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Mahpiya-win – Die Entscheidung – Teil 2

Seit einer Woche war sie mit dem jüngsten Sohn der Cahoon-Familie verheiratet. Ben las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Ihr Vater Jeremiah Whitelock hatte darauf bestanden, dass sie auf seiner Ranch lebten, da Belinda sein einziges Kind war und er zudem nur eine Tochter hatte. Nach dem Tod seiner Frau hatte er nicht wieder geheiratet. Die zuvorkommende Behandlung, die Ben ihr gegenüber zeigte, missbilligte ihr Vater, der keine Gefühle zeigen konnte. Es war nicht einfach, mit dem griesgrämigen alten Mann unter einem Dach zu leben. An ihre Mutter konnte sich Belinda nicht erinnern. Sie war fünf, als diese nach einem Unfall gestorben war. Belinda befand sich mit Ben alleine auf der Ranch. Ihr Vater war mit seinen Männern zur Wolfsjagd draußen. Der strenge Winter trieb die Wölfe auf der Jagd nach Beute gefährlich nah an die Ranch heran.
Plötzlich flog die Tür krachend auf. Nicht der Schnee, der hereingeweht wurde, war das Schlimmste, sondern die vier vermummten Männer. Ben hechtete an die Wand, an der das Gewehr hing. Der Mann, der als Letzter hereinkam, sprang auf ihn zu und stieß ihm ein Messer in die Brust. Belinda schrie auf, presste die Hände vor den Mund. Blut färbte Bens Hemd dunkel. Sein verzweifelter Blick galt ihr, seine Lippen wollten etwas sagen, doch nur ein gurgelnder Laut entfloh seiner Kehle. Dann sackte er zu Boden. Belinda stürzte auf ihn zu und wurde von einem der Männer brutal zurückgerissen. Ungerührt wischte der Mörder sein Messer an Bens Kleidung ab.
»Wir haben Hunger. Los, mach uns was zu essen«, forderte der Kerl, der sie am Arm hielt und mit der anderen Hand seinen Hut und das Tuch, das er um den Kopf geschlungen hatte, zu Boden warf.
Unfähig sich zu bewegen starrte Belinda auf Ben. Tränen rannen ihre Wangen herab. »Die Cowboys werden bald zurückkommen«, schluchzte sie.
»Halte Wache an der Tür«, befahl der Dunkelhaarige einem seiner Kumpane.
Es war eine Illusion zu glauben, ihr Vater käme mit den Männern bald zurück. Erst vor wenigen Stunden hatten sie die Ranch verlassen.
Der Kerl zog sie ganz nah an sich. Schlechter Atem schlug ihr entgegen. »Ich hatte gesagt, wir haben Hunger.« Er fasste mit seinen schmutzigen Fingern ihr Kinn und drückte schmerzhaft ihren Mund.
Zum Einverständnis nickte sie. Er stieß sie von sich und setzte sich mit zwei von denen an den Tisch, während der andere an der Tür stehen blieb. Unter Tränen schnitt Belinda Speck, briet ihn und gab Eier in die Pfanne. Immer wieder floh ihr Blick zu Ben, in der Hoffnung, er lebte. Doch seine aufgerissenen Augen sagten das Gegenteil. Im Stillen betete sie, dass die Männer nach dem Essen die Ranch so schnell wie möglich verließen. Sie versuchte nicht daran zu denken, was sie noch vorhaben könnten. Wie Messerstiche spürte sie ihre Blicke im Rücken. Mit zitternden Händen stellte sie jedem einen gefüllten Teller hin. Der eine an der Tür aß im Stehen und lauschte, ob von draußen Geräusche erklangen. Doch außer dem Heulen des Windes war nichts zu hören.
»Setz dich zu mir«, verlangte der Dunkelhaarige. Er schien der Anführer zu sein.
Um ihn nicht zu verärgern, setzte sich Belinda neben ihn. Ihr Körper bebte vor Angst. Mit lauten Rülpsern beendeten die Kerle ihr Mahl. Der Anführer fegte mit seinem Arm die Teller vom Tisch, packte Belinda und warf sie mit dem Rücken auf die Tischplatte. Ein anderer hielt ihre Arme fest.
»Bitte. Ich gebe Ihnen alles, was wir haben. Bitte …« Ihre Worte gingen in Schluchzen über.
Er grinste, knöpfte seine Hosen auf und riss ihr Kleid hoch.

