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Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 5

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 5

Nick Carter und Mr. Stone

»Jeremy«, begann der Detektiv, als er dem Museumsbesitzer schließlich in dessen Privatbüro gegenübersaß, »um welche Uhrzeit glaubst du, wird die Car hier eintreffen?«

»Oh, etwa um zwei oder drei Uhr nachmittags. Ich denke, das Ding um vier Uhr zu öffnen.«

»Nein, Stone, ich wünsche nicht, dass Sie dies tun!«

»Eh? Warum denn nicht? Warum denn nicht?«

»Das werdet Ihr sofort erfahren. Verstehe ich Sie richtig, so haben Sie mich hierher berufen, um die Sache in die Hand zu nehmen!«

»Gewiss. Doch warum fragt Ihr, Nick?«

»Dann begebt Euch zu dem Polizeichef und verständigt ihn, dass Ihr Euch die Sache anders überlegt habt und die private Eröffnung der Car morgen Vormittag um zehn Uhr stattfinden soll.«

»Aber das kostet mich einen ganzen Geschäftstag mehr!«, wandte der berechnende Geschäftsmann ein.

»Schadet nichts, der Zulauf wird dann umso stärker sein.«

»Mag sein. Aber was in aller Welt beabsichtigen Sie mit dieser Verzögerung?«

»Weil ich die Car prüfen möchte, noch ehe der Polizeichef die Hand daran legt. Ich möchte alles über den Inhalt des Wagens wissen und außerdem alles, was sich sonst noch ermitteln lässt. Das möchte ich in Erfahrung bringen, bevor ein anderer dazu imstande ist, der Polizeichef nicht ausgeschlossen.«

»Aber, Mann, Sie können doch nicht in die Car gelangen, ohne das Siegel zu brechen.«

»Mag sein, aber ich werde es dennoch fertigbringen. Jedenfalls habe ich mir in den Kopf gesetzt, den Versuch zu machen.«

»Wann denn? Etwa heute Nacht?«

»Ja, heute um Mitternacht, wenn wir sicher sein können, ungestört zu bleiben.«

»Nur Sie und ich, verstehe ich Sie recht?«

»Ganz so, wie Sie es sagen, nur Sie und ich sollen zugegen sein.«

»Brrr!«, machte Stone und schüttelte sich. »Offen gestanden, Nick, daraus mache ich mir nicht viel!«

»Dann bleibt zu Hause und ich werde mich allein an das Geschäft machen«, bemerkte der Detektiv seelenruhig.

»Für was haltet Ihr mich?«, ereiferte sich Jeremy Stone. »Nicht für tausend Dollar würde ich das zugeben!«

»Nun, Jeremy, es scheint mir, als wärt Ihr mindestens genauso ein großer zweibeiniger Esel wie der Kerl in der Straßencar«, bemerkte Nick Carter mit einem Grinsen.

»Alle Wetter, habt Ihr das gehört? Sagt, Nick, was haltet Ihr von dem Burschen eigentlich?«

»Was ich von ihm halte, ist ganz nebensächlich. Ich wünsche nur, dass Ihr ihn für seine fünf Dollar einlasst und ebenso die beiden Männer, die er mitbringt.«

»Aber ich sagte ihm, er sollte heute Nachmittag um vier Uhr hier sein.«

»Schadet nichts«, meinte der Detektiv in seiner gelassenen Weise. »Befestigt einen Zettel an der Außentür, auf dem Ihr ankündigt, dass die private Eröffnung morgen früh um zehn Uhr stattfinden wird und allen, die fünf Dollar einsetzen wollen, Gelegenheit geboten wird, dabei zu sein. Fügt hinzu, dass die bei dieser Gelegenheit vereinnahmten Gelder einem wohltätigen Zweck überwiesen werden, die Eintrittsgelder durch einen Polizisten eingesammelt werden und die Öffnung vom Polizeichef persönlich vorgenommen wird.«

Überrascht schlug Jeremy Stone die Hände zusammen und warf dem Detektiv einen bewundernden Blick zu.

