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Paraforce Band 51

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Der See

Ich stehe hier, am Ufer dieses kleinen Sees, dessen Wasser so kristallklar, so hell ist, dass ich den silbernen Streif an den Rückenflossen der winzigen Fischchen sehen kann, welche reglos verharren, nur um dann rasch und ruhelos wieder ihre Bahnen zu ziehen. Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne überziehen meinen nackten Körper für einen kurzen Augenblick mit einem leuchtenden goldfarbenen Ton. Wenige Sekunden lang schließe ich meine Augen und bilde mir ein, ihre Wärme auf meinen geröteten Lidern zu spüren. Ein leichtes Brennen stört meine Ruhe, die sensible Haut um meine Augen ist noch wund von den vielen, vielen Tränen. Ich musste weinen, ich wollte es nicht, und doch, ich musste es tun, als ich die Augen sah, den kleinen, glänzenden Funken darin verglimmen.

Als ich meine Augen wieder öffne, ist der Kimm mit einem kräftigen Pink überzogen, Streifen von Orange und dunklem Gelb wechseln darin ab. Winzige Tautropfen fallen klingend von den Blättern, und wenn sie auf dem Boden aufkommen, mit einem schnellen Aufplatschen zu Tausenden noch kleinerer Tropfen werden, meine ich in ihnen, in jedem Einzelnen, Regenbögen sehen zu können. Ich lächle. Mein Atem hängt in weißen, nebligen Wolken in der Luft, welche schnell davonziehen, aufsteigen, hoch und immer höher empor. Und doch fühle ich keine Kälte. Langsam gehe ich voran, setze meine Füße wie in Zeitlupe einen vor den anderen. Das feuchte Gras kitzelt mich. Schließlich hebe ich einen Fuß und mein Zeh berührt die flirrende Oberfläche des Wassers, der kräuselnde Kreise entweichen. Es ist seltsam warm, kribbelt und prickelt auf meiner Haut. Ich gehe weiter hinein, setze einen Fuß vor den anderen, bis nur noch mein Oberkörper vom schwachen Licht der Sonne angestrahlt wird. Behutsam, doch sorgfältig, wasche ich meinen ganzen Körper, es ist wie eine Reinigung. Ich sehe es an, sehe, wie es durch meine Finger rinnt, klar ist es und hell, bläulich-schimmernd.

Als ich zurückgehe, friert mich plötzlich. Ich habe Angst, doch es ist gut so. Angst ist natürlich. Jeder würde so empfinden, aber nur ich genieße sie, weide mich an ihren Zeichen, an dem Zittern, an dem schnellen Herzschlag. Ich lächle, etwas verzerrter als noch zuvor, doch ist es trotz allem ein Lächeln. Nun beuge ich mich zu ihr hinab. Ihre Augen sehen mich an und doch sehen sie an mir vorbei, durch mich hindurch, ins Leere. Was mögen sie wohl für Dinge sehen, dort drüben, wo immer sie sein mag? Ich schüttle diesen Gedanken ab. Konzentration!, sage ich mir. Wunderschön ist sie, wie das Wasser um ihren nackten Körper tanzt, wie die bleiche Haut leicht verschwimmt, wenn sie unter der Oberfläche liegt. Ihre langen, blonden Haare tänzeln wie Schlangen im Nass. Schmerz erfüllt mich, wenn ich sie sehe, wenn ich an sie denke, daran, wie sie einst war. Und wie sie mich verletzt hat. So sehr, es schmerzt noch immer. Ich denke daran, dass ich diesen Tag früher frei hatte. Ich denke an sie, an diesen Fremden und an ihre verschlungenen Körper, wie sie sich in Ekstase gewunden haben, verzückte Schreie ausrufend. Ich denke an das kalte Metall in meiner Hand, an den Knall, an das Blut und die entsetzten Schreie. Ich denke an das Aufblitzen der Klinge und das Röcheln. Vorsichtig fahre ich mit den Fingern über ihre Kehle, ihre weit offene Kehle, die immer noch wabernde rote Nebel in das klare Wasser speit. Ich nehme ihren Körper also auf meine Hände und trage sie in den See hinein. Ja, ich habe Angst und ja, ich bereue es, irgendwie, ein wenig und wieder brennen die Tränen in meinen Augen. Ich gehe weiter und weiter, und als das Wasser mich umschließt, da sehe ich nach oben und sehe, wie vom hellgrauen Himmel feine Flocken regnen und sich mit dem Wasser verbinden. Blasen steigen aus meiner Nase auf, ein hartnäckiges Brennen zieht sich durch meine Lungen und langsam, ganz langsam …

… atme ich aus …

Copyright © 2010 by Sabrina Kowsky