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Wat is’n Dampfmaschin?

Wat is’n Dampfmaschin?
Einige Überlegungen zum Thema Steampunk

Steampunk ist ein neuer Trend, mit welchem man immer mehr in irgendeiner Form konfrontiert wird. Sicherlich haben viele Literaturbegeisterte unter uns schon einmal etwas von Jules Verne oder von H.G. Wells gehört. Doch was wissen andere über Steam, über den Dampf? Oder ist alles nur heiße Luft? Beschäftigen wir uns im Folgenden mit diesem Thema und wagen uns an eine Begriffsbestimmung heran.
Unter Steampunk versteht man die neue Vergegenwärtigung der Vergangenheit mit den hypertechnologischen Wahrnehmungen der Gegenwart.
Die meisten der sogenannten Steampunker sind im viktorianischen Stil kreativ-nostalgisch gekleidet. Sicherlich sind diese Sepia getönten vergangenen Zeiten besser für Disney und suburbane Großeltern als für eine lebendige und tragfähige Philosophie und Kultur geeignet. In der Regel lehnt sich Steampunk an die ultratrendige Dystopie des Cyperpunks mit schwarzem Regen und nihilistischem Gehabe an, während gleichzeitig die edlen und wilden Fantasien der prätechnologischen Ära eingebüßt werden und über die konkrete Realität der Technologie anstatt über die Abstraktheit der Kybernetik geschwelgt wird. Steamtechnologien sind bezeichnend für die Meinungsverschiedenheiten zwischen Nerd und verrücktem Wissenschaftler. Steampunkmaschinen sind real existierende, dampfende, zischende, zappelnde und rumorende Bestandteile der Welt. Die Technologie des Steampunk ist natürlich, bewegt sich, lebt, altert und stirbt sogar. Das Werk eines Leonardo DaVinci – die Verwischung der Grenzen zwischen Technik und Kunst, die Darstellung der Abhängigkeit von Mode und Funktionalität – ist Maßstab eines jeden Steampunkers.
So ähnlich lässt es sich der 1. Ausgabe des Steampunk Magazine entnehmen. Doch was dort weiter geschrieben steht, sind für mich böhmische Dörfer. Ich verstehe nur Bahnhof. Nun ja, gerade auf einem Bahnhof kann man Steampunk- und Dieselpunkgeschichten perfekt ansiedeln. Aber dringen wir weiter in die Sphären der ausgewählten Thematik vor und wollen herausfinden, was man zum Teufel mit einfachen Worten unter Steampunk versteht.

Eigentlich ist Steampunk nichts Neues. So fand zum Beispiel bereits 2006 der erste Steampunk-Con statt und das Wort selbst wurde im Jahr 2010 in die Oxford English Dictionary aufgenommen. Dort steht unter dem Eintrag:

steampunk
a genre of science fiction that typically features steam-powered machinery rather than advanced technology.

Doch dadurch ist er noch lange nicht ein Medienhit oder ganz und gar Mainstream.
Der Begriff selbst stammt aus dem Science-Fiction-Genre. Bereits im April 1987 schrieb der amerikanische Autor Kevin Wane Jeter im Science Fiction Magazin Locus als Reaktion auf eine Rezension zu seinem Roman Infernal Devices und als eine Möglichkeit, sich von anderen Tetro-Tech-Science-Fiction-Autoren wie Tim Powers oder James Blaylock zu unterscheiden:

»Dear Locus:
Enclosed is a copy of my 1979 novel
Morlock Night; I’d appreciate your being so good as to route it to Faren Miller, as it’s a prime piece of evidence in the great debate as to who in ›the Powers/Blaylock/Jeter fantasy triumvirate‹ was writing in the ›gonzo-historical manner‹ first. Though of course, I did find her review in the March Locus to be quite flattering.
Personally, I think Victorian fantasies are going to be the next big thing, as long as we can come up with a fitting collective for Powers, Blaylock and myself. Something based on the appropriate technology of that era; like ›steampunks‹, perhaps …«

Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Steampunk zu einer eigenen Stilrichtung und Philosophie, zu einem Mix von Altem und Neuem. Dabei handelt es sich um eine Verschmelzung moderner Technologien mit der Designästhetik und der Philosophie des Viktorianischen Zeitalters. Oder wie es die junge US-amerikanische Autorin Caitlin Kittredge ausdrückte: »Es ist eine Art viktorianischer Industrie, jedoch mit mehr Marotten und weniger Waisen …«

Ich bin davon überzeugt, dass ihr sicher schon einmal eine Computertastatur im Steampunk-Lock gesehen habt. Oder ein iPhone-Dock im Stil eines alten Telefons mit Hörer und Gabel. Die Teile sehen echt krass aus. Je intensiver man sich die ganze Vielfalt betrachtet, umso schneller kommt man zu der Erkenntnis, dass der Vormarsch dieser Technologie unaufhaltsam zu sein scheint. Und es entwickelt sich ein Trend, welcher sich seinen Weg zulasten verschiedener Branchen bahnt: von der Mode zum Film, von der Innenarchitektur zum Videospiel. Dabei wird der Look der Zeit angepasst. So findet man zum Beispiel in Disneys Adaptionen von Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt und 20 000 Meilen unter dem Meer eine hoch technisierte Victoriana, und in Tschitti Tschitti Bäng Bäng aus dem Jahr 1968 gelangt man mit Erfindungen des mittellosen Erfinders Caractacus Potts via Autopilot nach Vulgaria.
Kreative wie zum Beispiel Terry Gilliam, Tim Burton und Alan Moore griffen diesen Stil auf und schufen solche Werke wie Die Abenteuer des Baron Münchhausen (1988), Alice im Wunderland (2010) oder die Comicreihe The League Of Extraordinary Gentlemen.

Den bisher größten Einfluss übt Steampunk auf das Produktdesign aus. Er entfachte eine außergewöhnliche Vorliebe für »altmodisches« Material wie Messing und Kupfer, Holz, Glas, grazile Mechanismen und kunstvolle Gravuren, vereinnahmt das Verlangen, Altes und Defektes ästhetisch reparieren und überarbeiten zu müssen und brachte neue Marktsegmente hervor.
Mittlerweile beeinflusst der Steampunk-Look auch die normale bürgerliche Kleidung. Was in der Viktorianischen Ära bei Forschern, Soldaten, Gräfinnen, Lords und Prostituierten »fashionable« war, ist heute in der Szene wieder gefragt. Was wir momentan erleben, ist nicht die Kultur des Neo-Viktorianismus, nicht die betäubend wirkende Etikette hoch angesehener Damen und Herren, auch nicht im Entferntesten die Flucht in irgendwelche »Gentlemans Clubs« oder in klassische Rhetorik. Es ist so, als ob einem eine Fee voller Illusionen und Leidenschaft erscheint und sich mit voller Begeisterung den glänzenden Zahnrädern widmet. Steampunk lebt in der wiedergeborenen kollektiven Vergangenheit der Schatten und ignorierten Gassen. Es ist wie im historischen Wunderkabinett eines Dr. Caligari, wo der Somnambule der Gegenwart mit der Traumrealität der Zukunft geweckt wird. Steampunker sind wie Archäologen, die eine Halluzinationen hervorrufende Geschichte wiederbeleben. Und Autoren aus unserer Mitte schreiben ihre Steampunk-Geschichten, die uns begeistern und vielleicht in einigen Jahrzehnten durch eine neue Generation von Steampunkern ebenfalls zurück in ihre Gegenwart geholt werden.
Ich habe einige von ihnen gefragt, was ihnen Steampunk bedeutet.


