Ausschreibung

Einsendeschluss 31.05.2021

Dark Empire

Lese-Tipp

Der Fackelzug

Archive
Folgt uns auch auf

Der Kaiser Norton I.

Offiziell regierten in der Geschichte der Vereinigten Staaten 44 verschiedene Präsidenten.

Doch einmal gab es in der amerikanischen Geschichte einen Kaiser. Haben Sie sich in diesem Moment verlesen? Mitnichten, es gab wirklich einen Kaiser im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Obwohl sein Name nur in wenigen Geschichtsbüchern Erwähnung findet, erklärte sich Mitte der 1800er Jahre ein gewisser Joshua Abraham Norton zu Norton I., Kaiser der Vereinigten Staaten und Beschützer von Mexiko. Für fast ein Vierteljahrhundert regierte er sein gewaltiges Reich mit vorbildlichem Wohlwollen und gesundem Menschenverstand.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Präsidenten war Joshua Norton kein Bürger der Vereinigten Staaten. Im Jahr 1819 in England geboren, wanderte er mit seinen Eltern nach Südafrika aus, wo er seine Jugend verbrachte. 1849 zog es Joshua als junger Mann von 30 Jahren nach San Francisco.

Norton war anders als die Mehrheit der Forty Niners. Er kam nicht mit den typischen leeren Taschen, um Kaliforniens frisch entdecktes Gold abzubauen. Stattdessen wird berichtet, dass er die Straßen von San Francisco mit 40 000 Dollar Barschaft betreten haben soll.

Dieses Betriebskapital setzte Joshua Norton im Immobilien- und Importmaklergeschäft ein und gelangte in kürzester Zeit zu einem beträchtlichen Betrag, welchen er wieder gewinnbringend einsetzte. Mithilfe durchdachter Geschäftsabschlüsse sammelte sich auf Nortons Konto bis 1853 über eine viertel Million Dollar an.

Wie gewonnen, so zerronnen, lautet ein bekanntes Sprichwort. Leider kam Joshua Nortons finanzieller Ruin so rasch wie sein Erfolg. Da viele Asiaten in San Francisco arbeiteten und damit die Nachfrage nach Reis sehr hoch war, kaufte Joshua Abraham Norton große Mengen an Reis, um den lokalen Markt zu monopolisieren. Wie erwartet stieg der Preis des Reises plötzlich. Doch bevor er die überhöhten Preise ausnutzen konnte, liefen zwei Schiffe, mit Reis beladen, in den Hafen ein. Sein gewaltiger Besitz wurde praktisch wertlos und er ging bankrott. Während des folgenden Rechtsstreits verlor Norton alles, was er hatte. Er verschwand für eine Zeit und ließ viele im Ungewissen. Als er schließlich im Jahre 1857 wieder auftauchte, war es offensichtlich, dass er zusätzlich zum finanziellen Verlust auch sein geistiges Gleichgewicht und seine Identität verloren hatte.

Joshua A. Norton kehrte nicht als bankrotter Kaufmann nach San Fransisco zurück, sondern ergriff die Initiative. Er kündigte seine Herrschaft als Kaiser durch die Ausgabe einer Proklamation an. Mit Einwilligung des Herausgebers des San Francisco Bulletin wurde am 17. September 1859 Nortons Erlass bekannt gegeben:

»Auf die ausdrückliche Bitte und den Wunsch einer großen Mehrheit der Bürger der Vereinigten Staaten hin erkläre und proklamiere ich, Joshua A. Norton … mich selbst zum Kaiser dieser Vereinigten Staaten.«

Des Weiteren ordnete Norton an: »… Kraft dieser mir dadurch zuteilgewordenen Autorität ordne ich an und befehle, dass sich die Repräsentanten der einzelnen Bundesstaaten der Union am ersten Tag des kommenden Februar in der hiesigen Music Hall zu versammeln haben, um dort selbst entsprechende Änderungen im bestehenden Recht der Union vorzunehmen, die Verderbtheiten, unter denen das Land zu leiden hat, abstellen und dadurch Vertrauen in das Dasein schaffen sollen …« Eine solche Zusammenkunft hat es nie gegeben.

