft, und dann ist das Ziel wieder so fern. – Ach, wenn du wüsstest, Marat, wie schwer das ist! Und ich dachte schon, ich sei am Ziel. Was wäre das für eine Entdeckung!«

»Eine Entdeckung?« Marats Augen leuchteten. »Lieber Zoi, wenn es kein Geheimnis ist …«

Marats Stimme klang bittend, sogar die widerspenstige Haarsträhne am Scheitel schien sich wie ein Fragezeichen zu sträuben.

Zoi lächelte bitter.

»Leider handelt es sich nur um eine Hypothese … die Träume eines jungen und unerfahrenen Menschen.«

»Nicht den Mut verlieren, Zoi«, sagte Marat tröstend und setzte sich zu seinem Freunde. »Nur begeisterungsfähigen Menschen gelingen die wirklich großen Entdeckungen. Sag mir doch, was es ist …«

Zoi überlegte einen Augenblick und begann dann mit leiser Stimme zu sprechen:

»Als Arsen Dawidowitsch das Vorhandensein geringer Goldspuren im Blut dieser verwünschten Molluske als einen Zufall bezeichnete, war ich im Stillen damit nicht einverstanden. Zufälle sind in der Natur äußerst selten. Man kann nicht von ihnen ausgehen. Sind denn diese Goldvorkommen auf dem Meeresboden wirklich so häufig? Und ich erinnerte mich daran, dass eigentlich das ganze Weltmeer ein riesiges Goldfeld ist. Wie dir ja bekannt ist, gibt es im Meerwasser sehr viele Grundstoffe, die auch in der Erdrinde vorkommen, in größeren oder geringeren Mengen, manchmal auch nur Spuren davon; aber sie sind darin enthalten. Hier ist fast alles vorhanden, vom Sauerstoff, Wasserstoff, Kochsalz angefangen bis zum Eisen, Silber, Gold … sogar Radium – teils in reinem Zustande, teils in verschiedenen chemischen Verbindungen mit anderen Grundstoffen. Die wichtigsten Bestandteile des Meerwassers sind natürlich Sauerstoff und Wasserstoff, und zwar mit 96,5 Prozent seines Gewichtes; dann folgen Chlor mit 2 Prozent. Natrium mit 1 Prozent und Spuren von Magnesium, Schwefel, Kalzium, Brom, Rubidium und anderen. Der Goldgehalt des Meerwassers ist äußerst gering. Aber multipliziert man diese winzigen Goldmengen mit den Milliarden Tonnen Wasser des Weltmeeres, dann kommen wir auf Hunderte von Millionen Tonnen Gold.«

»Wenn man dieses Gold doch gewinnen könnte«, sagte Marat nachdenklich. »Das wäre ein großartiger, unerschöpflicher Goldvorrat! Hat man nicht schon mal versucht, diesen Schatz zu heben, Zoi?«

»Aber natürlich! Viele Male schon. Aber es kam dabei nichts heraus. Alle Versuche missglückten; das heißt, man hat schon Gold gewonnen, aber die Sache lohnte sich nicht. Wenn man ein Milligramm Gold aus dem Meerwasser ausschied, dann kostete dieses eine Milligramm etwa soviel wie normalerweise ein ganzes Gramm Gold. Das ist doch Spielerei! Aber wenn der Mensch es nicht vermag, mithilfe der kompliziertesten Verfahren genügend Gold aus dem Meer zu gewinnen, so könnte das, glaube ich, eine Molluske tun …«

»So, so«, warf Marat zweifelnd ein. »Aber im Ozean ist doch das Gold, wie du selbst sagst, in einer sehr schwachen Lösung vorhanden, dagegen hast du es im Blute der Molluske in einer starken Konzentration gefunden. Das ist doch nicht ein und dasselbe …«

»Du hast schon recht … aber assimilieren nicht alle Meerestiere und -pflanzen für den Aufbau ihres Organismus Grundstoffe, die selbst in schwächsten Lösungen im Ozean vorkommen? Nehmen wir zum Beispiel das Silizium. Nur ein bis zwei zehntausendstel Prozent sind sein Anteil im Meerwasser. Und doch enthalten davon die Kieselschwämme fast 90 Prozent ihres Lebendgewichtes! Es gibt Wasserorganismen, in denen die Konzentration eines Grundstoffes tausendmal größer ist als die Konzentration des gleichen Grundstoffes im Ozean!«

