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Brasada – Teil 1

Drei gegen Texas

Es ist Ende Februar, als Ben Allison über die Postkutschenbrücke vom Mud-Creek her nach Abilene kommt. Das hektische Viehgeschäft ist seit November zu Ende und die neue Saison beginnt erst in acht Wochen. Deshalb sind die Gehsteige der Texas-Street jetzt wie leer gefegt.

Wie ausgestorben liegen die Saloons, Tanzbuden und Spielhallen vor dem Reiter, ja, man kann sagen, die ganze Stadt wirkt irgendwie verlassen und trostlos.

Ein kalter Wind weht Staub durch die Straßen, als der Reiter schließlich sein Pferd vor dem Alamo-Saloon zügelt. Dieser Wind ist der letzte Versuch eines überaus langen und harten Winters, das Land doch noch einmal in seinen eisigen Würgegriff zu bekommen.

Steifbeinig rutscht Allison aus dem Sattel. Er ist hager wie ein hungriger Wolf, aber dennoch sind seine Bewegungen so geschmeidig wie die einer Raubkatze. Sein weißblondes Haar ist an den Schläfen grau und seine Augen glitzern so kalt wie Eis. Bevor er den Saloon betritt, lockert er den Colt in seinem tief ausgeschnittenen Halfter.

Niemand beachtet den Mann, als er durch den Schankraum schreitet.

Er tritt an die Theke, bestellt einen Whisky und legt ein paar Münzen auf die Platte. Ein rothaariger Barkeeper stellt ihm ein halb gefülltes Glas auf den Tresen, und während sich Allison prüfend umdreht und an dem Glas nippt, stellt er fest, dass dieser Rotaugen-Whiskey einen verdammt hohen Anteil an Flusswasser besitzt. Sein Blick fällt danach auf einen dunkelhaarigen Mann, der an einem Tisch am Fenster sitzt.

Vor ihm ist ein Stapel mit Münzen aufgetürmt. Dieser Mann spielt mit sich selber eine Partie Solitaire.

Plötzlich hebt der Spieler seinen Kopf und blickt genau in Ben Allisons Augen hinein.

Sein Gesicht wird zuerst bleich wie eine Wachsmaske, dann zuckt er wie von einem Peitschenhieb getroffen zusammen. Mit einem wilden Fluch auf den Lippen springt er auf.

Der Stuhl hinter ihm fällt um und es wird augenblicklich still in dem Raum.

Die anderen Gäste rücken erschrocken mit ihren Stühlen zurück und rennen nach allen Seiten auseinander, um aus der Schussbahn zu kommen.

Denn für alle ist jetzt klar, dass hier ein Mann gekommen ist, der vor diesem Tisch das Ende seiner Fährte erreicht hat.

***

»Hallo Harper!«

»Was willst du?«, fragt der Spieler schrill.

»Kannst du dir das nicht denken?« Ben Allisons Stimme wird nicht lauter, aber sie bekommt einen Klang, der selbst die Hölle einfrieren lassen würde.

»Eigentlich möchte ich gerne eine Runde Black-Jack mit dir spielen, aber du wirst sicherlich wieder versuchen zu betrügen. Würdest du danach wohl auch auf mich schießen, wenn ich dich so wie mein Bruder des Falschspiels bezichtige?«

Allison scheint für einen Moment nachzudenken, aber dann schüttelt er seufzend den Kopf.

»Nein, ich glaube nicht. Denn im Gegensatz zu ihm bin ich ja bewaffnet.«

Mehr gibt es für Ben Allison nicht zu erklären.

Der Spieler hält plötzlich einen kleinen, vernickelten Taschenrevolver in der Hand und zielt damit auf ihn. Allison schießt, während er sich hart zu Boden fallen lässt.

Die Kugel des Spielers wischt seinen Hut zur Seite, während seine den Mann in die Brust trifft und ihn auf die Dielenbretter des Fußbodens schleudert.

Während der Barkeeper bleich wie eine Kalkwand wieder hinter der Theke auftaucht, verlässt Allison den Saloon. Draußen, am Vorbau, nimmt er eine Schiefertafel vom Haken, auf der etwas von Steak und Bohnen steht, und hängt stattdessen ein Steckbrief daran, der den Kopf des Spielers zeigt.