»Zum Donnerwetter, Nick, Sie sollten Ihren Beruf an den Nagel hängen und Schausteller werden. Da könnten Sie Geld wie Heu machen. Das ist eine vortreffliche Idee!«

Der Detektiv betrachtete ihn nur lächelnd.

»Nun, Stone, Ihren freundlichen Vorschlag kann ich mir ja überlegen, wenn ich vorläufig mit meinem Beruf auch noch ganz zufrieden bin«, bemerkte er launig. »Jetzt aber sagt mir, ob Ihr tun wollt, was ich angeregt habe.«

»Aber ganz gewiss, ich werde es buchstäblich erfüllen!«

»All right. Dann macht Euch sofort daran. Im Übrigen werdet Ihr alle Hände voll zu tun haben, um die Car hierherzubekommen und sie ordentlich aufzustellen.«

»Da haben Sie recht, Nick. Wo meinen Sie denn, dass ich den Wagen aufstellen soll?«, erkundigte sich der Museumsbesitzer.

»An Ihrer Stelle würde ich das Becken mit dem Walross darin zur Seite schieben lassen und die Car direkt in der Mitte des Museums aufstellen.«

»Das war auch schon meine Ansicht, Nick, und Sie haben den richtigen Blick dafür. Die Aufstellung wird sich machen lassen, wir haben alle Hände voll zu tun!«

»Das schadet nichts, der Effekt wird umso größer sein!«

Um 22 Uhr abends befanden sich Nick und der Museumsbesitzer in den Innenräumen des Museums.

Sie befanden sich gänzlich allein. Selbst der Nachtwächter war von Stone fortgeschickt worden. Er hatte ihn mit einem Auftrag außerhalb der Stadt betraut, damit es nicht auffällig erschien.

Die geheimnisvolle Car stand mitten in dem großen Saal.

Lächelnd nahm der Detektiv wahr, wie der andere immer wieder unauffällig zu dem Auto blickte und argwöhnisch die Bodenfläche darunter musterte, als fürchtete er, dass plötzlich eine Schreckensgestalt auftauchen könnte.

»Ich will Euch etwas sagen, Jeremy«, meinte Nick Carter schließlich. »Geht besser nach Hause, denn sonst werdet Ihr mich mit Eurem nervösen Gebaren noch anstecken!«

»Dieses unheimliche Ding verursacht mir einen Schauer nach dem anderen!«, gestand Jeremy Stone, während er sich unbehaglich schüttelte.

»Nun«, meinte der Detektiv gelassen, »wenn mich nicht alles täuscht, werdet Ihr noch ungleich mehr Gelegenheit zum Erschauern finden, ehe die Nacht vorüber ist.«

Unwillkürlich rückte Stone näher zu ihm heran.

»Was soll das heißen?«, erkundigte er sich beklommen. »Was wollen Sie damit sagen, Nick?«

»Nun, ich weiß es selbst nicht genau, doch jedenfalls würde es mich befremden, wenn wir vor Tagesanbruch keinen Besuch von Einbrechern bekämen.«

»Einbrecher? Herr des Himmels, Nick, macht mich nicht gänzlich verwirrt. Was zum Donner haben Einbrecher hier zu schaffen?«

»Sie werden sich die Car näher ansehen wollen«, meinte der Detektiv gelassen.

Der Museumsbesitzer stand mit offenem Mund da und starrte den Detektiv an.

»Oh, Sie meinen …«

»Nun, die Sache ist ganz einfach: Wenn jene Männer und Frauen wirklich ein solch tiefes Interesse an dieser Car und ihrem Schicksal haben, dann wird sicherlich jemand versuchen, vor uns Einblick in das Innere zu gewinnen und sich über die Beschaffenheit des Inhalts zu informieren. Ich glaube, die Verschiebung der Öffnung war Wasser auf ihre Mühlen, Jeremy.«

»Hm!«, brummte Stone einsilbig, ohne noch etwas hinzuzufügen.

Die Fenster des Museums waren so fest verhangen, dass durch die Scheiben kein Lichtstrahl auf die Straße dringen und somit die Anwesenheit des Besitzers verraten konnte.