»Donnerwetter! Interessant, sehr interessant!« rief Marat erregt aus. »Ich beginne zu verstehen … Sprich weiter, Zoi …«

»Wie geht das aber vor sich?«, fuhr Zoi fort, von Marats Erregung angesteckt. »Die Salze verschiedener Grundstoffe dringen leicht durch die dünnen Außenhüllen der Wasserorganismen ein und verbinden sich in ihnen mit organischen Stoffen. Dadurch können sie nicht wieder vom Wasser aufgenommen werden. Der Organismus assimiliert diese Grundstoffe für seine Ernährung, für die Bildung der Muschelgehäuse und manchmal auch für uns noch unbekannte Zwecke. Ich dachte also …«

»Hurra! Jetzt ist mir alles klar! Ich habe begriffen, der Teufel hole mich!«, rief Marat, vom Stuhl aufspringend. »Diese verdammten Mollusken saugen Gold aus dem Meerwasser …! Wir werden sie zwingen, dieses Gold für uns herauszusaugen! Wir verwandeln sie in Goldfabriken! Zoi! Du musst weiterarbeiten! Das ist eine geniale Idee! Du hast kein Recht, die Flinte ins Korn zu werfen!«

»Das weiß ich selber, mein lieber Marat …«, sagte Zoi kleinlaut. »Aber was soll ich machen …? Fünfzehn Tage schon quäle ich mich mit diesem Problem herum, aber es kommt nichts dabei heraus … Ich habe fast gar kein Material mehr, um weiter zu experimentieren. Von dieser verwünschten Molluske ist so gut wie gar nichts mehr übrig geblieben. Wenn ich doch noch ein einziges Exemplar hätte!«

»Ich werde es finden«, versprach Marat. »Ich schwöre es dir!«

»Versprich nicht zu viel!«, hörte man in der Tür die Stimme des Zoologen. Er trat rasch ins Laboratorium und zog seinen blauen Arbeitskittel an. »Nun erzähle mal … Was willst du finden? Hast du wieder eine neue Idee?«

Marat lachte spitzbübisch.

»Nein, nein, Arsen Dawidowitsch! Die Idee befindet, sich noch im Entwicklungsstadium. Aber wenn die Aufgabe gelöst sein wird, sind Sie bestimmt der Erste, der davon erfährt, nicht wahr, Zoi?«

Der Zoologe tat verwundert.

»Höre ich recht, Marat? Eine so exakt wissenschaftliche Arbeitsmethode? Du machst Fortschritte, zweifellos … Ausgezeichnet, mein Lieber, ausgezeichnet! Ich werde mich also in Geduld fassen müssen …«

»Es wird sich lohnen, ganz bestimmt«, antwortete Marat und wandte sich an Zoi: »Hast du etwas Zeit? Ich habe mit dir noch Verschiedenes zu besprechen.«

»Brauchen Sie mich noch, Arsen Dawidowitsch?«, fragte Zoi den Zoologen. Der schüttelte den Kopf. Beide Freunde verließen das Laboratorium.

Kaum hatten sie sich entfernt, als der Zoologe Gorelows Besuch erhielt.

»Sieh da, mein lieber Patient«, begrüßte Arsen Dawidowitsch herzlich den Ingenieur. »Freut mich sehr. Wie geht es Ihnen heute? Besser? Setzen Sie sich hierher.«

Gorelow, mit einem Verband um den Kopf, war in einen langen, gestreiften Bademantel gehüllt. Sein fahles Gesicht zeigte noch Spuren des überstandenen Unfalls. Er setzte sich auf einen Schemel.

»Danke, gar nicht schlecht, Arsen Dawidowitsch. Ich langweile mich nur so. Wann werden Sie mich endlich entlassen?«

»Warum so ungeduldig, mein Lieber? Soweit sind wir noch nicht. Noch ein paar Bestrahlungen, Massagen, einige heiße Moorbäder … Sie haben eine kleine Disposition für Rheuma und Fettsucht. Wird wohl erblich sein.. «, antwortete der Gelehrte und legte beschwichtigend die Hand auf die Schulter seines Patienten.

Der Zoologe hatte all diese Behandlungsmethoden mit Genuss aufgezählt. Man merkte, er hatte wenig Lust, einen so vielseitigen Patienten aus seiner mageren ärztlichen Praxis zu entlassen.

