Dämonische Reisen in alle Welt – Kapitel X, Teil 2
Johann Konrad Friederich
Dämonische Reisen in alle Welt
Nach einem französischen Manuskript bearbeitet, 1847.
Kapitel X, Teil 2
Hätte man das peinliche Gesetzbuch seit dreißig Jahren befolgt, hätte man Dutzende von Ministern, Hunderte von Präfekten und Unterpräfekten und Tausende von Regierungsagenten wegen Bestechung anklagen und verurteilen müssen. Mehr als ein königlicher Prokurator und mehr als ein Richter hätten ihren eigenen Prozess instruieren und sich selbst verurteilen müssen. Und um ganze Gemeinden und Gewerbe zu bestechen, verspricht der Unterpräfekt, der an nichts, nicht einmal an den Teufel glaubt, dieser Dorfkirche einen schönen Heiligen, einen Schutzpatron, in Öl gemalt. Er lässt die erstaunten Wähler an dem Ufer eines Flüsschens oder Baches zusammenkommen und befragt sie, wo die Brücke am passendsten zu bauen wäre. Er lässt sie das Bild bereits sehen. Den Schankwirten, den Kaffeewirten, den Fleischern, den Bäckern, den Gastgebern – den Wählern – kündigt er einen Kasernenbau an. Alle diese Leute sehen schon wütende, hungrige und durstige Regimenter im Anmarsch, die Bier, Wein und Branntwein fässerweise leeren und Ochsen und Kälber dutzendweise auffressen. Ja, man lässt sie schon die Tambours und Trompeter hören! Und dabei gibt man ihnen zu verstehen, dass sie mit einem unbeliebten Deputierten nichts von all dem erlangen.«
»Und dabei erreichen wir nichts als Frankreichs Schande«, fiel endlich ein prozessloser Advokat dem Cormenin ins Wort. »Alle Russen und Engländer, Preußen und Österreicher, Piemonteser und der Papst, Jesuiten und Türken tanzen uns armen Franzosen, die noch vor Kurzem der Welt Herren waren, Gesetze vor und schreiben uns vor, wie wir zu leben haben. Wir bezahlen Gott und jedem, der es verlangt, Amerika und einem Pritchard Entschädigungen, statt dass wir über die Kassen und Beutel der Fremden gebieten, in Italien herrschen und die uns gebührenden Rheingrenzen längst wieder in Besitz genommen hätten. Das haben wir alles unserem teuren Guizot zu verdanken. Alle ministeriellen Wähler und Kandidaten sollte man ohne weiteres an Laternen aufknüpfen.«
»Würden wir dann heller sehen? Dies hatte schon vor mehr als fünfzig Jahren der Abbé Maury gefragt«, meinte ein Ministerieller.
»Allerdings würde es dann weniger finster bei uns sein«, erwiderte der Advokat. »Und hätten wir eine freisinnige Kammer, so würden wir die nötigen Reformen und mit ihnen die Achtung im Ausland und eine Verminderung der Abgaben wiedererlangen.«
»Haben Sie denn nicht gehört, was einer unserer Minister sagte? Gerade die Größe der Abgaben und Steuern beweise die außerordentliche Wohlfahrt des Landes«, sprach der ministerielle Wähler.
»Ei, wenn das so ist, dann ist es ja nichts leichter, als diese Wohlfahrt zu fördern. Man muss nur die Abgaben ins Unendliche vermehren, verzehnfachen, und wir sind dann das wohlhabendste Volk der Welt.«
Gelächter.
»Diese Art Wohlfahrt haben wir unseren bisherigen Kammern zu verdanken«, sagte der Bauer. »Diese bewilligen über Bausch und Bogen und in den Tag hinein, was die Regierung begehrt. Die Herrn Minister lachen ins Fäustchen, sind aller Verantwortung quitt, denn das Land, das heißt die Kammern, haben es ja so gewollt.«
»So klug sind die Herren schon«, sagte Cormenin, »dass sie nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Sie fürchten das Beispiel der Julirevolution, aber sie untergraben gleich Maulwürfen listig unseren ganzen Verfassungsbaum, nagen ihn an der Wurzel ab, entziehen ihm allen Saft und alle Kraft, und bald wird er wie ein abgestorbener, entlaubter Birnbaum dastehen, der weder Blüten noch Blätter noch Früchte mehr bringt.«
»Aber meine Herren«, erhob sich nun ein ministeriell gesinnter Wähler, »wir dürfen nicht ungerecht sein. Halten Sie einen jetzt schon länger als dreißig Jahre dauernden Frieden für nichts? Ist dies keine Wohltat? Haben sich in dieser kurzen Periode nicht die erstaunlichsten Wunder der Industrie, des Gewerbes und des menschlichen Erfindungsgeistes entwickelt?«
»Und uns alle zu Schacherjuden, zu den gefühllosesten Egoisten gemacht«, fiel ihm Cormenin ins Wort, »zu Zusammenscharrern, die es ganz vergessen zu haben scheinen, dass sie elendes, sterbliches Gewürm sind, das jeden Tag, jede Stunde, jede Minute der Teufel holen kann – und holt, wie wir jeden Augenblick sehen.«
Asmodi und Michel lachten und Cormenin fuhr fort: »Hunderttausende, ja Millionen müssen sich unaufhörlich schinden, placken und plagen, schweißtriefend arbeiten, um ein Stückchen saures Brot zu erwerben, damit einige Tausend Beutelschneider und Juden, beschnitten oder nicht, ein unnützes, träges Leben dahin schwelgen können. Dies sind die Wohltaten des gerühmten Friedens. Ich will weder gewaltsame Revolutionen noch Empörungen. In der Regel wird durch sie nur alles verschlimmert. Aber die nötigen, dringend nötigen Reformen sollte man freiwillig gewähren, bevor es zu spät ist und alles über den Haufen, drunter und drüber geworfen wird. Denn dahin kommt es unausbleiblich, wenn wir auf dem betretenen Weg noch eine Strecke voranschreiten.«
»Aber was ist es, was Sie eigentlich wollten?«, fragte ein Ministerialer.