»Steampunk ist eine Lebensweise, die mich einfach begeistert. Allein die Romantik und gleichzeitig die erfinderischen Möglichkeiten, die sich hinter dem Genre verbergen, sind bemerkenswert. Und für mich persönlich hat ein Erfinder in einer Steampunkwelt immer etwas von einem verrückten Professor und diese Figuren faszinieren mich am meisten. Ein Charakter, der nicht ganz richtig tickt und dennoch ein Genie ist und das in einer Welt, die sich meist auf dem technologischen Fortschritt konzentriert.«

Ann-Kathrin Karschnick


»Steampunk ist für mich die perfekte Synthese aus anspruchsvoller Unterhaltung und wildestem Pulp. Man kann sich wunderbar darin austoben und penibel recherchierte, historische Kuriositäten der viktorianischen Zeit mit literarischen Querverweisen sowie magischen und retrofuturistischen Elementen vermischen. Es ist ein Genre, das mir als Autor im Grunde alles erlaubt, solange ich es mit einem gewissen Niveau erzähle. Denn Steampunk-Leser haben sowohl einen Sinn für Stil als auch ein Auge fürs Detail, und ich glaube, es macht ihnen genauso viel Spaß, eine komplexe und an Anspielungen reiche Welt zu erleben, wie mir, sie zu erschaffen.«

Bernd Perplies


»Der Begriff bezeichnet für mich ein Genre, dass eine Art ›Science Fiction‹ aus der Perspektive des Viktorianischen Zeitalters darstellt. Hierzu gehört, dass auch der Stil, die Gesellschaftsordnung und die Methoden dieses Zeitalters wesentlicher Bestandteil eines Steampunktitels sind.
Das bedeutet nicht, dass ein Steampunkroman auch tatsächlich einen historischen Bezug haben muss. Im Gegenteil: Es geht grundsätzlich um nichthistorische Ereignisse oder sogar um andere Welten mit oft fließenden Übergängen zur Fantasy.
Für mich persönlich ist Steampunk eines meiner Lieblingsgenres, weil es für einen Autor wohl noch eines der freisten Felder bietet.«

Guido Krain


»Meine ersten Berührungspunkte mit Science Fiction hatte ich ungefähr als Zehnjähriger, als ich Reise zum Mittelpunkt der Erde mit James Mason und 20.000 Meilen unter dem Meer mit James Mason und Kirk Douglas im Fernsehen sah … beides von Jules Verne.
Heute ist für mich Steampunk genau diese Kombination: technisch utopische Entwicklungen, aber gepaart mit dem Charme des 19. Jahrhunderts. Für mich ist Steampunk atmosphärische Science Fiction, in der elegant gekleidete Ladys und Gentlemen auf futuristischen Erfindungen treffen. Perlenketten und Monokel treffen auf Dampf, Schläuche, Kolben und Turbinen.
Guy Ritchie hat mit seinen Sherlock Holmes Kinofilmen genau diese Atmosphäre eingefangen: Er hat den Spagat geschafft, zwischen dem Charme des 19. Jahrhunderts und der Coolness der Science Fiction des 21. Jahrhunderts.«

Andreas Gruber


»Steampunk ist für mich eine wirklich faszinierende Literaturgattung. Wo sonst lassen sich das Alte und das Neue auf so wunderbare Weise miteinander verknüpfen? Wenn mich jemand fragt, was genau Steampunk ist, antworte ich immer, es sind Science-Fiction-Geschichten, die in der Vergangenheit spielen. ›Häh?‹, heißt es danach meist. Dann bringe ich Jules Verne als Beispiel und der Nebel lichtet sich. Auf jeden Fall bin ich mächtig stolz auf meine Steampunk-Novelle Erinnerungen an Morgen und hoffe, dass den Lesern auch mein im Dezember erscheinender Roman Der Flug der Archimedes gefallen wird. Die Novelle erzählte nämlich bloß die Vorgeschichte.«

Sören Prescher


»Steampunk ist für mich 20 000 Meilen unter dem Meer, Luftschiffe, Uhrwerke, schicke Messing-Armaturen, große Anzeigen, noch größere Hebel, Teslaspulen, Jugendstilkraftwerke, altmodische Physiksammlungen, seltsamen Gestalten in viktorianischer Kleidung mit blitzenden Plasmascheiben auf dem Rücken. Und das alles zu einer Zeit, als es jeden Tag neue unglaubliche Theorie gab, die mit kreativen, aber einfachen Methoden getestet werden konnten.«

Christian Vogt

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