Gorelow schlug die Hände über dem Kopf zusammen und stöhnte: »Aber Arsen Dawidowitsch! Haben Sie Erbarmen mit mir. Fettsucht? Rheuma? Keine Spur! Und meine Mutter ist an Lungenentzündung gestorben.«

»Sehen Sie …«, murmelte der Zoologe in seinen Bart und beugte sich über das Mikroskop. »Gestorben … Damit ist nicht zu spaßen!«

»Mein Ehrenwort, Arsen Dawidowitsch, ich halte es nicht länger aus! Sie unternehmen dauernd Tiefsee-Exkursionen, und während Sie die interessantesten Dinge erleben, muss ich mich hier langweilen. Ich halte es einfach nicht mehr länger aus! Schon aus lauter Schwermut werde ich sterbenskrank. Ich würde Ihnen bei Ihren Ausflügen bestimmt von Nutzen sein. Sie wissen doch, wie mich Ihre Arbeit interessiert!«

»Sie brauchen sich das nicht so zu Herzen zu nehmen, mein lieber Freund«, sagte der Gelehrte gerührt. »Wir holen das Versäumte bald wieder nach. In etwa drei Tagen gehen wir auf Tiefseestation: diesmal gleich für fünf Tage. Das ist schon beschlossene Sache. Ich verspreche Ihnen, dass wir ohne Sie keinen Schritt tun werden.«

Gorelow zuckte zusammen. Sein Gesicht wurde noch fahler. Seine Augen schlossen sich für einen Augenblick. Nach kurzem Zögern fragte er stockend: »Ist es weit … bis zu dieser Tiefseestation?«

»Nein, mein Lieber«, antwortete der Zoologe, gerührt von soviel Eifer. »Im Ganzen 220 Kilometer südlich des Meridians, auf dem wir uns gerade befinden. Ein noch völlig unerforschtes Gebiet. Dort erwartet uns viel Interessantes, Neues … Aber bitte erzählen Sie keinem etwas. Der Kapitän möchte nicht, dass jemand davon erfährt … Verstehen Sie … nach dieser Geschichte im Sargassomeer … Ich weiß, Sie können den Mund halten.«

Gorelow antwortete nicht. Er saß schweigend auf dem Schemel, den Kopf auf die Brust gesenkt. Dann erhob er sich schwerfällig.

»Gut«, murmelte er nur und ging, mit den Pantoffeln schlurfend, zur Tür.

Der Gelehrte blickte ihm nach und sagte mitleidig:

»Schließlich wird es auch so gehen, Fjodor Michailowitsch … Vielleicht können wir auch ohne Moorbäder auskommen …«

Aber Gorelow hatte wahrscheinlich nichts mehr gehört. Ohne sich umzuwenden, trat er gebückt aus dem Laboratorium und schloss langsam hinter sich die Tür.

Nach dem Abenteuer in den Schluchten der unterseeischen Gebirgskette hatte sich die Einstellung des Zoologen Gorelow gegenüber völlig geändert. Übrigens wusste die ganze Besatzung des U-Bootes, vom Kapitän bis zum Aufwärter, nicht, was sie mehr bewundern sollte: Pawliks furchtlosen Kampf mit den Krabben oder die Selbstaufopferung, die der mürrische und ungesellige Gorelow plötzlich bei der Suche nach dem vermissten Ozeanografen gezeigt hatte. Der Ingenieur wurde von allen umsorgt und umhegt. Verlegen ließ sich Gorelow die Fürsorge der Schiffsbesatzung gefallen. Er schien sich aufrichtig über die allgemeine Anteilnahme zu freuen, und sein strenges Gesicht zeigte oft ein warmes Lächeln. Und doch geschah es nicht selten, dass Gorelows Kameraden, die ihn im Lazarett besuchten, ihn in gedrückter Stimmung vorfanden. Er saß dann vornübergebeugt auf dem Krankenbett, den Kopf zwischen die Handflächen gepresst, und antwortete auf alle teilnehmenden Fragen gereizt und einsilbig. Der Zoologe verlor sich in allen möglichen Vermutungen über den Zustand seines einzigen Patienten und glaubte, seine falsche ärztliche Behandlung wäre daran schuld. Mit der fortschreitenden gesundheitlichen Besserung jedoch hellte sich Gorelows Stimmung zur großen Freude des Zoologen immer mehr auf. Als der Kranke aufstehen und ab und zu den Lazarettraum verlassen konnte, schien er seine Depressionen ganz überwunden zu haben.

Deshalb war es auch begreiflich, dass Gorelows letzter Besuch im Laboratorium den Zoologen wieder mit Unruhe erfüllte.