Belinda schreckte hoch, mit dem Geschmack von salzigen Tränen auf ihren Lippen. Nur langsam kehrte sie in die Wirklichkeit. Dieser Traum kehrte immer wieder, seit damals. Seit dem Tag, der ihr Leben grausam veränderte. Der Tag ,an dem sie starb. Der Tag, an dem sie durch das Höllentor trat. Zu vergessen war ein Wunsch, der nicht in Erfüllung gehen würde. Das wusste sie nur zu gut. Wie sollte man den Ritt durch die Hölle vergessen? Ohne es verhindern zu können, quoll ein Tränenschwall aus ihren Augen. Zornig über den Gefühlsausbruch trocknete sie mit dem Mantelärmel ihr Gesicht. Tränen hatten ihr in den letzten Monaten nicht geholfen, wenn sie zitternd und wimmernd vor Owens auf dem Boden lag und er ihr die Peitsche über den Rücken zog. Tränen würden ihr auch nicht in Zukunft helfen. Sie musste lernen, stark zu werden. Trotzig schob sie die Unterlippe vor und ballte die Fäuste. An den Geräuschen erkannte sie, dass die Zugtiere eingespannt wurden. Kurz danach setzte sich der Wagen in Bewegung. Ihr Puls schlug schneller. Es war soweit. Die Freiheit war greifbar nahe. Sie wusste nicht, wo Stu hinfuhr, nicht wo sie landen würde, doch schlechter als hier konnte es nirgendwo sein. Die Hölle war hier, es konnte nur noch besser werden. Durch das Rumpeln des Wagens und das Anlehnen an eckige Kisten schmerzte bald ihr ganzer Körper. Doch die Aussicht auf ein neues Leben ließ sie das alles gut ertragen. Der Wagen bewegte sich viele Stunden, bevor er stoppte. Sie hörte Stu mit jemandem sprechen. Vor Schreck hielt sie den Atem an, als die Plane ein Stück zurückgeschlagen wurde. Jemand zerrte eine Kiste von der vorderen Ladefläche, dann wurde die Plane wieder zugeschlagen. Wahrscheinlich waren sie an einer einsamen Farm angelangt. Das war nicht das, was sich Belinda unter Freiheit vorstellte. Sie hoffte, auf diesem Weg in eine Stadt zu gelangen. Dann ging die Fahrt wieder stundenlang weiter. Als er wieder hielt, musste es bereits Abend sein. Irgendwann erklangen keine Geräusche, außer die der Nacht. Vorsichtig schob sie sich unter der Plane vom Wagen. Sie musste so schnell wie möglich in die Büsche. Stus gleichmäßige Atemzüge erklangen von vorne. Kurze Zeit später kroch sie wieder an ihren Platz, versuchte das Rumoren in ihrem Magen zu ignorieren. Es war schon lange her, seit sie gegessen hatte, doch unmöglich, eine der Kisten geräuschlos zu öffnen. Also musste sie ausharren. Gab es wirklich bald ein neues Leben für sie? Sie konnte es noch nicht glauben. Von Owens war sie weit genug entfernt und in dem Kaff gab es keinen Sheriff, den er ihr nachschicken konnte. Wichtig war, hilfsbereiten Menschen zu begegnen. Wie lange war es her, dass Menschen freundlich zu ihr waren? Als die Banditen sie damals mit sich durch den eisigen Winter schleppten, dann an Percy Owens verkauften, der sie vermietete, wünschte sie sich oft zu sterben. Doch man starb nicht dann, wenn man es wollte. In Gedanken stellte sie sich einen schicken Hutladen vor, den sie mit dem Geld kaufen würde. Es war egal, wo, eine große Stadt sollte es sein, in der sie leben wollte. In ihrem Laden würden die reichen Damen der Stadt einkaufen. Vielleicht sollte sie auch Kleider anbieten? An Sonntagen würde sie hübsch gekleidet in die Kirche gehen und zu den geachteten Bürgern der Stadt zählen. Zum ersten Mal seit Langem lächelte sie. Die meiste Zeit blieb sie wach, malte sich ihr neues Leben aus, lauschte den Geräuschen der Natur, döste hin und wieder ein. Irgendwann zuckelte der Wagen wieder los und bewegte sich stundenlang vorwärts, bis Stimmengewirr die Monotonie ablöste. Belinda unterschied Stu und mehrere Stimmen in einer anderen Sprache. Plötzlich erstarb Stus Stimme mit einem gurgelnden