»Alberne Frage, ich dachte, das läge so klar auf der Hand, dass es nur ein Stockblinder nicht fassen und nur ein Geistesbankrotteur nicht begreifen kann. Eine Verminderung und gerechte Verteilung der Abgaben, das heißt, dass jeder nach dem Verhältnis seines Vermögens und Eigentums zu den Lasten des Staates beisteuert und nicht, wie dies bis jetzt der Fall ist, der Arme hundert-, ja tausendmal mehr zahlt als der, der ein halbes Hundert Millionen besitzt und jährlich so viele Millionen dazu scharrt oder beutelschneidert.«
»Wahr, sehr wahr«, riefen mehrere Stimmen.
»Sodann eine Reform der Wahlen, welche der Intelligenz, dem Talent, den Kenntnissen, der Tugend, mit einem Wort dem Verdienst, den Weg zu einer wahrhaftigen Volksvertretung bahnt und offen lässt, und nicht nur dem steuernden Mammon.«
»Wahr, sehr wahr«, ertönte es wieder.
»Daher, und nur daher, schreiben sich alle Übelstände, die jetzt auf uns lasten. Daher kommt es, dass wir nicht die beißend einleuchtenden, dringend nötigsten Reformen erhalten können! Unsere Abgeordneten bewachen ihre Posten nur noch wie fette Kühe, die sie mit Milch und Butter reichlich versorgen sollen. Seht doch, wie sich die Herren Kandidaten der schlimmsten Sorte mit einer grenzenlosen Unverschämtheit um die Deputiertenstellen bewerben und wie sie sich aus allem Waffen und Wurfgeschütz zu schaffen wissen! Wie jene Marktschreier, die sich mit falschen Goldborten und Gebimmel behängen und in Städten und Dörfern unter dem Schall von Pauken und Trompeten von der Höhe ihrer Karren herab ihre alles heilenden Wundermixturen und Elixiere anpreisen und den Einfältigen unter dem Volk verkaufen. So sieht und hört man unsere Kandidaten der Volks-, das heißt Selbstvertretung, alle möglichen Wunder versprechen und alles, besonders Stellen und rote Bänder, meterweise aus den Füllhörnern der wahlfähigen Herren auf die Häupter und Leiber der Wähler regnen. Die Schande dieser Prozedur ist gleich groß für den Versprecher, den Geber und den Empfänger. Kein Wähler sollte seine Stimme einem wählbaren Kandidaten geben, der nicht feierlich verspricht, sich für eine Wahlreform, eine den Billigkeitsgrundsätzen entsprechende Abgabenverteilung sowie eine gründliche Reform unserer durchaus nichtsnutzigen Zivil- und Strafjustiz und -gesetzgebung einzusetzen, bei der man fortwährend die kleinen Diebe hängt und die großen laufen lässt. Vor ein paar Tagen erst hat man einen unerfahrenen jungen Menschen, der sich verführen ließ, ein paar hundert Franken von dem Geld, das er für seinen Prinzipal eingenommen hatte, in liederlicher Gesellschaft durchzubringen, zu mehreren Jahren Gefängnis unter den unwürdigsten Taugenichtsen verurteilt. Dagegen hat man einem reichen Bankier, der sich durch allerlei Kunstgriffe ein paar Millionen bei der Nordbahn in seinen Beutel zu schneidern wusste, Bündchen der Ehrenlegion zugeschickt! Wenn man nach dessen Verdiensten forscht, so bestehen sie darin, gewissen Beamten eine gehörige Zahl Aktien à la pari zugeschustert zu haben, als sie über 900 standen! Oh, ich könnte euch noch so manche ähnliche und schlimmere, aber nicht minder wahre Geschichte erzählen. Ferner müsste der Wahlkandidat versprechen, auf eine allgemeine Militärpflichtigkeit, wie sie in Preußen besteht, hinzuwirken. Von dieser kann nur gänzliche Dienstunfähigkeit befreien. Ebenso müsste er sich für bessere Pressegesetze, die Verbesserung der Gefängnisse und Strafanstalten, namentlich der Galeeren, in denen alle über einen Leisten geschlagen werden, einsetzen. Es bräuchte weniger Willkür der Direktoren und Aufseher der Gefangenen sowie eine Reform der Post- und Briefpost, die für den Staat wie für das Publikum von Vorteil wäre. Es ist unbegreiflich, wie man so verblendet sein kann, dies nicht schon längst gewährt zu haben. Allein in Paris würde man bei Herabsetzung der Stadtpost von fünfzehn auf fünf Centimes Millionen gewinnen. Denn die ungeheure Mehrzahl von Briefen und Billetten aller Art wird jetzt durch Dienstboten oder von den Schreibern lieber selbst besorgt, da ihnen das Porto von drei Sous zu hoch und schon eine bedeutende Ausgabe scheint, während einen Sous niemand achten würde und die Stadtpost zwanzigmal mehr Briefe zu befördern hätte.«
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