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Im Original Felix Schloemp

Der tolle Koffer – 2. Teil

Der tolle Koffer

Eine fortlaufende Musterkollektion der besten Witze, Schnurren und Anekdoten von Reisenden und Kaufleuten
Offeriert von Felix Schloemp
München und Leipzig bei Georg Müller, 1910

SIGNALE DER ABFAHRT

Ängstliche Frage

Zehn Uhr Vormittag. Der Zug nach Nürnberg geht um zehn Uhr eins.

Frau Schneider, die sich verspätet hat, stürzt an die Kasse.

»Herr Kassier, haben Sie noch ein Billett zweiter Klasse nach Ingolstadt?«

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Das Gespensterbuch – Neunte Geschichte

Das Gespensterbuch
Herausgegeben von Felix Schloemp
Mit einem Vorwort von Gustav Meyrink
München 1913

Edgar Allan Poe

Die Maske des Roten Todes

Lange schon wütete der Rote Tod im Land. Nie zuvor hatte eine Pest solche Verwüstungen angerichtet, nie zuvor hatte eine Krankheit einen derartigen Schrecken verbreitet. Blut war der Anfang, Blut das Ende – überall das Rot und der Schrecken des Blutes. Mit stechenden Schmerzen und Schwindelanfällen setzte es ein, dann quoll Blut aus allen Poren und die Auflösung begann. Die scharlachroten Tupfen am ganzen Körper der glücklichen Opfer – und besonders im Gesicht – waren das Bannsiegel des Roten Todes. Es schloss die Gezeichneten von der Hilfe und der Teilnahme ihrer Mitmenschen aus. Und alles, vom ersten Anfall bis zum tödlichen Weiterlesen

Der tolle Koffer – 1. Teil

Der tolle Koffer

Eine fortlaufende Musterkollektion der besten Witze, Schnurren und Anekdoten von Reisenden und Kaufleuten
Offeriert von Felix Schloemp
München und Leipzig bei Georg Müller, 1910

Leitgedicht

Der tolle Koffer

Bei Tafel saßen in bunter Reih’

Damen und Herren; auch saß dabei

ein junger Mann von blassem Gesicht,

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Das unheimliche Buch – Das Gespenst

Das unheimliche Buch
Herausgegeben von Felix Schloemp

Knut Hamsun
Das Gespenst

Mehrere Jahre meiner Kindheit verbrachte ich bei meinem Onkel auf dem Pfarrhof im Nordland. Es war eine harte Zeit für mich, viel Arbeit, viele Prü­gel und selten oder niemals eine Stunde zu Spiel und Ver­gnügen. Da mein Onkel mich so streng hielt, bestand allmäh­lich meine einzige Freude darin, mich zu verstecken und allein zu sein. Hatte ich ausnahmsweise einmal eine freie Stunde, so begab ich mich in den Wald, oder ich ging auf den Kirch­hof und wanderte zwischen Kreuzen und Grabsteinen herum, träumte, dachte und unterhielt mich laut mit mir selbst.

Der Pfarrhof lag ungewöhnlich schön, dicht bei der Glimma, einem breiten Strom mit vielen großen Steinen, dessen Brausen Tag und Nacht, Nacht und Tag ertönte. Die Glimma floss einen Teil des Tags südwärts, den übrigen Teil nord­wärts, je nachdem Flut Weiterlesen

Das unheimliche Buch – Vorwort

Das unheimliche Buch
Herausgegeben von Felix Schloemp

Vorwort

In einem ihrer zahllosen Wochenbetten gebar die Mutter Fantasie zwei Brüder.

Man konnte nichts Ungleicheres finden als diese bei­den. Um die Wiege des einen war beständige Heiterkeit, ein gleichmäßiger Frohsinn, Lust am Leben, die Sonnenstrahlen, die ihn trafen, lachten, die Wärterinnen lachten und sogar die Milchflasche wurde ganz breit vor Grinsen. Über dem Bettchen des anderen aber lagen Schatten, die Luft um ihn schien von seltsamen Gestalten belebt, und allerlei unerklärliche Vor­kommnisse deuteten auf geheimnisvolle Wirkungen düsterer Sterne. Als die Brüder groß und stark geworden waren und ins Leben traten, blieben ihnen ihre Mächte treu. Der lichte Bruder behielt die Gabe, alles, selbst das Schmerzliche, in große Zusammenhänge verklärend einzuordnen, der düstere Bruder aber machte alles um sich stumm vor Spannung und Erwartung eines Ungewöhnlichen. Er ließ Zusammenhänge eben ahnend erkennen, aber sie waren dunkle Brücken Weiterlesen