Als er dann aus der Stadt reitet, hält ihn niemand auf.

Aber wer sollte es auch?

In Abilene gibt es zurzeit nicht einmal einen Marshal. Wild Bill Hickok tritt dieses Amt nämlich erst am 8. Mai an.

***

Es regnet, nicht besonders stark aber stetig.

Es ist jene Art von Dauerregen, der jedes Frühjahr die Ebenen im Mittelwesten aufweicht und die von der Schneeschmelze angeschwollenen Flüsse zum Überlaufen bringt.

Ben Allison hat sein Nachtlager in einer alten Büffelsuhle aufgeschlagen. Er hat die Zweige eines kümmerlichen Dornenbuschs, seine Satteldecke und den Ölhautmantel dazu benutzt, um eine provisorische Unterkunft zu bauen, die ihn halbwegs vor dem Regen schützt.

Bei Sonnenuntergang bringt er ein Feuer in Gang, stellt eine verbeulte Kanne auf den Dreifuß und beginnt in einer Pfanne ein paar Scheiben von dem Speck anzubraten, welchen er in seinen Satteltaschen mit sich führt. Wenig später zieht der Duft von Kaffee und gebratenem Speck in die Nacht hinaus.

Das ist auch der Grund, weshalb er nun Gesellschaft bekommt.

Dazu muss man wissen, dass William Baker fast sieben Fuß groß ist und gut zweihundertvierzig Pfund Lebendgewicht auf die Waage bringt. Dieser Baum von einem Kerl, man nennt ihn nicht umsonst Big Bill, hat seit drei Tagen nichts mehr gegessen außer einem Stück Pemmikan von der Größe einer Gürtelschnalle. Deshalb ist es kein Wunder, dass er, angelockt von den Düften dieser herzhaften Mahlzeit, wie ein Verrückter auf Bens Lager zu galoppiert.

»Ho Feuer!«, ruft er schon von Weitem. »Ist noch etwas Kaffee da für jemanden, der die Futterstrecke reitet?«

»Sicher!«, entgegnet Allison, dennoch nimmt er instinktiv die Sicherungsschlaufe vom Abzug seines Single Action Colts.

Als Baker ans Feuer kommt, genießt er zunächst einmal den Speckduft in seiner Nase. Erst dann blickt er sich suchend um.

»Wo, zur Hölle, hast du das trockene Holz her?«

»Kein Holz«, erklärt Ben Allison. »Büffelscheiße, der beste Brennstoff, den es gibt. Das Zeug wird niemals so nass, das man damit nicht ein Feuer in Gang bringen kann. Aber jetzt hock dich hin und iss, das Ganze wird langsam kalt.«

Während sie dann das Abendessen einnehmen, Ben isst eine Scheibe von dem Speck, Big Bill fast ein ganzes Pfund, machen sie sich näher bekannt. Dabei erfährt Allison, dass Baker schon seit über vier Monaten Grubline reitet. Davon hat er jetzt allerdings die Nase voll und will deshalb sein Glück nun in den Silberminenstädten von Colorado versuchen.

»Und was machst du hier draußen?«, fragt Big Bill abschließend, während er den letzten Speck mit einem Schluck Kaffee hinunterspült.

»Ich hatte in Abilene etwas zu erledigen und will mich jetzt im Panhandle nach einer Ranch umsehen. Ein Mann in meinem Alter sollte so langsam wissen, wo sein Bett steht.”

»Das würde ich auch lieber tun, anstatt in Colorado im Auftrag fremder Leute im Dreck zu wühlen. Aber um eine Ranch zu gründen, braucht man eine verdammt große Menge an grünen Scheinchen. Für meine zweiundsechzig Cent würde ich wahrscheinlich nicht einmal genügend Erde bekommen, um mir damit meine rechte Hosentasche vollstopfen zu können.«