Wie ernst es Joshua Norton meinte, zeigt die Tatsache auf, dass er Missstände mit schonungsloser Offenheit beim Namen nannte und man diese beseitigen musste. »… Betrug und Korruption, die [die] ehrliche und angemessene Äußerung des Volkswillens verhindern … offene Verstöße gegen die Gesetze …, die von Banden, Parteien, politischen Vereinigungen und Sekten angestachelt werden …«

Am 12. Oktober 1859 erklärte Norton den US-Kongress für überflüssig und verfügte dessen Auflösung.

Norton nahm seine gehobene Position als Kaiser an und stolzierte in einer sackartigen, blassblauen Armeeuniform mit vergoldeten Epauletten und glänzenden Messingknöpfen durch die Straßen San Franciscos, als ob er die Stadt wirklich beherrschte. Obwohl Joshua verschiedene Kopfbedeckungen mochte, liebte er es, sich in der Öffentlichkeit mit einem mit Feder und Kokarde geschmückten Zylinder oder mit einer Kavalleriemütze zu zeigen. Alles verlieh ihm Würde.

Mit einem Säbel an der Seite und einem Schirm oder Spazierstock als Zepter inspizierte er die Polizisten, um zu sehen, dass diese ihren Pflichten nachkamen, überzeugte sich persönlich vom Fortschritt der Straßenreparaturen und der Baumaßnahmen öffentlicher Gebäude sowie von der strikten Durchsetzung der Verordnungen der Stadt.

Zu jener Zeit wurde Norton oft von hänselnden Zwischenrufern belästigt, doch im Großen und Ganzen billigten die Bürger von San Francisco den exzentrischen Ex-Händler und gewährten ihm tatsächlich die königliche Behandlung, die er befahl. Aufgrund seiner persönlichen Anteilnahme an den Sorgen und Nöten der Bürger San Franciscos entwickelte sich Joshua zu einer respektierten Berühmtheit. Die öffentliche Wertschätzung der Persönlichkeit Norton dokumentierte sich zum Beispiel darin, dass zu Senatssitzungen des Staates Kalifornien, an denen er regelmäßig teilnahm, eigens für ihn ein Sitzplatz freigehalten wurde. Die feinsten Restaurants der Stadt wetteiferten um die Gunst des Kaisers Norton I. und bedienten ihn unentgeltlich. Bei kulturellen Veranstaltungen gehörte es zum guten Ton, dem Monarchen einen Logenplatz zu reservieren. An den Eingängen der noblen Gourmettempel und Theater befanden sich Messingtafeln, auf denen sich die Besitzer als Dienstleister Seiner Kaiserlichen Majestät, Kaiser Norton I. der Vereinigten Staaten auswiesen.

Wollte Norton zuhause speisen, sahen viele Restaurantbesitzer es als eine Ehre an, seine Bestellungen frei Haus zu liefern. Selbst die Stadtherren San Franciscos steuerten jährlich einen Geldbetrag für die vom Kaiser zu verleihenden Rangabzeichen und Orden bei. Außerdem wurde ihm gestattet, Wertpapiere auszugeben, um finanziell ein wenig abgesichert zu sein.

Als kluger Herrscher achtete Norton darauf, keine ungebührlichen Belastungen für seine Untertanen zu erheben. Seine Bedürfnisse waren bescheiden, sodass seine regelmäßig auftretenden Forderungen an seine Untergebenen für finanzielle Hilfe auf ein Minimum beschränkt wurden.

Die Bürger der jungen Stadt sahen zu, dass Kaiser Norton gut gesorgt wurde, aber sie gingen noch einen Schritt weiter, indem sie seinen Wahnvorstellungen immer mehr nachgaben. Sie schienen sogar stolz darauf zu sein, dass ihre Stadt die Ehre hatte, Kaiserliche Hauptstadt zu sein. Egal, ob es ein Gruß oder eine Verbeugung war, wenn sie ihn auf der Straße begegneten – sie zollten ihrem Kaiser im Allgemeinen den Respekt, den er erwartete. Die Stadtväter führten ihn sogar im Stadtverzeichnis auf als Norton, Joshua (Emperor), dwl. Metropolitan Hotel. Sie erlaubten ihm, die Kadetten an der Universität von Kalifornien zu überprüfen. Sie gaben ihm einen Ehrenplatz bei Theatervorstellungen, Konzerten, öffentlichen Vorträgen und anderen öffentlichen Veranstaltungen. Das Police Department – Nortons Imperiale Polizei –richtete für ihn einen speziellen Vorsitz auf einem Polizeirevier ein und bewegte ihn sogar, an der Spitze ihrer jährlichen Parade zu marschieren.