Schon kam die Mitternacht heran, doch der Detektiv blieb ruhig in seinem Privatbüro sitzen, rauchte gelassen eine Zigarre nach der anderen und traf keinerlei Anstalten, die Car zu öffnen.

»Sagt einmal, Nick«, erkundigte sich Jeremy Stone unter einem verhaltenen Gähnen, als die Wanduhr die erste Morgenstunde verkündete, »wollt Ihr die Nacht durch hier im Stuhl sitzen bleiben und rauchen?«

»Allerdings, ich beabsichtige, auf diesem Stuhl zu sitzen und Zigarren zu rauchen, wenigstens bis um drei Uhr früh«, erklärte Nick in aller Gemütsruhe.

»Warum in aller Welt wollt Ihr mich denn zum Nachtwandler machen, Nick?«, brauste Stone auf.

»Sehr einfach: Ich möchte zunächst abwarten, ob wirklich jemand heute Nacht ins Museum einbrechen wird. Erfolgt ein derartiger Einbruch nicht bis spätestens drei Uhr morgens, so kommt es schwerlich zu einem solchen, und dann haben wir immer noch genug Zeit, um uns an die Untersuchung des Wagens zu machen.«

»Nun, Sie haben den Wagen schon mindestens zwei Stunden lang betrachtet, sind unter ihn gekrochen und über ihn geklettert. Was zum Donner wollt Ihr jetzt noch beginnen?«, grollte der Museumsbesitzer.

»Alles«, bemerkte Nick Carter lakonisch. »Meine Arbeit war nicht umsonst, denn ich weiß nun, wie wir in das Innere der Car gelangen können, ohne die Siegelplomben zu verletzen. Zwei Stunden Aufenthalt im Inneren des Wagens dürften für unsere Untersuchung hinreichend sein.«

»Sagt, Nick, wollt Ihr wirklich behaupten, einen Zugang zur Car entdeckt zu haben?«, fragte Stone erstaunt.

»Allerdings.«

»Aber Kind Gottes, wie und wo denn?«

»Das werdet Ihr bald sehen. Ich wiederhole: Wir können ins Innere der Car gelangen, ohne die Plomben zu verletzen oder die Seitentüren zurückschieben zu müssen. Ja, ich nehme sogar an, dass wir, sobald wir im Car sind, noch zwei oder drei weitere Ausgänge entdecken, von denen wir jetzt nichts ahnen.«

»Nick, Sie sind ein Nussknackern. Gegen Sie ist ein Beichtvater ja ein Waschweib.

»Nein, Stone«, entgegnete der Detektiv lachend. »Ich bin nicht klüger, als es irgendein Detektiv sein muss. Bevor unsereiner zu arbeiten beginnt, muss er natürlich etwas seinen Gehirnkasten anstrengen und nachdenken, das ist das ganze Geheimnis meiner Erfolge.«

»Ich würde gerne wissen, wie Sie darüber nachgedacht haben, in die Car zu gelangen. Warum seid Ihr nicht früher hierher nach Kansas City gekommen? Hättet ihr wirklich heimlich in den Wagen eindringen können, so hätte ich vielleicht gar nicht meine zehntausend Dollar riskieren müssen.«

»Nun seid Ihr der Nussknackern, Stone, der gerne wissen möchte, ob sich unter der Schale ein süßer Kern verbirgt«, scherzte Nick.