»Das ist ein Irrtum«, behauptet Allison. »Das Einzige, was du brauchst, sind ein oder zwei Partner, die mit anpacken können und 14 Dollar für die Eintragungsgebühr einer Heimstattparzelle. Dann suchst du dir in der Brasada ein Gebiet aus, in dem besonders viele Brush-Rinder leben und wenn du nicht gerade auf der faulen Haut liegst, hast du innerhalb eines Jahres mindestens einhundert Tiere als Grundstock für eine Ranch beisammen.«

»Aber die Rinder gehören doch bestimmt jemanden.«

Ben schüttelt den Kopf. »Das sind Wildrinder. Sie gehören dem, auf dessen Heimstätte sie stehen und drum herum demjenigen, der das längste Lasso besitzt.«

Big Bill ist von dieser Idee anscheinend immer noch nicht überzeugt. Nachdenklich verzieht er das Gesicht und wiegt skeptisch den Kopf hin und her.

»Wenn das so einfach ist, warum macht es dann eigentlich nicht jeder, bevor er Grubline reitet?«

»Weil Onkel Sam die Heimstätte gegen deine 14 Dollar wettet, dass du es nicht fertigbringst, fünf Jahre auf dem Land zu bleiben, ohne zu verrecken. Außerdem gibt es da unten Indianer und jede Menge weißes Gesindel, das dich in einer einzigen Nacht um die Arbeit mehrerer Jahre bringen kann. Zudem ist das Leben in der Brasada nicht unbedingt ein Zuckerschlecken, man benötigt also schon ein oder zwei Partner, die einem den Rücken frei halten, denn …«

Plötzlich verstummt Ben Allison. Nachdenklich mustert er Bill Baker, dessen Blick fest und klar ist. Allison bildet sich ein, mit seinen neununddreißig Jahren eine gewisse Menschenkenntnis zu besitzen. Er hat den Krieg überlebt, war Frachtwagenfahrer, Town-Marshal in einem texanischen Grenzkaff und erster Vormann auf Goodnights Ranch.

Dieser Mann da vor ihm ist seiner Meinung nach trotz der riesenhaften und Furcht einflößenden Gestalt eine total ehrliche Haut und wahrscheinlich trägt er den Stolz von einem halben Dutzend Männer in sich. Deshalb zögert er auch nicht mehr lange, um ihm sein Angebot zu unterbreiten.

»Was hattest du von der Idee mitzukommen?«

Dann folgt eine Pause, bevor er das nächste Wort ausspricht.

»Partner!«

***

Am vierten Tag ihrer Partnerschaft überqueren sie im Niemandsland den Beaver-Creek.

Sie kommen nur mühsam voran.

Es hat zwar endlich aufgehört zu regnen, aber es haben sich fast überall im Land riesige Pfützen gebildet. Schlamm spritzt bis zum Sattel hoch, wenn die Tiere mit jedem Tritt beinahe knöcheltief im Morast einsinken. Als sie den Kamm des nächsten Hügels erreicht haben, hören sie das Krachen der Schüsse zum ersten Mal. Allison und Baker zügeln ihre Pferde und spähen in die unter ihnen liegende, lang gezogene Talsenke hinein.

Dort kämpft ein einzelner Reiter gegen ein halbes Dutzend schreiender und schießender Comanchen. Dieses Verhältnis gefällt keinem der beiden.

Sie nehmen ihre Gewehre hoch, treiben die Pferde an und eröffnen das Feuer.

Als Ben Allison mit seinem ersten Schuss einen Comanchen aus dem Sattel holt, weiß er bereits, dass er dort unten den nächsten Sattelpartner antreffen wird.

Warum das so ist, kann er sich zwar im Moment nicht erklären, aber irgendwie spürt er, dass das Schicksal sie dazu auserwählt hat, dort unten in der Brasada gewisse Dinge in Gang zu bringen.

Der Name des schwarzhaarigen, sehnigen Reiters, der soeben den zweiten Indianer aus dem Sattel schießt, ist Lee Marlowe.

Er ist ein ehemaliger Armeescout, ein Büffeljäger und Revolverheld.

Aber das wird Ben Allison noch früh genug erfahren, denn Lee Marlowe wird tatsächlich der dritte Mann im Bunde, der es wagen wird, es mit Texas und der Brasada aufzunehmen.

Copyright © 2009 by Kendall Kane

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