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Die Nacht, in welcher Pat Garrett Billy the Kid erschoss – Teil 1

In jenem Sommer 1881 soll Billy the Kid, der sich in Fort Sumner, New Mexiko, versteckt hielt, bereits gewusst haben, dass Lincoln County Sheriff Pat Garrett versuchen würde, ihn zu jagen und zu töten. Billy war gerade aus dem Gefängnis in Lincoln, New Mexiko, ausgebrochen, in welchem er aufgrund einer Verurteilung durch einen Richter und einer Jury in Mesilla einsaß, um für einen begangenen Mord gehängt zu werden. Er hatte während seiner Flucht zwei Deputy Sheriffs erschossen und gehört, dass fast jeder zwischen Ost- und Westküste ihn inzwischen kannte. Billy hatte mittlerweile begriffen, dass auch ein Pat Garrett ihn nicht so einfach vergessen würde. Doch der Reihe nach …

Billy – der Outlaw

Obwohl erst 21 Jahre alt, gab The Kid, auch bekannt als Henry McCarty, Henry Antrim oder William Bonney – diese Namen reflektieren die Scherben eines zerbrochenen Familienlebens -, dem Begriff Outlaw eine neue Dimension. Er ritt mit mehreren Banden, vergnügte sich in Spielhallen, half seine Gefährten aus der Gefangenschaft auszubrechen, stahl Pferde und Kühe in New Mexiko und Texas, kämpfte im berüchtigten Lincoln-County-Krieg, entkam aus mehreren Gefängnissen, erschoss mindestens vier, möglicherweise sogar zehn Männer und terrorisierte die Menschen vom Rio Grande bis zum Pecos River und den High Plains.

Nach seinem Ausbruch aus dem Gefängnis in Lincoln floh Billy the Kid nach Fort Sumner, weil er dort Freunde hatte, darunter viele hispanische Menschen, die wie ihre spanischen Vorfahren einen wilden Geist und rücksichtslose Kühnheit auszeichneten. Billy wusste, dass er bei ihnen einen Schlafplatz und Essen in ihren Adobehäusern finden würde. Er konnte sich auf sie verlassen und ihnen auch ein Geheimnis anvertrauen. Billy wollte solange in der Ortschaft untertauchen, bis er etwas Geld in der Tasche hatte, um sich außerhalb der Reichweite von Pat Garrett in Richtung Süden nach Mexiko absetzen zu können.

In Zeitungen, welche ihm seine Freunde besorgte, verfolgte Billy the Kid die Berichte über seinen Ausbruch aus dem Lincoln-Gefängnis. Zweifellos erkannte er, dass er in den Focus des öffentlichen Interesses gerückt war. Von New York bis San Francisco warteten unzählige Menschen darauf, um zu erfahren, ob der furchtlose junge Mörder auf freiem Fuß bleiben würde. Billy wusste sicherlich auch, dass der Gouverneur von New Mexiko ein Kopfgeld auf ihn gesetzt hatte.

Während kriminelle und mörderische Instinkte tief in seinem Inneren schlummerten, besaß Billy besonders unter den Hispanos ein gewisses verwegenes Charisma, deren Sprache er fließend sprach. Er beanspruchte nicht nur Autorität, sondern verachtete die Gefahr, verspottete den Tod und betörte die Töchter des Ortes. Er liebte es, Fandango zu tanzen, war entzückt von Polka, Walzer und schottischen Tänzen, die von Mariachis mit ihren Geigen und Vihuelas gespielt wurden. Billy wusste, dass die Hispanos ihn als eine Art Volkshelden sahen.

Ein zeitgenössischer Reporter schrieb über Billy the Kid, dass dieser etwa 5′ 8” (~ 1,73 Meter) groß war und etwa 140 Pfund (~ 63,5 Kilogramm) wog. Er habe klare blaue Augen, einen schelmischen Blick, helles Haar und einen hellen Teint gehabt. Alles in allem soll er ein gut aussehender Kerl gewesen sein. Die einzige Unvollkommenheit bildeten zwei Vorderzähne, die wie bei einem Eichhörnchen leicht hervorstanden. Billy the Kid war bei seinen Freunden aufgrund seiner angenehmen und einnehmenden Art und Weise beliebt.

Während sich Billy the Kid in jenem Sommer 1881 in Fort Sumner aufhielt, muss er wohl oft über die chronologische Abfolge der Ereignisse nachgedacht haben, die ihn an einen Punkt brachten, das Land zu verlassen und sich in Richtung Süden abzusetzen.

Sechs Monate zuvor stießen Pat Garrett und ein Aufgebot an einem kalten und verschneiten Tag bei einer kleinen Steinhütte am Stinking Springs etwa 5 Meilen östlich von Fort Sumner auf Billy und seine Bande. Cal Polk, einer von Garretts Posse, erinnerte sich an einen Dialog zwischen Billy und Pat:

Billy schrie: »Ich weiß, dass du da draußen bist, Pat.«

Pat: »Ja!«

Billy: »Warum kommst du nicht wie ein Mann und stellst dich einem fairen Kampf?«

Pat: »Ich habe nichts, worauf ich meinen Revolver richten kann, Billy.«

Billy: »Du alter langbeiniger Sohn einer Hure …«

Als Billy und seine Bande am Verhungern waren, ergaben sie sich.