»Ei was! Wir hätten das Geschäft ganz gut nachts im Güterbahnhof erledigen können«, ereiferte sich der Museumsbesitzer. »Dann hätte ich die Katze nicht im Sack kaufen müssen und wäre …«

»… höchstwahrscheinlich verhaftet und eingelocht worden«, unterbrach Nick Carter ihn lachend. »Mein Gott, Jeremy, was für Flausen Ihr habt!«

»Well«, stimmte Stone mit gezwungenem Auflachen bei. »Jedenfalls bin ich begierig, auf welche Weise Ihr hineingelangen wollt.«

»Das werdet Ihr bald genug sehen, Jeremy. Hätte ich die Car nicht zwei volle Stunden von oben und unten und von allen Seiten betrachtet, betastet und beklopft, wäre ich so klug wie Ihr. Seht, Jeremy«, fuhr er behaglich fort, »wir müssen von der Voraussetzung ausgehen, dass die Car nicht zum Scherz erbaut worden ist.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen.«

»Nun also«, fuhr Nick Carter im selben Ton fort. »Ferner müssen wir uns sagen, dass der Mann, der den Wagen baute, dabei seine ganz bestimmten Absichten hatte. Wenn die Car von Philadelphia nach Kansas City geschickt wurde, dann geschah es nur aus dem Grund, dass der Mann etwas in ihr zu befördern wünschte, was nicht gut öffentlich geschehen konnte. Hätte ich Zeit, so würde ich unser Rätsel von der anderen Seite angehen.«

»Was soll das wieder heißen?«

»Ich würde zunächst herausfinden, wo und wie die Car angefertigt wurde und wie sie schließlich auf die Schienen der P. & R.-Gesellschaft gelangte. Das dürfte meines Erachtens nicht sonderlich schwer sein.«

»Gut – und dann …«

»Dann würde ich der Fährte einfach folgen und schauen, wohin sie mich führt. Da ich jedoch keine Zeit für ein solch umständliches Verfahren habe, musste ich mir eine andere Operationsbasis schaffen. Zunächst bemerkte ich, dass sich unmittelbar unter dem Dach ein schmaler, offener Zwischenraum an der Car befindet. Dieser Spalt ist so schmal und dabei so künstlich verborgen, dass man ihn kaum entdecken kann. Immerhin ist er vorhanden und wurde zweifellos nur angebracht, um frische Luft in das Innere der Car zu lassen.«

»Wahrhaftig, ist das Euer Ernst?«, platzte Stone verblüfft heraus.

»Ich glaube, meiner Sache ziemlich sicher zu sein. Und wenn meine Schlussfolgerung richtig ist, dann ist es wohl auch die weitere, dass sich in der Car jemand befindet oder befand, der frische Luft braucht.«

»Aha, nun geht mir ein Licht auf.«

»Nun, der nächste Schritt meiner Schlussfolgerungen betrifft die Frage: Wer oder was kann sich in der Car versteckt halten, das zum Atmen Luft braucht? Natürlich ist dies nur eine Vermutung von mir, denn Gewissheit können wir erst haben, sobald wir den Inhalt der Car gesehen und befühlt haben. Doch lassen wir vorerst die Annahme zu, dass sich in der Car zumindest ein Passagier befindet, sei es Mann oder Frau, vielleicht auch beide …«

»Das wird ja immer schöner«, brummte Jeremy. »Nick, nun seid Ihr es, der unter die Romanschreiber geht.«

»Er oder sie – vielleicht auch beide – bedürfen also zum Atmen Luft«, fuhr der Detektiv fort, ohne die Unterbrechung zu beachten. »Gleicherweise bedürfen die Personen dann eines Ein- und Ausgangs, ohne die vorgeklebten Siegelplomben beschädigen zu müssen.«

»Das leuchtet mir allerdings ein, denn es gibt im Menschenleben Augenblicke, die man gern in stiller Beschaulichkeit verbringt.«

»Und so weiter«, unterbrach ihn Nick Carter lachend. »Um es kurz zu machen: Von dieser Voraussetzung ausgehend, sah ich zu, ob ich einen derartigen Notausgang auffinden könnte.«

»Und habt Ihr wirklich einen solchen gefunden?«, erkundigte sich Jeremy und lachte: »Notausgang ist übrigens gut!«

»Selbstverständlich fand ich einen solchen. Doch das habe ich Euch ja bereits gesagt.«

Er unterbrach sich plötzlich und lauschte.

»Hört doch, was ist das?«, meinte er gedehnt. »Bei meinem Leben, Jeremy, ich glaube, die Einbrecher haben sich eingefunden!«

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