Norton war sehr viel mit seinen zwei Hunden Lazarus und Bummer in den Straßen von San Francisco unterwegs. Wie der Kaiser selbst fanden beide Tiere schnell ihren Platz in den Herzen der Bürger der Stadt. Sie besaßen das Privileg, auf Grundlage einer Verordnung sich frei in der Stadt bewegen zu können, ohne gleich von einem Hundefänger eingefangen zu werden. Doch meistens zogen es die Hunde vor, ihrem Herrn zu folgen. Sie fanden schnell heraus, dass ihnen bei den täglichen Mittagessen so manch leckerer Happen serviert wurde. Als im Jahr 1863 der Hund Lazarus bei einem Unfall ums Leben kam, hingen alle Flaggen auf öffentlichen Gebäuden auf Halbmast und Staatstrauer wurde angeordnet. Und als 2 Jahre später Bummer begraben wurde, schrieb Mark Twain die Inschrift für den Grabstein.

Norton genoss sichtlich die Befugnisse und Privilegien, die einem Kaiser zustanden. Doch er tat weitaus mehr als nur einfach die Achtung seiner Untertanen ihm gegenüber zu akzeptieren. Norton I. war ein aktiver Monarch. Auch wenn er viel Zeit in die Kontrolle seines Herrschaftsgebietes investierte, vergaß er dabei nicht die Schreibarbeit. Während seiner Herrschaft stellte Norton eine große Vielfalt an Dokumenten aus, welche die Zeitungsverleger als treue und loyale Untertanen herausbrachten.

Auf lokaler Ebene gab Joshua Norton einmal eine Proklamation aus, um sicherzustellen, dass der Name seiner geliebten Hauptstadt San Francisco nicht verunglimpft wird. »Jeder, der nach ausdrücklicher Warnung bei der Benutzung des fürchterlichen Begriffs Frisco, welcher keine sprachliche oder sonstige Berechtigung hat, ertappt wird, wird groben Fehlverhaltens für schuldig erachtet werden und hat dem Kaiserlichen Schatzamt zur Strafe eine Summe von fünfundzwanzig Dollar zu entrichten.« Es fehlte jedoch an der notwendigen Exekutive, um diesen Erlass umsetzen zu können. Bis in die heutige Zeit hinein stehen viele einheimische Bürger San Franciscos zu dieser Proklamation. Dies drückt die enge Verbundenheit zu ihrer Stadt aus, obwohl der Erlass selbst der Stadtkasse keinen Cent eingebracht hatte.

Außenpolitisch hatte Norton I. den Blick zur Realität verloren, doch seine selbstlosen Ziele und Bestrebungen für sein Land sowie sein Blick für das, was sein Land brauchte, waren bemerkenswert. Bereits im Juli 1860 erkannte er die Schwierigkeiten zwischen dem Norden und Süden und erklärte, dass die amerikanische Gemeinschaft für die Dauer des Ernstfalles zerfallen würde. Er wollte zwischen den Bürgerkriegsparteien als Schlichter auftreten, doch niemand schien sich für sein großzügiges Angebot zu interessieren.

1869 zeigte Norton unheimlichen Weitblick, in dem er eine Brücke über die San Francisco Bay in Auftrag gab. Die Leute schmunzelten über so einen lächerlichen Vorschlag, etwa 64 Jahre später wurde die Oakland San Francisco Bay Bridge Realität. Die Bürger Oaklands waren strikt dagegen, die Brücke nach ihrem geistigen Vater zu benennen. Eine Plakette an der Brücke erinnert noch heute daran: »Verweile, Reisender, und sei Norton I. dankbar … dessen prophetische Weisheit eine Brücke über die San Francisco Bay möglich machte …«

Die Liebe und Sorge um San Francisco hinderten Kaiser Norton nicht daran, seine Aufmerksamkeit auf nationaler Ebene zu erhöhen. Er war der ganzen politischen Schlammschlachten im Land müde geworden und beschloss, diesem ein Ende zu setzen. In einer seiner berühmtesten Proklamationen, veröffentlicht am 4. August 1869 im San Francisco Herald, verbot er beide großen Parteien des Landes – die Demokraten und Republikaner. Gerade in der Zwietracht zwischen diesen Parteien sah er die Ursache für die Misere des Landes.