Unter Bewachung von Garrett und seinen Männern ritten Billy und die anderen Gefangenen nach Las Vegas, New Mexiko, wo sie bereits von einem lärmenden Mob erwartet worden. Billy lächelte, winkte der Menge zu und genoss die Beachtung seiner Person. Wie ein Reporter des Las Vegas Optic berichtete, ging Billy the Kid recht fröhlich und optimistisch in das Gefängnis.

Am 27. Dezember 1880, noch unter Bewachung von Garrett und seinen Männern stehend, bestiegen Billy und die anderen Gefangenen einen Zug nach Santa Fe, wo sie drei Monate im Gefängnis einsaßen. Während Billy in seiner Zelle Briefe an den Gouverneur von New Mexiko schrieb, um eine Begnadigung zu erreichen, gruben die Inhaftierten einen Fluchttunnel. Nachdem Beamten diesen entdeckten, sperrten sie Billy in eine Einzelzelle, die so dunkel wie eine Höhle war, und banden ihn am Boden der Zelle fest. In dieser Lage kamen keine Fluchtgedanken auf.

Gegen Ende März 1881 stiegen Billy the Kid und ein weiteres Bandenmitglied in einen Zug in Richtung Mesilla, bewacht von drei Deputy U.S. Marshals. Darunter befand sich ein alter Feind, Bob Olinger. Billy musste die ganze Pein Olingers während der Fahrt über sich ergehen lassen.

Am 9. April 1881 stand Billy the Kid in einem einstöckigen Adobe-Gebäude an der Südostecke der Plaza von Mesilla vor der Anklagebank, nachdem die Jury ihn für die 3 Jahre zurückliegende Erschießung des Sheriff William Brady in Lincoln schuldig sprach. Am 13. April teilte ihm der Richter die Strafe mit: Er würde nach Lincoln gebracht, wo er gehängt werden sollte.

Am 16. April 1881 begann für Billy zusammen mit einer sieben Mann starken Bewachung auf einem Wagen die Fahrt nach Lincoln, darunter wieder der verhasste Bob Olinger. Für die Dauer der fünftägigen Reise ignorierte Billy the Kid, gefesselt an den Boden des Wagens, die Sticheleien von Olinger. Als sie in Lincoln eintrafen, kam Billy unter die Obhut von Pat Garrett, welcher ihn am Zellenboden festband und von Olinger und Deputy James W. Bell bewachen ließ.

12 Tage später bekam Billy am späten Nachmittag mit, dass Olinger das Gefängnis verließ, um sich im gegenüberliegenden Hotel einen zu genehmigen. The Kid wurde zu dieser Zeit nur von Deputy James W. Bell bewacht. Um seine Notdurft auf dem Abort im Hof verrichten zu können, löste James die schwere Eisenkette von den Hand- und Fußfesseln. Auf dem Rückweg in das Gebäude und in seine Zelle ergriff Billy the Kid die Pistole des Deputy Bell und erschießt diesen. Bell stolperte mehr oder weniger ins Freie, brach zusammen und starb in den Armen von Godfrey Gauss, ein Passant, der zufällig am Gebäude vorbeiging. Billy brach den Waffenständer auf und entnahm Olingers doppelläufige Schrotflinte. Er stellte sich an das Fenster und wartete auf Beute. Innerhalb weniger Augenblicke sah er, wie Bob Olinger das Hotel verließ, um herauszufinden, woher der Schuss kam, welchen auch er gehört hatte.

Godfrey Gauss schrie: »Bob, the Kid hat Bell getötet.« Billy schaute auf Olinger und rief spöttisch: »Hallo, Bob.« Erschrocken schaute Olinger auf und sah Billy am Fenster stehen. Er sagte: »Ja, und jetzt tötet er mich auch.« Und Billy tat es. Er feuerte beide Schrotladungen voll ins Gesicht und in die Brust seines Peinigers, die ihn sofort töteten.

Mit der Hilfe von Freunden befreite sich Billy von seinen Fesseln und »borgte« sich Pferde. In den folgenden zwei Wochen zog er planlos entlang des Pecos River umher, ritt über die High Plains von Texas, dann wieder in Richtung Südwesten zu seinen alten Lieblingsplätzen rund um Fort Sumner. Er schaute nach Süden in Richtung Mexiko und dachte an die Freiheit fernab von Sheriff Pat Garretts Bestreben, ihn endlich dingfest zu machen.

Im zweiten Teil spürt Pat Garrett Billy the Kid auf und es kommt zum Showdown.

Quellen:

  • Robert M. Utley: Billy the Kid: A Short and Violent Life. Bison Books, Winnipeg, Kanada, Reprint edition, August 1991
  • www.legendsofamerica.com

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