Laut. Die Plane wurde weggerissen. Sie blinzelte gegen das grelle Licht, ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei. Ihr Traum von Freiheit starb in dieser Minute, wurde weggefetzt wie ein Blatt im Sturm. Fassungslos starrte sie auf die fünf halb nackten Wilden auf ihren gescheckten Ponys, die sich sichtlich freuten, mit ihr eine zusätzliche Beute gemacht zu haben. Ein unartikulierter Laut entfloh ihrer Kehle. Indianer. Sie redeten durcheinander, lachten und deuteten auf sie. Die ersten Indianer, in deren Antlitz Belinda blickte. Man erzählte sich Gräueltaten, die sie ihren Gefangenen antaten. Doch Geschichten zu hören oder sie zu erleben, waren zwei verschiedene Welten. Die wildesten Szenarien jagten durch Belindas Gedanken: geschändete, ermordete Frauen, skalpierte Menschen, zerstückelte Leiber. Der Schock war so groß, traf sie wie ein Hagelsturm. Sie vergaß zu schreien. Am liebsten hätte sie sich zwischen den Kisten und Säcken verkrochen, um später aufzuwachen und zu erkennen, dass alles ein Albtraum war. Für einen Augenblick verblassten die Gestalten zu Schemen, bis sie sie wieder klar und deutlich wahrnahm. Wie in Trance drehte sie sich nach vorne. Einer sprang auf den Wagen, setzte ein Messer an Stus Kopf, schnitt ihm einen Teil der Kopfhaut mitsamt dem Haar ab und hob seine blutige Trophäe triumphierend hoch. Die fünf waren kaum den Kinderschuhen entwachsen und bereits so grausam. Belinda fühlte Magensäure hochsteigen. Der Halbwüchsige riss den Pfeil aus Stus Brust, steckte ihn in seinen Köcher, den er umgehängt hatte, und stieß den Toten vom Wagen. Dann nahm er die Zügel und trieb die Pferde an. Wie zerschlagen saß sie zwischen den Kisten und starrte ins Leere. So oft war sie durch die Hölle gegangen. Warum gab es nicht auch für sie ein bisschen Glück? Die ganze Flucht war sinnlos gewesen, denn jetzt wurde es mit Sicherheit grausamer, als sie es in ihren schlimmsten Albträumen erlebt hatte. Das Geld in ihren Taschen war so wertlos wie ihr Leben. Sie betete um einen schnellen Tod. Das Einzige, das jetzt noch zählte, war schnell zu sterben. Nur nicht leiden. Das musste ihr das Schicksal doch zugestehen, nach all dem, was sie bisher ertragen hatte. Gerade jetzt erinnerte sie sich, dass sie als Mädchen versuchte, neben ihrem Ranchhaus eine Blume zu pflanzen. So sehr sich Belinda bemühte, das Pflänzchen zum Wachsen zu bringen, es verdorrte. So war es im Leben. Nicht für jeden Menschen war Platz. Irgendwo würde sie sterben und niemand kümmerte es. Kein Kreuz, auf dem ihr Name eingraviert war. Vergessen, ausgelöscht, als hätte sie nie existiert. Die Angst war so allgegenwärtig, so mächtig, dass sie dachte, ersticken zu müssen. Nach stundenlanger Fahrt kamen sie in ein Lager, das aus mehreren spitz zulaufenden Zelten bestand. Manche waren sogar mit Malereien verziert. Kein einziger Holzbau war zu sehen. Die Leute rannten neugierig näher. Alle hatten langes, schwarzes Haar, die Frauen trugen es teilweise zu zwei Zöpfen geflochten, Kleinkinder liefen nackt umher. Ihre fünf jungen Entführer stiegen von den Pferden und blickten stolz in die Runde. Die Männer waren alle bis auf einen Lendenschurz nackt. Einer der Indianer redete aufgebracht auf ihre Entführer ein. Einer der Jungen kam zum Wagen, zerrte Belinda herunter und stieß sie zu Boden. Sie landete vor den Füßen des Mannes, der mit dem Tun der anderen nicht einverstanden zu sein schien. Vielleicht war er aufgebracht, weil sie sie nicht sofort getötet hatten. Er zerrte sie hoch. Sie blickte in dunkle, vor Zorn funkelnde Augen. Sah so der Tod aus? Eine Welle der Angst jagte durch ihren Körper. Das Gesicht des Mannes verschwamm, ihre Beine knickten weg.

Fortsetzung folgt …