Norton erreichte mit seinen Erlassen viel, doch sah er sich nicht immer direkt mit den Problemen, die seine Aufmerksamkeit erforderten, konfrontiert. Eine Begebenheit sei an dieser Stelle genannt. Während der Zeit antichinesischer Demonstrationen gab Joshua Norton seinen Untertanen eine Lektion in praktischer Anwendung von Staatsbürgerkunde und Gebet. Er stellte sich vor die versammelten Massen, verneigte sich vor ihnen und begann das Gebet des Herrn vorzutragen. Innerhalb weniger Minuten zogen sich die Aufrührer vor Scham zurück, ohne ihre grausamen Drohungen in die Tat umzusetzen.

Im Widerspruch zu seinen durchaus positiven politischen Meinungen stand seine Positionierung zu den Rechten der Frau. Als bekennender männlicher Chauvinist des 19. Jahrhunderts bekundete er in einem Vortrag zum Thema Frauenrechte seine Stellung dazu, indem er offenbarte, dass Frauen nur für die Führung des Haushaltes und die Erziehung der Kinder zuständig seien. Aus allen anderen Belangen sollten sie sich heraushalten.

Obwohl sich Norton offensichtlich viel um die Einwohner von San Francisco und nationale Pflichten kümmerte, ließ er verlauten, dass Mexiko ihn angefleht hatte, über das Land zu herrschen. Als Ergebnis dessen fügte er seinem schon umständlichen Titel Beschützer von Mexiko hinzu. Aber sein Protektorat hielt nicht lange, sodass Norton seinen neuen Titel mit der Erklärung fallen ließ, dass es »… unmöglich sei, solch eine unsichere Nation zu schützen.«

Auch als Norton am 8. Januar 1880 während seiner täglichen Runden plötzlich an einem Schlaganfall starb, blieb er Kaiser. Die Einwohner von San Francisco, die ihn im Leben geehrt hatten, fuhren fort, auch nach seinem Tod loyale Untertanen zu sein. Die ganze Stadt trauerte um seinen Verlust. »San Francisco ohne Kaiser Norton«, kündigte eine Zeitung an, »wird wie ein Thron ohne einen König sein.« Und die Stadt wusste dies. Sie hatte auch durch Norton an Bedeutung gewonnen, ob er Exzentriker war oder nicht. Die Flaggen hingen auf Halbmast. Geschäfte schlossen aus Respekt vor ihm. Die Trauerfeierlichkeiten für den Kaiser waren die ausführlichsten, welche die Stadt je gesehen hatte. Imposante 30 000 Menschen begleiteten den Leichnam auf den Masonic Cemetery. Die Kosten übernahmen reiche Bürger der Stadt und trugen dazu bei, dass Joshua Abraham ein Begräbnis wie ein echter Kaiser erhielt.

Seine letzte Ruhestätte fand Norton I. im Jahre 1934 auf dem Woodlawn-Friedhof in Colma, Kalifornien. Auf seinem Grabstein steht geschrieben: Norton I Emperor of the United States and Protector of Mexico – Joshua A. Norton 1819 – 1880.

Mark Twain setzte dem exzentrischen Norton mit der Gestalt des Königs in Huckleberry Finn ein literarisches Denkmal. Zeichner Morris und Texter Rene Goscinny widmeten ihm die Folge Nr. 45 L’Empereur Smith der Comicserie Lucky Luke. Und in der Folge 225 The Emperor Norton der Westernserie Bonanza spielt Sam Jaffe den Kaiser von Amerika.

Quellen:

  • David Weeks & Jamie James: Exzentriker – über das Vergnügen, anders zu sein. Rowohlt Verlag, 1997
  • Catherine Caulfield: The Emperor of the United States and other Magnificent British Excentrics. London, 1983
  • Allan Stanley Lane: Emperor Norton. San Francisco, 1939
  • WDR
  • www.sfgate.com
  • www.findagrave.com

Copyright © 2012 by Wolfgang Brandt